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Putin zieht Krieg in die Länge: Experte warnt vor Kriegsbesessenheit


"Großer Krieg ist bereits zu riechen"
Bericht: So zieht Putin den Krieg in die Länge

Von t-online, lec, cli

Aktualisiert am 31.07.2023Lesedauer: 3 Min.
Putin in Moskau: Die Revolte der Wagner-Söldner hat offenbar auch im Inland Konsequenzen.Vergrößern des BildesDer russische Machthaber Wladimir Putin: Er geht im Krieg in der Ukraine aufs Ganze. (Quelle: Alexander Kazakov/imago-images-bilder)
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Im Westen und in Kiew dringt man auf ein siegreiches Kriegsende für die Ukraine – möglichst bald. Doch der Kreml habe andere Pläne, meint ein Experte aus Russland.

Entgegen aller Hoffnung im Westen und in Kiew stellt sich der Kreml wohl auf einen noch längeren, größeren Krieg in der Ukraine ein – dieser Meinung ist zumindest Russlandexperte Alexander Gabujew, Direktor des renommierten Carnegie Russia Eurasia Centers in Berlin. Forschte er einst in Russland, arbeitet er nun von Deutschland aus. In einem Gastbeitrag für die US-amerikanische "Financial Times" erklärt er seine Prognose.

Der Kreml - beziehungsweise Wladimir Putin - gehe im Krieg mit der Ukraine jetzt "aufs Ganze", schreibt Gabujew. Das eindeutige Zeichen für ihn: Erst vergangene Woche hatte das russische Parlament, die Duma, ein neues Gesetz verabschiedet, das es dem Kreml ermöglicht, Hunderttausende weitere wehrdienstfähige Männer an die Front in der Ukraine zu schicken. Die Novelle kommentierte der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Andrej Kartapolow, mit den Worten: "Diese Änderungsanträge sind für einen größeren Krieg und eine allgemeine Mobilisierung geschrieben worden. Der Geruch dieses großen Krieges liegt bereits in der Luft".

Der Kreml glaubt, sich den Krieg leisten zu können

Entscheidend für das Kalkül des Machthabers im Kreml sei, so Gabujew, auch das prognostizierte Wachstum der russischen Wirtschaft um zwei Prozent. Dieser Aufschwung sei in großen Teilen darauf zurückzuführen, dass die Militärfabriken im Land rund um die Uhr arbeiteten. Trotz der recht einheitlichen westlichen Sanktionen und der zunehmenden ukrainischen Gebietsgewinne durch die Gegenoffensive: In Moskau gehe man davon aus, sich einen längeren Krieg auch finanziell leisten zu können.

Auch die enge Kooperation mit China führt Gabujew als Grund dafür an, dass der Krieg sich ziehen werde. Mikrochips und andere Komponenten für Kriegsgerät werde inzwischen aus China und anderen Ländern geliefert, um sanktionsbedingt ausbleibende Lieferungen aus dem Westen zu kompensieren.

Auch sei der Kreml bei seinen Verteidigungsausgaben handlungsfähiger als angenommen. Die Kriegskasse laufe "vor Bargeld über", schreibt Gabujew – dank unvorhergesehener Gewinne im Energiesektor 2022 sowie der Anpassungsfähigkeit russischer Rohstoffexporteure. Dort habe man es geschafft, immer wieder neue Abnehmer zu finden.

Rubel auf Crashkurs ist kein Hindernis

Trotz des jüngsten Absturzes des russischen Rubels könne die russische Zentralbank gegensteuern, indem sie den Rubel bewusst weiter abwerte. Damit sei es möglich, die Bezahlung von Soldaten, inneren Sicherheitskräften und Arbeitern in der Verteidigungsindustrie zu erleichtern. Die Kriegshandlungen ließen sich so weiterführen und die – teils kritisch eingestellten – russischen Eliten auf Linie halten.

Laut Gabujew zeigt sich Putin von der ukrainischen Gegenoffensive weitgehend unbeeindruckt. Im Kreml setze man auf massive Truppenstärke um gegenüber der Ukraine den längeren Atem zu beweisen und letztlich als Sieger aus dem Krieg hervorzugehen. Zum Vergleich: Moskau befehligt drei- bis viermal so viele wehrdienstfähige Männer wie die Ukraine und erweckt öfters den Eindruck, durchaus bereit zu sein, diese als Kanonenfutter einzusetzen.

Durch die neuste Gesetzesänderung soll es einberufenen Russen von nun an zudem nicht mehr möglich sein, die Grenzen zu passieren. So wolle man einen massiven Exodus von Männern im wehrfähigen Alter verhindern, erläutert Gabujew. Gleichzeitig habe man die Strafen für Dienstverweigerung verschärft.

Der letzte Schritt

In letzter Konsequenz sei der Kreml darauf aus, der Ukraine die wirtschaftliche Grundlage für ihre Verteidigung zu entziehen, ist der Forscher überzeugt. Man wolle Kiew jegliche Einnahmequellen nehmen – nicht zuletzt auch durch die Aufkündigung des Getreideabkommens. Zusätzlich führe man gezielt Luftschläge gegen die ukrainische Infrastruktur durch, um ukrainische Städte unbewohnbar zu machen, die Moral der Bevölkerung zu brechen und jede Art von Wiederaufbaubemühungen zu verhindern.

Putin hoffe darauf, mit dieser Strategie auch den Westen zu frustrieren. Sein Ziel laut Gabujew: Eine desillusionierte westliche Allianz schränkt ihre Waffenlieferungen und anderen Hilfe für die Ukraine zunehmend ein. Zwar begehe der Kremlchef weiterhin teils gravierende Fehler, doch sei wie besessen. Bevor die Ukraine nicht zerstört und unterworfen ist, wird Putin nicht lockerlassen. Davon ist Gabujew überzeugt.

Verwendete Quellen
  • ft.com: "Putin is looking for a bigger war, not an off-ramp, in Ukraine" (englisch, kostenpflichtig)
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