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Die dritte Corona-Welle ist gebrochen: Trotzdem kein Grund zur Freude


Sind wir wirklich auf der Corona-Zielgeraden?

  • Peter Schink
Von Peter Schink

Aktualisiert am 11.05.2021Lesedauer: 5 Min.
Meinung
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Norderney: Die Außengastronomie darf wieder öffnen.Vergrößern des Bildes
Norderney: Die Außengastronomie darf wieder öffnen. (Quelle: dpa-bilder)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages, heute stellvertretend für Florian Harms.

Ein bitterer Beigeschmack

Was für ein glorreicher Start in den Sommer. Knapp 30 Grad, Menschentrauben vor den Eisdielen und in den Parks. Egal ob am Flaucher in München, am Elbstrand in Hamburg oder im Berliner Tiergarten, die vergangenen beiden Tage waren großartig. Hätten wir früher gesagt.

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In diesem Jahr schielen wir bei solchen Bildern gleich mal auf das RKI-Dashboard (oder wo immer sonst Sie allmorgendlich die aktuellen Inzidenzen ablesen). Sind wir noch unter 100? Schwellenwert wieder gerissen? Mist. Dann müssen wir also noch ein paar Tage durchhalten. Hoffen, dass die Zahlen weiter sinken. Maske tragen, zu Hause bleiben. Bloß kein Übermut!

Gleichzeitig macht sich Optimismus breit. "Die dritte Welle scheint gebrochen", sagte Gesundheitsminister Jens Spahn am vergangenen Freitag. Und die Zahlen geben ihm recht. Stetig sinkt die Zahl der Neuinfektionen. Parallel steigt die Zahl der Geimpften. 35 Millionen Impfdosen sind schon verabreicht. Wir hoffen also: auf ein Bierchen in der Außengastronomie, einen Friseurtermin ohne Corona-Test, geöffnete Schulen und Kitas, einen halbwegs normalen Sommerurlaub.

Doch die Angst vor dem Virus ist noch lange nicht besiegt. Eine vierte Welle sei nicht ausgeschlossen, warnen Virologen. Auf jeden Fall solange keine Herdenimmunität herrsche. Die aber könne wegen der neuen Virusvarianten eventuell erst viel später eintreten, womöglich erst ab einer Impfquote von 80 Prozent, warnen die gleichen Virologen. Wir müssen also weiter durchhalten.

Es ist ein Teufelskreis. Wir sind auf der Zielgeraden. Doch werden wir unvorsichtig, droht die Gefahr, dass wir den Erfolg umgehend wieder zunichtemachen. Was aber heißt eigentlich "unvorsichtig"? Wir haben in den letzten Monaten viel dazugelernt: über Aerosole, Schmierinfektionen, gute und schlechte Masken, Testverfahren, direkte und weniger direkte Kontakte. Wir haben versucht, uns und unsere Mitmenschen bestmöglich zu schützen. Haben Abstand gehalten, sind im Homeoffice geblieben, haben unsere Kinder beschult.

So stellt sich jetzt der Erfolg ein. Aber die Freude über das Erreichte bleibt aus. Zu fragil scheint die Situation. Wir verharren in Corona-Angst.

Die allseits verbreitete Unsicherheit hat noch einen weiteren Grund: Wir fürchten steigende Zahlen. Und wissen noch nicht mal, warum sie eigentlich gesunken sind. "Sinkt nun die Inzidenz wegen der Notbremse?", fragen die einen Kollegen. "Darum sinken die Corona-Zahlen plötzlich", titeln andere. Und bleiben die Antwort (das "Darum") schuldig. Fakt ist: So ganz genau wissen wir es nicht. Der Effekt muss schon vor dem Inkrafttreten der Bundesnotbremse eingetreten sein. Ob unsere Verhaltensänderung den Erfolg beschert hat, die Osterferien, das Testen in den Schulen, die Impfquote, so ganz genau lässt sich das nicht beziffern.

Noch Mitte März hatte das Robert Koch-Institut gewarnt, wegen der britischen Mutante könne zu Ostern die Inzidenz bereits zwischen 350 und 500 liegen. Die Zahl der Intensivpatienten werde dann die Krankenhäuser massiv überlasten (berichtete auch t-online). Die Wissenschaftler haben mit diesen Prognosen ziemlich falsch gelegen. Sie wussten es schlicht nicht besser.

Solch ein Unwissen aber lähmt die Gesellschaft, führt zu schlechten politischen Entscheidungen und schadet der Wirtschaft. Epidemiologen sind darüber schon lange unglücklich. Ihr Job ist es, bessere Prognosen zu produzieren. Mehr repräsentative Echtzeitdaten hätten da geholfen, sagen sie. Großbritannien beispielsweise hat deshalb eine Langzeitbeobachtung eines Bevölkerungsquerschnitts begonnen, die genau solche Erkenntnisse liefert. Wir könnten also wissen, wer sich in welcher Altersgruppe aus welchem Anlass mit Corona infiziert. Wir haben es nur versäumt. Deshalb vermuten wir weiter, warum die Fallzahlen mal steigen, mal fallen. Wir stochern im Zahlennebel. Und in die Freude über die derzeit sinkenden Corona-Zahlen mischt sich ein bitterer Beigeschmack.


Religion nicht verstanden

Im Sommer 2000 flog ich im Sommerurlaub ins ägyptische Sharm el-Sheikh, ans südliche Ende der Sinai-Halbinsel. Wir fuhren die Küste hoch bis ins israelische Eilat. Von dort aus weiter mit dem Mietwagen quer durchs Westjordanland, nach Jerusalem, nach Tel Aviv und wieder zurück. Eine Reise, die heute undenkbar scheint. Es gab keine Mauer, keine Kontrollposten und nur wenige jüdische Siedlungen im Westjordanland.

Nur wenige Wochen später fand dieser Frieden ein jähes Ende. Der damalige Oppositionschef Ariel Scharon besuchte nach gescheiterten Friedensgesprächen den Tempelberg in Jerusalem. Scharon vermochte es, nur mit dieser symbolischen Begehung die zweite Intifada auszulösen. Der folgende Krieg kostete fast 5.000 Menschen das Leben.

Wieder ist seit dem gestrigen Montag der Tempelberg symbolischer Mittelpunkt des Konflikts. Erst Krawalle zwischen Demonstranten und der Polizei, später fliegen Raketen aus Gaza. Sieben gehen in einem Vorort von Jerusalem nieder. Die israelische Armee reagiert mit Luftangriffen. Solche Bilder in Nahost wiederholen sich seit Jahren.

Den Tempelberg selbst erlebte ich im Jahr 2000 als einen sehr friedlichen Ort. Kinder spielten vor der Al-Aksa-Moschee Fußball, drinnen beteten Menschen zwischen Touristen. Wenige Meter weiter tobte in der Jerusalemer Altstadt der Trubel, hier lud der Schatten von Bäumen zum Verweilen ein.

Heute nutzen Fanatiker auf beiden Seiten diesen friedvollen Ort zur Eskalation. Sie haben ihre Religion nicht verstanden.


Abstand halten!

"Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dieses Land einen Neuanfang braucht", sagte Annalena Baerbock jüngst bei ihrer Nominierung als Kanzlerkandidatin der Grünen. Nun die nächste Nominierung, diesmal bei den Linken. Deren Co-Kandidatin Janine Wissler sagt: "Es geht nicht um kleine Korrekturen, es geht um einen Richtungswechsel."

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Da sagen zwei, die ziemlich unterschiedlich sind, ziemlich ähnliche Worte. Die sagen sollen: Wenn wir an der Macht sind, wird sich einiges ändern! Grüne wie Linke setzen also auf Wechselstimmung. Aber wird es die Ende September wirklich geben?

Diese Frage schon jetzt zu beantworten, ist unmöglich. Wir Wähler müssen keine Umfragen fürchten und können getrost abwarten, mit welchen Ideen die Parteien für das Land aufwarten. Nur von allzu kurzfristigen Stimmungen sollten wir am Wahltag Abstand halten.


Was lesen?

Am Wochenende warf die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer dem CDU-Direktkandidaten und Ex-Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen in einer Talkshow vor, antisemitische Inhalte zu teilen. Belegen konnte sie es in der Sendung nicht. Doch CDU-Parteichef Armin Laschet beeilte sich zu sagen: "Er ist nicht Antisemit und er verbreitet auch keine antisemitischen Texte, und wenn er es täte, wäre es ein Grund zum Parteiausschluss."

Wenn Sie sich also selbst ein Bild machen wollen, empfehle ich heute Morgen die gestrigen Recherchen des RND oder auch die des "ARD-Faktenfinder". Sehr erhellend, auch wenn die Welt aus rechten Codewörtern und Chiffren manchmal nicht leicht zu durchschauen ist.


Forscher testen einen neuen alternativen Treibstoff: Ammoniak. Vom Prinzip her lässt er sich ähnlich verwenden wie Wasserstoff, hat aber einen enormen Vorteil. Er muss nur auf minus 33 Grad gekühlt werden, damit er flüssig wird, nicht auf minus 253 Grad. Selbst bei Zimmertemperatur von 20 Grad könnte man ihn verflüssigen, mit einem Druck von 9 bar. Alles machbar? Leider ist der Treibstoff giftig, wie die Kollegen von Golem berichten. Aber unmöglich ist es nicht. Lesenswert.


Sind Sie Fan der US-Serie "House of Cards"? Dann sollten sie im September SPD wählen. Oder … nun, Olaf Scholz hat im Netz einen gewollten oder ungewollten Lacher ausgelöst. Die Kollegen unseres Video-Teams, Nicolas Lindken und Martin Trotz, haben die Szene für Sie festgehalten.


Was amüsiert mich?

Leiden Sie auch unter Impfneid? Dann hat unser Karikaturist Mario Lars heute ein knappe Empfehlung für Sie: Versuchen Sie bitte nicht, die Symptome mit einer Fälschung zu bekämpfen.

Ich wünsche Ihnen einen gesunden Start in den Tag. Morgen schreibt meine Kollegin Janna Halbroth an dieser Stelle.

Ihr

Peter Schink
Stellvertretender Chefredakteur t-online.de

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