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Selbst das Vaterunser scheint Donald Trump nicht gut zu kennen

Ein Gastbeitrag von Salman Rushdie

Aktualisiert am 21.06.2021Lesedauer: 7 Min.
Donald Trump: Besonders bibelfest scheint der ehemalige US-Präsident nicht zu sein, so Salman Rushdie in seinem neuen Buch.
Donald Trump: Besonders bibelfest scheint der ehemalige US-Präsident nicht zu sein, so Salman Rushdie in seinem neuen Buch. (Quelle: Shawn Thew/imago-images-bilder)
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Religion ist der gesellschaftliche Kitt Amerikas, noch wichtiger als die Redefreiheit. Deshalb muss sich selbst Donald Trump einen religiösen Anstrich geben. Warum das so ist, beschreibt Salman Rushdie in seinem neuen Buch.

"Freiheit" ist zunächst vor allem erst einmal ein Wort. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, es mit Bedeutung zu füllen. Gerade Europäer und Amerikaner verstehen "Freiheit" durchaus unterschiedlich – genau wie die Bedeutung der Religion. Sie greift in den USA so weit, dass selbst Donald Trump zumindest die Mindestanforderungen in Sachen Religion erbringen muss. Bestsellerautor Salman Rushdie hat darüber nachgedacht:

Salman Rushdie, geboren 1947 in Bombay, ist indisch-britischer Schriftsteller. 1981 wurde er mit seinem Roman "Mitternachtskinder" international bekannt. Sein Buch "Die Satanischen Verse", das 1988 erschien, führte zu heftigen Debatten. Der damalige iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini rief sogar zum Mord an Rushdie auf. 2007 schlug Queen Elizabeth II. Rushdie zum Ritter. Seine bislang 14 Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Nun erscheint mit "Sprachen der Wahrheit. Texte 2003 – 2020" (480 Seiten, aus dem Englischen von Sabine Herting und Bernhard Robben) sein neuestes Buch in Deutschland.

Gottlosigkeit ist in Amerika ungewöhnlich, in England und Europa dagegen so weit verbreitet, dass man sich, falls jemand erklären sollte, er glaube nicht an Gott, vermutlich am Kopf kratzen und sich fragen würde, warum er oder sie so etwas Banales von sich gibt. Den eigenen Atheismus zuzugeben wirkt, als bestätigte man Offenkundiges. Seltsam findet man es dagegen, wenn man sich zu seinem Glauben bekennt. (Falls man nicht Muslim ist. Muslime haben so ihre Probleme mit dem Atheismus.)

Als Tony Blair noch britischer Premierminister war, gaben sich seine Imageberater größte Mühe, Blairs Religiosität zu verheimlichen, denn wäre die bekannt geworden, hätte sich das bei den Wahlen nachteilig ausgewirkt. Öffentlich bekannte Frömmigkeit und tiefe Gottgläubigkeit waren ein sicheres Rezept für politische Niederlagen.

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Zusammen mit bekannten Rednern wie Richard Dawkins, Daniel Dennett und manch anderen wurde ich 2017 nach Australien zu einer Konferenz mit dem Titel "Der globale Atheist" eingeladen. Später kam mir zu Ohren, dass die Konferenz abgesagt werden musste, da man nicht genug Eintrittskarten verkaufen konnte. Beeindruckend fand ich, dass so gut wie keine Karten verkauft wurden. Offenbar hatten die Aussies keine Lust, dafür zu bezahlen, dass wir sie über etwas belehrten, was sie für selbstverständlich hielten. Lieber gingen sie an den Strand, tranken wie Richter Brett Kavanaugh ein paar Bier und fühlten sich dann nicht länger verantwortlich für das, was danach geschehen mochte. In Amerika sind wir leider noch nicht so fortschrittlich wie in Australien – das mit dem Bier und dem Danach vielleicht ausgenommen.

Salman Rushdie: Der Schriftsteller untersucht das Verhältnis von Freiheit und Religion.
Salman Rushdie: Der Schriftsteller untersucht das Verhältnis von Freiheit und Religion. (Quelle: xi-Images/imago-images-bilder)

Spricht man in Amerika an einem Rednerpult abfällig über die Religion, vernimmt man oft schockierte Reaktionen: ein lautes Schnaufen, ein Nach-Luft-Schnappen. In Amerika wird man nicht mal als Hundefänger eingestellt, wenn man nicht nachweisen kann, dass man jeden Sonntag in die Kirche geht und zum Priester eine freundschaftliche Beziehung unterhält. (Soo freundschaftlich nun auch wieder nicht, nur um das gleich klarzustellen.)

Selbst Donald Trump muss vorgeben, religiös zu sein, was ihm nicht immer leichtfallen dürfte, scheint er doch, wie auf einer Videoaufnahme aus der National Cathedral zu sehen ist, selbst das Vaterunser nicht besonders gut zu kennen. (Etwas zu kennen, gehört sowieso nicht gerade zu Trumps Stärken. Wie ein konservativer Kommentator einmal erklärte, gehe es nicht allein darum, dass Trump dieses oder jenes nicht kennt, sondern darum, dass er nicht mal weiß, was "etwas zu kennen" bedeutet.)

Vor einigen Jahren, noch vor dem letzten Irakkrieg, unterhielt ich mich in Washington mit Politikern der republikanischen und der demokratischen Partei. Einer der auffälligsten Unterschiede im Gespräch mit den beiden Gruppierungen war, dass die Demokraten sich in weltlicher Terminologie über Politik ausließen, wohingegen die Republikaner immer wieder von Gebetskreisen und ihrem Glauben sprachen. Beim Treffen mit den Republikanern erklärte ein Senator der Grand Old Party entrüstet, er habe gehört, Osama bin Laden hätte behauptet, dass Amerika ein gottloses Land sei.

"Wie kann der so was sagen?", fragte mich der Senator ehrlich empört. "Wir sind doch ein durch und durch gläubiges Land!" Mich dagegen verblüffte seine Vehemenz. Er schien den Eindruck zu haben, dass seine Identität in ihren Grundfesten angegriffen wurde. Ich sagte mir, dass Osama bin Laden vermutlich bedeutsamere Ziele als das Selbstverständnis des Senators im Visier hatte, behielt diesen Gedanken aber für mich.

Allerdings habe ich mich dann doch gefragt, warum die Menschen im Land der Freien überall von einer antiken Gottesideologie gefangen gehalten wurden. Im Folgenden meine Erklärung, die schlichte Theorie, die ich dazu aufgestellt habe. Sie hat viel damit zu tun, wie die Menschen über Freiheit denken. In Europa wurde der Kampf um die Freiheit des Denkens und Redens eher gegen die Kirche als gegen den Staat geführt. Die Kirche mit ihrem Unterdrückungsapparat – Exkommunikation, Kirchenbann, Index expurgatorius, Folter, Ertränken von Hexen und Verstümmeln oder Verbrennen von Andersdenkenden – sorgte dafür, dem, was gedacht und gesagt werden konnte, Grenzen zu setzen, und wenn man die überschritt, wie etwa Giordano Bruno oder Savonarola, fand man sich bald auf dem Scheiterhaufen wieder oder wurde doch wie Galilei gezwungen, etwas zu widerrufen, von dem man wusste, dass es die Wahrheit war.

Im europäischen Denken wird "Freiheit" somit als "Freiheit von der Religion" verstanden. Die Schriftsteller und Philosophen der französischen Aufklärung wussten das, weshalb sie darauf achteten, jene Macht der Kirche zu brechen, mittels der sie, nicht zuletzt mit dem Vorwurf der Blasphemie, freie Meinungsäußerung verhinderte; und es ist eben dieses Werk der Aufklärung, das zum Eckpfeiler unserer modernen Auffassung von Freiheit wurde.

Amerikanische Unabhängigkeitserklärung: Religiöse Freiheit ist ein hoher Wert in den USA.
Amerikanische Unabhängigkeitserklärung: Religiöse Freiheit hat in den USA einen hohen Wert . (Quelle: alptraum Panthermedia/imago-images-bilder)

Die ersten Siedler aber, die aus Europa nach Amerika kamen, flüchteten vielfach vor religiöser Verfolgung, und Amerika, ihre neue Heimat, sollte für sie das Land sein, in dem sie ihren Glauben frei und ohne Furcht ausüben konnten. "Freiheit" war in Amerika somit von frühester Zeit an keine Freiheit von der Religion, sondern eine Freiheit der Religion. Religion und Freiheit waren somit keine Gegensätze, sondern eine Einheit. Und als der Erste Verfassungszusatz formuliert wurde, hat man diese beiden Themen für immer aneinandergekoppelt. "Der Kongress soll kein Gesetz erlassen, das eine Einrichtung einer Religion zum Gegenstand hat oder deren freie Ausübung beschränkt, oder eines, das Rede- und Pressefreiheit oder das Recht des Volkes, sich friedlich zu versammeln und an die Regierung eine Petition zur Abstellung von Missständen zu richten, einschränkt."

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Die Freiheit der Religionsausübung wurde also der Redefreiheit übergeordnet. Sie kommt an erster Stelle, die freie Meinungsäußerung an zweiter. Und das hat viel damit zu tun, warum der Atheismus in Amerika nur flache Wurzeln geschlagen hat. Religion und Freiheit gingen auf dem nordamerikanischen Kontinent einen Bund ein, der Erste Verfassungszusatz ist die Heiratsurkunde, und die Vereinigten Staaten sind das Resultat.

Das amerikanische Beispiel, demzufolge der Wunsch nach religiöser Freiheit so weit gefasst wurde, dass er auch die Freiheit des Redens und Denkens umfasst, ist meiner Meinung nach eine Ausnahme von der Regel. Meist standen Religion und Freiheit zueinander im Widerspruch. Und selbst im heutigen Amerika fällt es nicht schwer, die Bruchlinien zwischen Freiheit und Religion auszumachen. Einerseits schützt der Erste Verfassungszusatz die religiöse Freiheit der Juden in Pittsburgh nicht vor dem Waffenwahn Amerikas, wie er von der heutigen Auslegung des Zweiten Verfassungszusatzes abgesegnet wird. Andererseits aber können religiös Gesinnte die Freiheit Andersdenkender angreifen, indem sie "Freiheit" zu so etwas wie "von Gott autorisierte Engstirnigkeit" umdeuten.

Die Weigerung, in Geschäften Schwule zu bedienen oder deren Ehen anzuerkennen, ist nur ein Beispiel für jene "Freiheit", wie sie im Bibelgürtel oft missverstanden wird. Wir leben in einer gewaltsamen Zeit, in der solcherart verzerrte Auslegungen zu Gewalt führen können, was wohl für keine Wörter stärker zutrifft als für Freiheit und Freizügigkeit. Ich will später noch darauf zurückkommen, möchte vorab aber auf die Ursprünge sowohl der Religion wie des Gedankens von persönlicher Freiheit eingehen.

Die Götter wurden geboren, weil Menschen die Welt nicht verstanden. Was war die Sonne? Und wieso stieg sie am Himmel auf? Was waren der Mond und die Sterne? Lebten wir unter einer großen Kuppel, durch deren Löcher geheimnisvolles Licht fiel? Wer ließ es regnen, und warum lebten, warum starben wir? Wie kamen wir hierher, und wo kam dieses Hier her, ehe wir kamen? Seit frühester Zeit leiden wir unter dem anthropomorphischen Trugschluss – dem Glauben, dass Nichtmenschliches wie Pflanzen oder Meere menschliche Eigenschaften wie Gefühle besitzt, dass der Himmel verärgert und die Brise sanft sein könnte –; seit frühester Zeit sind wir aber auch narrative Tiere.

Wir erzählten uns Geschichten, um uns zu erklären, was wir nicht verstanden. Wir ersannen größere, mächtigere Versionen unserer selbst, die, hinter Wolken verborgen, von ihren Berggipfeln Donnerkeile auf uns herabschleuderten und die von einem Thron tief unterm Wasser die Oberfläche des Meeres aufwühlten. Wir rückten die Götter auch ins Zentrum unserer Gespräche über Liebe und Angst. Manchmal mochten sie uns, hatten Lieblingsmenschen, Lieblingsstädte, wenn ihre Lieblinge aber auf verfeindeten Seiten standen, wenn der Liebling des einen Gottes die Griechen, der eines anderen die Trojaner bevorzugte, dann war Vorsicht geboten. Und manchmal sah die Liebe eines Gottes – ging es dabei um eine Menschenfrau – auch sehr nach Vergewaltigung aus.

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Oft aber waren die Götter einfach nur furchteinflößend und rachsüchtig, besonders jenen gegenüber, die davon träumten, ihnen ähnlich zu sein. Man denke nur an Arachne, die fand, ihre Webkunst sei so gut wie die von Athene. Daraufhin wurde sie in eine Spinne verwandelt. Die Götter haben es noch nie gemocht, wenn Menschen mit ihrer Macht wetteiferten oder wenn irgendwer versuchte, ihnen ihren Zauber zu nehmen. Die Bestrafung des Titanen Prometheus, der das Feuer stahl, war als Mahnung für uns alle gedacht. "Kenne deinen Platz" lautete von Beginn an die Botschaft der Götter. Freiheit aber ist genau die Idee, die besagt, dass man den eigenen Platz nicht kennen muss, sondern sich selbst einen Platz schaffen kann, an dem man sich gut fühlt.

Die im Gastbeitrag geäußerten Ansichten geben die Meinung des Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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