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Ukrainerin will heraus aus dem Wartezustand

Von dpa
18.05.2022Lesedauer: 3 Min.
Bevor Olha (r) zu ihrer Gastgeberin Ulla nach Berlin-Friedenau kam, wohnte sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung auf dem GelÀnde einer ehemaligen Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf.
Bevor Olha (r) zu ihrer Gastgeberin Ulla nach Berlin-Friedenau kam, wohnte sie in einer Erstaufnahmeeinrichtung auf dem GelÀnde einer ehemaligen Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf. (Quelle: Christoph Soeder/dpa./dpa)
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Berlin (dpa) - Olha will in Deutschland bleiben, erst einmal.

Die junge Frau mit dem breiten LĂ€cheln sagt, sie kenne etliche Landsleute, die in den vergangenen Wochen in die Ukraine zurĂŒckgegangen seien - weil sie es ohne ihre Angehörigen nicht ausgehalten hĂ€tten oder weil es ihnen schwer gefallen sei, sich an die hiesigen Gepflogenheiten zu gewöhnen.

FĂŒr sie selbst komme das derzeit aber nicht infrage, sagt sie. "Ich verstehe die deutsche Kultur, ich spreche die Sprache." Über Ostern war die 30-jĂ€hrige zwar fĂŒr einige Tage bei ihren Eltern in der Ukraine. Doch das stĂ€ndige Sirenengeheul, die Angst und die Ungewissheit setzten ihr zu.

Studierte Germanistin

Jetzt ist die blonde Ukrainerin zurĂŒck in Berlin-Friedenau, wohnt wieder im GĂ€stezimmer von Ullas gerĂ€umiger Altbauwohnung, in dem frĂŒher auch schon einmal ein syrischer FlĂŒchtling untergekommen war. Ein ukrainischer Rechtsanwalt aus der Nachbarschaft hat die pensionierte Schulleiterin und die WirtschaftsprĂŒferin aus Kiew Anfang April zusammengebracht.

Als sie den Anwalt kennenlernte, der sich in der Hilfe fĂŒr geflĂŒchtete Ukrainer engagiert, wohnte Olha in einer Erstaufnahmeeinrichtung auf dem GelĂ€nde der ehemaligen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf. Mit ihren Sprachkenntnissen half die studierte Germanistin in der Einrichtung, in der Schutzsuchende normalerweise nur kurze Zeit bleiben, als Übersetzerin aus. "Es war gut, ich war immer beschĂ€ftigt, ich konnte helfen", erzĂ€hlt sie. Das habe ihr geholfen, die Gedanken an den Krieg in der Heimat zu verdrĂ€ngen.

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Doch dann hĂ€tten Bewohner der Unterkunft ein Kissen und andere GegenstĂ€nde aus ihrem Zimmer entwendet. Deshalb sei sie am Ende sehr froh gewesen, als sich die Möglichkeit geboten habe, bei Ulla einzuziehen. FĂŒr Ukrainerinnen, die zusammen mit Angehörigen oder Freunden in Deutschland seien, sei es vielleicht einfacher, in so einer Unterkunft zu leben. Als Frau alleine habe sie sich in dem GebĂ€ude, wo man die ZimmertĂŒr nicht abschließen könne, nicht so wohl gefĂŒhlt.

Keine klare Perspektive - das quÀlt

Ihre 74-jĂ€hrige Gastgeberin sagt, Olha sei "ein GlĂŒcksfall". Da die Ukrainerin sehr gut Deutsch spreche, sei es einfach mit der VerstĂ€ndigung. Die junge Frau sei sehr selbststĂ€ndig. Sie habe nun auch eine Zusage fĂŒr ein bezahltes Praktikum erhalten, das am 1. Juni beginnen solle. Ihre Stelle als WirtschaftsprĂŒferin im Staatsdienst, ihre Mietwohnung in einem Hochhaus in Kiew, all das hat Olha zurĂŒckgelassen.

"Erst dachte ich, ich bleibe nur ein paar Tage in Deutschland oder Wochen, aber ich weiß, dass alle FlĂŒchtlinge so denken", sagt die Ukrainerin. Schließlich habe sie vor sieben Jahren bei einer Organisation gearbeitet, die sich um Vertriebene aus dem Donbass und um FlĂŒchtlinge aus Syrien und Afghanistan gekĂŒmmert habe. Daher wisse sie, wie quĂ€lend es sei, keine klare Perspektive zu haben.

Kurz bevor der Krieg begann, schickte Olha aus Kiew Pakete mit einigen ihrer KleidungstĂŒcke zu ihren Eltern, die im Westen der Ukraine, nahe der Grenze zu Belarus leben. "Der Krieg lag schon in der Luft - und ich wollte nicht dastehen wie viele dieser Menschen, die mir erzĂ€hlt haben, dass sie nur mit einem T-Shirt und Flipflops losgelaufen sind", sagt sie.

Explosionen erschienen aus dem Zugfenster "wie ein Feuerwerk"

Am 23. Februar - wenige Stunden, bevor die russischen Bombardierungen begannen - bestieg Olha, die ihren Familiennamen nicht veröffentlicht sehen will, den Nachtzug nach Kowel. In den frĂŒhen Morgenstunden sah sie aus dem Zugfenster die Explosionen. Sie erschienen ihr unwirklich, "wie ein Feuerwerk". Ihr Vater kam mit dem Auto nach Kowel, um sie abzuholen. An diesem Punkt der ErzĂ€hlung fĂ€ngt Olha an zu weinen. Den schwarzen Tee, der in der Tasse vor ihr langsam kalt wird, hat sie nicht angerĂŒhrt. "Ich arbeite daran, ruhig zu sein", sagt die junge Frau.

Im Haus ihrer Eltern schliefen sie in den ersten NĂ€chten im Flur. Da es in der Region viele Seen gebe, hĂ€tten die HĂ€user in dieser Gegend keine Keller, in denen man Schutz suchen könne, sagte Olha. Ihr Bruder habe gesagt, sie sei eine "Panikeurin", eine, die schnell in Panik gerate. Er habe sie gedrĂ€ngt, ĂŒber Polen nach Berlin zu fahren. "Wenn wir alle ums Leben kommen, dann musst Du bleiben", habe er zu ihr gesagt.

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