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"In der Pandemie wird Merkel tatsächlich zur Mutter der Nation"

Von dpa, sje, rok

Aktualisiert am 10.12.2020Lesedauer: 4 Min.
Angela Merkel: Die Kanzlerin wurde im Bundestag emotional – ungewöhnlich für die CDU-Politikerin.
Angela Merkel: Die Kanzlerin wurde im Bundestag emotional – ungewöhnlich für die CDU-Politikerin. (Quelle: Kay Nietfeld/dpa-bilder)
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Ungewöhnlich emotional geriet die Rede der Kanzlerin bei der Generaldebatte. Vom möglicherweise "letzten Weihnachten mit den Großeltern" sprach die Kanzlerin. Die Reaktionen auf Merkels Auftritt.

Am Mittwoch sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel im Rahmen der Generaldebatte im Bundestag. Anlass war traditionell der Haushalt, ebenso traditionell ging es um weit mehr. In diesem Jahr überschattete ein Thema die Reden: die Corona-Pandemie und der Umgang mit ihr. Merkel wurde dabei ungewöhnlich emotional: "Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und es anschließend das letzte Weihnachten mit den Großeltern war, dann werden wir etwas versäumt haben. Das sollten wir nicht tun!"

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So kennt man die Bundeskanzlerin eigentlich nicht – normalerweise ist sie eher für ihre abgeklärte und beherrschte Art bekannt. Sowohl national als auch international blieb das nicht unbemerkt. Das schreibt die Presse über den Auftritt der deutschen Kanzlerin:

"Merkel hat eine viel zu konservative Rede gehalten"

In der "Frankfurter Rundschau" heißt es: "Wer sich bei ihr gut aufgehoben fühlt, hat dafür also Gründe. Allerdings nur, was Ton, Stil und Rhetorik betrifft. Wer sich noch für die politischen Inhalte interessiert, die die Kanzlerin auf ihre relativ angenehme Art transportiert, kann zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Aus dieser Perspektive betrachtet, hat Merkel eine konservative, eine viel zu konservative Rede gehalten. Deutschland solle 'wieder anknüpfen' an dem, was vorher war, sagte sie, und seine 'Rolle weiter spielen'. Nur an einer Stelle kam zum Vorschein, was sich ändern könnte: Die Andeutung künftiger Einschnitte im Haushalt war unüberhörbar. Trotz aller Investitionen: Vom Aufbruch zu einer neuen, nachhaltigen Normalität, die das Land in Zeiten von Klimakrise und sozialen Brüchen bräuchte, war in dieser Rede so wenig zu spüren wie im Etat selbst."

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"So emotional wie nie"

t-online bewertet Merkels Auftritt so: "Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde in ihrem Redebeitrag so emotional wie nie. Das war außergewöhnlich, selbst erfahrene Parlamentsreporter registrierten, dass sich Merkels Stimme überschlug. So hatten wir die Kanzlerin eigentlich noch nie erlebt.

Sie appellierte an Deutschland und auch an die Länderchefs, denn in Sachen Corona-Zahlen sieht es schlimm aus: "Es tut mir leid, es tut mir wirklich im Herzen leid, aber wenn wir jetzt den Preis zahlen, dass wir Todeszahlen von 590 Menschen am Tag haben, dann ist das nicht akzeptabel", rief sie mit bebender Stimme. (...)

Plötzlich wurde die ungewohnt emotionale Kanzlerin wieder ganz die Alte: Die kühle und rationale Wissenschaftlerin kam erneut zum Vorschein. Statt der flehenden, fast schon verletzlichen Frau antwortete die Teflon-Kanzlerin: "Ich glaube an die Kraft der Aufklärung. Ich habe mich in der DDR fürs Physikstudium entschieden. Weil ich ganz sicher war, dass man vieles außer Kraft setzen kann – aber die Schwerkraft nicht, die Wissenschaft nicht und andere Fakten auch nicht." Rumms, das hat gesessen. Oder?" Mehr zu Merkels Rede lesen Sie hier im "Tagesanbruch".

"Beleg ihrer Verzweiflung"

Der "Spiegel" kommentiert: "Angela Merkel wird, so scheint es, mit jedem ihrer Auftritte emotionaler. Das mag als Beleg dafür gelten, wie ernst es ihr damit ist, die Deutschen davon zu überzeugen, ihre Kontakte noch weiter zu reduzieren, um die Ausbreitung des Coronavirus zumindest etwas zu verlangsamen. Es mag als Beleg ihrer Verzweiflung darüber herhalten, dass ihre altbekannte Nüchternheit ähnlich wenig Wirkung zeigt wie die Maßnahmen des seit November geltenden Lockdown light. Es mag sein, dass Angela Merkel, früher gern mal despektierlich als 'Mutti' verspottet, in der Pandemie tatsächlich zur Mutter der Nation wird, die ihr Volk vor Unheil bewahren möchte. Es ist sicherlich alles bestens gemeint. Und trotzdem kann es sein, dass Merkel und andere, die es ihr gleichtun, mit dieser Art der Kommunikation großen Schaden anrichten. (...)

Man kann so argumentieren wie die Kanzlerin – mütterlich, dramatisch, wie gegenüber einem Kind, in der Hoffnung, durch den emotionalen Appell die Menschen zur Zurückhaltung zu bewegen, zum Daheimbleiben. Aber dann muss man sich nicht wundern, wenn man damit gänzlich unerwünschte Emotionen auslöst: Ablehnung, Widerwillen und Trotz."

"Die Krisenkanzlerin ist dabei zu verschwinden"

Die "Berliner Zeitung" schreibt: "Der furiose Auftritt kann es nicht verbergen: Die Krisenkanzlerin ist dabei zu verschwinden. Noch gibt es keinen Nachfolger für sie – nicht als Kandidat fürs Amt und auch nicht in ihrer Partei, die sie so lange prägte. Die CDU hat nun schon seit fast einem Jahr eine Interims-Parteichefin, die ja schon vor ihrem angekündigten Rücktritt wenig Autorität hatte. Am Ende dieses langen Pandemiejahres zeigt sich, dass Merkel diese Lücke nicht mehr füllen kann. Das liegt weniger an ihr als an der Tatsache, dass wir auf den Jahreswechsel zugehen. Jeder will dieses Corona-Jahr 2020 nur noch hinter sich bringen. Die Hoffnung ruht auf 2021, dem Jahr, in dem sich Angela Merkel aus der Politik zurückzieht. Die Politikerinnen und Politiker, mit denen sie es zu tun hat, haben das bereits realisiert. Nicht mehr lange, dann werden es auch die Wählerinnen und Wähler tun. Man darf gespannt sein, wie sich das auf die Umfragewerte der CDU auswirken wird. Vermutlich kann Angela Merkel sehr viel besser ohne sie auskommen als umgekehrt."

Schwer beeindruckt von Merkels Auftritt war anscheinend auch Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. Er soll seinen Ministern Ausschnitte der Rede vorgespielt haben:

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"Ein Beispiel für Verantwortung"

Die spanische Zeitung "El Mundo" bemerkt: "Die Pandemie zeigt mit dramatischer Klarheit den Unterschied zwischen einer Politik auf, die aus Verantwortung entsteht, und Populismen jeglicher Couleur, die entschlossen sind, sowohl Institutionen als auch die Wissenschaft mit Füßen zu treten. Boris Johnson hat nach der anfänglichen Leugnung der Pandemie nun auf chauvinistische Propaganda umgeschaltet. (...)

Von der Demagogie und Rücksichtslosigkeit Johnsons hebt sich Angela Merkel ab. Die Rede, die sie im Bundestag hielt und bei der sie an die individuelle Verantwortung appellierte, um zu verhindern, dass die Zahl der Infektionen und Opfer zu Weihnachten in die Höhe schnellt, war ein Beispiel für Verantwortung. Im Gegensatz zu anderen führenden Politikern nimmt sie die Regierungsaufgaben wahr, statt in Propaganda zu flüchten. Sie trägt die Konsequenzen ihrer Entscheidungen und zeichnet sich durch kurze Interventionen und klare Botschaften auf Grundlage wissenschaftlicher und gesundheitlicher Kriterien aus. Führung, die nicht mit Betrug und Improvisation arbeitet, erfordert Entschlossenheit, Glaubwürdigkeit und Wissen."

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Von Liesa Wölm
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