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Astrazeneca-Dilemma: Warum der Impfstoff unter die Leute muss

Ausgebuchte Termine vs. volle Kühlschränke  

Das Astrazeneca-Dilemma

22.04.2021, 11:23 Uhr
Astrazeneca-Dilemma: Warum der Impfstoff unter die Leute muss. Astrazeneca-Impfdosen: Hat sich das Image des Impfstoffes verbessert?  (Quelle: imago images/Joerg Boethling)

Astrazeneca-Impfdosen: Hat sich das Image des Impfstoffes verbessert? (Quelle: Joerg Boethling/imago images)

Astrazeneca gilt als Sorgenkind unter den Impfstoffen. Während die Impftermine teils innerhalb weniger Stunden ausgebucht sind, bleiben zugleich viele Dosen liegen. Wie geht es weiter mit dem Vakzin?

"Astrazeneca für alle!" Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen gehen in die Offensive mit dem schwedisch-britischen Impfstoff. Seit Mitte der Woche können sich dort alle Bürgerinnen und Bürger in Arztpraxen mit dem Mittel, das die Ständige Impfkommission (Stiko) für Menschen ab 60 Jahren empfiehlt, impfen lassen. Die Priorisierung ist aufgehoben. Eine derartige Maßnahme könnte einem Medienbericht von Donnerstagmorgen zufolge bald auch bundesweit greifen – und sie ist offenbar dringend nötig. 

Die Freigabe in Mecklenburg-Vorpommern sei "ein Angebot, dass diejenigen, die keine oder wenige Vorbehalte gegen den Impfstoff haben, die Möglichkeit nutzen können, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen", begründete Landesgesundheitsminister Harry Glawe die Entscheidung. Sie könnte beispielhaft für andere Bundesländer sein, um das Astrazeneca-Dilemma aufzulösen: Die hohe Nachfrage außerhalb der bisherigen Priorisierungsgruppen auf der einen Seite, der Verfall zahlreicher Astrazeneca-Termine auf der anderen Seite.

Wie passt das zusammen?

Dass die Nachfrage groß ist, zeigen Sonderaktionen wie die "Astrazeneca-Impftage" in Hamburg. Sie sollten dazu beitragen, dass das Präparat Menschen über 60 verabreicht wird, die eigentlich noch auf den Impftermin warten müssten. Innerhalb weniger Stunden waren die Termine ausgebucht. Und auch in jüngeren Altersgruppen werden die Rufe nach Astrazeneca lauter.

"50 Prozent haben Bedenken"

Zugleich überwiegen bei vielen Bürgern die Zweifel an dem Impfstoff, der in den vergangenen Wochen immer wieder Aufsehen erregte – wegen der sehr seltenen Nebenwirkung Hirn- und Sinusvenenthrombosen und dem Hin und Her, ab welchem Alter das Vakzin empfohlen wird. Nach dem vorübergehenden Stopp sollten grundsätzlich nur noch Menschen über 60 Jahre die Astrazeneca-Impfung erhalten. Jüngere können es auf Entscheidung des Arztes und nach Aufklärung jedoch auch bekommen.

Das Vakzin erlitt einen erheblichen Imageschaden, der offenbar bis heute anhält. Das Vertrauen in Astrazeneca lässt sich nur bedingt wiederherstellen, wie der Chef des Hausärzteverbands Bremen und Vorstandsvorsitzende des Instituts für hausärztliche Fortbildung (IHF),  Hans-Michael Mühlenfeld, im Gespräch mit t-online feststellt – und das könnte verheerende Auswirkungen auf die ganze Impfkampagne haben. 

"50 Prozent der Menschen, die ein Angebot für eine Astrazeneca-Impfung erhalten haben, haben Bedenken. Das ist der Eindruck aus meiner Praxis und von Kolleginnen und Kollegen", sagt Mühlenfeld. Auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM), Martin Scherer, berichtet von einem "sehr hohen Diskussionsaufwand", da viele impfberechtigte Patienten dem Astrazeneca-Vakzin misstrauen. 
 

 
Der Berliner Virologe Christian Drosten hatte genau das im NDR-Podcast "Coronavirus-Update" scharf kritisiert: Ältere sollten nicht wählerisch sein und dadurch die Impfgeschwindigkeit verzögern. Wenn über 60-Jährige Astrazeneca ablehnten und lieber auf Biontech warteten, nähmen sie im Juni einem Jüngeren die Impfung weg. "Das ist wirklich nicht in Ordnung", so der Virologe. 

Chance zum "Kanzlerimpfstoff" verpasst

"Die Kommunikation zu dem Impfstoff ist katastrophal gewesen, das hat die Menschen sehr verunsichert und dazu geführt, dass sich bei manchen Bürgern die Sorgen und Bedenken leider auch nicht mehr in einem vertrauensvollen Gespräch auflösen lassen", sagt der Bremer Hausärztechef Mühlenfeld. Durch persönliche Gespräche mit Impfwilligen könne man die Akzeptanz für Astrazeneca in der Regel zumindest auf 80 Prozent steigern.

Im Gegensatz dazu gebe es auch einen Teil der Bevölkerung, der das Wirrwarr um das Vakzin nicht verstehen kann und in jedem Fall damit geimpft werden will, sagt Mühlenfeld. "Die sagen: 'Ist mir egal, ich will einfach irgendeine Impfung haben'." Das seien eben häufig auch Jüngere, die derzeit keinen Termin bekommen.

Wie kann das Vertrauen in Astrazeneca wiederhergestellt werden?

Hersteller und Regierung stehen nun vor der Frage: Wie können sie das Vertrauen in der breiten Bevölkerung zurückgewinnen? "Die Impfung der Bundeskanzlerin hat sicher geholfen", sagt Mühlenfeld. "Aber um noch mehr Vertrauen zu schaffen, hätte man zeigen sollen, dass Angela Merkel wirklich mit Astrazeneca geimpft wurde. Man hätte die Kamera draufhalten müssen, auch wenn das womöglich Grenzen überschreitet. Aber so wäre Astrazeneca vielleicht zum 'Kanzlerimpfstoff' geworden."

Zudem sei eine transparente und verständliche Aufklärung über die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffes eine wichtige Voraussetzung. Diese Aufklärung gelinge am besten im vertrauensvollen Patientengespräch. "Aber das erfordert natürlich viel Zeit", sagt Mühlenfeld. Der Pressesprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Roland Stahl, ergänzt: "Es ist nicht die Aufgabe eines Arztes, auf Teufel komm raus, Astrazeneca an die Frau oder an den Mann zu bringen."

Deshalb fordert Wolfgang Kreischer vom Hausärzteverband Berlin und Brandenburg: "Das Gesundheitsministerium zentral und föderal (…) und das Robert Koch-Institut müssen besser aufklären, denn sonst wird dieser Impfstoff ein 'Ladenhüter'." 

Werden die Ärzte den Impfstoff überhaupt los?

Ladenhüter? Wie also sieht die Zukunft von Astrazeneca in Deutschland aus? Werden die Impfzentren und niedergelassenen Ärzte den Impfstoff überhaupt los, wenn die impfberechtigten Bürger Impfstoffe wie Biontech präferieren? "Es wird Impfstoff ablaufen und weggeworfen werden, das ist natürlich fürchterlich und inakzeptabel in einer Situation wie dieser", sagt Mühlenfeld. Der Mediziner begründet seine düstere Prognose neben dem fehlenden Vertrauen auch mit organisatorischen Problemen: "Absurderweise bekommen jetzt ausgerechnet Kinderarztpraxen, die doch Kinder behandeln, Astrazeneca-Impfstoff – der liegt jetzt dort herum für die Leute über 60."
 

 
Dass der schwedisch-britische Impfstoff womöglich zu wenig verimpft wird, lassen auch Zahlen aus Mecklenburg-Vorpommern vermuten: Nach Angaben des Landesgesundheitsministeriums liegen dort in den Impfzentren noch rund 3.000 Astrazeneca-Dosen aus bisherigen Lieferungen, bei den Hausärzten sogar 30.000. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) erhöhte deshalb den Druck auf die Landkreise und kreisfreien Städte: Wer bis kommenden Freitag seinen Überhang an Astrazeneca-Impfstoff nicht gespritzt habe, bekomme danach entsprechend weniger vom Präparat Biontech geliefert. Kurz darauf verkündete der Landesgesundheitsminister die Freigabe des Impfstoffes für alle Altersgruppen. Kommt das Vakzin nur so unter die Leute? 

"Risiko ist geringer als bei einer Covid-Erkrankung"

Mühlenfeld ist sich sicher: "Astrazeneca wird nicht mehr nachbestellt und dann wird es nach und nach auslaufen." Dass nun mehrere Bundesländer den Impfstoff für alle freigegeben hätten, sei einerseits nachvollziehbar, "bevor die Ampullen im Kühlschrank ablaufen werden, wie es dann leider bald bundesweit der Fall sein könnte".

Anderseits sieht Mühlenfeld eine Gefahr: Bürgerinnen und Bürger könnten denken, sie bekämen ein "Auslaufmodell mit hohem Risiko", dass aufgrund der geringen Nachfrage einfach an alle verimpft werde. Wichtig sei auch hier die Kommunikation, sagt Mühlenfeld. "Ja, das Risiko ist da, aber es ist geringer als bei einer Covid-Erkrankung." Auch KBV-Sprecher Stahl betont: "Ich würde mich jederzeit mit Astrazeneca impfen lassen, das ist ein guter Impfstoff." 

Das bekräftigen auch die aktuellen Zahlen des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) zu den Thrombosefällen nach einer Astrazeneca-Impfung, die große Teile der Bevölkerung so verunsichern. Dem PEI zufolge sei diese Nebenwirkung immer noch sehr selten: In Deutschland wurden bislang 59 Personen damit registriert, 4.243.076 Menschen erhielten laut RKI insgesamt eine erste Impfung mit dem Vakzin (Stand: 15. April). 59 Personen entsprechen damit also lediglich 0,001 Prozent. 


"Es bleibt ja nach wie vor die Sicherheit für die Patienten"

Bundesärztekammer-Vizepräsidentin Ellen Lundershausen spricht sich deshalb für die Aufhebung der Impfpriorisierung aus, sie sei sehr gut. "Es bleibt ja nach wie vor die Sicherheit für die Patienten", sagt Lundershausen. "Es gibt vor jeder Impfung ein Aufklärungsgespräch und die Ärzte schätzen bestmöglich die Risiken ein." Eine andere Lösung sei, dass Haus- und Fachärzte zwischen verschiedenen Impfstoffen wählen könnten, sagt KBV-Sprecher Stahl. 

Doch was bedeutet das Astrazeneca-Dilemma für die deutsche Impfkampagne, die mit Hunderttausenden Impfungen täglich eigentlich gerade an Fahrt aufnimmt? Er hoffe, dass Biontech wirklich so viele Dosen liefere, wie angekündigt, sagt Mühlenfeld. "Aber bestellt ist nicht geliefert. Die Impfkampagne wird eine Delle bekommen, wenn nicht alle Impfstoffe verimpft werden." Optimistisch stimme KBV-Sprecher Stahl die Extralieferung von Biontech/Pfizer, die es Arztpraxen in den kommenden Wochen ermögliche, deutlich mehr Menschen zu impfen. Zudem komme im Mai das Vakzin von Johnson & Johnson hinzu.

Große Nachfrage bei offenen Impfaktionen

Und auch Astrazeneca könnte noch einen Beitrag leisten – etwa durch eine bundesweite Aufhebung der Impfpriorisierung, die seit Donnerstagmorgen im Gespräch ist. Zuvor hatte sich die Links-Fraktion in Brandenburg für die Maßnahme ausgesprochen, auch Bremen hatte angekündigt, sich mit der Idee auseinanderzusetzen. In Thüringen sollen bereits regionale "offene Impftage" für alle ab 18 Jahren helfen – denn umso mehr Leute geimpft werden, desto schneller kann sich die Lage verbessern.

Nachrichten wie diese geben Grund zur Hoffnung, dass in Deutschland keine Astrazeneca-Dosen im Müll landen. "Das wäre auch ein ganz falsches Signal", sagt Bundesärztekammer-Vizepräsidentin Lundershausen. "Die Menschen müssen nun gemeinsam dafür sorgen, dass es nicht so weit kommt." DEGAM-Präsident Scherer zeigt sich zuversichtlich: "Das Vertrauen in Astrazeneca ist nicht irreparabel geschädigt. Weiter aufklären, weiter impfen – dadurch wird sich mit der Zeit eine positive Sogwirkung entfalten."

Verwendete Quellen:

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