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Die wirre Hetzschrift des Massenmörders von Buffalo

  • Bastian Brauns
Von Bastian Brauns, Washington

17.05.2022Lesedauer: 6 Min.
Ein Beamter der Spurensicherung untersucht in Buffallo Einschusslöcher: Hier hatte ein 18-Jähriger aus rassistischen Motiven 10 Menschen getötet.
Ein Beamter der Spurensicherung untersucht in Buffallo Einschusslöcher: Hier hatte ein 18-Jähriger aus rassistischen Motiven 10 Menschen getötet. (Quelle: Brendan McDermid/Reuters-bilder)
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Ein 18-Jähriger tötet in einem US-Supermarkt zehn Menschen. Die Hetzschrift des Attentäters offenbart ein tieferliegendes Problem: Seine Verschwörungsideologien sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Es gibt keine Zweifel mehr an den rassistischen und antisemitischen Motiven des Attentäters von Buffalo, der am vergangenen Wochenende zehn Menschen in einem Supermarkt im US-Bundesstaat New York ermordete.

Der 18-J√§hrige richtete seine Todesdrohungen ausdr√ľcklich an alle "Nicht-Wei√üen", zu denen er Schwarze ebenso z√§hlt wie Juden und Muslime. Das geht aus einem 180 Seiten langen Dokument hervor, das der T√§ter anl√§sslich seines Attentats im Internet hochgeladen hatte. t-online hat es sich genauer angesehen.

Die wirre Hassschrift belegt nicht nur, wie tief verankert Payton S. Gendrons Rassismus, Antisemitismus und Glaube an Verschwörungsideologien ist. Der Inhalt zeigt deutlich, woher der Teenager seine Ansichten nimmt und wer seine mörderischen Idole sind. Einige der Grundlagen seiner Menschenverachtung finden sich dabei im Mainstream eines großen Teils der amerikanischen Medien.

Gendron skizziert in seinem umfangreichen Pamphlet unter anderem einen angeblichen Rassenkrieg, den er sich geradezu herbeisehnt. "Geht, solange ihr es noch k√∂nnt", droht er an einer Stelle unverhohlen; solange der "Wei√üe Mann" lebe, k√∂nnten sich alle anderen nicht mehr sicher sein. Auf zahlreichen Seiten bildet Gendron Hunderte von Journalisten und Journalistinnen sowie Politikerinnen und Politiker ab, die er als j√ľdisch und damit als seine Feinde ausgemacht hat.

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Seine Hassschrift belegt einmal mehr, wie solche oftmals als "einsame Wölfe" beschriebenen Einzeltäter sehr wohl nach dem gleichen Stereotyp handeln: Indem sie einander nachahmen, einander motivieren und geradezu anfeuern, handeln sie durchaus gemeinsam, wenngleich nicht immer als klar definierte und organisierte Gruppe.

Vorbilder in Deutschland und Neuseeland

Nach eigenen Angaben war f√ľr Payton S. Gendron etwa der rassistische Attent√§ter von Christchurch in Neuseeland ein Vorbild. Brenton Tarrant, der im Jahr 2019 bestialisch 51 Menschen in zwei Moscheen ermordete, sei derjenige gewesen, der ihn "am meisten radikalisiert" habe, behauptet der 18-J√§hrige. Seinetwegen habe er √ľberhaupt angefangen, zu "recherchieren". "Ohne seinen Livestream h√§tte ich wahrscheinlich keine Ahnung von den wirklichen Problemen", mit denen der Westen angeblich konfrontiert sei, so Gendron. Tarrant hatte seinen Massenmord damals live im Internet √ľbertragen.

Aber auch den Anschlag auf die Synagoge in Halle im Jahr 2019 verfolgte Gendron offenbar mit Interesse und kopierte das Vorgehen des dortigen T√§ters. Denn auch der deutsche Rechtsextremist Stephan Balliet hatte seine Morde per Livestream im Internet auf der Plattform Twitch √ľbertragen. Gendron schreibt, dass dieser Livestream rund "35 Minuten dauerte". Das habe ihm gezeigt, dass man auf der Plattform gen√ľgend Zeit habe, "um alles Wichtige festzuhalten", damit andere es sehen, herunterladen und verbreiten k√∂nnten. Seine einzige Sorge: Sein geplanter Livestream k√∂nnte zu fr√ľh gemeldet und entfernt werden.

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Das Internet als Trittbrett

Wie wichtig der Faktor Livestreaming f√ľr den T√§ter von Buffalo war, zeigt ein weiterer menschenverachtender Satz aus seinem bewusst verbreiteten Dokument: "Den Anschlag live zu streamen, gibt mir eine gewisse Motivation, weil ich wei√ü, dass mich einige Leute anfeuern werden", schreibt Gendron.

Tatsächlich wurde der Livestream bei seiner Tat nicht rechtzeitig entfernt. Die grauenvollen Morde an unschuldigen Menschen vor und in dem Supermarkt von Buffalo waren alle zu sehen und sind noch immer im Internet zu finden.

Die Helmkamera des T√§ters zeigt die Waffe von Gendron, die er mit rassistischen Beschimpfungen gegen Schwarze bekritzelt hat. Eiskalt dr√ľckt er ab. Zuerst erschie√üt er eine Frau und drei weitere Menschen vor dem Laden. Dann betritt er den Supermarkt. Einige Menschen ducken sich in Todesangst auf den Boden. Es ist dem T√§ter egal. Auf 13 Menschen schie√üt er, darunter elf Schwarze. Zehn von ihnen bringt er um, bevor Polizisten ihn stoppen k√∂nnen. Sich zu ergeben hatte Gendron seiner Schrift zufolge ebenfalls minuti√∂s eingeplant.

Samstagnachmittag in Buffalo: Polizisten sichern den Tatort ab
Samstagnachmittag in Buffalo: Polizisten sichern den Tatort. (Quelle: imago-images-bilder)

Stolz prahlt der 18-J√§hrige au√üerdem seitenlang mit seinen Waffen, seiner Schutzausr√ľstung und seinen Vorbereitungen. Selbst einen Besuch bei McDonald's kurz vor dem Massenmord erw√§hnt er. Um sein Gewehr noch wirkungsvoller zu machen, nutzte er laut eigenen Aussagen unter anderem einen Bohrer seines Vaters. Gendron verweist auf zahlreiche YouTube-Videos, mit deren Hilfe er sich "fortgebildet" habe.

Das Dokument ist nicht nur eine ideologische Hetzschrift. Es bietet auch eine Anleitung f√ľr von ihm erw√ľnschte Nachahmer in seinem herbeifantasierten Krieg.

F√ľnf Einschussl√∂cher im Fenster des Supermarktes "Tops" in Buffalo
F√ľnf Einschussl√∂cher im Fenster des Supermarktes "Tops" in Buffalo. (Quelle: imago-images-bilder)

Viele Amerikaner driften ab

In den USA ist seit dem Wochenende die Debatte um sch√§rfere Waffengesetze wieder voll entbrannt. Aber auch die Verantwortung von Social-Media-Plattformen steht einmal mehr zur Diskussion. New Yorks Gouverneurin Kathy Hochul griff angesichts der hochgeladenen und abrufbaren Hassschrift des T√§ters die Internetplattformen an. Die betreffenden Webseiten bezeichnete sie als "Instrumente des B√∂sen". Sie fordere die CEOs aller Social-Media-Plattformen auf, ihre Richtlinien zu √ľberpr√ľfen. "Sie sollen mir in die Augen sehen und mir sagen, dass alles getan wird, um sicherzustellen, dass solche Informationen nicht verbreitet werden", sagte Hochul dem Sender "CNN".

Hinzu kommen heftige Anschuldigungen, inwieweit die von dem Buffalo-T√§ter erw√§hnten rassistischen und antisemitischen Verschw√∂rungsideologien l√§ngst in breiten Schichten der amerikanischen Bev√∂lkerung angekommen sind. Und wer politisch und medial daf√ľr verantwortlich ist. Das Lager der Demokraten beschuldigt weite Teile der Republikanischen Partei und deren Lieblingsmedien.

Mehr als 60 Mal erwähnt Gendron in seinem Dokument etwa die Begriffe "replacement", "replace" oder "replacers", ein ideologischer Kampfbegriff rechtsextremer Gruppierungen, der in deutschen Kreisen unter anderem als der "große Bevölkerungsaustausch" bekannt ist. Dahinter steckt eine durchweg antisemitische Verschwörungsideologie, die in den USA etwa in dem größten Fernsehsender "Fox News" verbreitet wird.

Zwar erw√§hnt der T√§ter in seinen seitenlangen Auslassungen an keiner Stelle den "Fox News"-Moderator Tucker Carlson. Doch auch dieser Mann, dem in den USA Millionen Menschen zusehen, verbreitet diese antisemitischen L√ľgen. Etwa als Carlson im vergangenen September den Kurs von Joe Biden mit folgenden Worten beschrieb: "In politischer Hinsicht wird diese Politik als 'gro√üer Austausch' bezeichnet ‚Äď der Austausch alter Amerikaner durch gehorsamere Menschen aus fernen L√§ndern."

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Gegen das angebliche Mastermind hinter diesem behaupteten "Bev√∂lkerungsaustausch" hetzt Carlson ebenfalls regelm√§√üig. Wei√üe Amerikaner auszutauschen, sei demnach das Ziel des aus Ungarn stammenden, j√ľdischen US-Investors George Soros, der einst den Holocaust √ľberlebte, weil sein Vater ihn vor den Nazis verstecken konnte.

Von Tucker Carlson konnte man in einem eigens f√ľr "Fox News" produzierten Film √ľber Soros Ende Januar folgenden Satz h√∂ren: "George Soros ist ein milliardenschwerer Devisenh√§ndler, der Jahrzehnte damit verbracht hat, einen demografischen Krieg gegen den Westen zu f√ľhren."

Der Attent√§ter von Buffalo erw√§hnt in seinem Dokument George Soros ebenfalls. Und er ruft zu dessen Mord auf. Soros, der Milliard√§r, sei f√ľr "die Angriffe auf den Westen verantwortlich", schreibt Gendron. Weil dieser Finanzinvestor "radikale Linke" unterst√ľtze, zerst√∂re er eine "wei√üe Kultur" und plane eine neue Weltordnung. Es klingt fast eins zu eins nach Tucker Carlson, beziehungsweise nach dessen Erz√§hlung.

Payton Gendron vor dem Untersuchungsrichter kurz nach seiner Festnahme
Payton Gendron kurz nach seiner Festnahme vor dem Untersuchungsrichter. (Quelle: imago-images-bilder)

Große Symbolik, aber wenig Konsequenzen

Der US-Pr√§sident hat anl√§sslich des rassistischen Mordanschlags kurzerhand seine Reisepl√§ne ge√§ndert. Im Wei√üen Haus wei√ü man um die Gefahren, die der Anschlag auch f√ľr die ganze Gesellschaft birgt. Bevor Joe Biden am Donnerstag zu seiner Asienreise aufbrechen wird, fliegen er und seine Frau Jill deshalb an diesem Dienstag nach Buffalo, um den Angeh√∂rigen ihr Beileid auszusprechen und um der Ermordeten zu gedenken.

Bei ihrer ersten Pressekonferenz am Montag las Bidens neue Sprecherin Karine Jean-Pierre bereits alle Namen der Opfer von Buffalo vor. Doch welche Konsequenzen wird die Biden-Regierung aus diesem erneuten Massaker ziehen? Jean-Pierre blieb vorerst nicht viel mehr als zu sagen, der Präsident verurteile "white supremacy", also eine rassistische Ideologie, die eine "Überlegenheit der Weißen" propagiert.

Unterdessen wurde bekannt, dass der 18-jährige Täter bereits im März von einem Sicherheitsdienstmitarbeiter dabei beobachtet worden war, wie er den Supermarkt in Buffalo auskundschaftete. Den Anschlag muss Gendron also seit Monaten geplant haben. In seinem Dokument findet sich ein Grundriss des Supermarktes, auf dem er seine Laufwege genau eingezeichnet hat.

In der Schule soll er bereits durch verst√∂rende Aktionen aufgefallen sein. Nachdem er w√§hrend der Pandemie, mit einem Schutzanzug bekleidet, seine Klassenkameraden erschreckt hatte, soll er f√ľr anderthalb Tage in ein Krankenhaus eingewiesen worden sein, um seine psychische Gesundheit zu untersuchen. Gendron hatte in seiner Schule damit gedroht, Menschen zu t√∂ten und anschlie√üend sich selbst. Warum der Teenager dann nicht weiter beobachtet worden ist, ist derzeit noch unklar. Nach der Tat ist er festgenommen und wegen Mordes angeklagt worden.

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