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Corona-Talk bei "Anne Will": "Politik verlässt sich zu sehr auf Impfstrategie"

Corona-Talk bei "Anne Will"  

"Die Politik verlässt sich zu sehr auf die Impfstrategie"

Eine TV-Kritik von Christian Bartels

01.03.2021, 11:02 Uhr
Bei "Anne Will" prominent beworben: Der Sänger Smudo von den "Fantastischen Vier" hat eine App entwickelt, mit der Gesundheitsämter Infektionsherde erkennen können. In einigen Bereichen ist sie schon im Einsatz.  (Quelle: RTL)
Fanta-4-Sänger: Kommen wir dank seiner App aus dem Lockdown-Schamassel?

Der Sänger Smudo von den "Fantastischen Vier" hat eine App entwickelt, mit der Gesundheitsämter Infektionsherde erkennen können. So soll das Infektionsgeschehen schnell zurückverfolgt werden. Auch die Politik hat Interesse. (Quelle: RTL)

Bei "Anne Will" prominent beworben: Der Sänger Smudo von den "Fantastischen Vier" hat eine App entwickelt, mit der Gesundheitsämter Infektionsherde erkennen können. In einigen Bereichen ist sie schon im Einsatz. (Quelle: RTL)


Schnelltests sollen nun schnell und kostenlos kommen, versprach Kanzleramtschef Helge Braun, der bei Anne Will leichtes Spiel hatte. Und Smudo von den Fantastischen Vier wollte die Corona-Warn-App nicht groß kritisieren, obwohl er eine eigene Kontaktnachverfolgungs-App vorstellte. 

Das war mal ein guter Sendungstitel: "Die große Ratlosigkeit – gibt es einen Weg aus dem Dauer-Lockdown?" hieß Anne Wills Talkshow am Sonntagabend. Seit einem Jahr dürfte eine mittlere dreistellige Zahl von Talkshows Corona-Themen beredet haben, und ob die Ratlosigkeit dadurch gesunken ist – darüber ließe sich streiten. Und Anne Wills erste Frage hatte es auch in sich. Da am 1. März außer Friseuren, wie beim vorigen Bund-Länder-Gipfel beschlossen, je nach Bundesland außerdem Gartencenter, Blumenläden und Brautmodencenter öffnen, fragte die Moderatorin: "Ist der sogenannte Lockdown jetzt eigentlich schon beendet?". Das klang fast, als hätte sie sich an den fortgesetzten Lockdown ganz gut gewöhnt (und tatsächlich zählen Talkshows ja zu den Gewinnern der Pandemie). Die Frage richtete sich an den Kanzleramtschef Helge Braun.

Die Gäste:

  • Helge Braun (CDU, Chef des Bundeskanzleramts)
  • Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP, ehemalige Bundesjustizministerin)
  • Christiane Woopen (Vorsitzende des Europäischen Ethikrates)
  • Smudo (Musiker/ Die Fantastischen Vier, Mitentwickler der Infektionsketten-Verfolgungs-App "Luca")
  • Ranga Yogeshwar (ARD-Wissenschaftsjournalist)


Leider hatte Braun, der als einer der engsten Angela Merkel-Vertrauten gelten kann, in der Runde keinen echten Widerpart. Er hatte leichtes Spiel und gab einen Ausblick auf den nächsten Bund-Länder-Gipfel am Mittwoch: Dort werde zu den von Gesundheitsminister Spahn versprochenen Schnelltests diskutiert, ob sie eher verdachtsunabhängig eingesetzt werden sollen, um ein besseres Bild von der tatsächlichen Verbreitung des Virus zu bekommen, oder eher anlassbezogen. Jedenfalls sollen die Tests für die Bürger kostenlos sein, bestätigte Braun.

Die einzige andere Politikerin, FDP-Veteranin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, sagte Sätze wie "Das Hangeln von einem Ministerpräsidententreffen mit der Kanzlerin zum nächsten reicht nicht mehr aus", gegen die weit und breit niemand Einspruch erheben dürfte.

Das ist "ein Teufelskreislauf, in dem wir drin sind", bestätigte die Kölner Professorin für Medizinethik, Christiane Woopen. Der Ethikrat werde der Bund-Länder-Konferenz am Montag einen Strategiewechsel vorschlagen. Woopen umriss etwas atemlos eine Fülle von Vorschlägen, um "vom Reaktiven ins Proaktive zu kommen". Öffnungen sollten statt an Zahlenwerte an das Vorhandensein von Schutzkonzepten geknüpft werden. Außer einer Impfstrategie brauche es eine Strategie für Schnell- und Selbsttests, in deren Rahmen auch im Fernsehen und auf YouTube gezeigt werden müsse, wie diese Tests funktionieren. Außerdem sollte es eine einzige App geben, um sich für Restaurants und Konzerte anzumelden, statt 50 unterschiedliche Apps. 

Smudo stellt eigene App zur Kontaktverfolgung vor

Da kam Smudo richtig ins Spiel, der zuvor schon beim Zuhören ungeduldig mit den Fingern geschnippt hatte. Der Rapper stellte die unter anderem von den Fantastischen Vier mitentwickelte App "Luca" vor, die "den Prozess des Ein- und Auscheckens" in Restaurants wie in Bussen oder in einzelnen Blöcken eines Fußballstadions digitalisiere. Das helfe bei der Rückverfolgung, wer Infizierte infiziert hat, also beim Erkennen der besonders infektiösen "Superspreader".

Wenn die Einführung der einheitlichen Sormas-Software für die Gesundheitsämter nun endlich "Fahrt aufnimmt", könnten auch "solche Apps" angebunden werden, sagte Kanzleramtschef Braun zurückhaltend. Dabei funktioniere die Luca-App dank Unterstützung der Bundesdruckerei auch ohne Sormas, sagte Smudo. Und Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar übte so scharfe Kritik an der teuren, steuerfinanzierten Corona-Warn-App, dass Smudo diese wiederum verteidigte ("Das ist mir zu viel Gebashe"). Braun konterte die Kritik damit, dass Datenanonymität eben eine Grundidee der Warn-App sei und fragte "Warum muss denn alles der Staat anbieten?" Was freilich in Zeiten, in denen der Staat tief wie nie ins Leben der Menschen eingreift, eine etwas wunderliche Frage ist. 

Kurzum: Dieser Diskussionsstrang über das wichtige Themenfeld Apps, Kontaktnachverfolgung und Datenschutz litt unter dem Mangel an echten Experten im Studio. Eine fokussierte Talkrunde dazu wäre mal eine gute Idee. Doch die ARD scheint so etwas ihrem nicht übermäßig Internet-affinen Publikum nicht zuzutrauen. Und auf Wills Tagesordnung stand ja noch die Frage nach den Schnelltests.

Woopen: "Politik verlässt sich zu sehr auf die Impfstrategie" 

Da setzte vor allem Woopen Akzente: In eine Teststrategie, Produktionskapazitäten für Schnelltests und weitere Testmodelle müsse ähnlich viel investiert werden wie in den Impfstoff, betonte sie mit Verve: "Da gehört das Geld hin", denn möglichst früh die Infektiösen zu finden, erspare Folgekosten. Doch hat Woopen den "Eindruck, dass die Politik sich zu sehr auf die Impfstrategie verlässt".

Das könne sich rächen, wenn sich neue Mutationen verbreiten. Selbst wenn Impfstoffe schnell an diese angepasst werden können, müsse dennoch immer weiter nachgeimpft werden. "Corona wird, leider Gottes, eine neverending Story sein", stimmte Yogeshwar ihr bei.

Die Talkshows werden damit umzugehen wissen. Mit der Info, dass Experten Angela Merkel aufforderten, sich live im Fernsehen impfen zu lassen, und Anne Wills Einladung, das gerne in ihrer Sendung zu tun, endete die Show dann. Fazit: Die Ratlosigkeit beim Umgang mit Corona konnte auch diese Talkshow mit ihrer nicht ideal zusammengestellten Gästerunde nicht verringern. Gleich heute Abend versucht sich Frank Plasberg an der Herausforderung. Seinen Titel "Viel Druck im Kessel: Wie lange ist ein Lockdown noch zu halten?" blendete die ARD wiederholt ins Bild ein. 

Verwendete Quellen:
  • "Anne Will" vom 1. März 2021

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