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G7-Gipfel in Cornwall: Wo die Klimakrise bereits sichtbar wird


G7-Gipfeltreffen am Strand  

Es geht um die größte Bedrohung des Jahrhunderts

Von Theresa Crysmann

12.06.2021, 14:12 Uhr
G7-Gipfel in Cornwall: Wo die Klimakrise bereits sichtbar wird. Gang zum Familienfoto: Boris Johnson ist als Premierminister Gastgeber des G7-Gipfels in Großbritannien. (Quelle: imago images/ZUMA Press/Adrian Wyld)

Gang zum Familienfoto: Boris Johnson ist als Premierminister Gastgeber des G7-Gipfels in Großbritannien. (Quelle: ZUMA Press/Adrian Wyld/imago images)

Die Strände aus Rosamunde Pilchers Liebesromanen sind im Ausnahmezustand. Politiker tagen im Luxushotel, Protest sammelt sich ringsum. Eines der wichtigsten Themen ist die Klimakrise.

Die Bucht ist einbruchsicher. Ein Kriegsschiff patrouilliert an der Küste, meterhohe Zäune halten Fremde fern, mehr als sechstausend Polizisten stehen auf Abruf. Wo sonst die Paare aus Rosamunde Pilchers Büchern durch die Brandung laufen, geht es jetzt um die Zukunft des Planeten. So steht es zumindest auf der Tagesordnung.

Großbritanniens Premierminister Boris Johnson hat Kanzlerin Angela Merkel, US-Präsident Joe Biden und die Kollegen aus Frankreich, Japan, Italien und Kanada nach Carbis Bay in Cornwall eingeladen. Auch EU-Präsidentin Ursula von der Leyen ist angereist. Denn am westlichsten Zipfel Südenglands findet der G7-Gipfel statt.

Was ist die G7? Die Gruppe der Sieben (G7) besteht aus den einst bedeutendsten Industrienationen der Welt. Neben Deutschland, Großbritannien und den USA gehören dazu auch Frankreich, Italien, Kanada und Japan. Die Staats- und Regierungschefs dieser Länder treffen sich einmal im Jahr, um persönlich über Themen zu sprechen, die international wichtig sind. Die EU ist als ständiger Gast dabei, dazu kommen wechselnde Gastländer.

Der Meeresblick von der Terrasse des Luxushotels der Runde passt zur heutigen Agenda. Am Freitag war die Verteilung der Corona-Impfstoffe ein zentrales Thema, jetzt geht es um die größte der globalen Krisen: die drohende Klimakatastrophe.

Selbst das Veranstaltungslogo scheint darauf anzuspielen – sieben blaue Wellenlinien, eine für jedes G7-Land. Ein Symbol für die aufwallende Kraft, die von diesen Gesprächen ausgehen soll. Oder doch für den steigenden Meeresspiegel, der auch in Cornwall deutlich messbar ist?

Politische und finanzielle Macht

Die G7 gehören zu den reichsten Ländern der Erde. Und zu denen, die im nationalen Vergleich mit die größte Menge an Treibhausgasen ausstoßen. Die Klimaziele, die sie sich stecken, sind ausschlaggebend; für die eigene Klimabilanz wie für die Staatengemeinschaft. Bei den jährlichen UN-Klimaverhandlungen richtet sich vieles nach den Plänen dieser Gruppe.

"Die G7 haben eine Menge politischer und finanzieller Macht, aber auch eine erhebliche historische Verantwortung für den Klimawandel", sagt Claire Fyson, Expertin für Klimapolitik bei der Forschungsorganisation Climate Analytics in Berlin. Sie seien für den Klimaschutz besonders relevant, denn "im Moment sind wir auf dem Weg zu einer ziemlich beängstigenden Erwärmung von weit über zwei Grad".

Aber viele bisherige Zusagen der Länder sind weiter unerfüllt. Von den neuen Klimaplänen der einzelnen G7-Regierungen enthält kaum einer die nötigen nationalen Maßnahmen, um die durchschnittliche Erderwärmung möglichst unter 1,5 Grad Celsius zu halten. Dabei haben alle sieben Staaten genau das im Pariser Klimavertrag zugesagt. Auch die versprochenen Finanzhilfen für ärmere Länder sind trotz kürzlicher Nachbesserungen immer noch nicht bei den 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr, die ebenfalls in Paris vereinbart wurden.

Protest gegen leere Versprechen

Außerhalb der Hochsicherheitszone um Carbis Bay erinnern dieses Wochenende zahlreiche Klimaaktivistinnen und -aktivisten an diese Enttäuschungen: "Liar, liar, earth is on fire", "We see through your bullshit" oder "Action not words" steht auf ihren Plakaten (zu Deutsch: "Lügner, Lügner, die Erde brennt", "Wir durchschauen euren Quatsch", "Taten statt Worte").

Rundherum fordern Pikachus die japanische Regierung zum Kohleausstieg auf, Amseln warnen vor dem Umweltkollaps, es patrouillieren Naturgeister und Wächter der Meere, verendete Meerjungfrauen liegen am Strand, auf der untergehenden Titanic entspannen Demonstranten mit Politiker-Masken im Liegestuhl und eine aufblasbare Plastikfigur von Boris Johnson und Joe Biden in Badehosen dümpelt im Wasser. Auf Twitter und Facebook kursieren Fotos ähnlicher Aktionen aus dem ganzen Land. Bilder von Menschen, die an Küsten in Kent, Dorset oder im schottischen Fife teils bis zum Hals im Wasser stehen und Plakate in die Luft halten.

Der Protest ist leiser und kleiner als bei anderen G7-Treffen; die britische Demonstrationskultur ist vergleichsweise ruhig, die Pandemie dauert an und nach Cornwall sind es ab London immerhin fünf Stunden im Zug. Doch die Botschaft ist klar: Schluss mit den leeren Versprechen, die Zeit drängt.

Schlimmer als die Pandemie

Das Chaos der Corona-Krise könnte ein Vorgeschmack darauf gewesen sein, was die nächste Phase der Klimakrise bringt. In jedem Fall, wenn es um die Wirtschaft geht. Wetterextreme und Hitzerekorde, steigende Meeresspiegel, Waldbrände und Dürren treffen viele ärmere Länder im Süden zwar eher und heftiger als die meisten Staaten der G7. Diese hängen über enge internationale Handelsverflechtungen dennoch indirekt mit drin. Und sind auch selbst nicht vor Missernten, Wasserknappheit oder Überflutungen gefeit.

Neue Berechnungen der NGO Oxfam und des Rückversicherers Swiss Re zeigen, dass allein die Runde der sieben Industrienationen jährlich doppelt so starke wirtschaftliche Einbrüche erleben könnte wie in der Pandemie, wenn für den Klimaschutz nicht mehr getan wird. Auch in Deutschland wäre das ein durchschnittlicher Verlust von rund 4,8 Trillionen US-Dollar im Jahr.

Für die Gastländer des diesjährigen G7-Gipfels steht noch mehr auf dem Spiel. Laut Prognose der Swiss Re könnte der Klimawandel in Indien mehr als ein Viertel der Wirtschaft einbrechen lassen. Südafrika könnte rund 18 Prozent, Australien 12,5 Prozent und Südkorea knapp 10 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung einbüßen. Der größte Rückversicherer der Welt hat den Titel seiner Studie entsprechend angespitzt: "Nichtstun ist keine Option". Darüber dürfte man sich auch hinter den Sicherheitszäunen in Carbis Bay einig sein.

Verwendete Quellen:

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