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Baerbocks Irak-Reise: Was bleibt? Die Heikle Büffel-Mission der Ministerin


Baerbock-Reise
Schock im Büffel-Paradies

Von Patrick Diekmann, Basra

Aktualisiert am 12.03.2023Lesedauer: 6 Min.
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Basra: Annalena Baerbock besucht die Marschen im Süden des Irak.Vergrößern des Bildes
Basra: Annalena Baerbock besucht die Marschen im Süden des Irak. (Quelle: Michael Kappeler/dpa)

Annalena Baerbock besucht Büffelbauern im Südirak. Die Außenministerin spielt im Marschland mit Kindern, streichelt Tiere. Aber hilft das den Menschen?

Es sind zwei völlig verschiedene Welten, die an einem abgelegenen Ort aufeinandertreffen. Annalena Baerbock sitzt im Marschland im Süden des Irak in einem kleinen Haus aus Schilfgras. Die Familie, die dort lebt, besitzt nicht viel. Die Behausung ist klein, Luxus kennen die Menschen nicht. Sie leben vom Fischfang und ihren Wasserbüffeln. Keine Elektrizität, keine Internetverbindung. Die Lebensweise der Büffelbauern hat sich seit vielen Generationen nicht geändert, sie ist ursprünglich. Doch eben diese Lebensweise ist mittlerweile in großer Gefahr.

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Die Familie, die Baerbock am Freitag besucht, ist äußerst gastfreundlich. Ein junger Mann serviert den deutschen Gästen kleine Gläser mit schwarzem Tee. Baerbock sitzt zusammen mit den Kindern der Familie auf einem großen roten Teppich. Den Kindern hat sie ein Spiel mitgebracht. "Ist das aus Deutschland", fragt der Familienvater. "Ja, es heißt Piepmatz", antwortet Baerbock und schwingt den kleinen Ball, der an einer Schnur befestigt ist, fast in den Becher. Die Kinder freuen sich, sind aber verlegen und mit dem Spiel ein wenig überfordert. So viele Menschen auf einmal verirren sich selten hierher.

Besuch von europäischen Gästen bekommen die Menschen in den Marschen wenig – auch von der irakischen Regierung werden sie vergessen. Sie wissen nicht, was eine deutsche Außenministerin ist, und nicht, was Baerbock in ihrem Job genau tut. Aber das scheint ihnen egal. Die Grünen-Politikerin hört zu und die Familien suchen dringend nach mehr Aufmerksamkeit. Wegen der Klimakrise geht das Wasser in den Marschen immer weiter zurück. Durch die Dürren verlieren die Menschen ihren Lebensraum. Erst sterben ihre Wasserbüffel, dann müssen die Familien fliehen oder auch sie sterben.

Baerbock schafft es im Irak, diesen Opfern der Klimakrise ein Gesicht zu geben, ihre Probleme auf die politische Tagesordnung zu setzen. Aber kann Deutschland hier tatsächlich nachhaltig helfen oder bleibt es am Ende bei atmosphärischen Bildern? Diese Frage stellt sich auch nach ihrer Irak-Reise noch. Baerbocks Büffel-Mission war zunächst ein Startpunkt für Hilfe, mehr jedoch nicht.

"Die Menschen könnten alles verlieren"

Das Marschgebiet im Südirak ist berauschend schön. Baerbock besucht zum Ende ihrer viertägigen Irak-Reise das Sumpfgebiet am Zusammenfluss von Euphrat und Tigris. Seit 2016 sind die Marschen Unesco-Welterbe, ein Teil der Christenheit hat hier den Garten Eden vermutet. Nun droht das Paradies für zahlreiche Tierarten zur Wüste zu werden.

"Der Garten Eden droht auszutrocknen. Die Menschen, die hier seit Gegenrationen leben, könnten alles verlieren", sagt Baerbock bei ihrem Besuch. Die Delegation der Außenministerin fährt an diesem Tag mit einem Boot durch die vielen kleinen Kanäle, gesäumt von hohem Schilfgras ist es der Lebensraum für Hunderte Tierarten. Fische, zahlreiche Vogelarten, Insekten wie Libellen und Wasserbüffel – die Lebensgrundlage für viele Familien, die in der Region leben.

Die Marschen sind noch immer eine Oase. Auf dem Weg von der irakischen Stadt Basra gibt es vor allem Wüste und Steppe. Staub, viel Armut, einige wenige Ölquellen, deren Ertrag offenbar aber nicht bei den Menschen in der Region ankommt. Im Marschgebiet dagegen blüht das Leben. Wasserbüffel wandern in den Flussarmen umher, Menschen schwimmen, winken den Booten von Baerbock zu. Andere Marschbewohner ernten Schilf und stapeln es vorsichtig in der Mitte ihres Schiffes. Doch der lebendige Schein trügt.

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Büffel verdursten, bleiben im Matsch stecken

In diesem Teil des Marschgebiets gibt es äußerlich nur wenige Anzeichen für die Folgen der Klimakrise. Doch als Baerbocks Reisegruppe mit ihren Booten ablegt, ist da ein beißender Geruch. Einige Menschen drehen sich suchend um, ein Kadaver eines Wasserbüffels liegt am Ufer. Ein Schockmoment.

Die Temperaturen steigen im Sommer in der Region auf circa 50 Grad, das Wasser ist in den vergangenen Jahren um 97 Prozent zurückgegangen. Außerdem wird es salziger und der Bakteriengehalt steigt. Tiere sterben. Die Büffel der Bauern verdursten, bleiben im Matsch stecken. Am Horizont des Schilf- und Wasserpanoramas ist am Freitag eine große Feuersäule zu sehen. In unmittelbarer Nachbarschaft des fragilen Ökosystems baut der Irak auf einigen Feldern Öl ab und verbrennt die Abfallprodukte der Förderung. Das Fackelgas ist eine Naturkatastrophe. Die Marschen drohen vom Paradies zur Hölle zu werden.

Für die Bewohner der Marschen ist ihr Lebensraum wichtiger als das Öl. Bereits der Diktator Saddam Hussein hatte ihr Land trockengelegt, damit sich seine Gegner nicht in den Sümpfen verstecken konnten. Die Sprengung von Saddam Husseins Dämmen wurde zum Sinnbild der Befreiung in der Region. Aber nun ist die Förderung von Öl und Gas für die irakische Wirtschaft wichtiger als dieses historische Symbol. Das Nachsehen haben das Marschgebiet und die Natur – wie so oft.

Klimakrise als Konfliktverschärfer

Die Verzweiflung der Familien in der Region wächst. Baerbock besucht eine zweite Familie am Ufer eines anderen Flussarms. Sie haben mehr als zehn Kinder und zu wenig zu essen. Auch ihre Wasserbüffel sind nicht gut genährt, am Boden liegt ein fünf Tage altes Kalb. Es wirkt schwach, ruft nach seiner Mutter. Baerbock fragt, ob es krank sei. Die Bauern müssen die Ernährung des Viehs mit Weizen ergänzen. Weizen, den sie eigentlich für ihre eigene Versorgung brauchen. Im Schilfhaus der Familie verteilen die deutschen Gäste auch hier Piepmatz-Spiele an die Kinder. Der Vater bietet der Außenministerin seine Tochter an. Sie solle in Deutschland ein schöneres Leben haben. Der nächste Schockmoment für die Zuhörer.

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Die Menschen im Marschgebiet sind teilweise sehr gläubige Muslime, die Familien folgen traditionell einer patriarchischen Hierarchie. Es gibt immer weniger Büffelbauern in der Region. Auf die Frage, was die Bauern aktuell am meisten brauchen würden, ist die Antwort einfach: Wasser.

"Die Klimakrise verschärft bestehende Konflikte. Sie ist auch die größte Gefahr für regionale Spannungen und die globale Sicherheit", meint Baerbock. Über das World Food Programm möchte die Bundesregierung die Menschen in den Marschen finanziell absichern, die ihre Lebensgrundlage verloren haben. Deutschland will außerdem Akteure der Region unterstützen, die durch Wiedervernässung und Aufforsten in den Marschen zur Bindung von Kohlendioxid beitragen. Dabei soll es auch darum gehen, mit dem Irak an Alternativen zu fossilen Energieträgern zu arbeiten.

Nur atmophärische Bilder oder tatsächliche Hilfe?

Sicherheit und Stabilität für Kinder und Familien, die internationale Bekämpfung der Klimakrise, eine feministische Außenpolitik. Das ist der rote Faden von Baerbocks Außenpolitik, das sind ihre inhaltlichen Schwerpunkte. Die Grünen-Politikerin weiß über die Wirkung von Bildern, versucht auch im Irak ihre Themen mit passenden Fotos zu untermalen. Das schöne Marschpanorama, Kinder, ein Büffelkalb. Die Bilder allein sorgen für Aufmerksamkeit, aber bringen noch keine Ergebnisse im Ringen mit den Krisen, mit denen die Menschen im Irak zu kämpfen haben.

Eines ist klar: Die Probleme in der Marschregion sind vielfältig. Armut, kaum soziale Absicherung, im nahe gelegenen Basra kommt im Sommer kein Wasser aus den Hähnen. Auch die Sicherheitslage ist fragil. Zwar gibt es auf dem Weg von Basra ins Marschland zahlreiche Checkpoints des Militärs, aber zu wem die Soldaten loyal sind, ist unklar.

"Wenn die Klimakrise den Wassermangel verschärft, dann versuchen terroristische Gruppen, den Menschen andere Lebensperspektiven zu geben", sagt Baerbock. "Integrierte Sicherheitspolitik macht man mit viel Diplomatie, macht man mit viel internationaler Zusammenarbeit. Aber eben dafür braucht es auch finanzielle Mittel." In der Marschregion sind vor allem schiitische Milizen einflussreich. Baerbocks Konvoi fährt an diesem Freitag immer wieder an großen Bannern vorbei. Darauf zu sehen sind häufig Irans Führer Ali Chamenei oder der iranische General Soleimani, der 2020 von einer US-Drohne getötet wurde und seither von einigen schiitischen Gruppen als Märtyrer verehrt wird.

Ob den Menschen im Marschgebiet geholfen werden kann, hängt demnach auch von ausländischen Mächten ab. Teheran versucht, den Irak zu destabilisieren. Der Iran und die Türkei entnehmen darüber hinaus aus den Zuläufen der Flüsse Tigris und Euphrat zu viel Wasser, wodurch immer weniger davon im Marschland ankommt. Ob Deutschland den Büffelbauern nachhaltig helfen kann, ist unklar. Denn neben Wasser brauchen die Menschen vor allem eines: Sicherheit. Bis dahin scheint der Weg lang, er ist steinig. Vom Besuch der deutschen Außenministerin in den Marschen bleiben zunächst nur die Bilder, die dem Problem ein Gesicht geben. Ob das Marschland, die Familien mit ihren Büffeln gerettet werden können, hängt aber nicht nur von Deutschland ab. Das ist die bittere Realität.

Verwendete Quellen
  • Begleitung der Reise von Außenministerin Annalena Baerbock in den Irak
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