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Schlacht um Mariupol: Jetzt geht es um das "Herz des Krieges"


Jetzt geht es um das "Herz des Krieges"

Von dpa
18.04.2022Lesedauer: 3 Min.
Ein zerstörtes Wohnhaus in Mariupol: Unzählige Raketenangriffe trafen auch zivile Ziele.
Ein zerstörtes Wohnhaus in Mariupol: Unzählige Raketenangriffe trafen auch zivile Ziele. (Quelle: Alexander Ermochenko/Reuters-bilder)
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Die Schlacht um die Hafenstadt Mariupol gilt als richtungsweisend für Russlands Krieg in der Ukraine. Kiew und seine Soldaten des Asow-Regiments geben die Metropole noch nicht verloren. Aber Russlands Drohungen sind eindeutig.

Nach rund 50 Tagen Belagerung durch russische Truppen gilt Mariupol als das "Herz des Krieges" in der Ukraine. Wenn Mariupol fällt, dann fällt die Ukraine, warnen seit Wochen die ukrainischen Kämpfer, die sich nun in dem Stahlwerk Asowstal verschanzt haben – für die wohl letzte und entscheidende Schlacht. Rund 2.500 Kämpfer haben sich in dem für die Region symbolträchtigen Betrieb zurückgezogen, darunter 400 Söldner, wie das russische Verteidigungsministerium mitteilt. Nach ukrainischen Medienberichten sollen dort aber auch 1.000 Zivilisten, darunter viele Kinder, Zuflucht gesucht haben.

Ein russisches Ultimatum, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben, haben die ukrainischen Kämpfer verstreichen lassen. Sie räumen am Montag ein, die russischen Soldaten seien deutlich in der Überzahl. Trotzdem werde um die Stadt weiter gekämpft. In Moskau droht der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, derweil damit, dass jeder vernichtet werde, der Gegenwehr leiste.

Ukrainischer Geheimdienst nutzt Putin-Vertrauten

Schon seit Wochen haben die ukrainischen Soldaten auf Hilfe aus Kiew gesetzt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj versichert zwar immer wieder, alles dafür zu tun, um einen Fall von Mariupol zu verhindern. Aber die Kämpfer fordern mehr Einsatz. Selenskyj fordert daher vom Westen schleunigst schwere Waffen. Und er droht Russland, sollten die Menschen in dem eingekesselten Werk sterben, dann bedeute das auch das Ende der Verhandlungen für eine Beendigung des Krieges.

Zerstörung in Mariupol, im Hintergrund das Stahlwerk Asovstal: Die letzten ukrainischen Truppen in der Stadt leisten von dort aus erbitterten Widerstand.
Zerstörung in Mariupol, im Hintergrund das Stahlwerk Asovstal: Die letzten ukrainischen Truppen in der Stadt leisten von dort aus erbitterten Widerstand. (Quelle: Alexander Ermochenko/Reuters-bilder)

Der ukrainische Geheimdienst SBU lässt nun sogar den inhaftierten russlandfreundlichen Abgeordneten Viktor Medwedtschuk per Video um das Leben der Menschen in dem Werk bitten. Medwedtschuk, der beste Kontakte in den Kreml in Moskau hat, appelliert an den russischen Präsidenten Wladimir Putin und an Selenskyj, sie mögen ihn eintauschen gegen die Kämpfer bei Asovstal. Und auch die ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk bittet eindringlich, Russland möge für Frauen und Kinder sowie andere Zivilisten in dem Werk einen humanitären Korridor einrichten, um deren Leben zu retten.

Russland könnte wichtige Bahnstrecken kontrollieren

Schon jetzt beklagen die Behörden Zehntausende Tote in der weitgehend zerstörten Großstadt. Mariupol ist der letzte Punkt an der Küste des Asowschen Meeres, der noch nicht komplett von den russischen Kräften kontrolliert wird. Sollten die von Russland anerkannten Separatisten-Republiken Luhansk und Donzek formal eigenständig bleiben, dann hätten sie mit Mariupol den Zugang zu den Weltmeeren. Sie könnten über den gut ausgebauten größten Hafen am Asowschen Meer ihre Produktion unabhängig von russischen Landrouten auf dem kostengünstigen Wasserweg selbst exportieren.

Russische Truppen rücken in gepanzerten Fahrzeugen vor: Sie kontrollieren weite Teile von Mariupol.
Russische Truppen rücken in gepanzerten Fahrzeugen vor: Sie kontrollieren weite Teile von Mariupol. (Quelle: Alexander Ermochenko/Reuters-bilder)

Viel diskutiert wird auch der Landweg von Mariupol zu der seit 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim. Die Straßenverbindungen dürften jedoch wegen ihres schlechten Zustands für Russland kaum von Interesse sein. Als wichtig auch im militärischen Sinne gelten vielmehr die weiter nördlich verlaufenden Eisenbahnverbindungen über das kürzlich von den russischen Truppen eroberte Wolnowacha in Richtung des bereits seit Ende Februar von Russland kontrollierten Melitopol und von dort zur Krim.

Große symbolische Bedeutung für Asow-Regiment

Vor dem Krieg stellte die nach der Separatistenhochburg Donezk zweitgrößte Stadt des Gebietes einen großen Teil des ukrainischen Exports. "Die Werke von Mariupol tragen zu mehr als einem Drittel der Stahlproduktion der Ukraine bei", sagte der Generaldirektor des Konzerns Metinvest, Jurij Ryschenkow, Ende März. Allein durch die Zerstörungen dürfte der Verlust dieses Devisenbringers sich negativ auf den Kurs der Landeswährung Hrywnja und damit auf das allgemeine Wohlstandsniveau der Ukraine nach dem Krieg auswirken.

Mariupol hat aber vor allem auch für das von Neonazis und Nationalisten gegründete Nationalgarde-Regiment "Asow" eine große symbolische Bedeutung. Dem Gründungsmythos der Einheit nach befreite die Anfang Mai 2014 von Freiwilligen gegründete Einheit knapp einen Monat später die damals von Separatisten kontrollierte Hafenstadt.

Mittlerweile aber hat "Asow" bereits seine Basis bei der benachbarten Hafenstadt Berdjansk verloren. Sollte Mariupol nun auch noch fallen, wäre das die Niederlage des Kerns der von den russischen Truppen mit besonderer Härte bekämpften Einheit. Russland dürfte das als einen großen Teilsieg in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine feiern.

Verwendete Quellen
  • Nachrichtenagentur dpa
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