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"Der Verlust" von Anita Blasberg: Der Glauben in den Staat schwindet


"Der Protest ist still"

Von Carl Lando Derouaux

Aktualisiert am 09.10.2022Lesedauer: 7 Min.
Interview
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Plenarsitzung des Deutschen Bundestages (Archivbild): "Das Vertrauen ist bereits stark erodiert." (Quelle: imago)

In der Krise ist Vertrauen essenziell. Die Journalistin Anita Blasberg hat ergründet, weshalb der Glaube in den Staat schwindet.

Wahlbeteiligungen sinken, Populisten triumphieren. In den vergangenen Jahren drängte sich in Europa und in Deutschland ein Eindruck auf: Viele Menschen erhoffen sich von der Politik nichts mehr.

Die ZEIT-Journalistin Anita Blasberg ist diesem Phänomen nachgegangen, jüngst veröffentlichte sie das Buch "Der Verlust - Warum nicht nur meiner Mutter das Vertrauen in unser Land abhandenkam".

Es ist eine Zeitreise durch die jüngere Geschichte der Bundesrepublik, in der Blasberg unterschiedlichste Menschen zu Wort kommen lässt: einen Treuhandmanager, einen Finanzpolitiker oder eine Klinikärztin etwa. Dabei versucht sie eine Frage zu klären: Warum verlieren auch hierzulande immer mehr Menschen das Vertrauen in den Staat?

Im Interview mit t-online erklärt sie, wie wichtig dieses Vertrauen ist, wie es in der Krise bewahrt werden kann und wo es zuletzt verloren ging.

t-online: Frau Blasberg, bei den letzten Wahlen in Europa haben Rechtspopulisten große Zugewinne machen können, in Italien regiert jetzt eine extreme Nationalistin. Was sagt uns das über das Vertrauen in das politische System?

Anita Blasberg: Nichts Gutes, fürchte ich. Dass die Kampagnen von Rechten und Populisten immer häufiger verfangen, zeigt vor allem eines: Viele Menschen erhoffen sich vom System und seinen demokratischen Kräften kaum mehr etwas. Das Vertrauen ist bereits stark erodiert – und das bis weit in die Mitte der Gesellschaften hinein, wie uns auch das Brexitvotum zeigte.

Wie steht es um das Vertrauen in den deutschen Staat?

Glaubt man den Umfragen, war das Vertrauen selten so gering wie heute. Ich denke da zum Beispiel an eine Allensbach-Umfrage aus dem Januar dieses Jahres, in der ein Drittel der Befragten angaben, dass sie glauben, in einer Scheindemokratie zu leben. Dass es ja doch keinen Unterschied mehr mache, wer regiert. Oder die Wahlbeteiligung: In Duisburg-Marxloh ist bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen nicht mal mehr jeder Vierte zur Wahl gegangen. Das ist mehr als ein Alarmzeichen.

Wahrscheinlich waren die Deutschen nie zuversichtlicher und vertrauensvoller als vor 31 Jahren, zur Zeit der frisch verkündeten Einheit. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Die Globalisierung zum Beispiel, die ja nicht nur die Arbeiterklassen, sondern den Nationalstaat gleich mit entmachtet hat. Vertrauen ist nichts Irrationales, sagen die Soziologen. Vertrauen beruht auf Fakten. Wenn also das Vertrauen in einem Land schwindet, dann liegt das höchstwahrscheinlich nicht nur an den Menschen, sondern vor allem am Land.

Sie schreiben zwar über Deutschland, aber Ihre eigene Mutter zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Buch. Wie kommt das?

Meine Mutter war der vielleicht vertrauensvollste Mensch, den ich kannte. Eine glühende Demokratin, Helmut-Schmidt-Verehrerin und Grünen-Wählerin der ersten Stunde. Ihr Vertrauensverlust hat mich so schockiert, dass ich ihn verstehen wollte. Über sie geschrieben habe ich aber vor allem, weil ich das Gefühl hatte, dass sie eine ziemlich typische Deutsche ist, dass man mit ihrer Hilfe vielleicht auch den Gedanken und Gefühlen anderer enttäuschter Menschen näherkommt.

Was steht auf dem Spiel, wenn der Vertrauensverlust weiter durchschlägt?

Ich glaube, die Bedeutung von Vertrauen wird oft unterschätzt. Das ist vergleichbar mit Luft: Wir nehmen sie erst wahr, wenn sie knapp wird oder verschmutzt ist. Vertrauen ist aber zentral für uns: Die Demokratie wie unsere Marktwirtschaft könnten ohne Vertrauen nicht funktionieren. Jede Überweisung im Voraus benötigt Vertrauen, jedes Kreuz auf dem Wahlzettel. Und anders als die autokratische Herrschaft basiert die Demokratie darauf, Kompromisse zu finden. Eine Seite gibt nach – im Vertrauen darauf, dass die andere es das nächste Mal tun wird. Fehlt dieses Vertrauen, wird schlimmstenfalls, wie derzeit in den USA, der politische Prozess gelähmt. Es ist im Übrigen gar nicht schlimm, wenn Menschen das Vertrauen in ihre Regierung verlieren – die können sie abwählen. Schlimm ist nur, wenn sie ihr Vertrauen in den Staat als Ganzes verlieren.

Experten sagen immer wieder, Krisen könnten für den Staat auch eine Chance darstellen. Was kann er denn tun, um Vertrauen in der Krise zu bewahren oder sogar zu mehren?

Er könnte etwa den Bürgerinnen und Bürgern auch die unangenehmen Wahrheiten zumuten. Vertrauen, das wissen wir, wird nämlich mit Vertrauen erwidert. Auch wichtig: Reden und Handeln sollten übereinstimmen. Nehmen Sie das Beispiel der Klimakrise: Seit 20, 30 Jahren geben Politiker das Lippenbekenntnis, entschlossen gegen den Klimawandel vorzugehen. Das ernsthaft zu tun, würde sicher das Vertrauen stärken. Aber es passiert nicht. So etwas kostet Glaubwürdigkeit und damit auch Vertrauen.

Was würde bei den Personen, die in Ihrem Buch vorkommen, eine Krankenhausärztin etwa oder ein Klimaforscher, für Vertrauen sorgen?

Viele von ihnen – und auch meine Mutter – würden wahrscheinlich sagen: Die Politik muss den Bürger wieder an die erste Stelle setzen, vor die Wirtschaft und deren Interessen. Denn was sich in den letzten Krisen eingebrannt hat, ist: Die Allgemeinheit bezahlt für die Krise, aber es gibt ein paar wenige, die sogar von ihr profitieren. Die Menschen lesen ja all diese Meldungen, wie etwa die, dass sich während der Coronakrise die Zahl der Milliardäre deutlich erhöht hat. So etwas zerstört Vertrauen. Es zerstört das Gefühl, dass alle in einem Boot sitzen.

Anita Blasberg
Anita Blasberg (Quelle: Vera Tamm)

Über die Autorin

Anita Blasberg, 1977 in Düsseldorf geboren, studierte Sozialwissenschaften, Politik, Psychologie und Germanistik. Seit 15 Jahren arbeitet sie als Redakteurin für DIE ZEIT. Sie wurde mit dem Deutschen Sozialpreis und dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet. Für die Fernsehreportage "Die Weggeworfenen" erhielt sie unter anderem den Prix Italia. Blasberg hat zwei Söhne und lebt mit ihrer Familie bei Hamburg. "Der Verlust - Warum nicht nur meiner Mutter das Vertrauen in unser Land abhandenkam", Rowohlt Buchverlag, 400 Seiten, ist für 23 Euro im Handel erhältlich.

Zu dieser Ungleichheit scheint maßgeblich der Strukturwandel durch die Globalisierung beigetragen zu haben. Ist das ein gemeinsamer Nenner der Biografien, die sie recherchiert haben?

Vielleicht. Es gibt ein zentrales Versprechen der Globalisierung und der liberalen Politik, das nicht eingehalten worden ist: Wenn es den Unternehmen gut geht, dann geht es allen gut, weil der Wohlstand durchsickert in die Gesellschaft. Es gab zwar immense Produktivitätszuwächse in den letzten Jahrzehnten, auch durch die Globalisierung. Trotzdem ist in der Mittelschicht wenig davon angekommen, am unteren Rand der Gesellschaft fast gar nichts. Selbst für doppelt verdienende Ärzte ist es heute schwierig, in Hamburg ein Haus zu kaufen, wenn sie nicht geerbt haben. Für viele ist das inzwischen undenkbar. Jeder Fünfte in Deutschland arbeitet im Niedriglohnsektor.

Welche Rolle spielt die bedrängte Mittelschicht in Bezug auf das gesellschaftliche Vertrauen in den Staat?

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Eine stabile Mittelschicht steht auch für faire Lebenschancen in einer Gesellschaft. Gibt es sie nicht, wächst die Ungleichheit. Und eine zu stark wachsende Ungleichheit kostet Vertrauen. Die Menschen haben dann nicht mehr das Gefühl, Teil einer gemeinsamen Schicksalsgemeinschaft zu sein, mit denselben Perspektiven und Interessen auf die Welt zu schauen. Der "General Social Survey" in den USA misst jährlich das Vertrauen der Amerikaner, untereinander und in ihren Staat: Seit den 70er-Jahren ist es kontinuierlich zurückgegangen, parallel zur wachsenden Ungleichheit, und es war noch nie so gering wie heute, wo auch die Einkommensspreizung fast dasselbe Maß erreicht hat wie vor hundert Jahren.

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Ihr Buch thematisiert auch den staatlichen Kontrollverlust. Müssen wir uns eingestehen, dass deutsche Politiker heute nicht mehr das Maß an Kontrolle über die Geschicke haben wie noch in der jungen Bundesrepublik?

So ist es. Und das ist Teil des Problems. Es ist nicht leicht jemandem zu vertrauen, der in immer mehr Bereichen gar nicht mehr handlungsfähig erscheint. Offenbar kann der Staat weder den großen Digitalfirmen Grenzen setzen noch den Immobilienmarkt sinnvoll regulieren oder die globale Steuervermeidung verhindern. Es ist wie beim Rennen von Hase und Igel, der Staat rennt und rennt, und die großen Player sind immer längst woanders.

Welche Rolle spielt die Art und Weise, wie Politik diese Umwälzungen kommuniziert hat?

Eine große. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden wegweisende politische Entscheidungen immer häufiger als "alternativlos" bezeichnet. Der Bundeswehreinsatz in Afghanistan, die Rente mit 67, die Eurorettung oder auch Stuttgart21, nur als Beispiel. Was viele Menschen – wie im Übrigen auch meine Mutter – wirklich geärgert hat, war, dass politische Entscheidungen kaum noch inhaltlich diskutiert wurden. So gab es auch kaum noch die Möglichkeit, daran Kritik zu äußern.

Wenn nicht die Interessen der Bürger an erster Stelle kommen, wessen Interessen dann?

Zur Zeit der Eurokrise prägte Angela Merkel den Begriff der "marktkonformen Demokratie". Bei einigen Menschen hat sich seitdem das Gefühl etabliert, dass die Politik vor allem da ist, um den Markt in Schwung zu halten, um die Bedürfnisse der Wirtschaft und des Kapitals zu befriedigen.

Ein Schlüsselerlebnis zu diesem Eindruck scheint die Finanzkrise ab 2008 zu sein. Warum?

Weil sich hier eine gewisse Machtverschiebung zeigte: Selbst nach dem Kollaps des Finanzsystems, selbst in der schwächsten Stunde der Banken, vermochten es die Regierungen offenbar nicht, ihnen tatsächlich strenge Regeln aufzuerlegen und sie zur Verantwortung zu ziehen. Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama beschreibt diese Systematik mit dem Begriff der "Vetokratie". Er meint damit: In vielen westlichen Gesellschaften gibt es inzwischen mächtige Interessengruppen, die rationales und kollektives Handeln im Sinne der vielen verhindern können.

Wir erleben heute eine junge Generation, die für ihre Belange demonstriert. Stichwort: Fridays for Future. Warum begehren die Menschen der Mittelschicht nicht auf, die das Vertrauen in den Staat verloren haben?

Der Protest ist still. Er äußert sich oft darin, dass die Menschen nicht mehr zur Wahl gehen. Eine Ärztin sagte mir etwa, sie wolle nicht mehr das kleinere Übel wählen. Und der Unmut führt auch zu einer Abkehr ins Private: Ein Ehepaar aus Jena sagte mir, sie machten es einfach wie damals in der DDR: keine Nachrichten mehr gucken, lieber mit der Familie in der Laube Gesellschaftsspiele spielen.

Sie beschreiben, wie Sie sich ihrer Mutter durch die langen Gespräche für Ihr Buch wieder angenähert haben. Geschieht das in Deutschland zu wenig?

Ich glaube schon. Die Öffentlichkeit ist zersplittert, das trägt stark zum Vertrauensverlust bei. Für das Buch habe ich beispielsweise in Duisburg-Marxloh und in Halle an der Saale recherchiert. Wenn Sie dort mit den Menschen sprechen, merken Sie, dass sie in einer ganz anderen Welt leben als die Menschen in Berlin- oder Hamburg-Mitte. Reden hilft dabei, die Realität des anderen überhaupt zu sehen und zu verstehen. Viele Menschen fühlen sich mit ihrer Lebensrealität nicht mehr wahrgenommen, weder in den Massenmedien noch in der Politik.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Anita Blasberg
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