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Iran-Konflikt: Nicht alles, was Trump macht, geht zwangsläufig schief

MEINUNGIran-Konflikt  

Jetzt müssen wir mit allem rechnen

Eine Kolumne von Gerhard Spörl

13.01.2020, 13:36 Uhr
 (Quelle: Euronews World News)

Iran-Konflikt: Mit Raketen ist erneut eine US-Basis im Irak angegriffen worden, fast zeitgleich kam es zu einer drastischen Drohung der Hisbollah. (Quelle: Euronews World News)

Raketen auf US-Basis im Irak gefeuert: Vier Verletzte

Im Irak ist erneut eine US-Basis angegriffen worden. Fast zeitgleich richtete sich der Hisbollah-Führer mit einer drastischen Drohung an die USA. (Quelle: Euronews World News)

Iran-Konflikt: Mit Raketen ist erneut eine US-Basis im Irak angegriffen worden, fast zeitgleich kam es zu einer drastischen Drohung der Hisbollah. (Quelle: Euronews World News)


In dieser beklemmenden, trostlosen, barbarischen Gegenwart ist der Mord an einem General folgerichtig, erzeugt nur moderate Gegenwehr – und führt nicht zu einem offenen Krieg. 

Die letzte Woche ist ein grelles Beispiel für die These, dass wir im Nahen Osten mit allem rechnen müssen und auch mit seinem Gegenteil. Auf den Drohnenmord an General Ghassem Soleimani antwortete der Iran mit wüsten Drohungen, denen eine Massenhysterie bei der Beerdigung folgte. Dann erfolgte der Gegenschlag, aber was für einer. Nicht zur Verschärfung des Konflikts trug er bei, nicht zum befürchteten Übergang in einen regelrechten Krieg.

Bei den Raketenangriffen auf zwei US-Militärstützpunkte im Irak (siehe Video oben) kam niemand ums Leben. Die Erklärungen dafür sehen so aus: Entweder wusste der Iran, dass zu diesem Zeitpunkt keine Soldaten draußen herumliefen oder er warnte das Pentagon rechtzeitig auf stillen Kanälen vor dem Gegenschlag. Ist schon öfter vorgekommen, alles schon da gewesen, alles schon passiert.

Iran und Amerika haben erreicht, was sie erreichen wollten

Egal aber, welche von beiden Möglichkeiten zutrifft, war es folgerichtig, dass Donald Trump den Schlagabtausch nicht fortsetzte, sondern nur noch von weiteren Sanktionen für den Iran sprach, anstatt von Anschlägen auf 52 bereits ausgesuchte Ziele – darunter auch Kulturstätten.

Fürs Erste hatten Iran wie Amerika erreicht, was sie erreichen wollten. Sie hatten das Gesicht gewahrt, worauf es im Nahen Osten entscheidend ankommt.

Natürlich trug der irrtümliche Abschuss des ukrainischen Zivilflugzeuges dazu bei, eine Pause im Austausch flammender Rhetorik unter Androhung vernichtender Aktionen einzulegen. Was wirklich neu an diesem tragischen Vorfall war: Die iranischen Revolutionsgarden gestanden ein, dass sie die Passagiermaschine für einen Militärjet hielten und ihn mit einer Rakete vom Himmel holten. Irrtümlich. Unbeabsichtigt.

Iran ist nicht der Monolith, der in Amerika den "Großen Satan" sieht

Präsident Hassan Ruhani entschuldigte sich nach einigen Tagen öffentlich bei der ukrainischen Regierung. Zur Erinnerung: Den Abschuss des malaysischen Flugzeuges im Jahr 2014 mit 300 Toten streitet der russische Präsident bis heute trotz erdrückender Beweise ab.

Was lernen wir daraus? Iran ist nicht der Monolith, der in Amerika den "Großen Satan" sieht. Iran besitzt eine Zivilgesellschaft, die wütend auf den Abschuss mit 180 Toten reagierte und sogar den Rücktritt von Ajatollah Chamenei verlangte, des religiösen Führers, der als unantastbar gilt. Das Land ist gespalten wie andere Länder auch. Es leidet unter den Sanktionen, die Amerika verhängte. Die Sanktionen verschärfen die inneren Gegensätze. Sie entfalten ihre Wirkung. Langsam, aber sicher.

Etwas anderes sollten wir allerdings auch zur Kenntnis nehmen. Nicht alles, was Donald Trump unternimmt, geht notwendigerweise schief. Manchmal tut er das Richtige, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.

Trump tut erst gar nicht so, als hätte er eine Strategie 

Das Echo auf den Tod des Generals, der die iranischen und libanesischen, die syrischen und irakischen Milizen kontrollierte, fiel routiniert aus. Das Argument lautete: Wieder einmal fällt Trump seiner Impulsivität zum Opfer, er hat keine Ahnung und keine Strategie, er ist unberechenbar und macht einfach, was er will und was ihm einfällt.

Vieles davon stimmt ja auch. Nur: Wann hat zuletzt ein amerikanischer Präsident eine stimmige und tragfähige Strategie für den Nahen Osten gehabt? Barack Obama bemühte sich um eine, schon wahr, aber er scheiterte kläglich. Er definierte rote Linien und als Assad sie überschritt, zog er keine Konsequenzen. Keine Meisterleistung.

Trump tut erst gar nicht so, als hätte er eine Strategie oder wollte eine haben. Er handhabte jedoch diesmal Angriff und Abfederung erstaunlich gut. Weder blamierte er sich wie im Fall Nordkorea, noch löste er die erwartete Eskalation aus.

Der Mord an einem General folgerichtig und erzeugt nur moderate Gegenwehr

Mir wäre es auch lieber, wenn sich die Supermacht Amerika um eine Beendigung des Krieges in Syrien bemühen würde und im Irak nach 16 Jahren einen Zustand einkehren ließe, der einer Abwesenheit von Krieg ähnelt. Doch von keiner Supermacht auf Gottes Erdboden würden sich Putin und Erdogan und Assad und Chamenei zur Befriedung drängen lassen.

Der Krieg dient ihren Interessen. Die Opfer sind ihnen gleichgültig. Frieden liegt ihnen fern.

So stehen die Dinge im Nahen Osten. Und in dieser beklemmenden, trostlosen, barbarischen Gegenwart ist der Mord an einem General folgerichtig und erzeugt nur moderate Gegenwehr. Erstaunlich, aber wahr. Und um die Dinge noch einmal gerade zu rücken: Zu massiven Rundumschlägen, die Amerika in einen Krieg hätten hineintreiben können, bot sich im Frühsommer 2019 eine günstige Gelegenheit, als die Revolutionsgarden Tanker im Persischen Golf angriffen. Aber zehn Minuten vor der Raketensalve sagte Trump den Angriff ab.

Die iranische Rhetorik und Strategie ist das Spiegelbild der amerikanischen. Den großen Krieg wollen sie nicht. Amerika mischt punktuell mit und hält sich so weit wie möglich heraus und überlässt stattdessen Saudi-Arabien und Israel die Eindämmung Irans.

Nichts hat sich verändert, geschweige denn zum Besseren gewendet

Kein Zweifel, Iran strebt die Hegemonie im Nahen Osten an und nutzt die vielen Konflikte und Kriege zu seinen Gunsten aus. In General Soleimani fand sich der Meister dieses asymmetrischen Vorgehens. Nicht das Militär, sondern die al-Quds-Einheiten mischten überall mit und setzten sich dort fest, wo sich Vakanzen eröffneten. Sie verbreitern die Kluft zu Saudi-Arabien und Israel.

Nun herrscht Ruhe an den meisten Fronten. Aber nichts hat sich verändert, geschweige denn zum Besseren gewendet. Zu befürchten bleibt, dass der Polizeistaat Iran gegen die Demonstranten vorgeht, die es wagten, den Religionsführer Chamenei anzugreifen, ein Sakrileg im schiitischen Staat. Zu befürchten bleibt auch, dass Präsident Ruhani mit seiner Entschuldigung gegenüber der Ukraine neuen Zorn auf sich lenkt und geschwächt aus der Krise hervorgeht.

Nichts muss jedoch so bleiben, wie es ist. Die Machtverhältnisse in Teheran sind womöglich weniger unerschütterlich, als es uns erscheint. Genauso gut ist es möglich, dass das Regime die Konflikte in der Region wie gewohnt asymmetrisch anheizt, denn selbstverständlich findet sich Ersatz für den getöteten General, der rasch sein Können beweisen muss.

Jede Ruhe hält im Nahen Osten nicht lange an. Jede Illusion löst sich umgehend in Nichts auf. Die Welt kann froh sein, wenn es bei der militärischen Asymmetrie bleibt und die Rhetorik folgenlos aufflammt, so dass er ausbleibt: der große Krieg in dieser Region.

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