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"Markus Lanz": "Wir kriegen keine dritte Welle, wir kriegen die Dauer-Welle"

Corona-Talk im TV  

"Wir kriegen keine dritte Welle, wir kriegen die Dauer-Welle"

05.02.2021, 03:57 Uhr | Eine TV-Kritik von Christian Bartels

"Markus Lanz": "Wir kriegen keine dritte Welle, wir kriegen die Dauer-Welle". Markus Lanz (Archivbild): Der ZDF-Moderator übte in seiner jüngsten Sendung Kritik an der FDP. (Quelle: gbrcix/Future Image)

Markus Lanz (Archivbild): Der ZDF-Moderator übte in seiner jüngsten Sendung Kritik an der FDP. (Quelle: gbrcix/Future Image)

Zum Thema Corona gab sich FDP-Veteran Wolfgang Kubicki keine Blöße. "Wir kriegen keine dritte Welle, wir kriegen die Dauer-Welle", sagte ein Medizinhistoriker. Leider wenig zu Wort kam die einzige Frau der Runde.

Die Corona-Pandemie bietet Gesprächsstoff ohne Ende. Unmittelbar im Anschluss an Maybrit Illners einstündige ZDF-Talkshow, in der mit Markus Söder und Peter Tschentscher aus Hamburg zwei Länderregierungschefs zu Gast waren, folgte nahtlos "Markus Lanz" mit einer 80-minütigen Sendung. Es ging ebenfalls ausschließlich um Corona. Lanz allerdings hatte am späten Donnerstagabend unter seinen Gästen mit dem FDP-Veteranen Wolfgang Kubicki nur einen Politiker, und zwar aus einer kleinen Oppositionspartei. "Die FDP tut sich wahnsinnig schwer ihre Rolle in der Pandemie zu finden", sagte Lanz nicht nur einmal. Offenkundig hatte er sich vorgenommen, die FDP zu zerpflücken. Gelungen ist das dem am Donnerstagabend fahrig agierenden Moderator nicht.


Die Gäste

  • Wolfgang Kubicki, FDP-Politiker
  • Katharina Blach, genesene COVID-19-Erkrankte
  • Dirk Brockmann, Physiker und Digitalepidemiologe vom RKI
  • Karl-Heinz Leven, Medizinhistoriker
  • Clemens Fuest, Ökonom, Präsident des ifo-Instituts


"Ich stehe seit Jahren im Verdacht, ein Unterstützer der FDP zu sein", scherzte Lanz anfangs und wollte dann offenbar genau diesen selbst formulierten Verdacht ausräumen. "Das ist ja Frontalopposition, was Sie da machen", warf er Kubicki vor, der gegen die Corona-Politik der Bundesregierung "immer wieder ausgeteilt" habe. Tatsächlich teilte der Kieler gerne weiter aus. Vor allem warf er Bundesgesundheitsminister Spahn "vermeidbare Versäumnisse" vor.

Lanz' Attacken verpufften dagegen, auch weil er über Datenschutzfragen zur Corona-Warn-App, zu denen Kubickis Position nicht rundum stringent schien, nicht lange diskutierte. Stattdessen nannte er die FDP "rückgratlos", weil der Schleswig-Holsteiner Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) die Verschärfung der Kontaktbeschränkungen, denen zufolge ein Haushalt sich nur noch mit einer weiteren Person treffen darf, öffentlich mittrug, obwohl Kubicki und die FDP doch gegen diesen Beschluss sind. Kubicki konnte sich mit dem Argument, dass Koalitionspartner eben Kompromisse mittragen müssen, zurücklehnen. Als Lanz später von einem "Aufruf zur Zensur" sprach, da der nordrhein-westfälische Familienminister Stamp (ebenfalls FDP) gefordert hatte, dass "Virologen nicht so oft in Talkshows auftreten" sollten, riet Kubicki ihm bloß, ein "bisschen runterzukommen", was Lanz dann auch tat, nachdem er sich in eine fruchtlose Diskussion verbissen hatte.

Die weiteren Gäste kamen auch nur selten ins Gespräch miteinander. Der zwischenzeitlich zugeschaltete Ifo-Instituts-Präsident Clemens Fuest riet zur Frage nach Fehlern bei der Impfstoffbeschaffung, man solle nun nach vorne schauen und riet, Prämien für Lieferungen zusätzlicher Impfstoffe aussetzen – je höher, desto schneller kämen sie. Ein Einspieler aus dem ZDF-"heute-journal", in dem Biontech-Finanzchef Pötting gesagt hatte, dass auch für mehr Geld kurzfristig nicht mehr Impfstoff besorgt werden könnte, brachte ihn nicht aus dem Konzept. Solche Anreize seien in einer Marktwirtschaft immerhin eine Chance und Firmenvertreter könnten sich öffentlich überhaupt nicht anders äußern.

Leven: "Wir kriegen die Dauer-Welle"

Dirk Brockmann, der als Physiker für das Robert-Koch-Institut arbeitet, schilderte, wie im australischen Perth auf Corona-Infektionen "schnell, stark und kurzzeitig" reagiert werde, wollte sich aber nicht darauf festlegen, dass solche Modelle auch hierzulande gelingen könnten. Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven nannte Pläne, im dicht besiedelten Mitteleuropa, Inzidenzzahlen auf Werte wie zehn oder null runterzubringen, wie teilweise gefordert werde (in der Sendung allerdings nicht gefordert wurde), "völlig irreal". Mit "Herr Lauterbach sagte hier kürzlich: Wir kriegen die dritte Welle. Ich sage: Wir kriegen die Dauer-Welle" landete er vielleicht den Spruch des Abends.

Kubicki: Wir sitzen alle bequem in unseren Sesseln

Seine These, dass "die Absperrungsmaßnahmen, die wir heute haben, ja aus dem 16. Jahrhundert", aus den Zeiten der Pest kämen, konnte allerdings wunderlich anmuten. Brockmann widersprach energisch: Schon weil heutzutage viel mehr Menschen und Informationen viel schneller unterwegs sind, sei die Lage gegenwärtig komplett anders als im 16. Jahrhundert und auch zur Zeit der Spanischen Grippe vor 100 Jahren. Als Leven dann über Parallelen zwischen der Renaissance und der Gegenwart räsonierte, konnte Kubicki, nachdem er lange geschwiegen hatte, einen Punkt machen. Er erinnerte daran, "dass wir alle bequem in unseren Sesseln sitzen" und die meisten Anwesenden weiterhin Gehälter bezögen, während viele Menschen "nicht wissen, wie sie ihre weitere Existenz gewährleisten können".

Darauf ergriff noch einmal die einzige Frau in der Runde das Wort und unterstrich, dass es vielen an Perspektiven mangelt. Die Physio- und Sporttherapeutin Katharina Blach war als Genesene eingeladen. Am Anfang der Sendung hatte sie berührend ihre Corona-Erkrankung im Sommer geschildert, als sie mit "brennenden Nervenschmerzen in Armen und Beinen" ins Krankenhaus kam und später froh war, als 26-Jährige mit einem Rollator ihre Oma besuchen zu können. Anschließend kam die junge Frau gut eine Stunde lang überhaupt nicht zu Wort.

Leidlich informativ und unterhaltsam war die Lanz-Show vom Donnerstag, auch wenn der Moderator sich manches sicher anders gedacht hatte. Wer über 100 Talkshows im Jahr absolviert, kann freilich nicht jedes Mal in guter Form sein. 

Verwendete Quellen:
  • Markus Lanz vom 4. Februar 2021 

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