Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ĂŒbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Was heute Morgen wichtig ist

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 14.12.2018Lesedauer: 7 Min.
EZB-PrÀsident Mario Draghi.
EZB-PrÀsident Mario Draghi. (Quelle: Arne Dedert/dpa-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

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Und hier ist der kommentierte Überblick ĂŒber die Themen des Tages:

WAS WAR?

Die Flucht ist vorbei, sie haben ihn. Zwei Tage nach dem Anschlag auf dem Straßburger Weihnachtsmarkt haben Polizisten den mutmaßlichen AttentĂ€ter ChĂ©rif Chekatt in der elsĂ€ssischen Stadt erschossen. Er habe zuerst abgedrĂŒckt, die Beamten hĂ€tten das Feuer erwidert, hieß es. Die bangen Stunden der Angst sind vorĂŒber. Können wir nun wieder unbesorgt auf WeihnachtsmĂ€rkten flanieren? Solange das Terrorproblem in Europa besteht, bleibt auch die Verunsicherung im öffentlichen Raum. DafĂŒr mĂŒssen wir gar nicht erst solche Bilder sehen:

Barrieren vor dem Dresdner Striezelmarkt.
Barrieren vor dem Dresdner Striezelmarkt. (Quelle: Sebastian Kahnert/dpa)

Teil des Terrorproblems ist: Junge MĂ€nner in GefĂ€ngnissen entwickeln sich hĂ€ufig nicht zu gelĂ€uterten Menschen, sondern radikalisieren sich dort erst recht. Das ist in Frankreich nicht anders als in Deutschland. Schafft sich der Rechtsstaat also selbst gefĂ€hrliche Gegner, indem er sie inhaftiert? "Wir kennen viele FĂ€lle von Jugendlichen, die als StraftĂ€ter ins GefĂ€ngnis kamen und es als Radikale wieder verlassen haben", sagt der TĂŒbinger Professor und Seelsorger Abdelmalek Hibaoui. Warum das so ist, lesen sie in dem Interview, das mein Kollege Jonas Schaible mit ihm gefĂŒhrt hat.

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Solche Angst haben die Deutschen gehabt. Insbesondere deutsche Ökonomen und Politiker. Als NachzĂŒgler unter den großen Zentralbanken hatte die EZB, die WĂ€chterin ĂŒber den Wert und die StabilitĂ€t des Euro, vor drei Jahren im großen Stil mit dem Kauf von Staatsanleihen begonnen. Sinn der Übung: Geld unter die Leute zu bringen. Das Geld, mit dem die EZB fĂŒr die Anleihen bezahlt. Denn die Inflation war zu niedrig, zu dicht an der Null. Dadurch rĂŒckte das Schreckensszenario einer heftigen Wirtschaftskrise, ausgelöst durch flĂ€chendeckend sinkende Preise, den Mitgliedern der Eurozone ein bisschen zu dicht auf den Pelz. Geld wie Heu in Umlauf zu bringen und es dadurch allmĂ€hlich zu entwerten, ist ein probates Gegenmittel, sorgt fĂŒr Inflation, lĂ€sst die Preise wieder anziehen. Obendrein konnten die gebeutelten, verschuldeten Staaten im SĂŒden der Eurozone sich auf die EZB als Großabnehmer ihrer Schuldscheine verlassen – was die Nerven der ĂŒbrigen Geldgeber beruhigte und deren Risiko-ZinsaufschlĂ€ge wieder in vertrĂ€glichere Regionen brachte. Alles in allem also eine tolle Sache, sollte man meinen.

Aber der Widerstand war enorm, vor allem aus Deutschland. Hierzulande fĂŒrchtete man, die sieben biblischen Plagen wĂŒrden ĂŒber uns kommen, oder mindestens mal derer zwei. Die erste: Inflation! Seit der Hyperinflation vor bald hundert Jahren geht von diesem Wort in Deutschland ein Schrecken aus, dem sich selbst die Zunft der Ökonomen nicht entziehen kann. Andernorts, im angelsĂ€chsischen Raum etwa, sehen die Fachleute das entspannter. Die zweite Sorge: Die Schuldenberge der Euro-Wackelkandidaten mit der Druckerpresse zu finanzieren, wĂŒrde sie statt zum Sparen zu neuen Höchstleistungen beim Geldausgeben antreiben. So tönte der Chor der Kritiker jahrelang durch den BlĂ€tterwald.

Jetzt glaubt die EZB, auf weiteres Schulden-Shopping verzichten zu können, und stellt ihre AnleihekĂ€ufe zum Jahresende ein. Und wir stellen fest: Das Instrument hat sich nicht schlecht geschlagen. Vermutlich wird es in kĂŒnftigen Krisenzeiten sogar erneut aus der Werkzeugkiste geholt. Wir Deutschen dĂŒrfen uns jetzt aber erst einmal entspannen. War doch alles gar nicht so schlimm.

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Noah Klieger im Jahr 2009.
Noah Klieger im Jahr 2009. (Quelle: Peter Kneffel/dpa-bilder)

Schauen Sie bitte in dieses Gesicht. Sie sehen einen außergewöhnlichen Menschen, zu dem ich Ihnen eine kleine Geschichte erzĂ€hlen möchte. Vor elf Jahren arbeitete ich im Zeitgeschichte-Ressort einer Hamburger Redaktion, als mich der Kollege Henryk M. Broder anrief. Er habe da eine außergewöhnliche Story, berichtete er mir. In Israel habe er einen Mann namens Noah Klieger getroffen, ob ich den kenne? Kannte ich nicht. Ob ich schon mal von der "Exodus" gehört hĂ€tte? Hm, hm, dunkel, da war mal was 
 Das FlĂŒchtlingsschiff, auf dem im Jahr 1947 rund 4.000 jĂŒdische Holocaust-Überlebende versuchten, von Frankreich nach PalĂ€stina zu gelangen! Ach ja, richtig, stimmt, außergewöhnliche Geschichte. Noah Klieger war damals an Bord, er hat das ganze Drama miterlebt! Oh, erzĂ€hlen Sie mehr!

Also erzĂ€hlte mir der Kollege: Wie er in Tel Aviv mit Noah Klieger gesprochen und sich ĂŒber dessen schwarzen Humor gefreut hatte. Wie Klieger ihm von seiner Jugend erzĂ€hlte: 1926 in Straßburg geboren. Als Mitglied einer jĂŒdischen Untergrundorganisation im Alter von 16 Jahren in Belgien verhaftet und 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort ĂŒberlebt, weil er sich zu BoxkĂ€mpfen meldete, die der Lagerkommandant zur Unterhaltung der SS-Wachmannschaften zwischen HĂ€ftlingen austragen ließ. Anfang 1944 von der SS auf einem Todesmarsch bis nach RavensbrĂŒck getrieben. Dort von der sowjetischen Armee befreit. Nach Frankreich durchgeschlagen und an Bord der "Exodus" gegangen. Losgefahren – trotz des Verbots der Briten, die ein Einreiseverbot fĂŒr Juden nach PalĂ€stina verhĂ€ngt hatten. Showdown auf hoher See: Britische Schiffe versuchten, die "Exodus" zu rammen. Die Juden wehrten sich mit allem, was sie hatten: Holzstangen, Kartoffeln, Konservendosen, die sie als Geschosse einsetzten. VierstĂŒndiger Kampf, live im Radio ĂŒbertragen. Tote, Verletzte. Und dann 


Stopp! rief ich ins Telefon. Herr Broder, die Geschichte mĂŒssen Sie aufschreiben! Also schrieb er sie auf. Und gestern, elf Jahre spĂ€ter, habe ich sie wieder gelesen. Warum? Weil Noah Klieger, dieser außergewöhnliche Mensch, nun im Alter von 92 Jahren gestorben ist.

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Die britische Premierministerin Theresa May steht seit Monaten innenpolitisch massiv unter Druck – die Abstimmung ĂŒber den Brexit-Vertrag im britischen Unterhaus musste wegen fehlender Mehrheiten verschoben werden. Beim Gipfel in BrĂŒssel machten ihr die verbleibenden EU-LĂ€nder nun eine Reihe von Zusicherungen, diese blieben aber rechtlich unverbindlich. EU-Vertreter berichteten außerdem von wachsendem UnverstĂ€ndnis ĂŒber das Brexit-Chaos und unklare Vorstellungen Mays. Die EU will sich deshalb nun verstĂ€rkt auf einen Austritt ohne Abkommen vorbereiten.

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WAS STEHT AN?

Kita in Brandenburg.
Kita in Brandenburg. (Quelle: dpa)
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Tagesanbruch - Was heute wichtig ist
Was heute wichtig ist

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Heute ist großer Gesetzestag. Am Morgen verabschiedet der Bundestag mit der Mehrheit von Union und SPD das "Gute-Kita-Gesetz". Es soll mehr kostenlose KindertagesstĂ€tten fĂŒr Geringverdiener sowie die Anstellung von mehr Erziehern ermöglichen. Bis 2022 lĂ€sst der Bund sich das 5,5 Milliarden Euro kosten. Gut investiertes Geld. Familien sind das RĂŒckgrat unserer Gesellschaft.

Der Bundesrat befasst sich in der letzten Sitzung des Jahres mit mehreren Gesetzen der großen Koalition, darunter die verschĂ€rfte Mietpreisbremse, mehr Weiterbildung, höhere PflegebeitrĂ€ge, Maßnahmen gegen Diesel-Fahrverbote, EntschĂ€digungen bei Flug- und ZugverspĂ€tungen sowie das verschobene Verbot der betĂ€ubungslosen Ferkelkastration. Die umstrittene GrundgesetzĂ€nderung zur Digitalisierung der Schulen wird er in den Vermittlungsausschuss ĂŒberweisen. Da gehört sie hin.

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Viel los also in der Politik, aber einen anderen Termin finde ich heute noch wichtiger: WĂ€hrend die UN-Klimakonferenz in Polen voraussichtlich mit den ĂŒblichen Versprechungen enden wird, die dann wie ĂŒblich gebrochen werden, wollen Tausende SchĂŒler ein Zeichen setzen: Sie demonstrieren in mehreren deutschen StĂ€dten fĂŒr eine "Zukunft ohne Klima-Chaos". Was genau sie damit meinen, können Sie einer aufschlussreichen BroschĂŒre von Greenpeace entnehmen.

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Die SPD-Spitze berĂ€t heute zum mindestens vierhundertfĂŒnfundreißigsten Mal ĂŒber den Erneuerungsprozess der Partei. Nahles, Klingbeil und Co. – alle dabei. WĂ€r ja schön, wenn langsam mal etwas dabei herauskĂ€me.

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Ein SachverstÀndigenrat stellt heute eine Studie zur legalen Migration vor. Es geht um die Frage, welche Wege nach Deutschland Migranten offen stehen, die keine Aussicht auf Schutz haben. Also zum Beispiel Menschen, die dringend in der Alten- und Krankenpflege, in Kitas und in Handwerksbetrieben gebraucht werden.

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Die Gesellschaft fĂŒr deutsche Sprache kĂŒrt heute das "Wort des Jahres". Ich kenne es schon (na ja, oder meine es schon zu kennen).

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In Salzburg wird heute ein spektakulĂ€res Projekt prĂ€sentiert: die DIME, die digital-interaktive Mozart-Edition. Noten, Tonaufnahmen, mehr als 600 Werke auf 25.000 Seiten: Der Onlinekatalog soll das gesamte Schaffen des grĂ¶ĂŸten Musikgenies aller Zeiten in digitaler Form fĂŒr jedermann zur VerfĂŒgung stellen. So, und bevor nun die Bach- und Wagner-Fans Sturm laufen, springe ich schnell zum nĂ€chsten Thema.

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WAS LESEN?

KZ-Gefangene nach ihrer Befreiung.
KZ-Gefangene nach ihrer Befreiung. (Quelle: Lee Miller Archives, England 2018. All rights reserved. www.leemiller.co.uk)
PlĂŒnderer im Rheinland.
PlĂŒnderer im Rheinland. (Quelle: Lee Miller Archives, England 2018. All rights reserved. www.leemiller.co.uk)
Mehr aus dem Ressort
MinisterprÀsident Orbån verhÀngt Notstand
Viktor Orban bei einer Pressekonferenz (Archivbild): Der ungarische Regierungschef hat jetzt den Notstand verhÀngt.


Lee Miller war eine außergewöhnliche Person. Als zivile Kriegsberichterstatterin erlebte sie die letzten Tage des "Dritten Reiches" und war eine der Ersten, die Bilder des zerstörten Deutschlands publizierte. Jetzt ist ein neuer Bildband erschienen, der bisher unveröffentlichte Fotos enthĂ€lt – darunter die beiden, die Sie oben sehen: befreite KZ-HĂ€ftlinge sowie PlĂŒnderer im Rheinland. Mehr sehen und erfahren Sie hier.

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Falls Sie einen Windows-PC haben, ist Ihnen das bestimmt auch schon mal passiert: Da drĂŒckt man versehentlich eine falsche Taste – und zack!, macht der Rechner, was er will. Der Cursor schluckt Buchstaben, alle Fenster sind plötzlich schwarz, so was. Kann einen in den Wahnsinn treiben. Es sei denn, man hat diesen kurzen Text meines Kollegen Ali Roodsari gelesen. Dann weiß man, wie man den Wahnsinn sofort beendet. Am besten bookmarken Sie sich den Artikel.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Wann waren Sie zuletzt in einem Fotostudio? Vielleicht fĂŒr Bewerbungsaufnahmen? Mal so richtig in Szene gesetzt? Gut, wenn Sie bis jetzt mithalten konnten, muss ich noch eine Schippe drauflegen. Wann waren Sie zuletzt in einem richtigen Fotostudio? Also: mit Landschaftstapete und schwarzem Samtvorhang? Noch nie, ist ja scheußlich, meinen Sie? Dann kommen Sie bitte mal hier entlang. Wir sprechen uns hinterher.

Ich wĂŒnsche Ihnen einen fröhlichen Freitag und dann einen behaglichen dritten Advent. Wenn Sie mögen, können Sie am Samstag ab 6 Uhr hier die neue Tagesanbruch-Radiosendung am Wochenende anhören. Am Montag schreibt mein Kollege Peter Schink. Ich gehe dann ab Dienstag fĂŒr Sie auf die Jahresend-Zielgerade, bevor der Tagesanbruch ab dem 23. Dezember in die Weihnachtspause entschwindet.

Ihr Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

Den tÀglichen Newsletter von Florian Harms hier abonnieren.

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