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Corona-Maßnahmen im Lockdown: Es reicht noch nicht, es muss mehr sein

MEINUNGIm Bann der Pandemie  

Es reicht noch nicht, es muss mehr sein – härter, schärfer

Von Gerhard Spörl

06.01.2021, 09:15 Uhr
Merkel erläutert die 15-Kilometer-Grenze

Beim Länder-Gipfel wurden verschärfte Corona-Maßnahmen beschlossen, darunter auch eine 15-Kilometer-Grenze für bestimmte Regionen. Angela Merkel erläuterte, was das für Bewohner von Großstädten bedeutet. (Quelle: t-online)

"Das halten wir nicht für praktikabel": Merkel erläutert die verschärften Corona-Maßnahmen und erklärt, was die 15-Kilometer-Regel genau umfasst – und was nicht. (Quelle: t-online)


Schulen bleiben zu, nur noch ein Besucher in der Wohnung: Da die Zahl der Infizierten und Toten nicht sinkt, dürfen wir wieder so wenig wie im März. Hoffnung bietet nur das Impfen, das schleppend beginnt.

Immer wieder stellt uns diese verdammte Pandemie vor Fragen, die niemand richtig beantworten kann. Uns bleiben nur vorläufige Antworten. Das ist unbefriedigend, nervt, bringt vieles durcheinander, macht den Spaß an der Planung des nächsten Urlaubs, macht die Freude auf die nächste Feier mit Freunden zunichte.

Warum lassen sich die Zahlen an Infizierten (insgesamt 1,8 Millionen bis heute) und Toten (mehr als 35.000 bis heute) nicht eindämmen? Im Oktober wollte die Kanzlerin stärkere Einschränkungen und die Ministerpräsidenten wollten schlauer sein und waren es nicht. Wer kann aber behaupten, dass härtere Einschnitte damals für geringere Zahlen heute gesorgt hätten? Länder wie Österreich oder Frankreich haben früher und entschiedener als Deutschland reagiert und sind keineswegs besser dran.

Ramelow ist einsichtig – und schwenkt um

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow ist der einzige, der scharfe Selbstkritik übt. Er gibt zu, dass er sich geirrt hat. Er sieht ein, dass mehr sein muss. Er schwenkt um und ging mit dem Vorsatz in die Videokonferenz mit der Kanzlerin, er werde für Maßnahmen plädieren, die "noch viel schärfer und viel härter" ausfallen. Präzisiert hat er seine Wünsche nicht.

Die Kanzlerin war da genauer. Sie schlug vor, dass Kreise mit einem Inzidenzwert von mehr als 100 Ausgangsbeschränkungen einführen sollten – wenn sich also innerhalb der letzten sieben Tage mehr als 100 von 100.000 Menschen infiziert haben. Den SPD-geführten Länder ging dieser Vorschlag zu weit. Aber war es nicht schon häufiger so? Wollte die Kanzlerin nicht immer mal wieder weitergehen als die Ministerpräsidenten? Und wem gab die Entwicklung recht?
 

 
Der Kompromiss lautet so: Nun dürfen sich die Menschen, die in einem Gebiet mit einer Inzidenz von 200 leben, nur noch in einem Radius von 15 Kilometern bewegen.

Die Pandemie zwingt uns dazu, dazuzulernen

Ab und zu müssen wir uns sagen, dass wir alle in dieser Pandemie dazulernen, die einen mehr, die anderen weniger. Nicht freiwillig, sondern gezwungenermaßen. Pandemien sind eben so, sie machen aus Gesellschaften Lerngemeinschaften, aus Regierungen epidemiologische Oberseminare.

Was haben wir nicht schon alles gelernt. Das Virus greift die Alten an, das war Phase 1 im Frühjahr. Die Urlauber verbreiten das Virus, das war Phase 2 im Sommer. Die Corona-Partys im Park und Clan-Hochzeiten sind Superspreader, das war Phase 3 im Frühherbst. Das Virus mutiert und verbreitet sich so noch schneller, das ist Phase 4 seit Dezember. Und woran liegt es, dass die Zahlen so hoch bleiben?

Die Zahlen sprechen für sich

Was tun? Bei der Pressekonferenz mit der Kanzlerin, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller war von Rücksicht auf den Wirtschaftskreislauf und das Grundrecht auf Freiheit wenig zu hören, zumal die Horrorzahlen vom Arbeitsmarkt ausbleiben. Auch mit der Erörterung von Gründen für die neuen Einschränkungen im Privaten hielten sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten nicht lange auf. Die Zahlen sprechen für sich. Die Zahlen verlangen nach härter und schärfer.

Am schwersten fiel der Kanzlerin und den Länderchefs die Regelung für Kitas und Schulen. Kinder gelten als ideale Überträger, da sie selber vom Virus verschont bleiben, ihn aber weitergeben. Morgens und nachmittags sind sie unterwegs, fahren Bus und Bahn, fangen womöglich Aerosole ein und geben sie weiter. Darüber reden sie in Berlin oder München intern, aber nicht extern und schon gar nicht laut.

Dass die Schulen zu bleiben, dass die Kitas nur Notbetreuung anbieten, spricht für die These von den Kindern als einer Quelle der Virus-Verbreitung. Für die Verlängerung dieses Lockdowns waren sämtliche Ministerpräsidenten zu haben, ausnahmsweise, das kommt ja nicht häufig vor. Dafür nehmen sie vieles in Kauf: das Stöhnen der Eltern, die den Kleinbetrieb Familie organisieren müssen; das Stöhnen der Arbeitnehmer, die wieder mehr Heimarbeit der Angestellten zulassen müssen; das Stöhnen der Kinder, die genug vom digitalen Lernen haben.

Unsere Lage scheint paradox

In Etappen zu denken, auf Sicht zu beschließen, lässt sich gar nicht vermeiden. Also ist der 31. Januar der nächste Fixpunkt. Also müssen wir mit dem paradoxen Zustand zurecht gekommen, dass weiterhin viele Menschen erkranken und sterben, während es mit dem Impfen allmählich los geht, hoffentlich bald in höheren Mengen als in den ersten Tagen.

Dass es nicht zügiger geht, ist schade und irritiert vor allem alte Menschen, die zuerst dran kommen. Wer ist schuld daran? Wahlweise der Gesundheitsminister, die Kanzlerin, die Europäische Union. Sagen die SPD, sagen Experten, sagen die üblichen Verdächtigen.

Ja, die Kanzlerin bevorzugte die europäische Lösung, weil sie europäisch denkt. Die EU hat schon im Sommer bei mehreren Firmen insgesamt zwei Milliarden Impfdosen bestellt, das war weitsichtig, das wird reichen. Damals schien das Tübinger Unternehmen Curevac am schnellsten zu sein, war es dann aber nicht, bis zur Zulassung seines Impfstoffs werden noch Wochen vergehen. Damals war von Biontech wenig Spektakuläres zu hören, von Moderna auch nicht viel, genauso wenig wie von AstraZeneca. Also lag es nahe, bei allen zu bestellen. Diversifizieren war sinnvoll. Hat die EU gemacht.

Immerhin: Der Wettlauf mit dem Virus hat begonnen

Im Nachhinein wissen wir vieles besser. Mehr Impfstoff hätte schneller bereit stehen müssen. Mehr Impfstoff müsste schneller produziert werden. Der Weg über die EU kostet Zeit. Alles richtig. Aber immerhin hat der Wettlauf mit dem Virus begonnen.

Noch wird infiziert und an Corona gestorben. Zugleich wird geimpft und bald schon schneller geimpft als in der stillen Zeit. Und irgendwann im Lauf des Jahres werden wir den Wendepunkt erreichen, an dem so viele Menschen geimpft sind, dass die Pandemie ihren Schrecken verliert.

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