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WahlkÀmpfer in Gummistiefeln - ein schmaler Grat

Von dpa
Aktualisiert am 15.07.2021Lesedauer: 3 Min.
NRW-MinisterprĂ€sident Armin Laschet (CDU, l) im GesprĂ€ch mit dem Hagener OberbĂŒrgermeister Erik O.
NRW-MinisterprĂ€sident Armin Laschet (CDU, l) im GesprĂ€ch mit dem Hagener OberbĂŒrgermeister Erik O. Schulz. (Quelle: Roberto Pfeil/dpa./dpa)
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Altena/Bad Neuenahr-Ahrweiler (dpa) - CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet steht vor einer mit schlammgrauem Wasser ĂŒberfluteten Straße. Gleich am Morgen ist er nach Altena im Sauerland gefahren, mitten ins Hochwassergebiet.

Anwohner hier hĂ€tten ĂŒber Nacht alles verloren, berichtet der nordrhein-westfĂ€lische MinisterprĂ€sident, wirkt dabei fast wie ein Reporter vor Ort. "Es ist jetzt wichtig, dass schnelle Hilfe hierher kommt", betont er. Auch sein Konkurrent, SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz, will sich in Rheinland-Pfalz ein Bild vom Katastrophengebiet machen. Das dramatische Hochwasser platzt mitten in ihren Wahlkampf - und weckt Erinnerungen.

Denn Hochwasser haben das Potenzial, Wahlen zu entscheiden - oder zumindest eine große Rolle zu spielen. Das weiß man spĂ€testens, seit Gerhard Schröder 2002 in Gummistiefeln durch die Elbeflut stapfte. Das Bild ist auch fast 20 Jahre danach noch prĂ€sent: Über dem blĂŒtenweißen Hemd trĂ€gt er einen grĂŒnen Regenparka, die dunkelgraue Anzughose in die wadenhohen, schwarzen Stiefel gestopft.

Nicht wenige sagen, diese Gummistiefel hĂ€tten die Bundestagswahl entschieden. Denn vor der Flut liegt die SPD in Umfragen noch sieben Punkte hinter der Union. Dann kommt der Regen im Osten, die Elbe steigt, bis die gewaltigen Wassermassen DĂ€mme brechen und HĂ€user wegreißen. WĂ€hrend sein Herausforderer Edmund Stoiber auf Juist urlaubt, prĂ€sentiert sich Schröder im Flutgebiet als entschlossener Krisenmanager. Stoiber findet das schĂ€big - bei der Wahl wird Schröder trotzdem regelrecht ins Kanzleramt gespĂŒlt.

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Seitdem ist in der Politik die Rede von "Gummistiefelmomenten", in denen man alles gewinnen, oder alles verlieren kann. Auch Kanzlerin Angela Merkel schlĂŒpft 2006 beim Elbehochwasser in die Gummistiefel. Bei der Jahrhundertflut 2013 fĂ€hrt sie nach Passau, sichert den betroffenen Regionen Millionenhilfen zu, wĂ€hrend SPD-Kanzlerkandidat Peer SteinbrĂŒck in Berlin bleibt.

Einfluss auf die Wahl im September?

Hat das Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ein Ă€hnliches Potenzial fĂŒr "Gummistiefelmomente"? Der Kommunikationsexperte und Wahlforscher Frank Brettschneider von der UniversitĂ€t Hohenheim rechnet nicht damit, dass Scholz und Laschet durch ihre Auftritte viele neue WĂ€hler gewinnen. Niemand werde Scholz ĂŒber Nacht als "Helmut Schmidt 2.0" betrachten. Damit spielt Brettschneider auf das erste Beispiel fĂŒr Gummistiefel-Politik in den 1960er Jahren an: Bei der verheerenden Sturmflut 1962 holt Schmidt als SPD-Innensenator eigenmĂ€chtig die Bundeswehr zur Hilfe, koordiniert RettungseinsĂ€tze und begrĂŒndet seinen Ruf als Macher und Krisenmanager.

Scholz und Laschet könnten im heutigen Krisengebiet weniger gewinnen, "aber sie könnten WÀhler verlieren, wenn sie nicht kÀmen", meint Wahlforscher Brettschneider. "Wenn sie nicht hinfahren, kann das als Versagen in Krisensituationen interpretiert werden."

Beim Auftritt im Katastrophengebiet wandeln die Kanzlerkandidaten auf einem schmalen Grat zwischen Krisenhilfe und dem Vorwurf, aus dem Leid der Flutopfer im Wahlkampf Kapital schlagen zu wollen. MitgefĂŒhl darf nicht als kalkuliertes Mittel erscheinen. Politiker in der Exekutive, MinisterprĂ€sidenten und Minister etwa, hĂ€tten da einen Vorteil, sagt Brettschneider. "Ihr Besuch ist glaubwĂŒrdig, weil sie etwas machen können" - konkrete Hilfe und Geld organisieren etwa.

Regierende im Vorteil

"Jeder MinisterprĂ€sident, der sein Amt ernst nimmt, ist in einem solchen Moment bei den Menschen vor Ort, Wahlkampf hin oder her", betont Laschet im Krisengebiet. Er wolle seinen Besuch nicht fĂŒr wahlkampftrĂ€chtige Fotos nutzen, dazu sei die Lage zu ernst. "Das Wichtigste ist, jetzt zu helfen, und vor allem denjenigen, die helfen, RĂŒckendeckung zu geben." Parteipolitische Fragen mĂŒssten da zurĂŒckstehen.

Auch Scholz kommt in seiner Rolle als Vizekanzler, als Vertreter von Kanzlerin Angela Merkel, die gerade bei US-PrĂ€sident Joe Biden in Washington ist. Er betont, der Bund mĂŒsse im Katastrophengebiet mit anpacken und verspricht: "Ich werde alles dafĂŒr tun, dass auch der Bund finanzielle Hilfe leistet."

Schwerer hat es die Kanzlerkandidatin der GrĂŒnen, Annalena Baerbock, die zwar ihren Urlaub abbricht, aber keine Exekutivmacht hat. Sie sei besser beraten, aus Berlin Themen wie Klimawandel und FlĂ€chenversiegelung anzusprechen, "aber nicht vor der Kulisse der Fluten", meint Brettschneider.

Wichtig sei bei Besuchen im Krisengebiet, als Politiker nicht etwa öffentlichkeitswirksam SandsÀcke zu stapeln, sondern Betroffenen und EinsatzkrÀften zuzuhören - und das gern auch in Gummistiefeln. In Altena zeigt sich Laschet zumindest mitten in den Fluten - doch ob er Gummistiefel trÀgt oder doch etwa trocken auf einem Podest steht, ist auf dem Video von "Bild TV" nicht zu sehen.

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