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Ukrainerin zu Wagenknecht-Manifest: "Mit Terroristen wird nicht verhandelt"


"Mit Terroristen wird nicht verhandelt"

Ein Gastbeitrag von Natalia Komarowa

Aktualisiert am 21.02.2023Lesedauer: 4 Min.
Meinung
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Eine Frau trauert nach einem russischen Angriff auf ihr Wohnviertel in der ukrainischen Stadt Dnipro: Mitte Januar starben hier mehr als 40 Menschen, darunter mehrere Kinder.
Eine Frau trauert nach einem russischen Angriff auf ihr Wohnviertel in der ukrainischen Stadt Dnipro: Mitte Januar starben hier mehr als 40 Menschen, darunter mehrere Kinder. (Quelle: IMAGO/Dnipropetrovsk State Administrat)

Immer wieder fordern einige deutsche Prominente, die Ukraine solle mit Russland verhandeln. Unsere Gastautorin ist Ukrainerin – und liest solche Aufrufe aus Deutschland mit Entsetzen.

Wenn ich Texte wie den jüngsten Brief von Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer lese – angeblich ein "Friedensmanifest" –, frage ich mich immer zuerst: Was steckt dahinter?

Wenn es nur politische Kurzsichtigkeit, eine Art kindliche Naivität oder grundsätzliche Feigheit und mangelnde Bereitschaft, auf Bequemlichkeit zu verzichten, ist, ist das eine Sache. Wenn es sich aber um eine bewusste Aktion zugunsten des Aggressors handelt, ist es eine ganz andere Sache, und keine Argumente werden die Verfasser eines solchen Manifests beeinflussen.

Aber da Hunderttausende von Deutschen dieses Manifest unterschrieben haben, sollten sie etwas begreifen, wenn sie es nicht schon getan haben: In den 1.500 Jahren seiner Geschichte wurde Kiew nur zweimal um 4 Uhr morgens ohne Kriegserklärung bombardiert – am 22. Juni 1941, auf Befehl Hitlers, und am 24. Februar 2022, auf Befehl Putins.

Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer haben einen Offenen Brief an die Ukraine geschrieben.
Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht und Frauenrechtlerin Alice Schwarzer wollen die Militärhilfen für die Ukraine stoppen. (Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa)

Das Ziel beider Aggressoren war und ist offensichtlich: neue Territorien im Zentrum Europas zu erobern. Im 21. Jahrhundert erscheint dies unglaublich, irgendwie anachronistisch, aber es ist wahr. Neben Raketenangriffen und Luftangriffen hat Putins Armee seit den ersten Tagen der Aggression die Zivilbevölkerung terrorisiert.

Kein Wort über das Ziel von Putin

Jeder weiß das. Aber die Verfasser des Manifests stellen eine seltsame Frage: "Was ist der wahre Zweck dieses Krieges?". Und sie stellen sofort fest, dass "Präsident Selenskyj keinen Hehl aus seinem Ziel macht" – es ist "ein bedingungsloser Sieg". Offenbar halten die Verfasser dies für einen Skandal. In dem Manifest wird kein Wort über das Ziel von Präsident Putin verloren. Man könnte also den Eindruck gewinnen, dass die Ukraine den Krieg um eines "bedingungslosen Sieges" über Russland willen begonnen hat.

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Verlassene russische Panzerfahrzeuge vor Wuhledar. (Quelle: Uncredited)

Die Autoren scheren sich jedoch wenig um Logik, denn ihr Hauptanliegen ist es, der Öffentlichkeit die Notwendigkeit einer sofortigen Beendigung des Krieges zu vermitteln, und nicht, dem ukrainischen Volk durch die Lieferung von Waffen zur Bekämpfung des Aggressors zu helfen. Sie sind von der Möglichkeit einer Art von Verhandlungen und Kompromissen mit einem aggressiven und unfähigen Diktator überzeugt und versuchen, das deutsche Volk davon zu überzeugen.

Dieser Diktator hat in Europa und der Welt noch viele solcher Erfüllungsgehilfen, aber Deutschland nimmt in dieser Hinsicht einen besonderen Platz ein. Schröder, Merkel, Steinmeier: Sie alle sind seit langem mit dem "Appeasement" des Kriegsverbrechers Putin beschäftigt, und das ist in der Ukraine wohlbekannt. Auch Bundeskanzler Scholz (SPD) reihte sich zunächst in diese Riege der Friedensstifter ein, fand aber unter Druck die Kraft, für Gerechtigkeit einzutreten.

Russlands Einflussagenten in Europa

Es ist klar, dass Moskau dies nicht gefiel, und seine Einflussagenten in Europa und in der ganzen Welt wurden sofort aktiver. Sie begannen, Texte und Petitionen zu verfassen, um das angebliche Recht Russlands zu verteidigen, fremde Gebiete zu besetzen und ungestraft Menschen zu töten, wobei sie einige schändliche Rechtfertigungen erfanden. In diesem Fall wird der Bundeskanzler an seine verfassungsmäßige Pflicht erinnert, "das deutsche Volk vor Gefahren zu schützen". Das ist auch sehr "logisch", wenn man sich an die in Putins Russland beliebten Slogans "Auf nach Berlin!" und "Wir schaffen das schon wieder!" erinnert.

Natalia Komarowa
Natalia Komarowa (Quelle: privat)

Die Autorin

Natalia Komarowa lebt als Dolmetscherin in Kiew und übersetzt englisch- und deutschsprachige Literatur.

Die Deutschen und alle anderen, die sich noch Illusionen über die Möglichkeit machen, mit dem neuen Hitler zu "verhandeln", sollten also an eine einfache Wahrheit erinnert werden: Mit Terroristen wird nicht verhandelt, sie werden neutralisiert. Der Appetit der Aggressoren kann nur mit Gewalt gestillt werden, nicht durch Reden.

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen sind der Beweis dafür. Nachdem die Welt die Ukraine 2014 überredet hatte, die Krim aufzugeben und bei der teilweisen Besetzung des Donbass ein Auge zuzudrücken, endete der Krieg nicht, der Aggressor beruhigte sich nicht, sein Appetit wurde nur noch größer, und 2022 versuchte er, die gesamte Ukraine zu erobern.

Besser, unter Feuer zu leben als unter Besatzung

Doch die Ukraine hat sich nicht darauf eingelassen und leistet seit einem Jahr nicht nur mithilfe ihres eigenen Kampfgeistes, sondern auch mit der bewaffneten Unterstützung ihrer Verbündeten wirksamen Widerstand gegen die Invasoren. Und die Menschen in Deutschland sollten den Ukrainern dankbar sein, dass sie sie und den Rest der demokratischen Welt unter Einsatz ihres Lebens gegen die neuen Nazis verteidigt haben, anstatt ihnen diesen Krieg vorzuwerfen.

Kiew: Nach einem russischen Raketenangriff umarmen sich Überlebende.
Kiew: Nach einem russischen Raketenangriff umarmen sich Überlebende. (Quelle: VALENTYN OGIRENKO/rtr)

Wagenknecht und Schwarzer schreiben in ihrem Brief von "verängstigten Kindern" in der Ukraine. Nein, ukrainische Kinder sind nicht verängstigt. Obwohl sie wegen des russischen Beschusses sechs Monate lang in Kellern und Bunkern ausharren müssen, wissen sie sehr genau, wer ihr Feind und wer ihr Verteidiger ist, und sie wollen diesen Feind genau wie Erwachsene besiegen. Niemand denkt daran, diesem Feind irgendetwas zu überlassen. Die Bewohner von Cherson, das von den Besatzern befreit wurde und nun gnadenlos beschossen wird, sagen: "Es ist besser, unter Feuer zu leben als unter Besatzung."

Terroristen verstehen nur Gewalt

Es lohnt sich also, daran zu denken: Mit hartgesottenen Terroristen gibt es keine Verhandlungen. Sie verstehen nur Gewalt. Die ganze Welt hat das bereits erkannt und der Ukraine unbegrenzte Unterstützung in ihrem Kampf zugesagt. Und wenn die Deutschen in dieser Angelegenheit eine "Sondermeinung" haben, kann man ihnen nur eines raten: Versuchen Sie, Putins territoriale Ansprüche nicht auf Kosten der Ukraine, sondern auf Ihre eigenen zu befriedigen – geben Sie ihm (zumindest theoretisch) einen Teil Ihres Territoriums und sehen Sie, wie es Ihnen gefällt.

Und Sie sollten sich nicht mit dem dreisten Aggressor solidarisieren und der Welt mit dem Dritten Weltkrieg oder einem Atomschlag drohen. Es ist besser, sich mit denen zu solidarisieren, die sich nicht scheuen, sich gegen solche Aggressoren zu wehren".

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