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"Seid erbarmungslos und rÀumt mit allem auf, was nicht deutsch ist"

  • Marc von LĂŒbke-Schwarz
Von Marc von LĂŒpke-Schwarz

Aktualisiert am 01.09.2019Lesedauer: 5 Min.
Deutsche Soldaten in Polen: Am 1. September 1939 ĂŒberfiel Deutschland das Nachbarland.
Deutsche Soldaten in Polen: Am 1. September 1939 ĂŒberfiel Deutschland das Nachbarland. (Quelle: /ullstein-bild)
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Am 1. September 1939 ĂŒberfiel die Wehrmacht Polen, der Zweite Weltkrieg begann. Adolf Hitler hatte den Kriegsbeginn als Schmierenkomödie inszeniert. t-online.de dokumentiert die ersten Stunden.

Der erste Tote des Zweiten Weltkriegs ist kein Soldat. Sein Name lautet Franciszek Honiok, ein 41-jĂ€hriger Oberschlesier, der aus seinem Patriotismus fĂŒr Polen keinen Hehl macht. Ein codierter Funkspruch löst am 31. August 1939 seinen Tod aus. "Großmutter gestorben", lautet die kurze Botschaft. Gerichtet ist sie an den SS-SturmbannfĂŒhrer Alfred Naujocks, der sich mit einigen MĂ€nnern in Gleiwitz an der Ostgrenze des Deutschen Reiches aufhĂ€lt. Sein Befehl, der mit Erhalt der Nachricht in Kraft tritt: Einen Vorwand fĂŒr den Angriff auf Polen zu liefern.

Naujocks "ĂŒberfĂ€llt" gegen Abend des 31. August den deutschen Rundfunksender in Gleiwitz, die SS-Leute geben sich als polnische FreischĂ€rler aus. Die Aktion ist ebenso dilettantisch geplant wie ausgefĂŒhrt. Mit MĂŒhe können Naujocks und Co. einen Funkspruch absetzen: "Achtung! Hier ist Gleiwitz! Der Sender befindet sich in polnischer Hand!" Als der Trupp abzieht, lĂ€sst er den zuvor festgenommenen Honiok ermordet zurĂŒck, eine Art "Beweis" fĂŒr die angebliche polnische Aggression. Zu diesem Zeitpunkt hat Hitler die Attacke auf das östliche Nachbarland hingegen lĂ€ngst befohlen.

Dem "FĂŒhrer" ist es ohnehin egal, ob die Schmierenkomödie um Gleiwitz ernsthaft geglaubt wird oder nicht: "Der Sieger wird spĂ€ter nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht."

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"Explosionsgetöse riss mich aus dem Schlaf"

Wenig spĂ€ter, in den ersten Stunden des 1. September 1939, ĂŒberfĂ€llt die deutsche Wehrmacht Polen. Weit mehr als eine Million Mann dringen in das Nachbarland vor, an Panzern und Kampffliegern sind sie den Angegriffenen weit ĂŒberlegen. Einer von ihnen ist ein junger Mann namens Richard von WeizsĂ€cker, Jahrzehnte spĂ€ter wird er BundesprĂ€sident werden.

Zu den ersten Opfern des deutschen Angriffs gehören die Menschen der Stadt WieluƄ. In dem Ort, zwischen dem damals deutschen Breslau und ƁódĆș gelegen, erwacht allmĂ€hlich das alltĂ€gliche Leben. Doch an diesem Tag soll nichts so sein wie gewohnt. Deutsche Sturzkampfbomber, sogenannte Stukas, attackieren die Stadt, laut Zeitzeugenberichten passiert es um 4.40 Uhr am frĂŒhen Morgen. "Flugzeuge, Papa, Flugzeuge", staunt der 13-jĂ€hrige Eugeniusz Kolodziejczyk noch, dann beginnt die Zerstörung WieluƄs.

Denn Vernichtung lautet der Auftrag der deutschen Piloten – und sie fĂŒhren ihn aus. Ihnen fĂ€llt unter anderem das Allerheiligen-Krankenhaus zum Opfer. Gekennzeichnet mit einem roten Kreuz auf dem Dach ist es fĂŒr Angriffe eigentlich tabu. Den Deutschen ist es egal. Rund 16.000 Menschen leben zum Angriffszeitpunkt in WieluƄ, nach der dritten und letzten Angriffswelle sind mehr als 1.000 von ihnen tot. Der Krieg gegen Polen ist vom ersten Augenblick an ein Verbrechen.

Bucht von Danzig: Seit Tagen liegt das Schulschiff "Schleswig-Holstein" der deutschen Kriegsmarine vor Anker, es befindet sich auf Freundschaftsbesuch dort. Es ist allerdings alles andere als "freundschaftlich", als die Mannschaft um 4.47 Uhr das Feuer auf die polnische Stellung auf der Westerplatte eröffnet.

"Die polnische Artillerie wehrte sich tapfer", erinnerte sich spÀter Hermann Gerdau, damals Besatzungsmitglied der "Schleswig-Holstein". Aus diesem Grund ist der Kampf um die Westerplatte bis heute ein nationaler Mythos in Polen, denn die hoffnungslos unterlegenen Verteidiger leisteten den Invasoren bis zum 7. September Widerstand.

WieluƄ 1939: Zerstörungen nach dem deutschen Angriff am 1. September.
WieluƄ 1939: Zerstörungen nach dem deutschen Angriff am 1. September. (Quelle: Museum of WieluƄ/dpa-bilder)

WieluƄ oder die Westerplatte, hĂ€ufig wird gestritten, wo der Zweite Weltkrieg in Europa begann. Es ist keiner dieser beiden Orte. Minuten bevor dort angegriffen wird, fallen bereits etwa SchĂŒsse beim polnischen Dirschau, sĂŒdlich der ostpreußischen Grenze. Um 4.34 Uhr fliegen Stukas dort einen Angriff, die WeichselbrĂŒcke soll erobert werden.

Polen sind zunÀchst siegesgewiss

Warschau: Die Nachtruhe des Pianisten Wladyslaw Szpilman wird gewaltsam gestört. "Explosionsgetöse riss mich aus dem Schlaf, es war schon hell geworden. Ich schaute auf die Uhr: gleich sechs."

Viele Polen sind trotz der Überrumpelung in diesem Augenblick siegesgewiss. "Alle sprechen ĂŒber Krieg und alle sind sicher, dass wir gewinnen werden", notiert der Mediziner und Geisteswissenschaftler Zygmunt Klukowski.

Auf der anderen Seite der Grenze scheint es anders zu sein.

Berlin: Kurz nach 8 Uhr befindet sich der US-Auslandskorrespondent William S. Shirer auf dem Weg durch die deutsche Hauptstadt. Begeisterung kann er nicht ausmachen, wie er festhĂ€lt: "Die Menschen in den Straßen wirkten apathisch, als ich fĂŒr meine FrĂŒhsendung zum Rundfunkhaus fuhr."

Die Deutschen warten. Und zwar auf Adolf Hitler, gegen zehn Uhr soll er im Reichstag sprechen. Die Rede wird im Radio ĂŒbertragen, der Diktator hĂ€lt sich an die Schmierenkomödie von den angeblichen polnischen Übergriffen auf Deutschland: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurĂŒckgeschossen", geifert Hitler, der eine Wehrmachtsuniform trĂ€gt. "Seither wird Bombe mit Bombe vergolten. Wer mit Gift kĂ€mpft, wird Giftgas bekommen." TatsĂ€chlich meinte Hitler 4.45 Uhr.

Reichstagssitzung vom 1. September 1939: Hitler rechtfertigte den Angriff auf Polen mit angeblichen polnischen Übergriffen.
Reichstagssitzung vom 1. September 1939: Hitler rechtfertigte den Angriff auf Polen mit angeblichen polnischen Übergriffen. (Quelle: Scherl - SĂŒddeutsche Zeitung/ullstein-bild)

Das Oberkommando der Wehrmacht stĂ¶ĂŸt ins gleiche Horn wie sein Oberbefehlshaber Hitler: "Auf Befehl des FĂŒhrers und Reichskanzlers hat die Wehrmacht den aktiven Schutz des Reiches ĂŒbernommen. In ErfĂŒllung ihres Auftrages, der polnischen Gewalt Einhalt zu gebieten, sind Truppen des deutschen Heeres Freitag frĂŒh ĂŒber alle deutsch-polnischen Grenzen zum Gegenangriff angetreten."

WestmÀchte machen mobil

Helmut Schmidt, spĂ€terer Bundeskanzler, zu diesem Zeitpunkt ein junger Wehrdienstleistender, schrieb spĂ€ter, dass er die MĂ€r von der Aggression Polens damals geglaubt habe: "Ich habe nicht geahnt, dass der polnische Überfall nur vorgetĂ€uscht war. Ich glaubte tatsĂ€chlich, die Polen hĂ€tten den Sender Gleiwitz ĂŒberfallen, weshalb wir Deutschen uns jetzt wehren mĂŒssten."

Etwas kritischer erinnerte sich Richard von WeizsĂ€cker an diese Augenblicke: "Die deutschen Zeitungen waren voll von Berichten polnischer Provokationen und Übergriffen gegen die deutschen Minderheiten. Wer wusste, ob die Berichte stimmten? Geglaubt wurde das meiste."

Nicht geglaubt werden die LĂŒgen in London und Paris. Beide Staaten leiten die Generalmobilmachung ein, Schiffe der Royal Navy laufen aus. Der britische Premierminister Neville Chamberlain, der fĂŒr seine Beschwichtigungspolitik gegenĂŒber Hitler immer wieder zu Recht kritisiert worden ist, wird im Unterhaus bilanzieren: "Die Verantwortung fĂŒr diese schreckliche Katastrophe liegt auf den Schultern eines Mannes." Eine zu kurz greifende ErklĂ€rung, denn unter anderem heißen weite Teile der deutschen Eliten Hitlers EroberungsplĂ€ne gut.

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So erfolgreich die deutschen VerbĂ€nde in Polen vorstoßen, so ernĂŒchternd wird Hitler schließlich klar, dass er sich verrechnet hat. Die WestmĂ€chte wĂŒrden stillhalten und ihren Drohungen keine Taten folgen, so sein KalkĂŒl. Doch am 3. September erklĂ€ren Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg. Hilfe fĂŒr die tapfer, aber zunehmend verzweifelt kĂ€mpfenden Polen unterlassen sie aber.

Feldzug zur Vernichtung

Deren Lage wird immer hoffnungsloser, nachdem am 17. September auch die Rote Armee einmarschiert, um das Land gemĂ€ĂŸ dem Geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 unter den beiden Diktatoren aufzuteilen.

Welche PlĂ€ne die Deutschen mit dem eroberten Land haben, wird schnell klar. Denn der Krieg gegen Polen ist kein "normaler" Waffengang, es ist ein Feldzug der Vernichtung. Ludolf von Alvensleben, ranghoher SS-FĂŒhrer und Chef der Mördertruppe "Volksdeutscher Selbstschutz" in Westpreußen, befiehlt etwa im Oktober 1939: "Seid nicht weich, seid erbarmungslos und rĂ€umt mit allem auf, was nicht deutsch ist."

In der nationalsozialistischen Ideologie sind die Polen "minderwertig", die Nazis wollen sie unterwerfen. Den VerbĂ€nden der Wehrmacht, die auch selbst Kriegsverbrechen begehen, folgen deshalb Einsatzgruppen von Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst (SD), ihr Auftrag besteht in der Auslöschung der "polnischen Intelligenz". Adelige, Geistliche und Intellektuelle stehen etwa auf ihren Todeslisten, rund 60.000 Menschen werden in den ersten Monaten nach dem 1. September 1939 umgebracht. Mehr als fĂŒnf Millionen polnische StaatsbĂŒrger kommen schließlich zwischen 1939 und 1945 in dem von Deutschland entfachten Inferno um: Sie sterben in KĂ€mpfen, durch Terror und dem Massenmord an den Juden.

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