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Burkini-Verbot: Ich soll mich über Burkinis freuen - dein Ernst!?


Ich soll mich über Burkinis freuen - dein Ernst!?

Ein Kommentar von Anne Jäger, t-online.de

Aktualisiert am 26.08.2016Lesedauer: 3 Min.
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Momentaufnahme in Südfrankreich: Eine Frau trägt zum Baden im Meer einen Burkini.
Momentaufnahme in Südfrankreich: Eine Frau trägt zum Baden im Meer einen Burkini. (Quelle: dpa-bilder)
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Gestern schrieb mein geschätzter Kollege Christian Kreutzer einen Kommentar zu dem Burkini-Verbot an einigen französischen Stränden und der Durchsetzung des neuen Gesetzes in Nizza. Er schrieb, wir sollten uns darüber freuen, dass es Frauen gibt, die sich trotz ihres strengen Glaubens im Burkini an einen öffentlichen Strand wagen - schließlich wären sie moderner als die Frauen, deren Fußfesseln nur von der Küche ins Bett reichen (salopp ausgedrückt). Dem muss ich widersprechen: Ich kann mich nicht aufgrund des kleineren Übels erheitern.

Mein Kollege schreibt, die Burkini-Trägerinnen würden sich an den Strand wagen, obwohl dort halb nackt Bekleidete baden und dieser Anblick für sie verboten sei. Sich über diesen minimalen Schritt aus dem konservativen Islam zu freuen, wäre, als würde ich mich darüber freuen, dass ein Nazi einen Döner bestellt - obwohl in dem Restaurant Ausländer sind. Oder ein homophober Erzkatholik trotz Christopher Street Day in der Kölner Innenstadt einkaufen geht - obwohl dort Schwule und Lesben unterwegs sind.

Seine Argumentation impliziert, dass es im westlichen Frankreich noch immer zu viele Frauen gibt, die extrem unterdrückt werden. Sie zeigt, dass die Integration dort teilweise gescheitert ist. Ein Grund zur Freude? Nein!

Sexismus gegenüber Frauen und Männern

Der Burkini ist - genauso wie die Burka oder auch nur ein Kopftuch - ein Symbol des Sexismus in beide Richtungen. Er unterstellt Frauen, die sich nicht verhüllen, sie seien auf sexuelle Kontakte aus und zu schwach, um sich zu wehren. Und ebenso unterstellt er Männern, sie seien wie wilde Tiere, die nicht gegen ein sexuelles Verlangen ankämpfen könnten, sobald Frau sie lockt.

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Mein Kollege schreibt in seinem Kommentar, ein Burkini sei keine Provokation. Ich glaube auch, dass seine Trägerinnen ihn nicht mit dieser Intention anziehen. Aber mein Kollege vergisst, dass man nicht nur Widerstand oder Rassismus provozieren kann, sondern auch Angst. Provokation bedeutet nämlich zunächst nur, dass eine Reaktion ausgelöst wird. Herr Sarkozy mag den Burkini vielleicht als Provokation zu salafistischen Praktiken sehen, aber der Burkini fördert meiner Meinung nach vor allem Angst und Unwohlsein in der Bevölkerung. In dem Kommentar steht nonchalant, dass Frankreich nach den Anschlägen "nicht mehr richtig tickt" - ich will helfen, dieses Unwohlsein zu verstehen.

Meine Kleidung, meine Entscheidung!

Am Wochenende gehe ich oft aus - dank des Kampfes früherer Generationen um Freiheit und Selbstbestimmung darf ich mich nach meinem Belieben anziehen und muss keiner Vorschrift gerecht werden. Wenn ich einen Minirock anziehe, weil ich ihn schön finde, darf ich das. Ein Algerier hat mir gesagt, ich gehöre gesteinigt - das ist ein ärgerlicher Einzelfall. Kann ich verdrängen. Wenn ich aber häufiger von Arabern die Aufforderung zum Sex hinterhergerufen bekomme, blöd angemacht und beleidigt werde, macht mir das Angst. Angst, das, wofür die früheren Generationen gekämpft haben, zu verlieren. Angst, ich müsse mir in Zukunft genau überlegen, ob ich züchtig genug angezogen bin, um fremde Kulturen im eigenen Land nicht zu verschrecken - ganz zu schweigen von körperlicher Gewalt. Ich denke, die Mehrheit der Franzosen hat keine Angst, dass unter dem Burkini ein Sprengstoffgürtel stecken könnte, sie hat Angst, dass ihre freie Art des Lebens und Lebenlassens endet.

Die westliche Welt ist stolz darauf, andere Denk- und Lebensweisen zu tolerieren und zu respektieren. Du darfst hier - solange es gesetzeskonform ist - machen und tun, was du willst. Das gilt nicht nur für Anhänger verschiedener Religionen - das gilt auch für Frauen! Religionsfreiheit versus Gleichberechtigung. Ein Burkini stellt demnach ein moralisches Dilemma dar, das es zu bewältigen gilt. Aber Freude meinerseits bleibt aus.

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