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Klimakrise: Nach uns die Sintflut


Tagesanbruch
Um Himmels Willen!

MeinungVon Florian Harms

Aktualisiert am 08.09.2022Lesedauer: 6 Min.
Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Was Meinungen von Nachrichten unterscheidet.
Ein Unterwasserfahrzeug untersucht den Thwaites-Gletscher (Archivbild): Neu Messungen zeigen, dass sich Risse vergrößern.Vergrößern des Bildes
Ein Unterwasserfahrzeug untersucht den Thwaites-Gletscher. (Quelle: Anna Wåhlin/University of Gothenburg/dpa-bilder)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

im Sport sind Rekorde etwas Gutes. Schneller rennen, höher fliegen, öfter gewinnen: Da fiebern wir freudig mit. Beim Klima sind Rekorde etwas Grottenschlechtes. Dass die Erderhitzung verheerende Folgen hat, dürfte mittlerweile auch der Letzte begriffen haben. Stürme verwandeln sich in Orkane, Regenfälle in Sintfluten, Trockenheit in Dürre. Bakterien entweichen den auftauenden Permafrostböden, Seuchen grassieren, Millionen Pflanzen, Vögel, Fische und Vierbeiner verenden.

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Umso bestürzender ist die Ignoranz, mit der wir Zweibeiner der Massenvernichtung zuschauen. Jeder weiß es, aber fast niemand tut genug dagegen: Auf diese deprimierende Formel lässt sich das menschliche Versagen beim Klimaschutz bringen. Es ist einfach, mit dem Finger auf die Chinesen/Amis/Inder zu zeigen. Es ist schwerer, einzugestehen, dass wir Europäer pro Kopf und erst recht im geschichtlichen Verlauf einen riesigen Anteil an der globalen Katastrophe haben.

Das Jahr 2022 wird in die Geschichtsbücher eingehen. Der Deutsche Wetterdienst hat die Werte des Extremsommers soeben bilanziert: Er war viel zu heiß, viel zu trocken Ein bitterer Rekord.

Die Zeiten, als man sich über jeden strahlenden Tag freute, sind unwiederbringlich vorbei. Heutzutage bedeutet wochenlanger Sonnenschein: verdorrte Ernten, ausgetrocknete Flüsse, brennende Wälder, immer mehr Hitzetote – und schmelzende Gletscher. In spätestens zehn Jahren werden die letzten fünf bayerischen Gletscher verschwunden sein, berichtet meine Kollegin Theresa Crysmann.

Das ist schlimm, aber noch dramatischer ist die Lage in der Antarktis: Dort schmilzt der Thwaites-Gletscher viel schneller als bisher angenommen. Mehr als doppelt so groß wie Österreich ist der Eisriese, doch der Riese taumelt: "Der Gletscher hält sich heute wirklich mit den Fingernägeln fest", fasst ein Forscher die prekäre Lage in einem etwas schiefen Bild zusammen, aber vermutlich muss man die Dinge plastisch beschreiben, um überhaupt noch Aufmerksamkeit für derlei Meldungen zu bekommen. Sollte das Eis sich lösen und vollständig schmelzen, könnte sich der Meeresspiegel um mehrere Meter heben. In Florida, Holland oder Schleswig-Holstein möchte man dann nicht leben. "Doomsday glacier" nennen Wissenschaftler den Thwaites deshalb, "Weltuntergangsgletscher".

Es ist absurd: Kaum ein Phänomen ist so umfangreich und akribisch erforscht worden wie die Erderhitzung, ihre Gründe und Folgen. Wir kennen alle relevanten Trends. Sei es die CO2-Konzentration in der Atmosphäre …

… der Anstieg der Temperatur im weltweiten Maßstab …

… oder hierzulande …

… seien es die gefährdeten Länder, unter denen Deutschland drauf und dran ist, sich in die Top 10 vorzuarbeiten …

… oder eben die riesige Lücke zwischen den wortreichen Klimaschutzbeteuerungen der Politiker einerseits und den tatsächlich erzielten Erfolgen andererseits.

Selbst wenn es viele Leute nicht mehr hören wollen, man muss es so deutlich sagen: Wir stolpern sehenden Auges in die größte Katastrophe seit Menschengedenken hinein, und es gibt nichts, was nachfolgende Generationen zu unserer Entschuldigung anführen könnten. Unser Motto lautet ganz offensichtlich: "Nach uns die Sintflut."

Wollen wir das wirklich? Noch ist es nicht zu spät zum Handeln. Für den entschlossenen Klima- und Artenschutz braucht es zwingend scharfe Gesetze. Ohne eine konsequente Politik geht es nicht. Politiker bewegen sich jedoch erst, wenn sie gesellschaftlichen Druck verspüren. Bisher verfolgt keine einzige deutsche Partei eine Politik, mit der sich die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens erreichen lassen. Nein, auch die Grünen nicht. Das wird sich nur ändern, wenn sehr viel mehr Bürger als bislang auf die Barrikaden gehen. Nicht, indem sie Gewalt anwenden, sich auf Autobahnen festkleben oder anderen Unfug anstellen.

Sondern indem sie erstens selbst konsequent leben. Also: nicht mehr fliegen, kein verbrauchstarkes Auto fahren, wenig Fleisch essen, keine unnützen Dinge auf Amazon und Co. shoppen. Stattdessen Bus, Bahn oder Fahrrad fahren, mit dem Zug in den Urlaub rollen, sich mit dem begnügen, was man hat, und das wertschätzen, was wirklich glücklich macht: Zeit mit lieben Menschen, ein gutes Buch, Sport oder ein Spaziergang, es gibt noch so viel mehr, das nichts und niemandem schadet.

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Und zweitens? Indem man auf die Volksvertreter zugeht und ihnen sagt, was man jetzt erwartet. Schauen Sie doch mal, wer in Ihrem Wahlkreis für SPD, Grüne, FDP, CDU oder CSU im Bundestag sitzt. Die haben alle Postanschriften, E-Mail-Adressen und Sprechstunden. Sagen Sie denen doch Ihre Meinung. Falls Sie auch künftig in einer intakten Welt leben wollen, ist das jetzt der Zeitpunkt zum Handeln.


Vorbild Frankreich

Frankreichs Präsident Macron eröffnet heute einen nationalen Reformdialog: 50 Vertreter von Organisationen, Verbänden und Gewerkschaften sollen gemeinsam mit einer Regierungsdelegation Lösungen für die Herausforderungen der Klimakrise, der Bildungs- und Gesundheitsmisere suchen. In Deutschland dagegen sind Foren wie Bürgerräte bislang nur kümmerliche Pflänzchen. Warum machen wir es nicht wie die Franzosen?


Masken-Murks

Dass Marco Buschmann und Karl Lauterbach aus sehr unterschiedlichen Perspektiven auf die Welt blicken, ist bekannt. Schon als der FDP-Justizminister (Team Freiheit) und sein SPD-Kollege vom Gesundheitsressort (Team Vorsicht) vor ein paar Wochen ihren Entwurf für ein neues Infektionsschutzgesetz präsentierten, war der Einigung ein wochenlanges Gezerre vorausgegangen – und das Ergebnis ein Wischiwaschi-Kompromiss, dem man das zähe Ringen anmerkte.

Kein Wunder, dass es auf den letzten Metern doch noch Änderungen gab, bevor der Bundestag heute die neuen Regeln beschließen soll. Die wichtigste: Die zunächst weiterhin vorgesehene Maskenpflicht in Flugzeugen, viel kritisiert nach der maskenlosen Kanada-Reise des Kanzlers, wird gestrichen – zweifellos auf Betreiben von Team Freiheit. Im Gegenzug darf aber auch Team Vorsicht noch ein Pünktchen machen: In allen Einrichtungen des Gesundheitswesens, also auch in Arztpraxen, wird es (wie auch weiterhin in Fernzügen) eine FFP2-Maskenpflicht geben. In Kraft treten sollen die Regeln am 23. September. "Herr Lauterbach schützt lieber die Koalition als die Bürger", kommentiert meine Kollegin Annika Leister.


Hilfe für Kiew

Mit den Schutzwesten, Nachtsicht- und Funkgeräten, die sie im März der Bundeswehr versprach, scheint es nicht so recht voranzugehen – ungeachtet dessen wird Verteidigungsministerin Christine Lambrecht heute auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz erwartet, um auf Einladung des amerikanischen Verteidigungsministers Lloyd Austin mit Kollegen aus mehr als 50 Ländern über die weitere Unterstützung der Ukraine zu beraten. Auf deren Wunschzettel steht unter anderem Winterausrüstung. Na, wenn das mal zeitlich hinhaut.

Unterdessen kommt die ukrainische Offensive im Süden des Landes voran, auch im Osten läuft es schlecht für Putin. Nähert sich der Krieg womöglich schon dem Ende? Unser Außenpolitikredakteur Patrick Diekmann erklärt Ihnen die Lage auf dem Schlachtfeld.


Noch eine Notbremse

Lange hat die Europäische Zentralbank unter Führung der resoluten Französin Christine Lagarde Zinserhöhungen vermieden. Sie hoffte halt, die Inflation werde irgendwie von alleine verschwinden. Viel zu spät zog die EZB im Juli die Notbremse und beendete ihre Null-Zins-Politik. Doch trotz der Erhöhung um 0,5 Prozentpunkte nahm der Preisdruck nicht ab, stattdessen stieg die Inflation in der Eurozone im August noch einmal und liegt mittlerweile bei 9,1 Prozent: so hoch wie nie zuvor seit Einführung der Gemeinschaftswährung.

Mit Spannung wird daher heute die nächste Zinsentscheidung der Währungshüter erwartet. Trotz des Rezessionsrisikos rechnen Volkswirte mit einer erneuten Erhöhung um 0,75 Prozentpunkte auf 1,25 Prozent für den Leitzins. Das wiederum wäre die größte Anhebung in der Geschichte der Notenbank.


Was lesen?

Warum verstehen so viele Menschen immer noch nicht, wie prekär unsere Lage ist? Auch deshalb, weil der Journalismus systematisch versagt, meint die Kollegin Sara Schurmann.


Zwei Meiler sollen vielleicht noch ein bisschen weiterlaufen: So stellt sich Wirtschaftsminister Robert Habeck die Zukunft der deutschen Atomkraft vor. Unser Reporter Johannes Bebermeier zeigt Ihnen in fünf Punkten, wie verkorkst die AKW-Politik des Grünen-Ministers ist.



In Berlin deutet sich ein brisanter Fall an: Die Generalstaatsanwaltschaft ermittelt gegen den ehemaligen Chef der Messegesellschaft.


Tuchel weg, Tedesco weg: Der FC Chelsea und RB Leipzig haben ihre Trainer vor die Tür gesetzt. Ja, spinnen die?, fragt mein Kollege Benjamin Zurmühl.


Was amüsiert mich?

Vielleicht hat die Maskenpflicht ja doch ihr Gutes.

Ich wünsche Ihnen einen kühlen Tag. Morgen schreibt unser USA-Korrespondent Bastian Brauns den Tagesanbruch, von mir hören Sie am Samstag wieder.

Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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