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Sleepy Joe? Biden zĂŒndet ein Feuerwerk

Von Gerhard Spörl

Aktualisiert am 26.04.2021Lesedauer: 4 Min.
Joe Biden beim virtuellen Klimagipfel: Der US-PrÀsident prescht in den ersten Wochen seiner Amtszeit vor.
Joe Biden beim virtuellen Klimagipfel: Der US-PrÀsident prescht in den ersten Wochen seiner Amtszeit vor. (Quelle: Evan Vucci/ap-bilder)
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Er redet nicht viel, aber er bringt viel auf den Weg: Joe Biden will Amerika nach innen erneuern und nach außen wieder Weltmacht sein. DafĂŒr legt er ein mĂ€chtiges Tempo vor und erstaunt Freund wie Feind.

Da wir in letzter Zeit ziemlich viel mit uns selbst beschĂ€ftigt waren, mit Corona und Armin und Annalena, haben wir nur im Augenwinkel wahrgenommen, was sich in Amerika tut. Dieses VersĂ€umnis wollen wir heute wettmachen und Joe Biden gebĂŒhrende Aufmerksamkeit zollen.

Der amerikanische PrĂ€sident, dem niemand viel zutraute, brennt seit seinem ersten Amtstag ein wahres Feuerwerk ab. Er redet nicht viel, er ist kein MenschenfĂ€nger wie Barack Obama oder Bill Clinton und schon gar nicht ein ichsĂŒchtiger Blender wie sein VorgĂ€nger. Er macht nicht viele Worte, sondern handelt und dabei verstĂ¶ĂŸt er bestĂ€ndig gegen den Ruf, der ihm anhĂ€ngt. Donald Trump nannte ihn "Sleepy Joe". Barack Obama bemerkte mokant, man solle Bidens Talent nicht unterschĂ€tzen, alles zu versauen.

Ginge es mit rechten Dingen zu, mĂŒsste wenigstens Obama öffentlich Abbitte leisten. Joe Biden macht ziemlich viel ziemlich richtig und das im Akkord.

Weltmacht mit AutoritÀt

In der vorigen Woche lud der PrĂ€sident zu einem digitalen Klimagipfel ein. 40 LĂ€nder schalteten sich zu, auch China und Russland. Dabei kĂŒndigte der PrĂ€sident an, die USA wĂŒrden den Ausstoß an Treibhausgasen bis 2030 im Vergleich zu 2005 halbieren. Daraufhin sagte Xi Jinping zu, den Kohleverbrauch ab 2025 zu mindern. Wladimir Putin versicherte, wie tief sein Land "die mit dem Klimawandel verbundene Besorgnis" teile.

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Joe Biden bei einer virtuellen Pressekonferenz mit Kanadas Premierminister Justin Trudeau: Der neue US-PrĂ€sident ĂŒberrascht auch VerbĂŒndete mit seinen schnellen Taten.
Joe Biden bei einer virtuellen Pressekonferenz mit Kanadas Premierminister Justin Trudeau: Der neue US-PrĂ€sident ĂŒberrascht auch VerbĂŒndete mit seinen schnellen Taten. (Quelle: Jonathan Ernst/Reuters-bilder)

Ja, Skepsis ist legitim, selbst Zynismus. Versprechungen von Staats- und Regierungschefs waren nur zu oft schon Schall und Rauch. Aber wahr ist auch, dass keine grĂ¶ĂŸere Macht auf dem Erdball noch so tun kann, als wĂ€re die ErderwĂ€rmung jenseits der 1,5 Grad kein monströses Problem fĂŒr die Menschheit. Und niemand kann ĂŒbersehen, dass Amerika wieder als Weltmacht mit AutoritĂ€t auftritt und nach vier Jahren der Ignoranz FĂŒhrung ausĂŒbt.

Biden sagt, was ist

Wie nebenbei nannte der amerikanische PrĂ€sident, ebenfalls in der vorigen Woche, das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich wĂ€hrend des Ersten Weltkriegs einen Völkermord. Nicht Obama, nicht Bill Clinton waren so weit gegangen – aus Sorge vor der Reaktion der TĂŒrkei, welche die Verantwortung fĂŒr das Massaker pompös von sich weist. Wie nebenbei bezeichnete Biden den russischen PrĂ€sidenten als Mörder, verlĂ€ngerte den New-Start-Atomvertrag und lud ihn zu einem Staatsbesuch ein.

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Nicht schlecht. Nicht getwittert, ins Gesicht gesagt. Bidens Stil verbindet Freimut mit Angeboten. Er sagt, was ist und macht VorschlĂ€ge fĂŒr die Verbesserung der VerhĂ€ltnisse. Das kann eine Gratwanderung sein, aber noch ist er nicht abgestĂŒrzt. Endlich ist Amerika wieder auf einer Umlaufbahn mit Europa. Endlich fĂŒhrt die Supermacht wieder auf den Feldern, auf die es ankommt – diese Kombination aus Klimapolitik, Sicherheitspolitik, Außenpolitik und Wirtschaftspolitik. Von der Handhabung dieser historisch herausragenden Probleme hĂ€ngt ab, was sich in den nĂ€chsten Jahrzehnten auf der Welt ereignen wird.

Keine großen Versprechen – Biden handelt

Joe ist nicht verpennt, er ist hellwach. Hager wie er ist, sieht er aus wie der Ă€ltere Herr, der er ist. Was er nicht gut kann, meidet er, zum Beispiel große Reden zu halten, bei denen er sich gerne verhaspelt. Was er nicht ist, fĂ€llt wohltuend auf. Weder bespiegelt er sich andauernd, noch lobt er sich ermĂŒdend selbst. Weder macht er große Versprechungen, noch schielt er auf den Friedensnobelpreis. In amerikanischen Filmen spielt Harrison Ford hĂ€ufig solche Mr. Durchschnittsamerikaner, die in der Stunde der Gefahr ĂŒber sich hinauswachsen. So ein Mensch, in dem wider Erwarten viel mehr steckt, als die anderen ihm je zugetraut hĂ€tten, scheint Joe Biden zu sein.

Als er seinen Amtseid ablegte, sagt er, er wolle Amerika mit sich selbst versöhnen. Wie macht man das? Durch Handeln. Gegen die Pandemie ging er brachial vor: Impfen, Impfen, Impfen, ĂŒberall dort, wo Autos vorfahren können. Sollte dieses Riesenland tatsĂ€chlich in den nĂ€chsten Wochen HerdenimmunitĂ€t erreichen, wĂ€re das ein beispielhafter Erfolg, der EuropĂ€ern zu denken geben mĂŒsste.

Gewaltiger Paradigmenwechsel

Zudem stĂŒrzt sich Amerika unter Biden in ungeheure Schulden, um das Land von innen wiederaufzubauen. Riesige Summen sollen zum Beispiel in die marode Infrastruktur fließen. Darin liegt ein gewaltiger Paradigmenwechsel, denn jahrzehntelang galt die Religion, dass der Privatsektor besser als der Staat weiß, was der Gesellschaft guttut. Jetzt ist es der Staat, der sich um die öffentlichen GĂŒter kĂŒmmern muss, die strĂ€flich vernachlĂ€ssigt wurden.

Biden kehrt ins Weiße Haus zurĂŒck: Am Wochenende hatte sich der US-PrĂ€sident eine kurze Auszeit in Wilmington gegönnt.
Biden kehrt ins Weiße Haus zurĂŒck: Am Wochenende hatte sich der US-PrĂ€sident eine kurze Auszeit in Wilmington gegönnt. (Quelle: Manuel Balce Ceneta/ap-bilder)

Außerdem bekamen Millionen Amerikaner Geld aus einem 1,9-Billionen-Paket, deren Arbeitslosenhilfe sonst ausgelaufen wĂ€re, genauso wie geringverdienende Familien mit Kindern. Andere Familien bekamen Steuererleichterungen, weitere Millionen Amerikaner erhielten Schecks ĂŒber 1.400 Dollar, um die Pandemie zu ĂŒberstehen. Diese Verteilung war sozial dringend notwendig und politisch zielte sie auf die weiße Unterschicht, die zu Trump ĂŒbergelaufen war, weil die Demokraten sie ignorierten.

Biden versucht, woran Trump scheiterte

NatĂŒrlich kann viel schiefgehen, muss aber nicht. In diesen Projekten steckt gesunder Menschenverstand, der Gutes fĂŒr die Armada der VernachlĂ€ssigten in Amerika erreichen möchte. Ob sich das Land, das in zwei Lager zerfĂ€llt, die sich hassen, entspannen lĂ€sst, werden wir so schnell nicht wissen. Jedenfalls wird der Hass durch das Weiße Haus nicht noch geschĂŒrt.

In Washington zeigt sich seit dem 20. Januar, wozu Mr. Durchschnittsamerikaner fĂ€hig ist. Er formuliert keine Doktrin, aber ironischerweise versucht er, was Trump versuchte, Amerika wieder groß zu machen: Einerseits als ein Land, das beweist, dass Demokratien sich grunderneuern können, sozial wie ökonomisch. Andererseits als eine Weltmacht, mit der weiterhin zu rechnen ist und die vielleicht sogar ein Beispiel setzen kann.

Und was lernen wir fĂŒr uns daraus? Na ja, dass sich auch hierzulande ein stets UnterschĂ€tzter, ein Unglamouröser wider Erwarten zu Großem aufschwingt.

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