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G36: Bundeswehr macht Fortschritte bei Suche nach neuem Sturmgewehr

Bundeswehr-Sturmgewehr  

Kommt der G36-Nachfolger aus Thüringen?

14.02.2019, 12:20 Uhr | dpa

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen: Bei der Bundeswehr sind im Jahr 2018 sieben Extremisten verurteilt worden.  (Quelle: Reuters/Archivbild)
Verteidigungsministerin von der Leyen sieht Bundeswehr auf richtigem Weg

Trotz der deutlichen Kritik des Wehrbeauftragten am Zustand der Bundeswehr blickt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) optimistisch in die Zukunft.

„25 Jahre des Kürzens“: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sprach zuletzt über den Zustand der Bundeswehr. (Quelle: Reuters)


Die Bundeswehr braucht Ersatz für 120.000 Sturmgewehre vom Typ G36. Dessen Produzent ist dringend auf den Auftrag angewiesen – bekommt aber Konkurrenz.

Von Soldaten geschätzt, von Technikern bemängelt: Um die Treffgenauigkeit des Sturmgewehrs G36 hat es große Aufregung gegeben – und im Jahr 2015 eine Entscheidung. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen verkündete, "dass das G36, so wie es heute konstruiert ist, keine Zukunft in der Bundeswehr hat". Die Beschaffung eines Nachfolgers hat nun die erste Hürde genommen.

Nach einer Verlängerung der Frist bis zum 15. Februar – die ersten Angebote waren unzureichend – sind Waffen des G36-Herstellers Heckler & Koch und des Thüringer Unternehmens Haenel im Rennen. Letzteres hat dem Militär bereits ein Scharfschützengewehr geliefert. Haenel ist Teil der Merkel Gruppe, die der Tawazun Holding aus den Vereinigten Arabischen Emiraten angehört.

Das G36 hat Probleme mit Hitze

Die Affäre um das G36 begann 2012 mit Hinweisen auf Probleme mit der Treffgenauigkeit. Wie spätere Untersuchungen zeigten, treten die Probleme nach langen Schussfolgen oder auch unter Hitzeeinwirkung auf. Das G36 besteht aus Gewichtsgründen zum Teil aus Plastik.

Auf die Feststellung folgten Streit, politische Empörung über schlecht ausgerüstete Soldaten und eine Kakophonie der Expertenmeinungen, bei der Labortests und praktische Erfahrungen der Soldaten gegeneinander standen.

Mali ist nicht Mitteleuropa

Heckler & Koch wehrte sich öffentlich und juristisch gegen einen Imageschaden und bekam vom Landgericht Koblenz bescheinigt, von 1996 an geliefert zu haben, was die Bundeswehr bestellt hatte: Ein Sturmgewehr zur Landesverteidigung im mitteleuropäischen Klima. Dass deutsche Soldaten unter der Hitze Afghanistans oder inzwischen auch Malis Patrouille fahren, hatte da niemand auf dem Zettel.

Bei Gewehren ist das Zusammenspiel von Gewicht, Lauflänge, Munition und Treffleistung komplex. Das Material der Waffe wirkt sich auf das Gewicht und die thermische Belastbarkeit aus. Das Kaliber der Munition bedingt Durchschlagskraft, aber begrenzt gewichtsmäßig auch, wie viel Schuss am Mann mitgeführt werden können.

Zivile Opfer vermeiden

Die Bundeswehr fordert nun ein Gewehr, das für alle Klimazonen geeignet ist. Von der Feuerkraft her muss es den Feind vorübergehend niederhalten können, also in die Deckung zwingen. In einer solchen Situation kann die Präzision hinter die Feuerkraft zurücktreten. Das Ziel muss aber bald darauf wieder mit hoher Wahrscheinlichkeit getroffen werden.

Es gilt, sogenannte Kollateralschäden zu vermeiden. Bei Auslandseinsätzen sollen nicht Unbeteiligte wegen technisch bedingter Fehltreffer Opfer werden. Nicht zu vergessen die Forderung nach "Wirkungsüberlegenheit" gegenüber Waffen möglicher Gegner, die mit Feuerkraft und größerer Reichweite erreicht werden kann.

G36 müsste ohnehin ersetzt werden

Aus zeitlichen Gründen hat sich die Bundeswehr gegen eine Neukonstruktion für die 120.000 zum Kauf anstehenden Waffen entschieden und setzt auf die Anpassung marktverfügbarer Waffen. Auch ohne den Streit um die Präzision wäre das G36 inzwischen an das Ende der Nutzungszeit gekommen, hat von der Leyen bekräftigt.

Der Hersteller Sig Sauer hatte sich im November 2017 aus dem Vergabeverfahren zurückgezogen, kurz darauf auch Rheinmetall/Steyr-Mannlicher. Sig Sauer hat in den letzten Jahren seine Position als Lieferant von Dienstwaffen für deutsche Polizeibehörden und den Verfassungsschutz kräftig ausgebaut.

Heckler & Koch kämpft ums Überleben

Die Waffenschmiede Heckler & Koch aus Baden-Württemberg ist einer der bekanntesten Handfeuerwaffen-Hersteller der Welt und beliefert seit Jahrzehnten die Bundeswehr und andere Armeen. Zuletzt hatte das Unternehmen auch Kundenkritik bekommen. Die Berliner Polizei beklagte 2018 zum zweiten Mal mangelnde Treffgenauigkeit von Pistolen und mahnte Nachbesserung an. Die Firma wies die Vorwürfe aber zurück.

Heckler & Koch ist in schwerem Fahrwasser, in den ersten drei Quartalen 2018 fuhr das Unternehmen einen Verlust ein von vier Millionen Euro, wie aus einem Zwischenbericht der Firma hervorgeht. Für eine 800-Mitarbeiter-Firma mit einem Umsatz von rund 164 Millionen Euro in dem Zeitraum ist das kein Pappenstiel. Schulden drücken. Ein Niederlage bei der G36-Nachfolge wäre gefährlich. Doch kann nur ein Unternehmen zum Zug kommen.

Ministerin verteidigt langwierigen Prozess

"In der Rüstungsindustrie ist das Problem des Oligopols, der Marktbeherrschung durch wenige hochspezialisierte Fachunternehmen, immer präsent", so Ursula von der Leyen. "Deswegen muss man umso akribischer vorweg prüfen und verhandeln, um einen guten Vertrag zu haben". 


Ziel sei das bestmögliche Gewehr für die Soldaten zu einem vernünftigen Preis. "Solche Prozesse sind traditionell vor 20, 30 Jahren anders gelaufen, als die Rüstungsindustrie noch enger mit den staatlichen Stellen gekoppelt war. Die Probleme kamen dann meist hinterher. Heute muss der Staat seine Interessen genauso nachdrücklich wahrnehmen wie private Marktteilnehmer."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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