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Martin Schulz bei Anne Will: Was dem Vier-Augen-Gespräch gut getan hätte

Martin Schulz bei "Anne Will"  

"Wir haben's schwer miteinander"

30.01.2017, 14:36 Uhr | Von David Heisig, t-online.de

Martin Schulz bei Anne Will: Was dem Vier-Augen-Gespräch gut getan hätte. "Können Sie Kanzler?" Martin Schulz bei Anne Will. (Quelle: imago images)

"Können Sie Kanzler?" Martin Schulz bei Anne Will. (Quelle: imago images)

Am Tag der Verkündung musste er dann natürlich auch noch zu Anne Will: Martin Schulz, der neue Kanzlerkandidat der SPD. Die 60 Minuten wurden, man muss es zugeben, aber ein wenig zäh.

Das Thema

Es wurde ein Vier-Augen-Gespräch. Eine Sendungsgestaltung, in deren Genuss sonst nur Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt. Das Thema "Schulz" schien aber so interessant zu sein, dem SPD-Mann das gleiche Privileg einzuräumen.

Immerhin gilt er den Sozialdemokraten als Hoffnungsträger. Die politischen Gegner tänzeln um ihn herum, weil sie nicht genau wissen, welche Konter sie von ihm zu erwarten haben. Auch der Wähler scheint gespannt, wer sich da um den Kanzler-Job bewirbt. Will führte also eine Art Bewerbungsgespräch.

Kern der Diskussion

Für Schulz sollte das hart werden. Keine Pro-Forma-Fragen an einen Bewerber, der ohnehin als aussichtsreichster Kandidat für die Stelle gilt. Er sollte sich beweisen müssen. Angesprochen darauf, ob er in die Fußstapfen desjenigen, der den Job eigentlich machen wollte - Sigmar Gabriel - treten könne, sagte er: "Dann denken Sie zunächst einmal nach." Er habe sich das sorgfältig durch den Kopf gehen lassen. Die Frage zur Intention einer Bewerbung muss jeder Kandidat meistern.

Will aber stellte die Frage scharf: "Was lässt sie zugreifen? Machtgier? Selbstüberschätzung?" Spätestens da musste Schulz erkennen: Diese Personalerin schenkt die Stelle nicht einfach her. Also betonte er, was für ihn die Sozialdemokratie ausmache, nämlich der Respekt vor der "hart arbeitenden Mitte".

Will ließ nicht locker, ging mit ihm den Lebenslauf durch. Sie sehe da gar keine Regierungserfahrung, außer dem Bürgermeisterjob in Würselen (Nordrhein-Westfalen), den er bis 1998 inne gehabt hatte. Danach EU-Bürokrat. Regierungserfahrungen habe Barack Obama auch nicht gehabt und sei dennoch US-Präsident geworden, kontert Schulz. Szenenapplaus.

Will-Momente

Warm wurden beide nicht mehr miteinander. Im Gegenteil: Man konnte aus Schulz Gesicht ablesen, dass ihm der Gesprächsverlauf auf die Nerven ging. Will tat das, was man von jemanden erwartet, der einen Kandidaten auf Herz und Nieren prüfen soll. Warum er starke Verbundenheit mit den Menschen für sich reklamiere? Etwa in Würselen? "Ich wohne dort", so Schulz überrascht. "Ich wohne auch irgendwo und kenne mich (…) nicht mit allem aus", frotzelte Will. Autsch.

Schulz musste da erst einmal schlucken. Will gönnte ihm aber keine Pause. Das wäre aber fair gewesen. Auf das Thema "Gerechtigkeit" sei die SPD doch schon gekommen. Dennoch sei in den letzten 20 Jahren die Gesellschaft auseinander gedriftet. Was er anders machen wolle, fragte sie. Schulz reagierte gereizt. Viele positive Entwicklungen der letzten Jahre seien SPD-Erfindungen. Würde die Partei alleine regieren, wäre das Land moderner, so seine Reaktion.

Als Will fragte, ob er die SPD kernsanieren oder einfach einen Eimer Farbe "reinkippen" wolle, war es zu Ende. "Wir haben es schwer miteinander heute Abend", wies er Will zurecht.

Höhepunkt des Abends

Das war ein Einspieler. Hauptdarstellerin Maurike Maaßen, Verkäuferin und Gewerkschafterin aus Essen. Eigentlich SPD-Stammwählerklientel. Garniert mit weiteren Stimmen aus ihrem Stadtteil konnte sie ein eindrückliches Bild der Befindlichkeiten zeichnen: "Einfach im Stich gelassen" fühle sich die Mittelschicht.

Schulz wirkte ehrlich geschockt. Maaßens Gemälde war schonungslos. Die Partei müsse sich auf traditionelle Werte besinnen, so Schulz. So einfach kam er aber nicht davon. Denn Maaßen saß im Publikum. "Vertrauen Sie diesem Mann?", fragte Will. Irgendwie nicht. Dafür müsse er erst liefern.

Man habe zum Beispiel den Mindestlohn eingeführt, könne sich das aber nicht alleine auf die SPD-Fahne schreiben, antwortete der Politiker. Wenn sie Veränderung wolle, müsse sie den Mut aufbringen und ihn wählen. Da half es nicht, dass Will Schulz auf eine Zahl festnageln wollte, um wieviel unter ihm der Mindestlohn steigen werde.

Das wirkte auch affig. Welche Zahl hätte er nennen sollen, die ihm nicht irgendwann vom Wähler um die Ohren gehauen werden würde? Also beließ er es bei der Spitze, wie er mit einer Wählerin diskutieren solle, wenn er "da eine Anne Will dazwischen sitzen" habe, die ihm "bei jedem dritten Satz" ins Wort falle.

Was schade war

Während der Sendung hatten sich im Online-Forum über 1000 Zuschauermeinungen angesammelt. Er sei ein "unglaubwürdiger Populist und EU-Lobbyist", der Utopien nachjage, hieß es da zum Beispiel. Seine Sätze wirkten wie ein auswendig gelerntes Mantra, schrieb ein anderer. Eine Dame meinte dagegen: "wieder ein guter Mann bei den Sozis".

Dem Vier-Augen-Gespräch hätte es gut getan, wenn man Stimmen dieser Art Gehör verschafft hätte. Es gelang Will und Schulz nicht, aus der Endlosschleife um Schulz Intentionen und Pläne auszubrechen. Vielleicht hätten Fragen geholfen, wie: Was tun Sie, um vom Politikalltag abzuschalten? Gehen Sie mit ihrem Hund Gassi? Mögen Sie rheinischen Sauerbraten? Der seine Bodenständigkeit betonende Schulz hätte darauf bestimmt geantwortet.

So waren die 60 Minuten ein wenig ermüdend. Schulz schloss immerhin mit dem ehrlich wirkenden Statement, er habe auch Angst vor dem "Höllenritt Kanzlerkandidatur". Aber ohne Mut, brauche "man gar nicht starten". Er wolle gewinnen. Und das will man von einem Bewerber im Grunde doch hören.

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