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Dramatische Corona-Lage in Deutschland: Haben nicht alle Tassen im Schrank

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Die haben nicht mehr alle Tassen im Schrank

21.10.2020, 07:33 Uhr
Dramatische Corona-Lage in Deutschland: Haben nicht alle Tassen im Schrank . Partyvolk in Berlin-Mitte. (Quelle: dpa/Paul Zinken)

Partyvolk in Berlin-Mitte. (Quelle: Paul Zinken/dpa)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hoffentlich haben Sie gut geruht. Meine Nacht war etwas kürzer, da ja der Tagesanbruch zu schreiben war. Dafür können Sie mir einen Gefallen tun und ein paar schnelle Fragen beantworten, was Ihnen am Tagesanbruch gefällt und was nicht. So können wir ihn mit Ihrer Hilfe weiterentwickeln. Und hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

Vor der etwas zu kurzen Nacht war ich bei meinem Stamm-Italiener in Berlin-Mitte. Spaghetti Carbonara, wie immer. Saß draußen vor der Tür im Abendwind an dem kippeligen Holztisch, an dem ich immer sitze, nur eben jetzt mit drei Metern Abstand zum nächsten Tisch, Maske auf beim Kommen, vor dem Bestellen Adresse, E-Mail und Handynummer angeben, das ganze Programm. Schlag 23 Uhr war Schluss, Sperrstunde, da gibt es auch für Stammgäste kein Pardon. Puh. Bin doch noch gar nicht fertig, dachte ich. Habe die späte "Tagesschau" noch nicht gesehen und die Zeitungen von morgen noch nicht gelesen, kann ich nicht noch ein paar Minuten… allein hier draußen… ist doch eh kein anderer mehr da…

Nein, konnte ich nicht. Und das war richtig so. Weiß ich doch. Habe ja auch gestern die Nachrichten von kapitulierenden Gesundheitsämtern in Bayern, Ba-Wü, NRW, Berlin und anderen Bundesländern gesehen. Habe gehört, dass nicht nur in Großstädten, sondern auch in Ortschaften wie Berchtesgaden private Feiern die Infektionszahlen explodieren lassen. Habe gelesen, dass sich die Intensivstationen in mehreren Nachbarländern viel zu schnell füllen und deutsche Ärzte warnen, uns könne bald Ähnliches ereilen. Habe die Politiker vernommen, die auch nicht mehr zu wissen scheinen, was sie nun noch machen sollen. Aber dann habe ich die Standpauke von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller gehört (siehe hier und dann unten rechts den Ton anklicken). Nun weiß ich: Vermutlich werden die Bundes- und Landespolitiker keine einheitliche Strategie mehr gegen den Corona-Herbststurm schmieden. Aber aufrütteln, das können sie. Wer nach diesem Appell immer noch denkt, er könne nach Belieben feiern, auf die Maske pfeifen und die Corona-Regeln ignorieren, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Und das darf man diesen Leuten auch deutlich sagen.

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WAS STEHT AN?

Opfer häuslicher Gewalt gibt es in allen sozialen Schichten und Altersklassen.  (Quelle: Thomas Trutschel/imago images/Symbolbild)Opfer häuslicher Gewalt gibt es in allen sozialen Schichten und Altersklassen. (Quelle: Thomas Trutschel/imago images/Symbolbild)

Ein x-beliebiger Tag in Deutschland: In Ellwangen wird ein Mann verurteilt. Er hat seine Ex-Frau geschlagen, mit Benzin übergossen und mit einer Zigarette in Brand gesetzt. Die Frau starb. In Limburg steht ein Mann vor Gericht, der seine Ehefrau erst mit dem Auto angefahren, dann mit einer Axt und einem Beil auf sie eingeschlagen hat. Die Frau starb. In Augsburg ergeht das Urteil gegen einen Bauern, der seine Frau niedergeschlagen und mit Gülle übergossen hat. Die Frau starb. Und in Dutzenden, Hunderten, Tausenden anderen deutschen Städten und Dörfern verprügeln oder vergewaltigen Männer ihre Ehefrauen, Freundinnen, Töchter. Ein x-beliebiger Tag in Deutschland. Der geschilderte lag im Mai, aber er könnte heute ebenso oder ähnlich ablaufen.

Wir lesen den Begriff häusliche Gewalt häufig in den Medien, aber was er wirklich bedeutet, machen wir uns viel zu selten klar, wenn wir nicht selbst darunter leiden. Dabei ist häusliche Gewalt eines der größten Probleme unserer Gesellschaft. Auch manche Männer leiden unter ihr, aber mit Abstand am häufigsten trifft der Terror Frauen. Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens ein Mal in ihrem Leben von körperlicher oder sexualisierter Gewalt betroffen – quer durch alle Milieus und Gesellschaftsschichten. Und fast immer ist der Täter ein Mann, oft der eigenen Partner oder ein Ex-Partner. Der gefährlichste Ort für Frauen ist das eigene Zuhause. Sie erleiden Nötigung, Stalking, Drohungen, Vergewaltigungen, Körperverletzungen. Abgesehen von Mord und Totschlag werden etwa zwei Drittel der Fälle nie bei der Polizei gemeldet. Die Verbrechen bleiben im Verborgenen, aber sie zerstören ganze Lebensläufe – auch noch viele Jahre nach den Taten. Kinder, die selbst direkt Gewalt erlebt haben, werden drei Mal so häufig später selbst zum Opfer – oder zum Täter.

Ich berichte Ihnen heute Morgen nicht nur deshalb von diesen Zahlen, weil ich sie erschütternd und empörend finde. Auch nicht nur deshalb, weil ich den Eindruck habe, dass häusliche Gewalt in unserer Gesellschaft zu häufig ignoriert oder bagatellisiert wird. Sondern auch deshalb, weil das Problem wächst. Durch die Corona-Krise plagen viele Menschen Sorgen und Ängste, sie bleiben häufiger zu Hause, treffen seltener Freunde und Kollegen. In Familien, die unter Quarantäne standen oder in denen ein Partner Angst oder Depressionen hatte, ist es deutlich öfter zu Gewalttaten gegen Frauen und Kinder gekommen – das hat eine Studie der Technischen Universität München ergeben. In Berlin registrierten die Behörden im Juni sage und schreibe 30 Prozent mehr Fälle als sonst – und das war noch in den Sommerwochen, als die Politiker viele Corona-Regeln lockerten. Inzwischen stehen die Warnzeichen vielerorts wieder auf Rot, Lockdowns für einzelne Regionen werden wahrscheinlicher, wie mein Kollege David Ruch zeigt. 

Das führt uns vor Augen, dass nicht nur die Pandemie ein gesundheitliches Problem ist. Auch der Kampf gegen die Seuche hat gewaltige körperliche und seelische Folgen für viele Menschen. "In Zeiten von Krisen, Isolation, gefühlter Hilf- und Machtlosigkeit ist Gewalt vermeintlich ein Mittel, um Kontrolle und Macht zurückzugewinnen", beschreibt die Psychologin Ulrike Scheuermann die Motivationen vieler Täter. In ihrer Kolumne berichtet sie, wie und wo Opfer Hilfe finden – und auch, was einsichtige Täter tun können, um ihr Verhalten zu ändern.

Sie ist nicht die Einzige, die sich intensiv mit häuslicher Gewalt beschäftigt. Auch der Bestsellerautor Sebastian Fitzek tut es. Heute erscheint sein neuer Thriller. Darin beschreibt er eine Frau, die zwar Angst auf dem Heimweg hat, doch ihre größte Angst besteht darin, nach Hause zu kommen. "Jeder hat Fälle in seinem Bekanntenkreis. Auch ohne es zu wissen. Nicht jeder redet darüber, verständlicherweise. Die Betroffenen sind auf der familiären Ebene in einem Machtgefüge, aus dem sie sich überhaupt nicht lösen können. Das ist am schlimmsten, wenn Kinder dabei sind", erzählt Fitzek im Interview mit meiner Kollegin Claudia Zehrfeld. "Mich hat erstaunt, dass sich dieses Phänomen durch alle Schichten zieht. Es gibt keine bestimmten Konstellationen, in denen das typischerweise vorkommt, wie etwa niedriges Einkommen oder niedriger Bildungsstand. Es ist ein Massendelikt, Hunderttausende sind betroffen, und es gibt eine hohe Dunkelziffer. Wir haben hier ein riesiges Problem in unserer Gesellschaft."

Ich finde das unerhört. Und ich wünsche mir, dass mehr Menschen Mut und Entschlossenheit zeigen, wenn Männer Frauen oder Kinder misshandeln. Oft bekommt man das als Außenstehender ja nicht mit. Aber öfter könnte man nachfragen, wenn einem etwas seltsam vorkommt. Wenn die Bekannte oder Verwandte verängstigt wirkt oder herumdruckst, wenn sie von ihrem Partner spricht. Auch für die nun überall praktizierten Videokonferenzen gibt es ein Geheimzeichen, mit denen Betroffene um Hilfe bitten können, berichtet meine Kollegin Jennifer Buchholz. Das mag noch keine Patentlösung sein. Aber vielleicht wenigstens ein Anfang.

Sebastian Fitzek thematisiert in seinem neuen Thriller "Der Heimweg" Gewalt gegen Frauen.  (Quelle: Marcus Höhn)Sebastian Fitzek thematisiert in seinem neuen Thriller "Der Heimweg" Gewalt gegen Frauen. (Quelle: Marcus Höhn)

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Das Bundeskabinett beschließt heute den Gesetzentwurf zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Er sieht schärfere Strafen, eine effektivere Strafverfolgung und bessere Prävention vor. Höchste Zeit.

Umweltministerin Svenja Schulze erklärt in ihrem Fortschrittsbericht, wie und wo in Deutschland der Klimaschutz gelingt – und wo nicht.

Bayerns CCB Markus Söder will in einer Regierungserklärung kundtun, was er als nächstes gegen das Virus zu tun gedenkt. Vom Chefcoronabekämpfer ist diesbezüglich bestimmt wieder allerhand zu erwarten.

Frankreich gedenkt in einer nationalen Gedenkveranstaltung des von einem Islamisten ermordeten Lehrers Samuel Paty. Präsident Macron will ihm die letzte Ehre erweisen und mahnende Worte an die Nation richten.

Früher, vor Corona, als Journalisten die Politiker noch auf deren Reisen in alle Welt begleiten durften, hob man meist vom militärischen Teil des Flughafens Berlin-Tegel ab. Der war zwar oll, aber irgendwie gemütlich. Vorbei. Heute beginnt der Regierungsflugbetrieb am neuen Hauptstadtflughafen BER. Das kann man toll finden. Oder schade. Weil man sich an manches einfach gewöhnt hat. Und weil es in den Sternen steht, wann man wieder über den Wolken mit der Kanzlerin über dies und das plaudern kann.

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Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung in Arizona. (Quelle: Reuters/Carlos Barria)Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung in Arizona. (Quelle: Carlos Barria/Reuters)

Der Witz des Tages lautet: "It’s a stacked deck!" ("Es ist ein abgekartetes Spiel!")

Donald Trump hat diesen Satz gesagt, natürlich. In seinem jüngsten Telefoninterview mit "Fox News" beschwerte sich der US-Präsident damit schon im Vorhinein über das angeblich unfaire nächste TV-Duell zwischen ihm und seinem Herausforderer Joe Biden, das in der Nacht zum Freitag stattfindet. Die Moderatorin, NBC-Journalistin Kristen Welker, sei "sehr unfair" und ohnehin "furchtbar"! Wir erinnern uns: In der ersten TV-Debatte trat Herr Trump als dauerdazwischenquatschender Rüpel auf, was die meisten Zuschauer nicht so gut fanden. Als er dann das nächste Duell absagte, weil er zwar Covid-19 hatte, aber partout keine Online-Debatte mitmachen wollte (da kann man schlechter dazwischenquatschen), kam das bei vielen Bürgern auch nicht gut an. Vor der letzten TV-Debatte baut er deshalb lieber schon mal vor, nach dem Motto: Falls ich verliere, dann sind die anderen schuld! Und zwar mit fünf Ausrufezeichen!!!!! Wäre es nicht so absurd, man könnte laut lachen.

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Nachbau von Magellans Schiff „Nao Victoria“.  (Quelle: dpa)Nachbau von Magellans Schiff „Nao Victoria“. (Quelle: dpa)

Der Held des Tages heißt Fernão de Magalhães, und es macht überhaupt nichts, dass er schon ziemlich lange nicht mehr auf Erden weilt. Heute vor 500 Jahren entdeckte der portugiesische Seefahrer die Verbindung zwischen Südatlantik und Südpazifik und konnte als Erster die Welt umsegeln. Dass wir die Meeresenge heute verballhornt "Magellanstraße" nennen, möge der Käpt'n uns verzeihen. Taten zählen mehr als Namen.

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WAS LESEN?

Twitter ist ein merkwürdiger Ort. Manchmal Fundgrube, manchmal Klatschbörse, manchmal besser als Kino, manchmal nerviger als Klassenstreber in der Schule. In den rechten Blasen blöken die Schreihälse, in den linken Blasen tummeln sich die Gedankenpolizisten. Jüngstes Opfer der Empörungsgesellschaft ist der Journalist Helmut Mauró, der in der "Süddeutschen Zeitung" einen süffisanten Text über den Pianisten Igor Levit geschrieben hat. Darin lässt er sich nicht nur über dessen Fingerfertigkeit am Flügel, sondern auch über dessen tägliche Epistel auf Twitter aus. Viele Leser fanden den Text zwar hart, aber pointiert, andere witterten darin üblen Antisemitismus. Die Chefredakteure der "SZ" entschieden sich dafür, ihren Musikkritiker an den Pranger zu stellen und entschuldigten sich öffentlich für den Text. Die Höchststrafe für einen Redakteur und auch in der notorisch hyperventilierenden Medienbranche ein bemerkenswerter Vorgang. Aber entscheiden Sie bitte selbst, was Sie davon halten: Hier ist der Text des Musikkritikers, hier die Entschuldigung der SZ-Chefredaktion und hier erklärt der Chefredakteur der "Welt", wie man als Chefredakteur Rückgrat zeigt.

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Schwere oder leichte Verläufe, Todesfälle oder gar keine Symptome: Covid-19 trifft jeden Patienten anders. Nun mehren sich die Hinweise, dass eine bestimmte Blutgruppe die Erkrankung beeinflussen könnte. Meine Kollegin Melanie Weiner verrät Ihnen, welche

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Wenn ich in der Bahn sitze oder an der Supermarktkasse stehe, frage ich mich gelegentlich: Wie viele Corona-Infizierte sind da jetzt wohl gerade um mich? Viele Infektionen bleiben unbemerkt, die Dunkelziffer ist hoch. Wie eine Webseite das ändern soll, berichtet meine Kollegin Laura Stresing. 

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WAS AMÜSIERT MICH?

Endlich weiß ich, was der liebe Mario mit mir vorhat! 

Ich wünsche Ihnen einen furchtlosen Tag.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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