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Flüchtlingskrise am Balkan: "Erinnerungen an den Krieg sind schnell wieder da"

MEINUNGTagesanbruch  

Das ist brandgefährlich

17.11.2021, 08:31 Uhr
Flüchtlingskrise am Balkan: "Erinnerungen an den Krieg sind schnell wieder da". Ein Soldat einer Antiterroreinheit bewacht das Treffen von Milorad Dodik mit Ungarns Premierminister Orban nördlich von Sarajevo. (Quelle: imago images)

Ein Soldat einer Antiterroreinheit bewacht das Treffen von Milorad Dodik mit Ungarns Premierminister Orban nördlich von Sarajevo. (Quelle: imago images)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

es ist ja nicht so, dass Deutschland, die EU und die Nato außenpolitisch nichts zu tun hätten. Im Gegenteil, viele Diplomaten arbeiten schon jetzt unter Dauerstress. An der Grenze zwischen Belarus und Polen kracht es seit Wochen: Dort werden Migranten aus dem Nahen Osten als politische Waffe missbraucht, Russland lässt nuklearwaffenfähige Bomber aufsteigen und Fallschirmjäger abspringen. Etwas weiter südlich sieht es nicht besser aus: Die Amerikaner warnen vor einem russischen Angriff auf die Ukraine. Sie sind von Truppenbewegungen an der Grenze alarmiert, während zeitgleich im Schwarzen Meer Kriegsschiffe auf Konfrontationskurs laufen. Das Letzte, was man in so einer Situation braucht, ist ein weiterer Krisenherd. Doch den haben wir schon längst. Er bricht mitten in Europa auf, und die Namen seiner Schauplätze klingen vertraut. Sie wecken keine guten Erinnerungen.

Sarajevo zum Beispiel. Auf einem Berg nahe der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, von dem aus serbische Soldaten die Stadt während des Bürgerkriegs in den neunziger Jahren beschossen, rattern wieder die Maschinengewehre. Spezialeinheiten der bosnisch-serbischen Polizei üben dort "Terrorbekämpfung", was ein bisschen wie Krieg aussieht und das wohl auch soll. Ihr Chef, der bosnische Serbenführer Milorad Dodik, hat verkündet, im zerbrechlichen Staat Bosnien nicht mehr mitmachen zu wollen: Raus aus den gemeinsamen Institutionen, raus aus dem bosnischen Militär. In einer Region, in der das Gemetzel unter Nachbarn bis heute Alpträume hervorruft, legt es dieser Mann darauf an, die Grenzen zwischen Volksgruppen wieder aufzubrechen. Er droht den Bewohnern der Region – und der EU – mit Eskalation.

Milorad Dodik schürt Konflikte zwischen den Volksgruppen auf dem Balkan. (Quelle: Reuters/Dado Ruvic)Milorad Dodik schürt Konflikte zwischen den Volksgruppen auf dem Balkan. (Quelle: Dado Ruvic/Reuters)

Bosnien ist klein. Es hat weniger Einwohner als Berlin. Man kann nicht behaupten, dass das Land viel politisches Gewicht auf die Waage bringt. Sprengkraft aber schon. Der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 ist mit solcher Brutalität geführt worden, dass er in der deutschen Sprache sogar einen neuen Begriff verankert hat: "ethnische Säuberungen". Vieles, was seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa endlich überwunden schien, hat damals wieder Einzug gehalten. Zivilisten wurden umgebracht und in Massengräbern verscharrt, Vergewaltigungen systematisch als Waffe eingesetzt. Erst das Eingreifen der Nato mit Bomben und Marschflugkörpern zwang die Serben an den Verhandlungstisch. Am Ende unterschrieben die verfeindeten Parteien ein Abkommen, das sie unter militärischer und politischer Aufsicht des Westens in einen gemeinsamen Staat zwang: Kroaten und muslimische Bosnier in ihrer eigenen Teilrepublik, serbische Bosnier in einer zweiten, darüber ein wackeliges gemeinsames Dach. Ein Ende der Gewalt, immerhin, und ein Anfang. Zusammenwachsen sollte dieser Staat, das war der Plan. Und irgendwann hatten wir Westeuropäer die Gräuel, das klapprige Gebilde und die Sache mit dem Zusammenwachsen fast vergessen.

Es gibt Leute in Bosnien, die sagen: Wir haben jetzt andere Probleme. Die Wirtschaft, die Korruption, die Arbeitslosigkeit, Corona. Eine halbe Million der ohnehin nicht zahlreichen Landesbewohner hat im vergangenen Jahrzehnt das Land verlassen. Jene, die geblieben sind, gehen längst nicht alle der martialischen Rhetorik ihrer politischen Führer auf den Leim. Wenn's nicht läuft, spielen die Einheizer mit der Kriegsangst und befeuern nationalistische Aufwallungen, damit keiner merkt, wie marode der Laden in der eigenen Teilrepublik wirklich ist. Das sind durchsichtige Manöver. Brandgefährlich sind sie trotzdem, denn klar gezogen sind die Grenzen zwischen den Ethnien nicht. In der serbischen Teilrepublik beispielsweise leben eben nicht nur Serben, sondern auch 200.000 Angehörige anderer Volksgruppen. Können die sich sicher fühlen, während Politiker den Hass anstacheln? Die Erinnerungen an den Krieg sind schnell wieder da. 

Ein Graffito in Belgrad verherrlicht den ehemaligen bosnisch-serbischen Militärchef Ratko Mladics, den Organisator des Massakers von Srebrenica. (Quelle: dpa)Ein Graffito in Belgrad verherrlicht den ehemaligen bosnisch-serbischen Militärchef Ratko Mladics, den Organisator des Massakers von Srebrenica. (Quelle: dpa)

Derweil hat sich die Lebenswelt der muslimischen Bosnier, Kroaten und Serben schleichend voneinander entfernt. Die Alltagsprobleme mögen dieselben sein, aber wenn sie die Zeitung aufschlagen oder den Flimmerkasten anschalten, erwartet jede Volksgruppe ihre eigene Welt. Das serbische Fernsehen ist längst zum Kanal der nationalistischen Rechten mutiert, die in Belgrad regieren. Die Opposition kommt dort kaum noch zu Wort, der Präsident dafür manchmal stundenlang. Der Blick nach Westen fällt kritisch aus, der nach Russland und China hingegen freundlich. Das macht sich auch Milorad Dodik zunutze, der Präsident der bosnischen Serben, wenn er mal wieder mit dem Feuer spielt. Im Oktober erklärte er, wie er die bosnische Armee aus seiner Teilrepublik vertreiben wolle: die Kasernen umzingeln und belagern, bis die Eingeschlossenen aufgeben. Und falls der Westen einschreite, habe er helfende "Freunde". Diese Freunde – Serbien und Russland – bekommen manchmal sogar Gesellschaft aus der EU. Gerade erst hat Viktor Orbán bei Herrn Dodik vorbeigeschaut. Ungarns Premier nimmt es mit den europäischen Werten bekanntlich selbst nicht so genau und unterminiert die EU mit ähnlichem Eifer wie der Kollege Putin in Moskau.

Und die Moral von der Geschicht‘? Solange die EU sich auf dem Balkan nicht stärker engagiert, haben es China und vor allem Russland leicht, das Vakuum zu füllen. Das ist gefährlich, denn es artet in Konflikte aus. So wie jetzt.

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Wahre Helden

Die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin haben die Welt verbessert. (Quelle: imago images)Die Biontech-Gründer Özlem Türeci und Ugur Sahin haben die Welt verbessert. (Quelle: imago images)

Dass wir den Corona-Mist irgendwann hoffentlich hinter uns lassen können, haben wir zu einem großen Anteil diesen vier Menschen zu verdanken: Das Ehepaar Özlem Türeci und Uhur Sahin hat gemeinsam mit der Biochemikerin Katalin Karikó und dem Mediziner Christoph Huber den ersten deutschen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt. Heute sind sie neben zwei anderen Forscherteams für den Deutschen Zukunftspreis nominiert, den Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Abend verleiht. Wenn Sie mich fragen, haben die Impfstoffpioniere nicht nur diesen Preis verdient, sondern mindestens noch hundert weitere – und obendrein ein kollektives Hurra sämtlicher Bürger dieses Landes. Falls Sie also nichts anderes zu tun haben: Heute Abend um 18 Uhr könnten wir ja alle gemeinsam an den Fenstern stehen und den Biontech-Gründern applaudieren.

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Was lesen?


Für Tausende Flüchtlinge an der belarussischen Grenze zu Polen ist das Überleben zur Glückssache geworden: Sie werden zwischen den Fronten zerrieben. Unsere Reporter Tim Kummert und Michael Körner berichten von Szenen, die man mitten in Europa kaum für möglich hält.

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Seit 20 Monaten arbeiten sie im Ausnahmezustand: Überall in Deutschland ringen Ärzte und Pfleger auf Intensivstationen um das Leben von Corona-Kranken. Unsere Reporterinnen Katharina Weiß und Stefanie Herbst haben sich auf einer Covid-Station in Berlin umgesehen. Ihren Bericht sollten Sie lesen. 

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Um Corona zu kontern, verschärfen die Ampelkoalitionäre ihr Gesetz drastisch. Inzwischen gibt es nur noch weniges, was SPD, Grüne und FDP ausschließen. Sogar ein angebliches Missverständnis zur Impfpflicht könnte in Wahrheit Mittel zum Zweck sein, berichtet unser Reporter Johannes Bebermeier. 

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Wie können mehr Bürger zum Impfen bewegt werden? Christian Görke hat eine Idee: Der ehemalige Finanzminister von Brandenburg fordert als erster Bundespolitiker eine Impfprämie in Höhe von 500 Euro: Alle schon Geimpften sowie alle, die sich noch impfen lassen, sollen sie erhalten. Dafür schlägt der Linken-Abgeordnete ein milliardenschweres Programm vor, das auch der Wirtschaft zugutekommen soll. Wie genau es funktionieren soll, erläutert Ihnen unser Rechercheur Jonas Mueller-Töwe.

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Was amüsiert mich?

Apropos impfen: Die haben einen Vogel, die "Querdenker".

Ich wünsche Ihnen einen gut informierten Tag. Morgen schreibt meine Kollegin Annika Leister den Tagesanbruch, von mir lesen Sie ab Freitag wieder. Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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