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Tornados in Deutschland - eine unterschätzte Gefahr

wetter.info-Interview  

Tornados in Deutschland - eine unterschätzte Gefahr

05.07.2015, 13:17 Uhr | von Rickmer Flor, wetter.info

Tornados in Deutschland - eine unterschätzte Gefahr. Pfingstmontag 2010: Hinter einem Regen- und Hagelvorhang versteckt zieht ein tödlicher Tornado auf den Ort Großenhain in Sachsen zu (Quelle: Screenshot von Amateurvideo auf youtube.com)

Pfingstmontag 2010: Hinter einem Regen- und Hagelvorhang versteckt zieht ein tödlicher Tornado auf den Ort Großenhain in Sachsen zu (Quelle: Screenshot von Amateurvideo auf youtube.com)

Wie jedes Jahr ab dem Frühjahr erreichen uns Meldungen von verheerenden Tornados aus dem Mittleren Westen der USA. Und wieder wiegen wir uns hierzulande in falscher Sicherheit - denn dass die tödlichen Wirbelstürme auch in Europa enorme Schäden anrichten, weiß Unwetterforscher Bernold Feuerstein. Mit ihm sprach wetter.info über die Gefahr von Tornados in Deutschland - und wie man sich vor ihr schützen kann.

Tornados in Deutschland

Herr Feuerstein, vielen Menschen erscheint hierzulande die Gefahr vor Tornados nicht sehr real. Ist das Gefühl der Sicherheit in unseren Breiten trügerisch?

Ja, das ist es. Tornados gibt es auch in Deutschland und Europa, allerdings nicht in der Häufigkeit wie das im Mittleren Westen der USA der Fall ist. Dieses Phänomen tritt bei bestimmten Wetterlagen auf, und diese sind aufgrund der geographischen Bedingungen in den USA öfters gegeben als  in Deutschland. Aber sobald alle Zutaten zusammenkommen, drohen auch in Deutschland Tornados. In den Medien entsteht meist das Bild: Der Tornado in den USA ist immer stark und verheerend. Ich sage, er kann auch in Europa oder Deutschland verheerend sein. Die Wahrscheinlichkeit, einen starken Tornado zu beobachten ist sicher nicht sehr groß, und die Fläche, die er  verwüstet, ist im Verhältnis zu anderen Schadensereignissen wie Winterstürmen winzig klein. Aber man muss sich gewahr sein, es kann passieren, und es kann auch mich treffen.

Ein solch zerstörerischer Tornado forderte letztes Frühjahr in Sachsen ein Todesopfer und mehrere Verletzte. Was war dort passiert?

Das war am 24. Mai 2010, Pfingstmontag in dem Ort Großenhain. Ein zunächst schöner, sonniger Tag. So begann er zumindest. Wetterprognosen kündigten eine Kaltfront an, die sich von Nordwesten nähern sollte. Die Wetterdienste hatten vor Unwettern gewarnt. Und tatsächlich bildete sich in dieser Front eine immer größer werdende Gewitterzelle, in sich rotierend und mit starken Aufwinden.  Zwei bis drei Stunden hielt dieses Paket durch und legte eine Strecke von über hundert Kilometern auf etwa einem Kilometer Breite zurück. Die Sturmböen in dem Gewitter hatten Orkanstärke bereits überschritten, und mittendrin entwickelten sich mindestens zwei Tornados. Einer davon traf dann leider Großenhain.

Haben Sie Filmaufnahmen oder Fotos von dem Tornado gesehen?

Es gibt keine Aufnahmen von dem Tornado selbst. Aber wenn man sich die Videos von den begleitenden wirklich schlimmen Windböen über Großenhain ansieht, dann kann man schon erahnen, was in diesem Zeitraum von vielleicht einer halben Minute los war, in der der Tornado über den Ort zog. Und es ist verständlich, wenn das keiner mehr filmt, sondern sich weg vom Fenster oder im Keller in Sicherheit bringt – was man in einem solchen Fall auch unbedingt tun sollte.

Augenzeugen filmten das schwere Unwetter über Großenhain:

Wie stark war der Tornado, als er auf das bewohnte Gebiet in Großenhain traf?

Es traten Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern in der Stunde auf, das entspricht einem Tornado der Kategorie F3. Betonaußenwände im obersten Stockwerk eines Plattenbaus hat er weggerissen und einen gemauerten Ziegelschornstein von fast hundert Metern Höhe auf wenige Meter gekürzt. Außerdem gab es schwere Waldschäden. So wurden stabile, nicht hochgewachsene, sondern gedrungene Bäume zerstört. Solche Schäden können überhaupt nur starke Tornados der Kategorie F3 und höher anrichten. Kein heimisches Holzgewächs überlebt diese Windgeschwindigkeiten. Der Wald hat sich an solche Ereignisse nicht anpassen können, dafür passiert ein Unwetter dieser Stärke zu selten. Auch in schweren Winterstürmen ab 200 Kilometern pro Stunde fallen die Bäume einfach. In Großenhain lagen wir noch bis zu 100 Kilometer pro Stunde darüber.

Auch anderenorts richtete das Gewitter auf seinem langen Weg große Schäden an. Wie konnte es zu diesem Maß an Zerstörung kommen?

Die Langlebigkeit und die große Strecke, die die Gewitterzelle zurücklegte, waren am Ende dafür verantwortlich, dass das Ereignis so schwerwiegend war. Und natürlich die Tatsache, dass sich mindestens zwei starke Tornados in ihr bildeten. Die Bilanz ist wirklich verheerend: Ein totes Kind, mehrere Verletzte und Sachschäden von mehr als 100 Millionen Euro.

Auf den Amateurfilmen wird deutlich, dass die Menschen von der Stärke des Unwetters völlig überrascht wurden, obwohl es ja Warnung im Radio und Fernsehen gegeben hatte.

Ein grundsätzliches Problem ist die schlechte Vorhersagbarkeit von Tornadoereignissen. Oft sind es nur kleine, kurzfristige Veränderungen in der Atmosphäre, die zu Unwettern dieses Ausmaßes führen. Am Vortag ist das noch nicht absehbar. Häufig kündigt sich nur eine, ich sag mal, langweilige Wetterfront an. Und da kann eine einzelne Gewitterzelle völlig überraschend die Oberhand gewinnen, sich sehr gut organisieren und selber verstärken. Diese Zellen setzen die Energie, die in der Luftfeuchte steckt, in großen Hagel, starke Stürme und - wie in diesem Fall - auch Tornados um.

Wäre es vorstellbar, dass ein einzelner, langlebiger Tornado eine ähnlich lange Strecke zurücklegt, wie die Gewitterzelle von Großenhain?

Im Prinzip ist das denkbar. Wir haben zwar ein hügeliges, in Teilen auch bergiges Gelände in Deutschland. Es gibt also zahlreiche natürliche Hindernisse, die sich hierzulande einem Tornado in den Weg stellen. Ein solches Ereignis wäre zumindest im flachen norddeutschen Raum möglich. Aber die Wetterbedingungen müssten natürlich auch über die gesamte  Strecke und den Zeitraum mitspielen. Ausschließen kann man das nicht, ich würde es aber als ein Jahrhundertereignis bezeichnen.

Sind Ihnen solche Fälle in Deutschland bekannt?

Es gibt ein paar historische Fälle, in denen ein einzelner Tornado in Deutschland auf eine Strecke von mehreren Dutzend Kilometern über einen Zeitraum von etwa einer Stunde gewütet hat. Das kommt aber sehr, sehr selten vor. Am 27./28. Juli 2005 zog zwar kein Tornado aber eine einzelne starke Gewitterzelle die etwa 400 Kilometer lange Strecke vom Hunsrück bis nach Sachsen. Dafür brauchte sie rund zwölf Stunden. Im Umfeld der Gewitterzelle gab es schwere Sturmböen, Hagel und mindestens einen, aber nicht ganz so schlimmen Tornado. Das zeigt: Das Potential ist da.

Es war also Zufall, das das Unwetter nicht noch viel stärker wurde?

Man kann von Glück sagen, dass das größtenteils nachts passierte. Tagsüber, wo die Sonne die Atmosphäre noch zusätzlich mit Energie versorgt, hätten wir vielleicht einen langlebigen Tornado gehabt. Diese Superzelle hatte sehr viel Aufmerksamkeit bei den Meteorologen hervorgerufen. Ich habe selber dieses Ereignis am Abend von Süden her in Richtung Wiesbaden beobachten können. Die Zelle sog mit ihren rotierenden Aufwinden die umgebende Luft mit aller Kraft zu sich heran. Noch dort, wo ich stand, in etwa 80 Kilometern Entfernung, fühlte es sich an, als hätte man einen riesigen Staubsauger vor sich. Die Zelle wanderte am Südrand eines größeren Gewittersystems immer weiter nach Osten und hatte die ganze Zeit ungehinderten Zustrom von Süden her. Häufig machen sich Gewitterzellen gegenseitig Konkurrenz. Diese Zelle  aber stand sozusagen völlig frei und versorgte sich ungehindert aus der Umgebung mit feuchter, warmer Luft.

Tornados mit sehr langer Lebensdauer sind also eher in den USA zu beobachten?

Selbst in den besonders gefährdeten Gebieten der USA sind langlebige Tornados sehr selten. Ein besonders markantes Ereignis trat zum Beispiel 1925 in den südlichen Bundesstaaten Missouri, Illinois und Indiana auf. Damals zog vermutlich ein einzelner F5-Tornado, also ein Ereignis der höchsten Intensitätsstufe, über die drei Staaten hinweg. Er legte gut 350 Kilometer zurück und zerstörte nahezu alles, was auf seinem Weg lag. Die offizielle Zahl der Toten lag in diesem dünnbesiedelten Gebiet bei fast 700. Physikalisch ist das auch bei uns möglich, und wenn etwas passieren kann, dann passiert es meist auch irgendwann.

Wurden hierzulande schon Tornados der Kategorie F5 beschrieben?

Das ist schon einige hundert Jahre her, aber sehr gut dokumentiert. 1764 wütete im östlichen Mecklenburg im Raum Feldberg ein „Orkan“, wie man damals schrieb. Ein Wissenschaftler hatte sehr detaillierte Karten und Zeichnungen von Schäden erstellt und Augenzeugen befragt. Aus dieser Dokumentation geht hervor, dass es sich um einen F5-Tornado gehandelt haben muss. Dieser Tornado hat Baumstümpfe aus dem Boden gerissen. Wenn man sich überlegt, wie wenig Angriffsfläche so ein Stumpf hat und wie schwer der ist, dann fällt das in die Kategorie „unglaubliche Schäden“ - was in der Fujita-Skala mit „incredible damage“ beschrieben wird. Dabei treten Windgeschwindigkeiten von um die 500 Kilometer pro Stunde auf. Natürlich hat das niemand je gemessen. Aber Abschätzungen führen uns zu dieser Annahme. Wenige Jahre später im Jahr 1800 hat in Hainichen im Erzgebirge ebenfalls ein F5-Tornado gemauerte Häuser bis auf die Grundmauern niedergelegt.

Mit welcher Häufigkeit treten Tornados in diesen Stärken denn auf?

F5-Tornados in Deutschland sind Jahrhundertereignisse, kommen also extrem selten vor. Im 20. Jahrhundert hatten wir allerdings etwa neun oder zehn F4-Tornados. Manchmal treten sie gehäuft auf, dann lassen sie wieder Jahrzehnte auf sich warten. Es ist nicht vorhersagbar. Grob gesagt ist ein F4-Tornado ein etwa 20-jähriges Ereignis. Wir hatten 1968 einen in Pforzheim mit zwei Toten und etwa 200 Verletzten. Der jüngste Fall war ein „vergessener Tornado“ und ist von Thomas Sävert von der Unwetterzentrale im vergangenen Jahr wunderbar untersucht worden. Ich hatte damals bei den Berechnungen geholfen, um herauszufinden, wie stark der Wind tatsächlich war. Am 24. Mai 1979 flogen in der damaligen DDR in Bad Liebenwerda Mähdrescher durch die Luft. Die Medienzensur hatte diese Katastrophe kleingeschrieben. Erst nach der Wende öffneten sich die Geheimarchive, und das ganze Ausmaß kam ans Licht.

Statistisch betrachtet wäre ein F4-Tornado also bereits überfällig?

Wenn morgen ein F4-Tornado in Deutschland entsteht, dann wäre das keine Klimakatastrophe, sondern ein zu erwartendes Ereignis innerhalb der hier herrschenden Klimatologie.

Was macht Tornados so gefährlich, und kann man sich im Falle eines Falles wirksam gegen sie schützen?

Vor einem F5-Tornado kann man sich nicht schützen, es sei denn, jemand hat einen bombensicheren Keller oder Bunker. Auch die Kräfte von F4 Tornados sind noch immer gewaltig. Selbst die häufiger auftretenden F3-Tornados sind eine ernst zu nehmende Gefahr. Stellen Sie sich vor: Ein Tornado dieser Stärke trifft nachts, möglicherweise noch hinter einem Regen- oder Hagelvorhang versteckt, im Ferienrückreiseverkehr auf eine stark befahrene Autobahn. Das kann böse enden. Im eigenen Haus ist man bis zu einem F3-Tornado noch verhältnismäßig sicher. Autos sind bei solch schweren Unwettern aber sehr gefährdet. Notfalls halten Sie lieber auf der Autobahn an. Man kann den Tornado ja leider nicht umleiten. In Gebäuden gehen Sie in den Keller. Wenn Sie keinen Keller haben, weg vom Fenster, möglichst in einen zentralen abgeschlossenen Raum. Auch noch mehrere hundert Meter von einem Tornado entfernt schießen Teile aus seiner Trümmerwolke wie Projektile durch die Luft. Wer da hinter einer Fensterscheibe steht und das ganze beobachtet, begibt sich in Lebensgefahr.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Feuerstein.

Der Physiker Dr. Bernold Feuerstein befasst sich seit vielen Jahren mit Schwergewittern und Tornados und ist Gründungsmitglied sowie stellvertretender Direktor des "European Severe Storms Laboratory e. V." (ESSL), einer gemeinnützigen Unwetterforschungsorganisation. Im Hauptberuf arbeitet am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg und lehrt als Privatdozent an der Universität Heidelberg.

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