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Corona-Massentests: Familien erheben Vorw├╝rfe

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 05.06.2020Lesedauer: 6 Min.
Gro├čeinsatz im Hochhaus: Weil das Iduna-Zentrum im Mittelpunkt eines Ausbruchs steht, hat die Stadt eine Arbeitsgruppe gebildet, die das ganze Ausma├č mit Tests ermitteln soll.
Gro├čeinsatz im Hochhaus: Weil das Iduna-Zentrum im Mittelpunkt eines Ausbruchs steht, hat die Stadt eine Arbeitsgruppe gebildet, die das ganze Ausma├č mit Tests ermitteln soll. (Quelle: Swen Pf├Ârtner/dpa-bilder)
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Weil in einem Hochhaus in G├Âttingen das Coronavirus grassiert, hat das gro├če Testen im Iduna-Zentrum begonnen. Eine Gruppe Bewohner sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Es lief gut an am Freitag im Zentrum des G├Âttinger Corona-Ausbruchs. Es sei auch gescherzt worden in der Tiefgarage, wo in zwei Zelten Gewissheit gewonnen werden soll ├╝ber das ganze Ausma├č, hei├čt es. Dort liegen mit Namen beschriftete Testr├Âhrchen bereit. 605 R├Âhrchen f├╝r 605 gemeldete Bewohner des Iduna-Zentrums, die zum Test m├╝ssen.

In G├Âttingen ist das Leben in der ganzen Stadt eingeschr├Ąnkt worden, und das hat sehr viel mit dem Betonklotz zu tun, in dessen Tiefgarage Teams am Freitag die ersten 217 R├Âhrchen verbraucht haben. Es stand im Raum, den Hochhauskomplex komplett unter Quarant├Ąne zu stellen. Das mildere Mittel ist, alle zu testen. Auch wenn es zur Not mit Zwang durchgesetzt wird.

Bereit zum Testen: Rund 60 Mitarbeiter von Gesundheitsamt, Uniklinik G├Âttingen, Johannitern, Feuerwehr und Bauhof waren nach Auskunft der Stadt am Freitag in der Tiefgarage im Einsatz. Am Sonntag soll das Testen abgeschlossen sein.
Bereit zum Testen: Rund 60 Mitarbeiter von Gesundheitsamt, Uniklinik G├Âttingen, Johannitern, Feuerwehr und Bauhof waren nach Auskunft der Stadt am Freitag in der Tiefgarage im Einsatz. Am Sonntag soll das Testen abgeschlossen sein. (Quelle: dpa-bilder)

Stadt: 120 F├Ąlle durch Treffen beim Zuckerfest

"Gro├čfamilien" h├Ątten am 23. Mai ohne ausreichend Abstand das Zuckerfest gefeiert, hatte die Stadt kurz vor Pfingsten gemeldet, G├Âttingen landete damit in den Schlagzeilen. Von 120 infizierten Menschen im Kontext von vier Feiern in Stadt und Kreis G├Âttingen ist inzwischen die Rede. Organisationen, die mit den Menschen arbeiten, f├╝rchteten, was kommen k├Ânnte: Stigmatisierung.

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Der nieders├Ąchsische AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Kestner erf├╝llte die Erwartung: "Offensichtlich dreistes und ignorantes Verhalten arabischer Gro├čfamilien" kritisierte er in einer Pressemitteilung. Er hatte dabei vielleicht vergessen, wie sein Kreisverband am gleichen Tag gefeiert hatte, an dem sich die Menschen in G├Âttingen beim Wiedersehen zum Ende des Ramadans ansteckten.

Bei einer partyartigen AfD-Veranstaltung auf einer Wiese wurden Banner gezeigt mit Spr├╝chen wie "Gesicht zeigen statt Maskenzwang" und "Shutdown sofort beenden". Auf Gruppenfotos winken die Anh├Ąnger dicht nebeneinander in die Kamera.

Die Szene zeigt, dass es nicht so einfach ist mit der Verantwortlichkeit. "Selbstverst├Ąndlich gelten die Corona-Regeln f├╝r alle", sagt Herbert Heuss zu t-online.de. Er ist wissenschaftlicher Leiter des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland. "F├╝r Baptistengemeinden oder Raver in Schlauchbooten." Unter Baptisten kam es nach einem Gottesdienst zum Ausbruch, die Raver-Party in Berlin l├Âste Emp├Ârung aus. "Jetzt Roma in G├Âttingen zu S├╝ndenb├Âcken zu machen, ist verfehlt und stigmatisiert die gesamte Minderheit."

Vorw├╝rfe an Stadt: Hinweise nicht beachtet?

Dem AfD-Abgeordneten Kestner war es offenbar nicht darauf angekommen, welche Minderheit er angreift. In G├Âttingen ist weithin bekannt, dass es bei dem Corona-Ausbruch im Iduna-Zentrum vor allem um Menschen geht, die zum gro├čen Teil w├Ąhrend des Kriegs im ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen sind, muslimische Roma aus dem Kosovo. Sie machen eine gro├če Gruppe der Bewohner im Iduna-Zentrum aus und einen gro├čen Anteil der Infizierten.

Aber der Patient Null ist nicht unter ihnen, schreibt ein Mitglied einer der Familien in einer "Gegendarstellung" auf Facebook. Er erhebt Vorw├╝rfe. Der Ausbruch gehe auf Aerosole im Hausflur zur├╝ck, und um den ersten Erkrankten im Haus habe sich die Stadt lange trotz Hinweisen auch aus den Familien nicht gek├╝mmert.

Am 29. Mai wurde an Polizisten in Schutzausr├╝stung un├╝bersehbar, dass es im Haus ein echtes Problem gibt. Die Beamten holten einen Mann zur Untersuchung ab, der sich wiederholt nicht an Quarant├Ąneauflagen gehalten hatte ÔÇô kein Angeh├Âriger der Roma nach Informationen unserer Redaktion. "Die Stadt hat nicht auf die Beschwerden wegen der Personen reagiert, und schiebt nun ihr eigenes Versagen auf die Menschen im Haus", hei├čt es in einer Stellungnahme des G├Âttinger Roma-Centers. Im Gegenteil sei es Angeh├Ârigen eines Erkrankten auch zun├Ąchst verwehrt worden, sich kostenfrei testen zu lassen.

13 Schulen geschlossen
Die Stadt reagierte auf die Infektionen mit Schlie├čungen von 13 Schulen und f├╝nf Kitas, die betroffene Kinder und Jugendliche besuchen. Von 57 getesteten Kindern im Zusammenhang mit dem Ausbruch sind 49 Covid-19-positiv. 28 Jugendliche an weiterf├╝hrenden Schulen, 11 Kinder an Grundschulen und 10 Kinder in Kitas. In der kommenden Woche sollen die Schulen wieder ├Âffnen. Hunderte Kinder m├╝ssen aber in Quarant├Ąne bleiben.

Hetze wegen Corona in G├Âttingen breite sich aus, beklagt das Roma-Center. Im Facebook-Posting berichtet der junge Mann im Namen einer der Familien nun auch von Anfeindungen im strafrechtlichen Bereich. "Wir sorgen uns sehr ├╝ber das Bild, das von der Familie und meinen Mitmenschen gezeichnet wird." Auch eine gro├če Familienfeier habe es so nicht gegeben.

An der Stelle bleibt die Stadt bei ihrer Darstellung: Sie sehe keinen Grund, an den Familienfeiern zu zweifeln, wie befragte Kontaktpersonen sie geschildert h├Ątten, hie├č es am Freitag in einer Pressekonferenz. Das Gesundheitsamt sei aber keine ermittelnde Beh├Ârde wie die Polizei.

30 Polizisten zur Absicherung da

Die Bewohner haben am Donnerstagabend Nachricht bekommen, dass und zu welcher Zeit sie zum Testen erscheinen sollen. Etwa 20 Bewohner waren im Vorfeld bereits positiv getestet worden. Wenn alles planm├Ą├čig verl├Ąuft, sind bis zum Sonntag alle Menschen im Haus getestet und die knapp 30 Polizisten zur Absicherung m├╝ssen nicht einschreiten.

Zelte in der Tiefgarage: Das ganze Hochhaus soll auf das Coronavirus getestet werden.
Zelte in der Tiefgarage: Das ganze Hochhaus soll auf das Coronavirus getestet werden. (Quelle: Swen Pf├Ârtner/dpa-bilder)

"Wir gehen heute nicht davon aus, eingreifen zu m├╝ssen", sagte Polizeisprecherin Jasmin Kaatz am Freitag. Nur, wenn es Tumult geben oder vielleicht wieder Gem├╝se auf Journalisten fliegen sollte. Eine Kartoffel aus einem Fenster hatte am Mittwoch einen Kameramann getroffen. Die Medien vor dem Haus mit ihren Berichten ├╝ber das Haus sind vielen Bewohnern wenig willkommen.

"Manchen ist es auch egal, weil die gr├Â├čere Probleme mit sich selbst haben", sagt ein fr├╝herer Bewohner zu t-online.de, der einige Monate in dem Haus gelebt hat. Viele Sozialwohnungen gibt es in dem Komplex. Dabei war der doch in den Siebziger Jahren er├Âffnet worden als vermeintliches Prestigeprojekt f├╝r ein gehobenes Publikum: "Sonnig, hell und zentral" versprechen Wohnungsanzeigen heute, und das stimmt zwar. Innerhalb lichtdurchfluchteter Wohnungen mit feinem Parkett und zum Teil gro├čartiger Aussicht l├Ąsst es sich gut leben.

Deshalb wohnen auch vor allem in den oberen Stockwerken etliche Studenten, die es von hier aus nur einen Katzensprung bis zur Uni haben. Vor den Wohnungst├╝ren aber ist es schmuddelig und trostlos, Feueralarm ├╝berdr├Âhnt regelm├Ą├čig laute Musik aus Wohnungen, ├╝ber die sich niemand beklagt. Oft hat sich nur jemand einen Scherz erlaubt.

Das Haus war Tatort im "Tatort"

"Die Zust├Ąnde in dem Haus waren schon vor der Corona-Krise kritikw├╝rdig", sagt Zentralrats-Sprecher Heuss. Als der erste Lindholm-Tatort in G├Âttingen gedreht wurde, war das Iduna-Zentrum d├╝stere Kulisse. Die Hausverwaltung lie├č zum ├ärger des Produktionsteams vorher M├╝ll von Vord├Ąchern entfernen. Es gibt Berichte, dass f├╝r den Dreh neuer Unrat verteilt wurde. Jetzt erwartet die Stadt ein Hygienekonzept von der Hausverwaltung, von der ├Âffentlich nichts zu h├Âren ist.

Aber manche der mehr als 200 Eigent├╝mer stecken auch kein Geld in Renovierungen. In diesen Wohnungen leben Menschen, die sonst gar nichts finden. So erlebte es auch der Fotograf Ingmar Bj├Ârn Nolting, der f├╝r Eindr├╝cke zweieinhalb Jahre Bewohner begleitet hat und f├╝nf Monate im Haus lebte. Nolting bekam Kontakt zu Menschen aller Milieus und vieler Nationalit├Ąten, und zu den Drogens├╝chtigen im Haus, die sich alle kennen. Roma wollten zu ihm keinen Kontakt. Sie lebten in einem eigenen Universum, schilderte er in Berichten zu seinem Projekt.

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Die Erfahrung mussten auch Mitarbeiter des Familientreffs der Jugendhilfe im Iduna-Zentrum machen, das in Vor-Corona-Zeiten Sprachkurse, Spielm├Âglichkeiten f├╝r die Kinder und Sportangebote f├╝r Jugendliche angeboten hat. M├╝hsam haben sie mit ihren Angeboten und direkter Ansprache in den vergangenen Jahren Zugang gewinnen k├Ânnen.

Roma leben mit Ausgrenzungserfahrung

"Ich sehe durchaus Bem├╝hungen und Anstrengungen von kommunalen Verantwortlichen oder Privatpersonen", sagt Birgit Sacher, Gesch├Ąftsf├╝hrerin des Integrationsrats der Stadt, "aber das hilft nur begrenzt." Sie verweist darauf, dass Roma-Familien in ganz Europa und speziell Deutschland nie Solidarit├Ąt erfahren h├Ątten. "Im Gegenteil, sie werden ausgegrenzt und hin und her verschoben". Da sei es eigentlich sogar "zumindest blind gegen├╝ber der gesellschaftlichen Realit├Ąt", Solidarit├Ąt zu erwarten, so Sacher. Vielleicht sei aber auch in manchen Familien die Gefahr einer Ansteckung krass untersch├Ątzt worden.

Die Leiterin des Krisenstabs: "Ich habe den Eindruck, die Menschen im Iduna-Zentrum sind froh, wenn sie Gewissheit erhalten", sagt G├Âttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt (SPD).
Die Leiterin des Krisenstabs: "Ich habe den Eindruck, die Menschen im Iduna-Zentrum sind froh, wenn sie Gewissheit erhalten", sagt G├Âttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt (SPD). (Quelle: Swen Pf├Ârtner/dpa-bilder)

Das haben Roma keinesfalls exklusiv. Der Zentralrat der Sinti und Roma hatte jedoch zu Corona einen Rundbrief an alle Sinti und Roma und deren Verb├Ąnde geschrieben, so deren Wissenschaftlicher Leiter Heuss. "Und wir haben gesehen, dass sich die Menschen in gro├čer Zahl an die Regelungen gehalten haben, wie es sein muss."

Das erhofft die Stadt sich von allen Bewohnern, und sogar, dass zu den Tests Menschen erscheinen, die im Haus leben, ohne dort gemeldet zu sein. Kontrollen dazu in den Wohnungen seien nicht geplant, sagt Frank Gloth zu t-online.de. "Wir k├Ânnen da nur an die Vernunft appellieren", so Gloth, der als Pressesprecher der G├Âttinger Feuerwehr jetzt auch als Ansprechpartner f├╝r Fragen zum Corona-Ausbruch aushelfen muss.

Wenn aber gemeldete Bewohner sich verweigern, ist die Aktion am Sonntag nicht wie geplant vorbei. Wer nicht zu den freiwilligen Tests erscheint, wird notfalls dazu gezwungen. Zwangsweise Tests w├╝rden in der kommenden Woche durchgef├╝hrt. Ein Szenario, ├╝ber das die Verwaltung ungern spricht, um nicht ├ľl ins Feuer zu gie├čen. "Wir gehen aktuell von der Kooperation der Bewohner aus", so Feuerwehrsprecher Gloth. Der Freitag hat da Hoffnung gemacht.

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