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Putins letztes Aufgebot? So ist Russlands Niederlage garantiert – Ukraine-Krieg


So ist Putins Niederlage garantiert

Von Wladimir Kaminer

Aktualisiert am 02.10.2022Lesedauer: 4 Min.
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Wladimir Putin: Dem Kremldespoten laufen die Mobilisierten weg, meint Wladimir Kaminer.
Wladimir Putin: Dem Kremldespoten laufen die Mobilisierten weg, meint Wladimir Kaminer. (Quelle: AP/Ilya Pitalev/dpa)
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Russland macht mobil, aber es läuft alles andere als gut. Denn für Wladimir Putins Großmannssucht zu sterben, erscheint vielen Russen als ziemlich dumm.

Die russische Teilmobilisierung ist erstaunlich schnell gelungen. Innerhalb eines Tages haben 300.000 Menschen ihre Häuser verlassen und sind in Richtung Grenze marschiert. Doch es war nicht die Grenze, zu der sie Präsident Putin schicken wollte. Sie protestieren mit den Füßen, verlassen in Scharen das Land.

Damit ist der Mythos von grenzenlosem Rückhalt für Putins Kriegshetze in der Bevölkerung erst mal vom Tisch. Die Russen wollen genauso wenig in den Krieg ziehen wie die anderen Völker Europas. Manch Europäer würde sagen, das ist aber eine merkwürdige Art des Widerstandes, sich einfach davonzumachen. Dazu kann ich nur sagen: Kein Land wird von Helden bewohnt.

(Quelle: Frank May)

Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Russendisko". Gerade erschien sein neues Buch "Wie sage ich es meiner Mutter: Die neue Welt erklärt: von Gendersternchen bis Bio-Siegel".

Der Preis des Protestes in Russland ist aber sehr hoch – das haben mehrere Tausend Protestierende, die auf die Straße gingen, am eigenen Leib erfahren. Lange Zeit hatte die Bevölkerung mit dem Staat nach einer von beiden Seiten gebilligten Abmachung gelebt: Die Bürger mischten sich in politischen Angelegenheiten nicht ein, der Staat gewährte ihnen Freiheit im privaten Raum. Nirgendwo in diesem Vertrag stand, dass sich die Menschen in einem Angriffskrieg als Kanonenfutter verheizen lassen müssen.

Der Staat hat den Vertrag nun gebrochen, jetzt laufen ihm halt seine Bürger weg. Sollte der russische Präsident den Nachbarn weiter drohen, mit Atomraketen und einem totalen Krieg, werden sich nicht nur Hunderttausende Wehrpflichtige, sondern gleich alle auf den Weg machen, um ihr Leben zu retten.

"Dafür blühen dir zehn Jahre Knast"

Wird dann der Präsident persönlich an die Front gehen? Eine Armee der Unwilligen hat noch nie einen Krieg gewonnen. Den größten Anteil dieser Armee bilden zurzeit drei Sorten von Soldaten. Zum einen die in den kleinen Dörfern und Gemeinden aufgesammelten und völlig eingeschüchterten Jugendlichen aus den ärmsten Regionen des großen Landes.

Sie haben großen Respekt vor Behörden und werden stark unter Druck gesetzt. "Wenn Du den Einberufungsbescheid einmal in die Hand genommen hast, gehörst du ab diesem Moment uns", sagen die Beamten. "Wenn du verweigerst, ist das Heimatverrat, dafür blühen dir zehn Jahre Knast."

Die Einberufungsbescheide werden gar von den Lehrern in den Schulen verteilt, die Kinder sollen sie ihren Eltern überbringen. Diese müssen die Papiere aber nicht in die Hand nehmen und gehören danach auch nicht dem Staat – das ist eine Lüge, die aber glaubwürdig klingt, und deswegen glauben die Menschen das.

Die zweite Sorte, die an der Front ist, sind gekaufte Soldaten. Das sind Menschen, die für relativ viel Geld unterschrieben haben, dass sie in den Krieg ziehen. Für sie hat die Frage Priorität, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie ihr hart verdientes Geld auch später ausgeben können.

Das geht nur, wenn sie am Leben bleiben, im Himmel werden Rubel nicht akzeptiert. Wenn diese Wahrscheinlichkeit bei 50 Prozent liegt, lohnt es sich vielleicht zu kämpfen. Zurzeit liegt sie aber eher bei 10 Prozent. Auch sie haben keine Lust, zu Kanonenfutter verarbeitet zu werden, und versuchen daher aus gutem Grund sich zu verstecken.

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Die dritte Sorte sind dann die mobilisierten Einheimischen. Diese Ostukrainer sehen, was mit ihrem Land passiert; sie wissen, sie können ihrem Land nur helfen, wenn sie überleben. Mit einer solchen Armee der Unwilligen ist eine Niederlage für Putin garantiert. Doch er bleibt gelassen, er hält sein Volk und seine Soldaten als Geiseln, er weiß, alle laufen ihm nicht weg.

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So wird das nichts, liebe EU

Wohin sollen sie denn gehen? Die Einwohner des größten Landes der Welt werden in Europa nicht gern gesehen. "Sie sollen nicht weglaufen, sondern das Regime stürzen," sagen die Ukrainer und Polen. Die Letten und die Finnen wollen die Grenzen komplett schließen, gar eine Mauer bauen. Sie haben natürlich recht, große Regimestürzer sind die Russen schon lange nicht mehr, das Pulver der großen Oktoberrevolution ist längst verraucht.

Russische Rekruten: Wie der Krieg selbst läuft auch die Einberufung der Mobilisierten alles anders als gut für Putin.
Russische Rekruten: Wie der Krieg selbst läuft auch die Einberufung der Mobilisierten alles anders als gut für Putin. (Quelle: Uncredited/dpa)

Die Russen sind Konformisten wie alle anderen Völker Europas, sie wollen in Ruhe gelassen werden, einkaufen, zur Arbeit gehen und ihre Kinder zur Schule bringen. Die Weltmachtsambitionen ihres Präsidenten teilen sie nicht, eine neue Weltordnung steht ganz unten auf der Liste ihrer Lebensprioritäten. Doch die europäischen Türen bleiben zu.

Zwei Länder haben bis jetzt die meisten der vor der Mobilisierung Geflüchteten aufgenommen. Und beide sind keine EU-Länder: An der Grenze zu Georgien stand letzte Woche eine 40 Kilometer lange Schlange, und in Kasachstan fanden am ersten Tag 100.000 Menschen Unterschlupf. Obwohl die Georgier noch vor Kurzem einen Krieg mit den Russen geführt haben und durchaus das Recht hätten, sie nun im Regen an der Grenze stehenzulassen, haben sie ihre christlichen Werte über die politischen Uneinigkeiten gestellt.

Ebenso wie die Kasachen, die riskieren, zum nächsten Angriffsziel des Regimes im Kreml zu werden. Sie haben ihre islamischen Werte nach vorne gestellt: Dem in Not Geratenen soll geholfen werden, egal wo er herkommt. Die Europäische Union ist sich wie immer uneinig.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autorinnen und Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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