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Lkw-Vorfall in Limburg: "Ohne Gewöhnung an Gefahr können wir nicht leben"

Lkw-Vorfall in Limburg  

"Ohne Gewöhnung an Gefahr können wir nicht leben"

Von David Ruch

08.10.2019, 12:05 Uhr
Lkw-Vorfall in Limburg: "Ohne Gewöhnung an Gefahr können wir nicht leben". Die beschädigte Frontscheibe des Tatfahrzeugs: In Limburg ist ein Mann mit einem Lkw in mehrere Autos gefahren. (Quelle: Reuters/Stringer)

Die beschädigte Frontscheibe des Tatfahrzeugs: In Limburg ist ein Mann mit einem Lkw in mehrere Autos gefahren. (Quelle: Stringer/Reuters)

In Limburg rast ein Mann mit einem Lastwagen in Fahrzeuge, verletzt mehrere Menschen. Der Vorfall ruft Erinnerungen an schlimme Terrortaten hervor. Warum uns solche Ereignisse so nahe gehen.

Ein Mann ist in Limburg in Hessen mit einem gestohlenen Lastwagen in mehrere Autos gefahren, die an einer Ampel warteten. Die Umstände der Tat sind noch unklar. Auch ein terroristischer Hintergrund wurde bislang noch nicht bestätigt. Doch der Vorfall ruft Erinnerungen an Amokfahrten wie in Berlin, Barcelona, Nizza, London, Toronto oder Münster hervor.

Die deutschen Städte haben in jüngster Vergangenheit verschiedene Maßnahmen unternommen, um ihren Bürgern ein größeres Sicherheitsgefühl zu vermitteln, etwa durch das Aufstellen von Betonpollern an öffentlichen Plätzen. Doch bei vielen Menschen bleibt eine Angst und die Unsicherheit, dass praktisch jedes normale Fahrzeug zu einer Waffe werden kann.

Im April 2018, nach der Amokfahrt eines Frauenhassers in Toronto mit zehn Toten, sprach t-online.de mit dem Psychologen Professor Peter Walschburger über die Wirkmacht solcher Ereignisse. Aus Anlass der Ereignisse in Limburg veröffentlichen wir das Interview hier noch einmal.

Statistisch gesehen passieren Taten wie die in Toronto extrem selten. In den vergangenen zehn Jahren gab es in Europa acht Angriffe mit Fahrzeugen, bei denen vier oder mehr Personen ums Leben kamen, und die insgesamt rund 140 Tote forderten. Im gleichen Zeitraum starben durch Unfälle über 35.000 Menschen allein auf den deutschen Straßen. Warum bewegen uns Ereignisse wie in Toronto dennoch so?

Es sind schreckliche, erschütternde Einzeltaten. Ihre Wirkung auf uns kann verheerend sein. Die Bilder hinterlassen oft einen bleibenden Eindruck. Sie drängen sich brutal in unser Gedächtnis und bleiben tief in unserem Bewusstsein hängen. Die modernen Medien wirken dabei wie ein mächtiger Verstärker der Bedeutsamkeit und der Reichweite von Informationen, und auch wie ein Beschleuniger.

Das Geschehene rückt näher an uns heran.

In der Tat. Natürlich können Menschen differenzieren zwischen Nachrichten über ein Ereignis in weiter Ferne und dem, was tatsächlich um sie herum passiert. Aber wenn auf dem Smartphone eine solche Meldung erscheint, verbunden mit einem emotional aufwühlenden Bild, dann kann unser Leben hier in Deutschland plötzlich ganz stark von dem Geschehen in Toronto bestimmt werden.

Wie reagieren wir auf solche Geschehnisse? Welche Mechanismen greifen?

Es regt uns auf, macht uns betroffen. Die meisten Menschen reagieren mit Alarmismus.

Heißt das, dass diese Menschen überreagieren?

Nicht unbedingt. Diese subjektiv erhöhte Risikoempfindlichkeit ist meines Erachtens Ausdruck einer funktionalen und auch verständlichen Art von erhöhter Vorsicht. Evolutionär hatte es für uns einen Überlebensvorteil, im Zweifel besondere Vorsicht walten zu lassen; sie macht uns sensibler für mögliche Gefahren. Hinzu kommt: Menschen sind sehr fantasiebegabte Wesen. Wir haben unsere Wahrnehmungs- und unsere Vorstellungswelt, die labil miteinander verbunden sind. Vereinfacht gesagt, sehen wir das, was wir erwarten, das andere übersehen wir leicht. Wir können uns auch an eine komplizierte Welt anpassen, wenn wir uns vor Augen führen, wie einzigartig und außergewöhnlich bestimmte Ereignisse sind. Denn oft gibt es eine große Diskrepanz zwischen unseren subjektiven Eindrücken und dem objektiven Geschehen.

Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin. (Quelle: dpa/Privat)Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin. (Quelle: Privat/dpa)

Was bewegt uns an Ereignissen wie Toronto am meisten? Die Toten? Die Gefahr?

Es ist eine Kombination aus vielen Aspekten. Uns ist eigentlich klar, dass wir irgendwann sterben müssen, und dass dies auch durch eine Gewalttat geschehen kann. Aber wir leben in dem Vertrauen, dass uns das hier und jetzt nicht passiert. Da wir aber fantasiebegabt sind und wir eigentlich keine Chance haben, uns der Berichterstattung über die klassischen oder die neuen Medien zu entziehen, kann auch ein ganz weit entferntes existenzielles Risiko jedem von uns persönlich ganz nahe rücken.

Tatsächlich gab es in der jüngsten Vergangenheit eine Häufung solcher Angriffe mit Autos oder Lastwagen. Der "Islamische Staat" rief seine Anhänger zu derlei Attacken auf – und sie passierten: in Nizza, Berlin, London, Barcelona. Hinzu kamen Amokfahrten wie die in Münster und nun in Toronto.

Der Mensch lernt bevorzugt am Modell. Das heißt: Wenn wir etwas präsentiert bekommen, das Modellcharakter hat, in diesem Fall für die Art der Ausführung einer besonders gewalttätigen, schrecklichen Tat, dann kann das eine besonders motivierte Person, die gerade ein Attentat plant, darin bestärken, es auf eine ähnliche Art zu versuchen.

Es gibt also einen Nachahmungseffekt …

… was die Art der Tatausführung betrifft. Die Gründe, die zu der Tat führen, können verschieden sein. Weil sich gezeigt hat, dass es besonders einfach ist, mit einem Lieferwagen Menschen umzubringen, greifen Täter, die – aus welchen Gründen auch immer – entschlossen sind, Menschen umzubringen, häufiger zu dieser Tatwaffe.

Zugleich ist die Chance, Opfer eines solchen Angriffs zu werden, verschwindend gering.

Tatsächliche und erlebte Gefahr klaffen in der Tat auseinander. Zwischen dem, was Menschen subjektiv erregt und betroffen macht an einer herausragenden, schrecklichen Tat und den objektiven Risiken, die man statistisch erfassen kann, gibt es einen riesigen Unterschied. Es sterben ja viel mehr Menschen durch Unfälle im Haushalt oder im Straßenverkehr. Dadurch, dass Ereignisse wie in Toronto jedoch so einzigartig sind und uns deshalb durch die Medien so eindrucksvoll vor Augen geführt werden, wirken sie gefährlicher und prägen sich besonders ein.

Also alles Hysterie?

Natürlich muss über solche Dinge berichtet werden. Die Medien haben aber auch eine Verantwortung, die Menschen nicht nur mit Bildern zu überhäufen, sondern das Geschehene auch mit Hintergrundberichten zu kommentieren.

Werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass Taten wie die in Toronto oder Münster wieder passieren werden?

Wir müssen zumindest damit rechnen, alles andere wäre blauäugig. Aber grundsätzlich hat Gewöhnung auch etwas Gutes. Wir könnten ohne diese Gewöhnung gar nicht leben. Nehmen sie das Beispiel Israel, wo die Gefahr von Anschlägen oder Attacken ungleich höher ist als bei uns. Man wundert sich oft, wie gut die Menschen dort mit dieser Situation leben können. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber Menschen können wesentlich mehr Bedrohung ertragen, als wir es gewohnt sind.
 

 
Würde uns ein wenig mehr Gelassenheit guttun?

Eine alarmistische Haltung behindert die nötige Einordnung und Reflexion. Ein stoisches Hinnehmen scheint mir jedoch auch nicht die optimale Reaktion zu sein. Ich würde mir wünschen, dass die Leute ein Ereignis wie Toronto zum Anlass nehmen, etwas zu erwerben, was ich als mittlere Aufmerksamkeit bezeichnen würde: Dass die Menschen ihre Umwelt wieder aufmerksamer wahrnehmen, dass sie nicht nur selbstbezogen durch die Gegend laufen, sondern mit einem neugierigeren, aufmerksameren und verantwortungsvolleren Blick für ihre Umwelt. Wenn sie sensibel registrieren, was in ihrer sozialen Umwelt passiert, dann können sie darauf auch angemessener reagieren.

Was im Fall eines Amokfahrers schwierig ist.

Das stimmt. Aber gerade in Großstädten, wo Fremde auf Fremde treffen, wo Menschen keinen Anlass mehr sehen, sich freundlich zu grüßen, kann ein offener Blick für die anderen die Anonymität verringern. Wir sind nicht verdammt dazu, nur ohnmächtige Zuschauer zu sein. Wir sind von Natur aus soziale Wesen und haben die Fähigkeit, unsere Welt human zu gestalten.

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