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Corona-Kollaps in Portugal: Hilfseinsatz der Bundeswehr beginnt

Intensivstationen sind voll  

Corona-Kollaps in Portugal – Hilfseinsatz der Bundeswehr beginnt

03.02.2021, 17:37 Uhr | dpa

Stau vor Krankenhäusern im Corona-Hotspot in Portugal

Vor den Krankenhäusern in Portugal müssen die Krankenwagen, die Covid-19-Patienten an Bord haben, oft lange warten, bis ein Bett frei wird. An vielen Orten sind die Kapazitätsgrenzen erreicht. (Quelle: Reuters)

Krankenwagen stauen sich: Aufnahmen aus Portugal zeigen, wie dramatisch die Corona-Lage dort auch in den Krankenhäusern ist. (Quelle: Reuters)


Im Ausland ist die Bundeswehr nicht immer willkommen. Ganz anders in Portugal: Das Land steht kurz vor dem Corona-Kollaps. Es mangelt längst nicht nur an Intensivbetten. 

Die 26 Ärzte und Pfleger der Bundeswehr, die ab Mittwoch das strauchelnde Hochrisikoland Portugal im Kampf gegen die Corona-Pandemie unterstützen, bekommen einen warmen Empfang. Portugals Gesundheitsministerin Marta Temido strahlte übers ganze Gesicht, als sie sagte: "Mit großer Dankbarkeit nehmen wir (...) diese Hilfe von hochqualifiziertem Personal an." Der Luftwaffen-Airbus A400M mit 26 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr und mehreren Dutzend Beatmungs- sowie Infusionsgeräten aus Deutschland landete am Mittwochnachmittag auf dem Militärflughafen Figo Maduro in Lissabon –der Hauptstadt des im Corona-Kampf strauchelnden Hochrisikolands. Medien und Politiker des Landes sprachen von einem "Beispiel europäischer Solidarität".

Verwunderlich sind die vorwiegend positiven Reaktionen nicht. Die Nothilfe aus Deutschland wurde dringend erwartet und kommt vermutlich gerade noch rechtzeitig. Kaum irgendwo auf der Welt richtet das Coronavirus derzeit größeren Schaden an. Nirgendwo wurden zuletzt im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr Neuinfektionen und mehr Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 gemeldet, wie das von der Oxford University unterstützte Portal "Our World in Data" zeigt.

"Situation ist unvergleichlich schwieriger als bei uns"

Auch der Inspekteur des Sanitätsdienstes, Generaloberstabsarzt Ulrich Baumgärtner, der die Frauen und Männer begleitet, hatte vor dem Abflug der Transportmaschine im niedersächsischen Wunstorf die europäische Solidarität betont. "Die Situation dort ist unvergleichlich schwieriger als sie hier bei uns ist. Die Krankenhäuser laufen über. Und deshalb werden wir dort eben gebraucht."

Die acht Ärztinnen und Ärzte sowie das Sanitätspersonal sollen drei Wochen lang im privaten Hospital da Luz in Lissabon bei der Behandlung schwerkranker Covid-19-Patienten aushelfen. Wie Temido erklärte, wurde in der angesehenen Klinik – einer der modernsten und größten des Landes – eine neue Intensivstation mit acht Betten errichtet, "die bisher die komplette Infrastruktur hatte, aber kein Personal".

Soldaten im Bus: Vorerst für drei Wochen sollen sie in einem Krankenhaus in Lissabon aushelfen. (Quelle: AP/dpa/Armando Franca)Soldaten im Bus: Vorerst für drei Wochen sollen sie in einem Krankenhaus in Lissabon aushelfen. (Quelle: Armando Franca/AP/dpa)

Die Ministerin betonte: "Ständig werden in Portugal neue Betten geschaffen, auch jetzt, wo wir miteinander reden." Die 26 Soldatinnen und Soldaten sollen nach Angaben der Bundeswehr nach drei Wochen wahrscheinlich von einem weiteren Hilfsteam abgelöst werden.

Patienten müssen vor Klinik im Krankenwagen schlafen

Die Lage in den Krankenhäusern sei "absolut dramatisch", betont der Präsident des portugiesischen Ärzteverbandes ANMSP, Ricardo Mexia. In der Tat: Vor Krankenhäusern bildeten sich in den vergangenen Tagen teilweise lange Schlangen von bis zu 30 Krankenwagen, weil das Personal alle Hände voll zu tun hatte und die Kranken nicht so schnell aufgenommen werden konnten. Medien berichteten von Patienten, die eine ganze Nacht im Krankenwagen verbringen mussten.

Krankenwagen vor einem Krankenhaus in Lissabon: Die Krankenhäuser kommen teils nicht hinterher, die Patienten aufzunehmen. (Quelle: AP/dpa/Armando Franca)Krankenwagen vor einem Krankenhaus in Lissabon: Die Krankenhäuser kommen teils nicht hinterher, die Patienten aufzunehmen. (Quelle: Armando Franca/AP/dpa)

Noch schlimmer erging es einer 46-Jährigen, die an Covid-19 erkrankt war und nach einem Bericht des Nachrichtensenders TVI24 vier Tage lang auf einem Sessel behandelt wurde, da im Hospital von Vila Franca de Xira bei Lissabon kein Bett frei war. "Ich kann vor lauter Wut nur noch heulen", sagte ihr Ehemann im Fernsehen.

Das Virus bereitet zwar weltweit große Probleme – in Portugal deckt es aber auch grundlegende Defizite des kleinen Landes schonungslos auf. Der Präsident der Gesellschaft für Innere Medizin (SPMI), João Araújo Correia, nennt Beispiele dafür: In den vergangenen zehn Jahren sei die Zahl der Krankenhausbetten "konstant reduziert" worden. "Wir haben pro 100.000 Einwohner die Hälfte der Betten, die Deutschland hat", klagt er. "Schon in einem normalen Winter müssen Grippekranke in den Notaufnahmen oft tagelang auf ein Bett warten."

Warnungen bereits im Herbst

Als der Staatshaushalt für 2021 verabschiedet wurde, klagte Diana Póvoas von der Ärztegewerkschaft SMZS, das für das Gesundheitswesen vorgesehene Geld reiche hinten und vorne nicht. Wenn die Probleme des Gesundheitsdienstes SNS nicht bald angegangen würden, werde das Land keine geeignete Antwort auf die Pandemie finden können, warnte sie – und zwar schon im Herbst, als die Corona-Lage noch deutlich besser war.

Ein Corona-Patient in Portugal: Einen Platz auf den Intensivstationen zu bekommen, gleicht einem Glücksspiel. (Quelle: Reuters/Duarte Sa)Ein Corona-Patient in Portugal: Einen Platz auf den Intensivstationen zu bekommen, gleicht einem Glücksspiel. (Quelle: Duarte Sa/Reuters)

Es mangelt aber längst nicht nur an Betten. Wegen der schlechten Bezahlung im öffentlichen Dienst wechseln viele Ärzte und Pfleger in die Privatwirtschaft oder gehen gleich ins Ausland. Schon kurz hinter der Grenze, in der spanischen Region Galicien zum Beispiel, sind die Gehälter doppelt so hoch. Die Gewerkschafterin Póvoas klagte, die Zahl der im SNS tätigen Ärzte sei allein zwischen Januar und Oktober vergangenen Jahres um "fast tausend" zurückgegangen.

Die 2012 nach England ausgewanderte Pflegerin Catia Woolf erzählte nun im portugiesischen Fernsehen, sie sei nicht nur dem Hungerlohn von 700 Euro im Monat entkommen. "Hier sind die Arbeits- und Vertragsbedingungen sowie auch die Aufstiegschancen viel größer." In den portugiesischen Krankenhäusern fehlten zum Teil auch Telefonapparate und -leitungen sowie Computer, sagte Mexia.

Deutsches Team bringt Personal und Material

Das deutsche Hilfsteam war übers Wochenende beim Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst im ostfriesischen Leer zusammengezogen worden – 50 Beatmungsgeräte, 150 Infusionsgeräte und weiteres Material brachte es in dem Transportflugzeug mit nach Portugal. Dort werde "wahrscheinlich deutlich mehr an Kapazitäten gebraucht", sagte Generaloberstabsarzt Baumgärtner. Aber die begrenzten Möglichkeiten müssten derzeit genau abgewogen werden. Auch in deutschen Militärkliniken versorgen Bundeswehrsoldaten Covid-19-Patienten, sie helfen in Gesundheitsämtern oder Impfzentren aus.

Ankunft in Lissabon: Unter anderem 50 Beatmungsgeräte und 150 Infusionsgeräte waren mit an Bord. (Quelle: AP/dpa/Armando Franca)Ankunft in Lissabon: Unter anderem 50 Beatmungsgeräte und 150 Infusionsgeräte waren mit an Bord. (Quelle: Armando Franca/AP/dpa)

Die Pandemie könne nur durch eine gesamtstaatliche Anstrengung überwunden werden, so Baumgärtner. Eine Nation allein "kann das nicht bewältigen. Wir müssen zusammenstehen".

Nach hartem Lockdown sinken die Zahlen langsam

Nach Zahlen der EU-Agentur ECDC steckten sich in Portugal zuletzt binnen 14 Tagen 1.429 Menschen je 100.000 Einwohner mit dem Virus an. Damit liegt Portugal vor Spanien (1.026) an der Spitze der 30 erfassten Länder. Für Deutschland betrug dieser Wert gut 265. Ende Oktober waren es in Portugal noch knapp 350 gewesen. Für den starken Anstieg werden unter anderem die Lockerungen der Einschränkungen zu Weihnachten sowie die von Großbritannien ausgehende, besonders ansteckende Virusvariante verantwortlich gemacht.

Inmitten der Malaise und im Zuge des seit dem 15. Januar herrschenden strengen Lockdowns keimt aber etwas Hoffnung. Die Zahlen werden seit einigen Tagen besser. Besonders wichtig: Am Dienstag ging die Zahl der auf Intensivbetten liegenden Covid-19-Patienten erstmals nach langer Zeit wieder zurück: von 865 auf 852.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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