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Tagesanbruch: Putins “Jahrespressekonferenz“ – Der Zar bittet zur Audienz

MEINUNGTagesanbruch  

Was heute Morgen wichtig ist

Von Florian Harms

20.12.2018, 02:16 Uhr

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Mark Zuckerberg (Quelle: REUTERS)Mark Zuckerberg (Quelle: REUTERS)

Mark Zuckerberg glaubt an gute Vorsätze zum neuen Jahr. Er postet sie auf Facebook. Für 2018 lautete sein Plan: "Fix Facebook". Er wollte seine Plattform reparieren. Weit ist er damit nicht gekommen. Man fragt sich, ob er und seine Mannschaft es überhaupt versucht haben. Die "New York Times" hat jetzt aufgedeckt, wie sich Facebook und andere Tech-Firmen gegenseitig Nutzerdaten zugeschoben haben. Heimlich. Jahrelang. Nach dem Motto: Zeig mir deine und ich zeig dir meine. Einige der Partner hatten offenbar auch Zugang zu privaten Chatnachrichten und durften diese sogar manipulieren. Nun hat der Generalstaatsanwalt von Washington, D.C. das Onlinenetzwerk wegen des Datenskandals verklagt.

Ein Skandal? Ja, aber nicht der erste, sondern ein weiterer in einer langen Reihe. Wie der Konzern seine mehr als zwei Milliarden Nutzer regelmäßig hinters Licht führt, zeigt Ihnen meine Kollegin Laura Stresing. Der Betrug hat System. Der Informatiker Jaron Lanier kann präzise erklären, wie Facebooks gesamtes Geschäftsmodell auf der Ausbeutung und Manipulation seiner Nutzer beruht. "Hier geht es nicht nur darum, Werbung aufgrund von persönlichem Datenmaterial maßzuschneidern, sondern Menschen auszuspionieren, auszuwerten, politisch zu manipulieren und ihnen letztlich auch die Seele und ihre Autonomie zu rauben und durch einen Algorithmus zu ersetzen", erläuterte Lanier in einem Interview mit der "taz". In einem weiteren Gespräch mit der "Zeit" erklärte er, wie Facebook durch seine Algorithmen menschliche Emotionen manipuliert und so zur politischen Radikalisierung beiträgt.

Abgesehen von Lippenbekenntnissen, teuren Werbekampagnen und Lobbyisten-Druck in Brüssel, Berlin und anderen Hauptstädten scheint das Unternehmen so gut wie nichts gegen das Problem zu tun. Kein Wunder. Denn das würde bedeuten, dass der blaue Riese sein eigenes Business zerstört. Das wird er nicht tun, sondern stattdessen nach Wegen suchen, seine Nutzer mit immer raffinierteren Methoden und auf immer verschlungeneren Wegen zu "monetarisieren".

Sie, liebe Leserin und lieber Leser, können allerdings schon etwas tun. Es liegt mir fern, Ihnen vorschreiben zu wollen, wie und welche sozialen Medien Sie nutzen. Aber wenn Sie nicht belogen, nicht betrogen, nicht als Klickvieh missbraucht und nicht nach Strich und Faden Ihrer persönlichen Daten beraubt werden wollen, sollten Sie darüber nachdenken, ob Sie auf Facebook und dessen Ableger WhatsApp und Instagram verzichten. Da es gar nicht so leicht ist, den versteckten "Lösch mich"-Button auf der blauen Plattform zu finden: Hier gibt es Hilfe.

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Spiegel-Verlagshaus in Hamburg. (Quelle: dpa)Spiegel-Verlagshaus in Hamburg. (Quelle: dpa)

"Sagen, was ist", lautete das Motto von "Spiegel"-Gründer Rudolf Augstein, im Statut des Magazins steht der Satz: "Alle im 'Spiegel' verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen. … Berichtigungen kann sich der 'Spiegel' nicht erlauben." Genau die muss sich der "Spiegel" jetzt aber erlauben: Ein gefeierter Reporter des Blattes hat eine große Menge seiner Artikel gefälscht, Protagonisten und Szenen frei erfunden – jahrelang. Bis zu 60 Texte könnten betroffen sein, darunter mehrere mit Journalistenpreisen ausgezeichnete Stücke. Die Reportage aus dem syrischen Kriegsgebiet, das Porträt einer amerikanischen Hinrichtungstouristin, das Psychogramm eines misshandelten Guantanamo-Häftlings, all die fesselnden Geschichten, die wir aufsaugten wie das Wasser in der Wüste: Lug und Trug. Veröffentlicht von einer Redaktion, die sich ihrer Faktenprüfungsabteilung rühmt und selbst nicht mit Kritik spart, wenn andere Fehler machen.

Wenn man sagt, was ist, dann muss man es so deutlich sagen: Das ist der journalistische Gau. Es wird Jahre dauern, bis sich das Blatt von diesem Glaubwürdigkeitsverlust erholt. Der Weg zu dieser Erholung kann nur über schonungslose Transparenz und akribische Aufarbeitung führen. Der "Spiegel" hat damit schon begonnen, offenbart dabei allerdings unabsichtlich, wo das Problem dieser stolzen Redaktion liegt: Schon seit Langem haben im Hause die Geschichtenerzähler über die Nachrichtenjournalisten triumphiert; nicht die harte News gilt als Krone des Schaffens, sondern die wortgewaltig und langatmig deklamierte "Story". Folglich ist auch die Abrechnung mit dem eigenen Reporter in einen poetisch-gefühligen Stil gewattepackt: Das designierte Chefredaktionsmitglied Ulrich Fichtner seziert den Fall ausführlich, resümiert über "Glanz und Elend" im Leben des Reporters, um dann selbstkritisch zu urteilen: "Diese Enthüllung, die einer Selbstanzeige gleichkommt, ist für den 'Spiegel', für seine Redaktion, seine Dokumentationsabteilung, seinen Verlag, sie ist für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Schock. Die Kolleginnen und Kollegen sind tief erschüttert." Der Fall markiere "einen Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte des 'Spiegel'. … Das Haus entschuldigt sich auch bei seinen Leserinnen und Lesern, bei allen geschätzten Kolleginnen und Kollegen in der Branche, bei den Preiskomitees und -jurys, den Journalistenschulen, bei der Familie Rudolf Augsteins, bei Geschäftspartnern und Kunden."

Bittere Worte, die jahrelang nachhallen werden. Bei aller Kritik ist den Kollegen hoch anzurechnen, dass sie so offen mit dem Fiasko umgehen. Und es ist ihnen zu wünschen, dass sie das Vertrauen ihrer enttäuschten Leser durch harte Arbeit zurückgewinnen. Dieses Land braucht den "Spiegel". Aber bitte als Nachrichtenmedium. Sagen, was ist eben.

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Alexander Gerst (Quelle: AP/dpa/Dmitri Lovetsky)Alexander Gerst (Quelle: Dmitri Lovetsky/AP/dpa)

Er ist zurück. Wohlbehalten. Nach fast 200 Tagen im All ist Alexander Gerst gemeinsam mit zwei Mitfliegern sicher in der kasachischen Steppe gelandet. Schon heute Abend wird der deutsche Astronaut in Köln erwartet. Vorher hat er noch schnell ein paar seiner Fotos geschickt, die er auf der "Internationalen Raumstation" geknipst hat. Hier sind die besten:

Blick von der ISS auf den Sonnenaufgang.  (Quelle: Alexander Gerst/ESA/dpa)Blick von der ISS auf den Sonnenaufgang. (Quelle: Alexander Gerst/ESA/dpa)

Taifun Trami  (Quelle: Alexander Gerst/ESA/dpa)Taifun Trami (Quelle: Alexander Gerst/ESA/dpa)

Der russische Frachter "Progress" rechts nähert sich der ISS. (Quelle: Serena Auñón-Chancellor/Alexander Gerst/ESA/dpa)Der russische Frachter "Progress" rechts nähert sich der ISS. (Quelle: Serena Auñón-Chancellor/Alexander Gerst/ESA/dpa)

Der Vulkan Krakatau auf der Insel Anak Krakatau. (Quelle: dpa/Alexander Gerst/ESA dpa)Der Vulkan Krakatau auf der Insel Anak Krakatau. (Quelle: Alexander Gerst/ESA dpa/dpa)

Die Astronauten Sergey Prokopyev, Alexander Gerst und Serena Auñón-Chancellor feiern Halloween auf der ISS. (Quelle: dpa/Alexander Gerst/ESA dpa)Die Astronauten Sergey Prokopyev, Alexander Gerst und Serena Auñón-Chancellor feiern Halloween auf der ISS. (Quelle: Alexander Gerst/ESA dpa/dpa)

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WAS STEHT AN?

Putin während seiner Rede an die Nation. (Quelle: AP/dpa/Alexander Zemlianichenko)Putin während seiner Rede an die Nation. (Quelle: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa)

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, und kurz vorher kommt Herr Putin. Zu seiner stundenlangen Mammut-Propagandaveranstaltung, die sich "Pressekonferenz" nennt. Fernsehen und Radio übertragen live auf zahlreichen Kanälen. Und so wie letztes Jahr wird es wieder lang anhaltenden Beifall, aber keine Nach- oder Rückfragen geben, falls der Zar, pardon, Präsident sich bei seiner Antwort zu sehr in Allgemeinplätzen und Eigenlob ergeht. "Lieber Wladimir Wladimirowitsch, wir alle lieben und achten dich. Ich bitte dich um Hilfe", so begann nicht das Stoßgebet auf Knien vor einer Ikone, sondern eine der vielen "Fragen" aus dem Publikum im vergangenen Jahr. Der starke Mann im Kreml erweist Mütterchen Russland seine Gunst.

So sieht sie aus, die glattpolierte Oberseite der Medaille, deren scharfkantige Rückseite wir hier in Deutschland zu spüren bekommen. Denn auf dem Weg zu uns hat die russische Propaganda sich des Glanzes entledigt und ist durch den Schatten gegangen, durch Troll-Fabriken, Bot-Netze, eine verdeckte Medienzentrale mitten in unserer Hauptstadt, Clickbait auf Facebook und Hetze auf Twitter. Wir brauchen uns nicht zu wundern. Wir dürfen nie vergessen, dass der Zar selbst ein Mann aus dem Schatten war. Ein Agent, gewendet zum Staatschef. Könnten wir uns hierzulande vorstellen, dass ein hochrangiger Geheimdienstler aus dem militärischen Abschirmdienst sein Betätigungsfeld wechselt, als Bundeskanzler die Geschicke der Nation bestimmt und den gesamten Staatsapparat auf sich zuschneidet? In Russland ist diese beängstigende Vision Realität.

Deshalb brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn in Putins Staat unliebsame Politiker vom Sondereinsatzkommando eingesammelt werden. Wenn ein in Ungnade gefallener Staatsanwalt vom Müllwagen überfahren wird und sein Kollege zufällig gleichzeitig Selbstmord begeht. Wenn einem Ex-Agenten im Exil das radioaktive Gift die Eingeweide zerfrisst bis zum qualvollen Tod, auf andere das Kontaktnervengift am Türgriff wartet, eine unbequeme Journalistin im Fahrstuhl niedergestochen wird und wir diese Liste noch lange fortsetzen könnten. Auch im Großen: Erst sind seltsame Bewaffnete ohne Abzeichen auf der Krim erschienen – jetzt gehört die Halbinsel zu Russland. Andere russische Soldaten haben in der Ost-Ukraine "private Ferien" gemacht, in Verbandsstärke und im Kampfeinsatz. Subtil sind die Signale nie gewesen. Putins Russland ist ein Geheimdienststaat. Und nur zur Sicherheit, falls Sie dieses Gegenargument irgendwo hören: Nein, das alles wird nicht dadurch besser, dass auch die Regierungen in Peking, Washington und andernorts jede Menge Dreck am Stecken haben.

Schauen wir Deutschen uns in Europa um, sehen wir allerorten Zerwürfnisse, Krisen, Instabilität. Auch deshalb müssen wir uns um friedliche Beziehungen zu unserem großen Nachbarn bemühen. Aber auch darum, niemals zum Spielball zu werden. Die "Pressekonferenz" von heute erinnert uns daran.

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Im Jahr des Herrn 1976 erschien ein Musikalbum der etwas anderen Art: Tales of Mystery and Imagination, die erste Platte des britischen … ja was: Toningenieurs? Komponisten? Musikers? Produzenten? Jedenfalls: Alan Parsons. In den Jahren zuvor hatte er die Beatles und Pink Floyd abgemischt, jetzt wollte er selbst Töne schmieden. Also vertonte er Werke des Schriftstellers Edgar Allan Poe. Düstere, abgründige Gedichte und Kurzgeschichten. Ich lauschte dieser Musik Anfang der Achtzigerjahre zum ersten Mal. Auf Kassette. Seither lässt sie mich nicht mehr los, vor allem der Song "The Raven". Heute feiert der Töneschmied seinen 70. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch, Mister Parsons. Und danke!

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WAS LESEN?

Gestern berichtete ich Ihnen hier von unserer Aktion "Besser ohne Böller": t-online.de ruft dazu auf, an Silvester auf die Knallerei zu verzichten – zugunsten von Umwelt, Mensch und Tier. 100.000 Unterstützer wollten wir sammeln, jedermann kann sich mit einem Klick beteiligen. Schon nach gut 24 Stunden war klar: Es gibt sehr, sehr viele Menschen, die sich uns anschließen. Dafür ganz herzlichen Dank im Namen der Redaktion!

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Auch auf eine weitere Aktion möchte ich Sie heute hinweisen: Die Teenager Kathi und Nessaja aus Berlin sind an Knochenkrebs erkrankt. Für beide stehen übliche Therapien nicht mehr zur Verfügung. Es gibt aber Hoffnung auf eine neue Behandlungsmethode aus den USA. In Deutschland ist sie bislang nicht zugelassen, weshalb die Krankenkasse die Kosten nicht übernimmt. Kathi und Nessaja sind also auf Unterstützung angewiesen. Deshalb sammeln StayFriends und die KINDERHILFE Geld für einen Therapie-Fonds. Hier erfahren Sie mehr.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Weihnachtszeit ist Liederzeit. Aber eine klangvolle Stimme ist nicht jedem gegeben. Schrecklich schief kommt es da aus der Kehle, das kann peinlich sein, da schämt man sich oder schämt sich vielleicht fremd. Wenn doch nur die Technik helfen könnte? Aber klar! Bitte halten Sie das geeignete Sing-Hilfsmittel bereit: auf dem Smartphone den Finger, am Rechner die Maus. Und wenn es trotzdem nichts wird mit "O du fröhliche"? Total egal. Denn diese Münder singen wunderschön schräg.


Ich wünsche Ihnen einen stimmungsvollen Tag.

Ihr Florian Harms
Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

Korrektur: Das in diesem Artikel verwendete Foto von Wladimir Putin zeigt den russischen Präsidenten während seiner Rede an die Nation, nicht während einer Pressekonferenz, wie es ursprünglich in der Bildunterschrift stand.

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