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Irak: So ist das Leben in Mossul nach dem Abzug der Terroristen

IS-Hauptstadt im Irak  

Wie sich Mossul von der Terrorherrschaft erholt

Von David Ruch

20.02.2019, 11:01 Uhr
Irak: So ist das Leben in Mossul nach dem Abzug der Terroristen. In der Najafi Street gab es einst mehrere Dutzend Blbliotheken. Einige wurden von den IS-Terroristen in Brand gesteckt, der Rest während der Kämpfe in Mossul zerstört. (Quelle: Ali Al-Baroodi)

In der Najafi Street gab es einst mehrere Dutzend Blbliotheken. Einige wurden von den IS-Terroristen in Brand gesteckt, der Rest während der Kämpfe in Mossul zerstört. (Quelle: Ali Al-Baroodi)

Die Bilder aus Mossul erinnerten an deutsche Städte nach dem Zweiten Weltkrieg. Eineinhalb Jahre nach der Befreiung lahmt der Wiederaufbau. Korruption greift um sich. Trotzdem gibt es Hoffnung.

Während Deutschland darüber diskutiert, wie es mit deutschen Dschihadisten umgehen soll, die im Nahen Osten für den "Islamischen Staat" gekämpft haben und nun gefangen gehalten werden, wächst in den vom Joch der Terrormiliz befreiten Gebieten die Sorge vor einem Wiedererstarken der Extremisten. Im irakischen Mossul, das drei Jahre lang vom IS besetzt war und das unter großen Opfern befreit wurde, kommt der Wiederaufbau nur schleppend voran. Unter Bergen von Trümmern lauert tödliche Gefahr, oft fehlt es den Menschen am Nötigsten. Erneut drohen Korruption und kriminelle Machenschaften um sich zu greifen, die die Stadt schon einmal ins Unglück stürzten.

Mossul hat furchtbare Jahre hinter sich. 2014 nahmen IS-Kämpfer die zweitgrößte Stadt des Iraks im Sturm. In der Großen Moschee rief ihr Anführer Abu Bakr al-Bagdadi im Juni 2014 das "Kalifat" aus und ließ ein Terrorregime errichten. In ihrem fanatischen Wahn zerstörten die Dschihadisten jahrtausendealte Kulturgüter, schändeten Gotteshäuser und verbrannten Zehntausende Bücher. Jesiden wurden verfolgt, Christen aus der Stadt verbannt oder gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Wer sich nicht den Regeln der Extremisten unterwarf, musste drakonische Strafen fürchten. Auf offener Straße wurden Menschen enthauptet oder von Dächern in den Tod gestürzt.

Donald Trump: Der US-Präsident fordert von Deutschland und anderen europäischen Staaten, gefangene IS-Kämpfer aufzunehmen. (Quelle: t-online.de)

Der Fotograf und Hochschullehrer Ali Al-Baroodi hat diese Zeit in seiner Heimatstadt miterlebt. Er unterrichtete Englisch, als die Universität geschlossen wurde und er und seine Kollegen ihre Jobs verloren. Zu studieren oder zu schreiben war ihnen von da an untersagt, wie Al-Baroodi t-online.de berichtet. "Wir verloren unsere Freiheit, wir waren eingesperrt. Ich würde nicht sagen, dass ich am Leben war. Es war wie in einem riesigen Gefängnis."

Im Oktober 2016 begann die irakische Armee gemeinsam mit kurdischen Peschmerga, konfessionellen Milizen und aus der Luft unterstützt von Bombern der internationalen Anti-IS-Koalition eine Großoffensive zur Rückeroberung der Stadt. Neun Monate dauerten die erbitterten Kämpfe. Am Ende waren rund 10.000 Zivilisten tot, mehrere Tausend Soldaten und Kämpfer gefallen. Die historische Altstadt, einst das pulsierende Herz der Stadt, lag weitgehend in Trümmern.

Eine Stadt, zwei Schlachten

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen wurden durch die Kämpfe allein in der Altstadt von Mossul rund 5.000 Gebäude beschädigt und 500 komplett zerstört. Alle Brücken über den Tigris waren zerbombt, Fabriken und Wasserwerke niedergebrannt. Der Chef der Stadtverwaltung schätzte die Kosten für den Wiederaufbau vor einem Jahr auf 25 Milliarden Euro. Al-Baroodi sagt, die Stadt habe während der Befreiung eigentlich zwei Schlachten erlebt: eine im Osten, wo sich die Schäden in Grenzen hielten, und eine im Westen, wo die Zerstörungen verheerend waren. "Während im Osten das Leben schon wieder recht normal ist, geht der Wiederaufbau im Westen nur sehr langsam voran. Noch immer liegen Tonnen von Schutt herum, die Straßen sind matschig."

Von den einst rund 500.000 Einwohnern im historischen Teil im Westen der Stadt sind bis heute viele fortgeblieben. Unter den Trümmern werden noch immer Hunderte Leichen vermutet. Tödliche Gefahr geht von den ungeborgenen Sprengfallen aus, die die Dschihadisten überall in der Altstadt versteckt haben. Hunderte wenn nicht Tausende werden im Schutt vermutet. Allein seit der Befreiung von Mossul haben laut der Entwicklungshilfeorganisation USAID etwa 80 Menschen durch versteckte Sprengfallen und Landminen ihr Leben verloren.

Deren komplette Beseitigung könnte noch ein Jahrzehnt dauern, erwartet die Minenräummission der Vereinten Nationen (UNMAS). Solange das explosive Erbe des "Islamischen Staates" in den Trümmern lauert, sei an eine Rückkehr nicht zu denken. Allein im vergangenen Jahr konnte die Organisation etwa 2.000 selbst gebaute Sprengfallen sichern. Auch fast 800 Sprengstoffgürtel fanden die Spezialisten, die meisten an Leichen gefallener IS-Kämpfer.

Nach dem Ende der Kämpfe können die Kinder wieder auf den Straßen spielen. Jedoch lauern zwischen den Trümmern große Gefahren. (Quelle: Ali Al-Baroodi)Nach dem Ende der Kämpfe können die Kinder wieder auf den Straßen spielen. Jedoch lauern zwischen den Trümmern große Gefahren. (Quelle: Ali Al-Baroodi)

Von Korruption ist die Rede

Doch nicht nur Sprengfallen bremsen den Wiederaufbau in Mossul. Der Stadt fehlt es an schwerem Gerät, um die Trümmer schneller abzutragen. Der städtische Fuhrpark wurde während der Kämpfe erheblich dezimiert oder vom IS für Selbstmordmissionen genutzt. Die Behörden beklagen zudem fehlende Unterstützung aus Bagdad.

Viele Einwohner hingegen sagen, dass Gelder aus Wiederaufbauprogrammen in dunklen Kanälen versickern. Immer wieder ist von einer allgegenwärtigen Korruption die Rede. Es heißt, mit üppigen Regierungsverträgen ausgestattete Firmen würden absichtlich langsam arbeiten. Manche Unternehmen existierten nicht einmal, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters Einwohner und Abgeordnete in der Stadt.

Die gleichen korrupten Strukturen wie vor der Terrorherrschaft des IS würden zunehmend das Leben in der Stadt bestimmen. Einwohner berichten laut der "Washington Times" von Schutzgelderpressungen durch Sicherheitskräfte, von willkürlichen Festnahmen und Plünderungen durch bewaffnete Milizen. Nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten würden Hunderte in der Stadt aufgrund falscher Verdächtigungen und wegen angeblicher Terrorunterstützung im Gefängnis sitzen – auch um Geld von ihnen zu erpressen.

"Geld verschwindet einfach, so war es schon immer"

Auch Ali Al-Baroodi nennt die Korruption aktuell eines der größten Probleme. Sie sei schon lange da und habe den IS erst möglich gemacht. "Genau genommen ist Mossul nicht erst 2014 gefallen. Es geschah schon viel früher", sagt er. Die Stadt sei über Jahre von Terror beherrscht worden. Unter dem IS sei es größer und größer geworden wie ein Schneeball, der einen Hang hinabrollt. "Korruption zu bekämpfen, ist schwer. Es ist, als ob sie von einer Generation zur nächsten weitergereicht wird", so Al-Baroodi. "Für den Wiederaufbau gab es riesige Budgets, doch die Straßen sind noch immer überflutet, die Brücken kaputt. Das Geld verschwindet einfach, so war es schon immer."

Ali Al-Baroodi: Das Foto hat der Hochschullehrer während Herrschaft des IS im Geheimen gemacht. (Quelle: Ali Al-Baroodi)Ali Al-Baroodi: Das Foto hat der Hochschullehrer während Herrschaft des IS im Geheimen gemacht. (Quelle: Ali Al-Baroodi)

In dem Chaos sind viele Menschen auf sich selbst gestellt. Geld von der Regierung, um ihre Häuser wieder zu errichten, bekommen sie kaum. Kreditvergaben an Privatpersonen in Mossul werden vielfach untersagt, auch aus Sorge, das Geld könnte in den Händen von Dschihadisten landen. Deshalb machen viele Familien Schulden, um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie borgen sich Geld bei Freunden, so wie Younes Hassan, der umgerechnet rund 8.000 Euro bei Freunden zusammenkratzte. "Wir haben uns alles borgen müssen, von der Regierung gab es nichts. Und natürlich auch nicht von den Banken", sagte er zu Reuters.

Lager für Familien der IS-Kämpfer

Die Korruption, dazu eine hohe Arbeitslosigkeit, aber auch der Umgang mit dem schwierigen Erbe des IS drohen neues Unheil in Mossul heraufzubeschwören. Al-Baroodi spricht von Lagern weit außerhalb der Stadt, mitten in der Wüste, in denen die Familien der IS-Kämpfer interniert worden seien. "Die Camps sind völlig isoliert, Fotos oder Berichte von dort sind verboten. Es ist wie eine Massenbestrafung. Die Familien bezahlen für die Taten ihrer Verwandten. Ich fürchte, das bringt die nächste Generation von Terroristen hervor."

Straßenmusik war unter dem IS strengstens verboten. Nun ist sie wieder möglich. (Quelle: Ali Al-Baroodi)Straßenmusik war unter dem IS strengstens verboten. Nun ist sie wieder möglich. (Quelle: Ali Al-Baroodi)

Ein Bericht der Vereinten Nationen schätzte das irakische Unterstützerpotenzial der Terrormiliz im vergangenen August auf noch immer bis zu 15.000 Menschen. Weitere Sorgen bereitet zudem der angekündigte Abzug der US-Armee aus dem benachbarten Syrien. Von Kurden angeführte Einheiten hatten mit US-Unterstützung die letzten verbliebenen IS-Kämpfer in einem Gebiet an der Grenze umzingelt. Mehrere Hundert der Dschihadisten haben sich vermutlich in den Irak abgesetzt. Ein Rückzug der Amerikaner aus der Region, so wird befürchtet, könnte der Miliz die Gelegenheit bieten, sich neu zu sammeln.

Eine neue kulturelle Blüte

Zugleich aber mehren sich auch die positiven Meldungen aus Mossul. Im Dezember wurde der Grundstein für den Wiederaufbau der Großen Moschee gelegt. Das Gotteshaus mit seinem berühmten schiefen Minarett, in dem IS-Führer al-Bagdadi 2014 das "Kalifat" ausgerufen hatte, war im Sommer 2017 von den Terroristen gesprengt worden, als deren Niederlage bevorstand. Internationale Organisationen wie die UN, die Unesco oder die deutsche GIZ helfen dabei, die Wunden der Stadt zu heilen. Es entstehen neue Wasseraufbereitungsanlagen, die immer mehr Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgen.
 

 
An der Universität von Mossul, wo Ali Al-Baroodi wieder Englisch unterrichtet, lernen inzwischen 38.000 Studenten. Ihn macht am meisten glücklich, sagt er, dass die Studentenschaft wieder multiethnisch ist, wie sie es früher auch war. "Kurden, Jesiden, Christen und Muslime studieren gemeinsam. Unser Campus, davon bin ich überzeugt, kann der Stadt ihre Seele zurückgeben."

Mit seinen Fotos, die er im Internet veröffentlicht, ist Al-Baroodi so etwas wie ein Chronist der Stadt geworden. Er dokumentiert nicht nur die schlimmen Schäden, sondern auch, wie immer mehr kulturelles Leben in die Stadt zurückkehrt. Manche sprechen schon von einer kulturellen Blüte, wie sie Mossul seit Jahrzehnten nicht erlebt hat. Im Spätsommer kamen Tausende Menschen zu einem Bücherfestival zusammen. In der Stadt entstehen Literaturcafés, in denen nicht nur gelesen, sondern auch diskutiert wird. Es gibt Freilichtkonzerte und Lesungen. Musiker spielen auf den Straßen zwischen zerschossenen Gebäuden – undenkbar zu Zeiten des IS.

Al-Baroodi sagt, die Menschen in Mossul seien heute entschlossener als früher. "Sie wollen Freiheit und Selbstbestimmung. Sie fühlen sich enger mit ihrem Land verbunden. Sie helfen einander, sie sind mehr an unserem historischen Erbe interessiert. Und sie wollen Mossul wieder zu einer wunderbaren Stadt machen."

Verwendete Quellen:

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