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Hunderte Wissenschaftler: "Lockert nicht zu frĂŒh, sonst verspielt ihr den Erfolg!"

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 22.12.2020Lesedauer: 5 Min.
Appell an die Politik: Auf eine Initiative von Viola Priesemann (2. v. r.) haben sich Hunderte Wissenschaftler aus Europa einem Aufruf angeschlossen. Unterzeichner aus Deutschland sind etwa (von links) RKI-Chef Lothar Wieler, die Virologen Christian Drosten und Melanie Brinkmann, der Wirtschaftswissenschaftler und ifo-PrÀsident Clemens Fuest sowie Virologin Sandra Ciesek.
Appell an die Politik: Auf eine Initiative von Viola Priesemann (2. v. r.) haben sich Hunderte Wissenschaftler aus Europa einem Aufruf angeschlossen. Unterzeichner aus Deutschland sind etwa (von links) RKI-Chef Lothar Wieler, die Virologen Christian Drosten und Melanie Brinkmann, der Wirtschaftswissenschaftler und ifo-PrÀsident Clemens Fuest sowie Virologin Sandra Ciesek. (Quelle: Imago Images, Getty Images)
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Keine Strategie in der Corona-Krise? Hunderte Wissenschaftler legen jetzt einen Plan vor: Erst einmal keine Lockerungen – um das Virus dann aber richtig in den Griff zu bekommen! Mit drastisch gedrĂŒckten Zahlen

Hunderte Wissenschaftler aus ganz Europa fordern in einem gemeinsamen Appell, an strengen Maßnahmen festzuhalten, um die Infektionszahlen deutlich zu drĂŒcken. "Lancet", eine der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften, hat in der Nacht zu Samstag ihr Papier veröffentlicht, das eine Diskussion auslösen wird: Es ist der "Aufruf zu europaweitem Engagement fĂŒr eine schnelle und nachhaltige Reduzierung der SARS-CoV-2-Infektionen". Es heißt dort: "Wenn wir nicht jetzt entschlossen handeln, ist mit weiteren Infektionswellen zu rechnen, und als Konsequenz mit weiteren SchĂ€den fĂŒr Gesundheit, Gesellschaft, ArbeitsplĂ€tze und Betriebe." Und im Umkehrschluss: Die Zahlen zu drĂŒcken, hilft allen.


Einfach erklÀrt: Die Etappen bis zur Zulassung eines Corona-Impfstoffs

Die Entwicklung eines Impfstoffs startet mit der Arbeit im Labor. Zuerst muss das Virus analysiert und verstanden werden, ĂŒber welche Mechanismen der Erreger die Immunreaktionen des Körpers auslöst. Erst dann folgen die eigentlichen Etappen bis hin zur Zulassung. (Symbolbild)
Etappe 1 – Erprobung an Tieren: ZunĂ€chst wird getestet, wie wirksam und vertrĂ€glich der Impfstoff ist. Neben Affen nutzen Forscher bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 auch Frettchen und genetisch verĂ€nderte MĂ€use. (Symbolbild)
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Das Papier rĂ€t der Politik faktisch, Schließungen fĂŒr einen lĂ€ngeren Zeitraum einzuplanen und mit Lockerungen zu warten. Dann soll weiter intensiv getestet werden. Das ĂŒber allem stehende Ziel: Die Infektionen schnell auf ein so niedriges Niveau zu bringen, dass sich Infektionsketten kontrollieren und unterbrechen lassen und es dann nicht zu weiteren Wellen kommt. Die Initiatorin des Aufrufs, Viola Priesemann, ist beim Max-Planck-Institut in Göttingen Expertin fĂŒr Modellrechnungen zur Ausbreitung und EindĂ€mmung von Pandemien. Sie fasst zusammen: "Lockert nicht zu frĂŒh, sonst verspielt ihr den Erfolg!" Mit einer klaren Zielvorgabe ließen sich die Menschen auch weiterhin zum Mitmachen gewinnen.

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FĂŒr den Appell hat Priesemann renommierte Wissenschaftler diverser Fachrichtungen aus ganz Europa als Mitunterzeichner gefunden. Deutschland ist am prominentesten besetzt: Die PrĂ€sidenten der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der großen Wissenschaftsorganisationen haben unterzeichnet. Es findet sich auch der Name von Lothar Wieler, PrĂ€sident des Robert Koch-Instituts und damit Chef der obersten deutschen SeuchenbekĂ€mpfungsbehörde. Stellung nehmen wollte das RKI dazu nicht.

"Niedrige Fallzahlen bedeuten mehr Freiheiten"

Neben Christian Drosten haben auch etliche weitere bekannte Virologinnen und Virologen unterzeichnet. Clemens Fuest, PrĂ€sident des ifo-Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung und im Beraterkreis des Bundeswirtschaftsministeriums, ist der prominenteste Wirtschaftswissenschaftler unter den UnterstĂŒtzern. Das Papier verweist auch darauf, dass LĂ€nder wie China und Australien gezeigt hĂ€tten, dass sich Volkswirtschaften rasch erholen, sobald die Verbreitung des Virus stark reduziert oder gestoppt ist. "Niedrige Fallzahlen sichern ArbeitsplĂ€tze und Unternehmen."

Physikerin Viola Priesemann verglich die Pandemie in einem PressegesprĂ€ch des Science Media Centers mit einem Fußballspiel, das nach unfairen Regeln gespielt wird: "Das Virus-Team bekommt fĂŒr jedes erzielte Tor drei zusĂ€tzliche Spieler." Soll bedeuten: Wer das Virus spielen lĂ€sst, sieht sich schnell einer Übermacht gegenĂŒber, die nicht mehr zu verteidigen ist. Und wer die Virus-Mannschaft dezimiert und in Schach halten kann, kann dann auch verschnaufen. "Bei niedrigen Fallzahlen haben wir mehr Freiheiten." Der Lockdown light in Deutschland sei zwar einen Versuch wert gewesen. "SpĂ€testens Mitte, Ende November hĂ€tte man sich ĂŒberlegen mĂŒssen: ganz oder gar nicht."

Mitunterzeichnerin Isabella Eckerle, deutsche Professorin am Zentrum fĂŒr neu auftretende Viruskrankheiten in Genf, beklagt, derzeit sei die Situation am schlimmsten, "weil keiner weiß, wo wir hinwollen". Knackpunkt sei nun, es anzupacken, "weil einige der Maßnahmen unpopulĂ€r sind." Wenn man die anspreche, stoße man natĂŒrlich auf Widerstand.

Halbierung jede Woche

Der Appell vermeidet es aber auch, die schmerzhaften Einschnitte wie Schulschließungen und AusgangsbeschrĂ€nkungen direkt zu nennen: Die Rede ist von "entschlossenem Handeln" und "tiefgreifenden Interventionen", die sich als effizient erwiesen hĂ€tten. "Sie stellen das rasche Erreichen niedriger Fallzahlen bei kurzdauernder Belastung von Psyche und Volkswirtschaft sicher." Initiatorin Priesemann sagte auf Nachfrage: Idealerweise werde zum BĂŒndel aller Maßnahmen gegriffen, und die seien alle bekannt.

So könne man es schaffen, den R-Wert auf 0,7 zu senken, wie andere LÀnder in der Pandemie bereits gezeigt hÀtten. "Diese LÀnder haben all das umgesetzt, was empfohlen wurde", sagt Isabella Eckerle. Wenn es gelinge, den Wert zu erreichen, halbiere sich die Zahl der FÀlle pro Woche. In dem Szenario könnten dann Kreise mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 200 nach zwei Wochen bei 50 ankommen. Nur unterhalb dieser Marke haben GesundheitsÀmter wieder die Chance, die Infektionsketten wirksam nachzuverfolgen und zu unterbrechen.

Danach sollten EindĂ€mmungsmaßnahmen wie das Tragen von Masken, erhöhte Hygiene, moderate Kontaktreduzierung, Tests und Kontaktverfolgung fortgesetzt und verbessert werden. Denn das Ziel in dem Papier ist noch weit ehrgeiziger: eine Sieben-Tage-Inzidenz von maximal sieben. Das wĂ€re quasi eine Strategie von CovidZero – so gut wie keine FĂ€lle mehr, wie es in China der Fall ist. "Dieses kann in ganz Europa spĂ€testens im FrĂŒhjahr wieder erreicht werden."

"Eventuell sieht das eine Handvoll Leute anders"

Das ginge aber nur, wenn alle europÀischen LÀnder abgestimmt handeln. Der Appell kommt deshalb von Wissenschaftlern aus ganz Europa und fordert ein einheitliches Vorgehen: Sonst drohe ein Ping-Pong, wenn jeweils in der Nachbarschaft die Fallzahlen viel höher seien. Koordination erlaube, europÀische Grenzen offen zu lassen.

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Die Wissenschaftler wissen aber auch: Nicht alle Kollegen halten sehr niedrige Zahlen fĂŒr nötig. Physikerin Priesemann nannte keine Namen, sagte zu t-online: "Eventuell gibt es eine Handvoll Leute in Deutschland, die das Ziel anders sehen. Die sollte man fragen, was der Vorteil von hohen Fallzahlen ist. Es gibt aber nur Nachteile – fĂŒr Gesundheit, Sozialleben und Wirtschaft."

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck fehlte zunĂ€chst unter den Erstunterzeichner, er hatte immer wieder gesagt, dass Infektionszahlen zu wichtig genommen wĂŒrden und auch 20.000 Neuinfektionen pro Tag im Grunde keine Angst machen sollten. Er findet sich aber wie Jonas Schmidt-Chanasit inzwischen auch unter den Unterzeichnern. "Das freut mich sehr", so Priesemann. Das EinverstĂ€ndnis sei wie bei einigen anderen gekommen, nachdem "The Lancet" bereits die Liste ĂŒbermittelt worden sei.

Streeck twitterte am Montag: "Alle wollen in der Pandemie dasselbe erreichen: Wenig Infektionen, keine schweren VerlÀufe, keine KollateralschÀden. Ansichten Àndern sich mit Wissensstand." Der Lockdown sei wichtig, um die Infektionszahlen runterzubringen. Es solle die Zeit zum Schutz von Risikogruppen genutzt werden.*

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Bei hohen Fallzahlen spielen auch Schulen eine große Rolle fĂŒr Infektionen, Schließungen haben offenbar erheblichen Effekt auf die EindĂ€mmung. Eckerle, die zur Rolle von Kindern bei der Übertragung forscht: "Gerade, wenn einem die Kinder am Herzen liegen, mĂŒssen die Fallzahlen runter. Dann mĂŒssen Schulen nicht schließen."

Und die sofort spĂŒrbaren Lockdown-Folgen? Die Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack von der Uni Wien forscht in Österreich zur Einstellung der Menschen in der Pandemie, gehört der österreichischen Bioethikkommission an. Dort ist gerade der dritte Lockdown beschlossen worden. Sie sagt: "Wir brauchen die strengen Maßnahmen, und wir mĂŒssen die Menschen unterstĂŒtzen. Wir sprechen zu wenig ĂŒber die Menschen, die die Kosten tragen." Aus ihrer Forschung ergebe sich auch: "Wenn die Menschen das GefĂŒhl haben, dass klar kommuniziert wird, dann sind sie auch bereit, Dinge mitzutragen, die sie eigentlich nicht gut finden."

Einen griffigen Namen hat das Statement der Politiker nicht. "Wir könnten es PEPP nennen – Pan-European Position Paper", sagt Priesemann. Und dann hoffen, mit PEPP aus der Krise zu kommen.

*Der Text ist an dieser Stelle damit aktualisiert, dass auch Hendrik Streeck und Jonas Schmidt-Chanasit zu den Unterzeichnern gehören.

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