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Das deutsche Fernsehen braucht einen radikalen Umbruch

MEINUNGInnovationen fehlen  

Das deutsche Fernsehen braucht einen radikalen Umbruch

Von Lamya Kaddor

17.06.2021, 19:40 Uhr
Das deutsche Fernsehen braucht einen radikalen Umbruch. Let's dance: Nach Ansicht von Kolumnistin Lamya Kaddor hat die Tanzshow ihren Zenit längst überschritten. (Quelle: t-online/Getty Images)

Let's dance: Nach Ansicht von Kolumnistin Lamya Kaddor hat die Tanzshow ihren Zenit längst überschritten. (Quelle: Getty Images/t-online)

Dem deutschen Fernsehen fehlt der Mut. Bei RTL lassen sich die Jahreszeiten anhand der Sendungen ablesen, der ARD laufen die Moderatorinnen und Moderatoren weg. So kann es nicht weitergehen.

Ich frage mich seit einiger Zeit, ob das Fernsehprogramm in Deutschland noch mal die Kurve kriegt? Klar ist, wer neben Netflix, Amazon Prime, Disney Plus, Apple+ und anderen eine Zukunft haben will, sollte schleunigst und tiefgreifend handeln. Es wird Zeit für einen radikalen Umbruch im deutschen TV. Vielleicht droht sonst das Nokia-Schicksal.

Zuletzt punktete in dieser Hinsicht ausgerechnet der als so schwerfällig geltende Dampfer ZDF. Das etwas andere kam in den vergangenen Jahren oft aus Mainz. Teilweise sind die Ideen schon wieder etabliert, aber mit Sendungen wie "Bares für Rares" oder der "heute-show" ist es ihnen einst gelungen, etwas Neues zu machen beziehungsweise alte Konzepte kreativ und niveauvoll weiterzuentwickeln und zum Erfolg zu führen. Ein Geheimtipp ist das "Duell der Gartenprofis", wo es um die Gestaltung von Gärten geht. Eine echte Überraschung – positiver Art – ist Jan Böhmermanns "ZDF Magazin Royale". Informativ, mutig und unterhaltsam sucht es seinesgleichen; und man muss nicht mal Böhmermann-Fan sein, um einzuschalten.

Experimente wieder abgesetzt

Die erste Sendung von Muslimen für Muslime mit dem "Forum am Freitag" startete 2007 – im ZDF; wenn auch nur online oder im Spartenkanal. Auch im Nachrichtenbereich experimentierten die Mainzer mit der, inzwischen leider wieder abgesetzten, Sendung "heute+". Da könnte man es ihnen glatt nachsehen, wenn sie Klassiker wie das "Traumschiff" dramaturgisch und darstellerisch versenken.

Bei der ARD sucht man innovative Ansätze vielfach vergeblich, dabei hätte sie mit ihren neun Rundfunkanstalten eigentlich mehr Potenzial, sollte man meinen. Stattdessen laufen dem Ersten die Moderatoren weg: Zuletzt wechselten Matthias Opdenhövel, Linda Zervakis und Pinar Atalay zu den Privaten; besonders schmerzlich für den Senderverbund ist es, dass darunter zwei bekannte Gesichter sind, die wie wenige andere für die Diversität unserer Gesellschaft im deutschen Fernsehen stehen.

Apropos Private. Während die öffentlich-rechtlichen Sender nach wie vor von vielen als konservativ und behäbig angesehen werden, fielen die Privaten dagegen in den vergangenen Jahren noch merklicher ab. Außer alten Sendeformaten aus der Retorte, in Dauerschleife ausgesaugt bis zum letzten Blutstropfen, kommt von dort nicht sonderlich viel. Analog zum Jahreszeitenkalender oder zum Kirchenjahr lässt sich der Jahreslauf am RTL-Programm ablesen: Dem Dschungelcamp folgen DSDS, "Der Bachelor", "Let's Dance", "Die Bachelorette", "Ninja Warrior" und kurz vor Weihnachten "Das Supertalent". Seit Jahren nichts Neues.

Tanzshow auf unsägliche 13 Folgen aufgebläht

"Let's Dance" wurde zwischenzeitlich auf nahezu unerträgliche 13 Folgen pro Staffel ausgewalzt, teilweise mit vier Stunden Länge – und jetzt gibt es noch "Let's Dance – Kids". Dazwischen werden immer dieselben Witze von in die Jahre gekommenen Comedians wie Mario Barth eingestreut; fehlt noch, dass "RTL Samstag Nacht" wieder aus der Mottenkiste geholt wird. "Wer wird Millionär" hatte jetzt im Juni seine 1.500ste Folge nach 22 Jahren. Ein Grund zu feiern? Ich weiß nicht. In den Sendungen immer die gleichen Promis, immer die gleichen Juroren.

Nahtlos setzt sich die Eintönigkeit bei den Moderatoren fort: Daniel Hartwich, zweifelsohne ein Könner, aber wenn er mal ein Format ausnahmsweise nicht moderiert und gar nichts mehr geht, wird die Allzweckwaffe Thomas Gottschalk geholt; und anschließend fragt sich die Chefetage am Picassoplatz, warum denn um Himmels willen die Quoten nicht höher sind, wenn man den Gottschalk holt. Ja, warum bloß? The Times They Are A-Changin'.

Wie damals "Herzblatt" im Ersten

Ausnahmen bestätigen die Regel wie die Kuppelshow "Take me out" – wobei sie ebenfalls schon seit 2013 auf Sendung und vom Prinzip nichts anderes ist als einst "Herzblatt" mit Rudi Carrell im Ersten. Immerhin bekam sie von Ralf Schmitz einen charmant-markanten Stempel aufgedrückt. Aber bekanntlich hat sich Ralf Schmitz ja mittlerweile rund 600 Kilometer weiter südöstlich zur Konkurrenz in München abgesetzt.

Dort im Hause ProSiebenSat.1 suchten sie zuletzt ebenso vergeblich nach Ideen. Die wievielte Staffel "Germany's next topmodel – by Heidi Klum" (GNTM)  ist gerade zu Ende gegangen? Ich weiß es nicht. Aber halt! Eine gefühlte Neuerung gab es: Still und heimlich wurde GNTM von "Germany's next Topmodel – by Heidi Klum" zu "Germany's next Topmodel – by Heidi Klum und Tokio Hotel". Seit der Hochzeit von Heidi Klum und Tokio-Hotel-Bandmitglied Tom Kaulitz macht ProSieben aus der Sendung ein Familientreffen und eine Firmenfeier mit den neuesten Produktlinien.

Stundenlange, belanglose Spielchen

Ansonsten sendet das einstige Stefan-Raab-TV gefühlt seit Jahren nichts anderes als stundenlange Formate, in denen irgendjemand gegen irgendjemand irgendwelche belanglose Spielchen macht, kommentiert von lustigen Frühstücksradio-Moderatoren, die sich ins Abendprogramm verirrte haben: "Schlag den Star" heißt das dann oder "Alle gegen einen". Oder war es "Alle gegen Elton?" Ach ne, "Joko & Klaas gegen ProSieben". Wo Stefan Raab einst vor Ideen nur so sprühte, herrscht zuletzt Flaute. Zwar hat der Sender zusammen mit Sat.1 durch "The Voice of Germany" etwas Qualität ins miese Casting-Show-Geschäft gebracht – aber innovativ ist das selbstverständlich auch nicht. Und in allenfalls homöopathischen Dosen stellt sich Innovation ein, wenn man Sängerinnen und Nicht-Sänger unter aufwendigen Kostümen versteckt und das Ganze "The Masked Singer" nennt.

Wer ansonsten nicht gerade über Sat.1 hinwegzappt, bleibt an schrecklichen Reality-TV-Formaten hängen, über die selbst Teilnehmer wie Ikke Hüftgold so entsetzt sind, dass sie freiwillig aussteigen, da die Macher von "Plötzlich arm, plötzlich reich" offenbar jeglichen Anstand verloren haben. Mehr dazu lesen Sie hier. Aber das Menschenexperiment wird ja nun genauso abgesetzt wie "Promis unter Palmen", bei dem die prominentesten Teilnehmer jene sind, die fürs Dschungelcamp zu unbekannt oder schon da waren.

Formate werden bis zum Schluss ausgequetscht

Ein bisschen Abwechslung streut Vox hinzu mit "Das perfekt Dinner", "Die Höhle der Löwen" oder "Sing meinen Song – Das Tauschkonzert". Aber auch hier gilt, was einmal erfolgreich war, muss ausgequetscht werden bis zum letzten Rest. Dabei gilt schon für jedes Kind, Spaß macht's nur, wenn das Glas mit der Nussnougat-Creme voll ist. Selbst ein gutes Konzept ist irgendwann überholt und muss ersetzt werden.

Die Zeit geht ja sogar über Serien wie "Suits" oder "Game of Thrones" hinweg. Kein Konzept ist übrigens, "Bares für Rares" täglich zu senden und diverse Spin-offs zu erfinden wie "Lieblingsstücke" und "Händlerstück". Wenn weiter so viel TV-Kannibalismus betrieben wird, ist am Ende nichts mehr da.

Viele Shows aus dem Ausland adaptiert

Das Schlimmste an all der Ideenlosigkeit ist, dass viele Formate einfach nur aus dem Ausland adaptiert werden. Deutsche Fernsehmacher brauchen mehr Mut! Keinen Übermut. Wer auch immer auf die Idee kam, aus ProSiebens "Schlag den Star" "Pocher vs. ..." zu machen, sollte noch mal in sich gehen. Gleiches gilt für jene, die erwägen, Moderatoren, die vor Jahren mal Erfolg hatten, aus der Rente zu holen. Nein. Traut euch, Neues auszuprobieren! Gebt jungen Leuten mit Ideen eine Chance!

Kleiner Tipp: Lasst euch dabei von YouTube und TikTok animieren! Dort ist die nahe Zukunft schon angekommen. Eure Chefinnen und Chefs mögen darüber die Nase rümpfen, eure Kinder wissen es längst. Personell macht es wie die großen Fußballvereine: Schickt Scouts durch die Lande und entdeckt neue Talente.

Immerhin tut sich inzwischen etwas in der deutschen Medienlandschaft. Die Öffentlich-Rechtlichen stehen unter einem Rechtfertigungsdruck wie nie, sie müssen handeln. Netflix & Co greifen aber natürlich insbesondere die Privaten an, und dort scheint man ebenfalls verstanden zu haben. RTL setzt den seit Langem aus der Zeit gefallenen Dieter Bohlen vor die Tür, gewiss zum Teil gezwungenermaßen nach dem selbstverschuldeten Naidoo- und Wendler-Desaster bei DSDS.

Daniel Hartwich ist fortan kein "Supertalent" mehr. So leid es für mir für die Betroffenen persönlich tut, dann und wann ist es richtig und existenziell, neue Wege zu gehen. Derweil wollen RTL, ProSieben und Sat.1 ihr Auftreten gleich mit verändern und arbeiten massiv an Umstrukturierungen. Sie setzen mehr auf Informationsprogramme und trauen sich sogar zur Primetime an wirklich harte Themen ran wie den Pflegenotstand ("Pflege ist #NichtSelbstverständlich") oder den Kindesmissbrauch ("RTL Spezial: Angriff auf unsere Kinder"); so machen sie selbst den Platzhirschen von ARD und ZDF, die zur Primetime lieber auf Altbewährtes setzen, auf diesem Gebiet noch etwas vor. Sie organisieren sich Politikerinterviews oder planen eine "Bundestagswahl-Show". Sie experimentieren mit Formaten und scheuen sich nicht, fast sieben Stunden lang die Schicht einer Pflegekraft zu zeigen – werbefrei.

Für den Imagewechsel kann es durchaus ein kluger Schachzug gewesen sein, eine etablierte Tagesthemen-Moderatorin wie Pinar Atalay oder eine versierte Tagesschau-Sprecherin wie Linda Zervakis zu holen. Sie sorgen zugleich für mehr Diversität. Ein Punkt, an dem das deutsche Fernsehen nicht mehr vorbeikommen kann. Bunt wie die Fußballnationalmannschaft ist das Land, so muss über kurz oder lang das Fernsehen werden. Ein Erdogan Atalay zementiert in "Alarm für Cobra 11" oder ein Aiman Abdallah in "Galileo" reicht nicht aus. Die Vielfältigkeit der Gesellschaft sollte auch vielfältig angesprochen werden.

Mehr Kolumnen von Lamya Kaddor lesen Sie hier.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründerin des Liberal-Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen und ist Kandidatin der Grünen für den Bundestag. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen.   

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