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"Wir sahen Stacheldraht und dachten: Das muss der Westen sein"

Von Daniel Schreckenberg

Aktualisiert am 07.11.2019Lesedauer: 6 Min.
Ludger Windolph an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze: Heute ist er Zeitzeuge f├╝r ein Museum und berichtet von seinem Leben im innerdeutschen Grenzgebiet.
Ludger Windolph an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze: Heute ist er Zeitzeuge f├╝r ein Museum und berichtet von seinem Leben im innerdeutschen Grenzgebiet. (Quelle: /T-Online-bilder)
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Im Eichsfeld grenzte 40 Jahre lang Demokratie an sozialistische Diktatur. Wie lebte es sich nur einen Spaziergang von der freien Welt entfernt?

Von Worbis im Eichsfeld, dem Heimatort von Ludger Windolph, sind es 2.000 Kilometer bis nach Moskau, 1.500 Kilometer bis nach Kiew und rund 1.600 Kilometer bis nach Sofia; am weitesten entfernt, obwohl eigentlich nur knapp 14 Kilometer weit weg, lag aber Duderstadt in Niedersachsen: "F├╝r uns war der Westen einfach unerreichbar".


Eichsfeld: Leben und Wende an der innerdeutschen Grenze

Die deutsch-deutsche Grenze zwischen Th├╝ringen und Niedersachsen. Rund 1.400 Kilometer war die Grenzanlage lang.
Blick von der Bundesrepublik auf die Sperrz├Ąune. Elf Menschen starben in der Region, als die aus der DDR fliehen wollten.
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An einem regnerischen Tag sitzt der 56-j├Ąhrige Windolph in einem schicken Neubau direkt an der Bundesstra├če 247. Sie verbindet das kleine Th├╝ringer ├ľrtchen Teistungen mit der noch kleineren Ortschaft Geblingerode in Niedersachsen. Im Minutentakt sausen die Pendler vorbei, von Ost nach West und umgekehrt. Es ist ein Anblick, der in der Region jahrzehntelang v├Âllig utopisch war. Windolph blickt aus dem Fenster: ├ťber gr├╝nes Feld weiter hinten ragt ├╝ber einen H├╝gel ein Waldrand voller Birken und Pappeln hervor. Bis 1989 war dort der Anfang der Bundesrepublik. Dazwischen Z├Ąune mit Stacheldraht, Soldatenbunker, Sprengminen und Autosperren: eine Todeszone.

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Heute steht hier ein Museum zur deutsch-deutschen Grenzgeschichte und zugleich eine Begegnungsst├Ątte, in der Windolph Schulklassen und Geschichtsinteressierten vom Leben am ├Ąu├čersten Rand der DDR erz├Ąhlt.


Als Windolph ein Grundschulkind in den 60er-Jahren ist, wird ihm erstmals klar, dass im sozialistischen Deutschland Entfernungen anders gemessen werden als im Rest der Welt. Ein Wandertag stand an, das Ziel: Ferna, ein Dorf kurz vor der Grenze zur BRD. Doch f├╝r die Schulklasse eine andere Welt. Denn ab hier war Sperrzone, Ostdeutsche durften die Region nur mit einem Passierschein betreten. "Die Neugierde war bei uns Kindern riesengro├č. Nun sahen wir den Stacheldraht, die Grenzz├Ąune. Wir dachten: Das muss der Westen sein."

Die DDR macht die Grenze dicht

Auf 1.394 Kilometern erstreckt sich zwischen 1946 und 1990 die deutsch-deutsche Grenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es sie zun├Ąchst nur auf der Landkarte ÔÇô die Menschen aus den westlichen und ├Âstlichen Besetzungszonen betrieben regen Grenzverkehr. "Es war eine gr├╝ne Grenze in einer l├Ąndlich gepr├Ągten Region, Familien besuchten sich ├╝ber die Grenze hinweg, Kinder gingen ├╝ber die Besatzungszonen hinweg in ihre Schule, Bauern bestellen Felder, die teils im sowjetischen, teils im britischen Machtbereich lagen", beschreibt Patrick Hoffman diese Zeit. Er ist Historiker, hat sich intensiv mit der deutschen Geschichte besch├Ąftigt und arbeitet im Grenzlandmuseum direkt an der B247.

Das Grenzlandmuseum in Teistungen ist 1995 auf dem ehemaligen Gel├Ąnde des Grenz├╝bergangs Duderstad/Worbis errichtet worden. 2010 wurde es erweitert und komplett renoviert. Zum Museum geh├Ârt eine 300 Meter lange Grenzanlage, die gr├Â├čtenteils noch im Originalzustand erhalten ist. Mehr Infos unter www.grenzlandmuseum.de

Die Zeit der gr├╝nen Grenze ist schnell vorbei, denn schon in der Anfangszeit der DDR wird klar: die Menschen gehen langfristig eher in den Westen, statt im Osten zu bleiben. Das will die Regierung unbedingt verhindern, sie macht Jagd auf "Staatsfeinde" und zieht in zwei Sch├╝ben eine gigantische Grenzwallkonstruktion hoch, so Hoffmann. 1952 entstehen im Eichsfeld ÔÇô wie ├╝berall an der Demarkationslinie ÔÇô Stacheldrahtz├Ąune, Hunderte h├Âlzerne Wacht├╝rme, Bunker, Beobachtungsst├Ąnde und Sicherungsanlagen. Tausende Grenzpolizisten hinderten Menschen daran, unerlaubt in die Bundesrepublik gelangen zu k├Ânnen.


Doch die Fluchtbewegungen rei├čen nicht ab. Bis zum Ende der DDR werden vier Millionen Ostb├╝rger dem Land den R├╝cken gekehrt haben. 1961 beginnt der Mauerbau in Berlin, doch auch die innerdeutsche Grenze wird jetzt ein Hochsicherheitstrakt. Schutzzonen und Sperrstreifen werden entlang der Grenze errichtet, Ausgangssperren f├╝r Menschen, die nahe der Grenze leben, verh├Ąngt, ganze D├Ârfer d├╝rfen nur noch mit Sondergenehmigung betreten werden.

Auch im Eichsfeld wird das Leben h├Ąrter: 3.000 Menschen werden zwangsausgewiesen, die Grenzanlagen perfektioniert, Metallgitterz├Ąune ersetzen Stacheldraht, Bodenminen werden verlegt, Splitterminen auf den Z├Ąunen platziert. Die Grenzz├Ąune sind jetzt Selbstschussanlagen. Schon weit vor der eigentlichen Landesgrenze gibt es Wachposten.

Die Grenz├╝bergangsstelle in Worbis/Duderstadt: Mit einem Ausreiseantrag konnten ab 1972 DDR-B├╝rger nun in die BRD.
Die Grenz├╝bergangsstelle in Worbis/Duderstadt: Mit einem Ausreiseantrag konnten ab 1972 DDR-B├╝rger nun in die BRD. (Quelle: /imago-images-bilder)

"Ein kleiner Spalt im Eisernen Vorhang"

Einer dieser vorgelagerten Posten ist Ferna. Der Ort, den Windolph beim Wandertag f├╝r den Westen h├Ąlt, wird in den 70er-Jahren ein offizieller Grenz├╝bergang. In dieser Zeit ist Entspannungspolitik angesagt, theoretisch k├Ânnte ein DDR-B├╝rger nun in die Bundesrepublik. Praktisch sind das an der Grenz├╝bergangsstelle lediglich 16 am Tag.

Windolph hat Verwandte in Hannover, besuchen wird er sie bis zur Wiedervereinigung nicht. Als er vollj├Ąhrig ist, h├Ątte er einen Ausreiseantrag stellen k├Ânnen. Doch das macht er nicht. "Die Stasi h├Ątte uns durchleuchtet. Das wollte meine Familie nicht. Trotzdem war der Grenz├╝bergang f├╝r uns so etwas wie ein kleiner Spalt im riesigen Eisernen Vorgang ÔÇô selbst wenn man selbst nie die Grenze passiert hat". Und: Um eine Ausreise betteln wollte Windolph nicht.

Doch in ihm arbeitet es in dieser Zeit schwer, er hat Sehnsucht nach der Ferne, die ihm die DDR verwehrt. Den Drang, andere L├Ąnder zu erforschen, kann er in seiner Jugend nur mit Comics ausleben. In diesen DDR-Heftchen erleben die "Digedags" Abenteuer in Mexiko, Amerika und der T├╝rkei. Sie nahmen eine ganze Generation eingesperrter Heranwachsender mit auf eine Reise um die Welt.

Heute, mit 56 Jahren, bekommen Windolphs Augen einen besonderen Glanz, wenn er von diesen Erinnerungen spricht. In den 70ern macht er eine Ausbildung in der Datenverarbeitung, heuert beim ortsans├Ąssigen Robotron-Kombinat an. Doch f├╝r viele l├Ąuft es nicht so gut. Die Region gilt als abgeh├Ąngt, selbst innerhalb der DDR. Dutzende ziehen weg. "Schlimm war nicht, dass wir wenig hatten. Schlimm war f├╝r mich, dass ich nicht dahin konnte, wo ich hinwollte. Wir lebten in einem Gef├Ąngnis, dass nur in eine Richtung offen war."

Die Grenze in der DDR wird zu einer Selbstschussanlage.
Die Grenze in der DDR wird zu einer Selbstschussanlage. (Quelle: /imago-images-bilder)
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"Wir sahen jeden Tag, wie un├╝berwindbar die Grenze war"

Immer wieder ├╝berlegt er, ob es nicht besser f├╝r ihn w├Ąre, aus der DDR zu fliehen. "Doch es waren nur Fantasiegedanken. Wir sahen ja jeden Tag, wie un├╝berwindbar die Grenze geworden ist." Hunderte Fluchten gab es im Eichsfeld ÔÇô elf Menschen sterben bis 1989 bei dem Versuch, die DDR hinter sich zu lassen. An der Grenze gilt der Schie├čbefehl. Der f├╝hrt zu einem Leben voller Misstrauen. Hunderte Soldaten der Grenzsicherheit arbeiten in der Region. Sie leben in den nahen D├Ârfern, werden von den ans├Ąssigen Menschen gemieden. "Wir Eichsfelder blieben unter uns. Die Kirchen gaben den Menschen Halt. Wir haben uns so unsere Identit├Ąt bewahrt. Deshalb wollte ich meine Heimat auch nie verlassen."

Windolph wird ├Ąlter, und die Wende kommt n├Ąher. Nicht nur in Leipzig und Berlin wird der Sommer ┬┤89 zu einem Wendepunkt. Kommunalwahlen stehen an. Die Unzufriedenheit in der Bev├Âlkerung mit dem SED-Regime ist riesig. Immer h├Ąufiger trauen sich die Menschen, etwas gegen ihre Situation zu sagen. Und etwas zu tun. Bei den Kommunalwahlen entscheidet sich Windolph mit vielen Kollegen, einen ung├╝ltigen Wahlzettel abzugeben. Trotzdem gewinnt die Einheitspartei haushoch. Jetzt ist auch dem Letzten klar: Das Regime hat den Bogen ├╝berspannt. Es folgen Demos, auch im Eichsfeld. Montags in den gro├čen St├Ądten, dienstags in den kleinen D├Ârfern in der Region. Windolph ist mittlerweile 27 Jahre alt.

Am Abend des 9. November ist er mit Hunderten anderen auf der Stra├če seines Heimatortes. "Wenn du w├╝sstest, was die gerade im TV gebracht haben, w├Ąrst du nicht mehr hier", br├╝llt ihm sein ehemaliger Lehrer ins Ohr. G├╝nter Schabowski, eine Art Regierungssprecher der SED, hatte soeben in einer legend├Ąren und live ausgestrahlten Pressekonferenz die sofortige Reisefreiheit f├╝r alle DDR-B├╝rger verk├╝ndet ÔÇô und damit mehr oder weniger das Ende der sozialistischen Diktatur. "Vereinzelt sind Menschen von der Demo weg, um zu schauen, was an dem Ger├╝cht dran ist. Ich selbst bin aber erst nach Mitternacht wieder zu Hause gewesen."

Im Supermarkt ist die Entt├Ąuschung gro├č

Als sich am Grenz├╝bergang Tausende Trabis stauen, das Lichtermeer noch bis zum fr├╝hen Morgen weit ├╝ber die Grenzverkehrsanlage zu sehen ist, beginnt f├╝r Windolph der Tag nach der Wende wie jeder andere. Am Morgen ging er zur Arbeit in den Robotron-Werken ÔÇô nur niemand war da. Ein Kollege trottete ebenfalls etwas verloren auf dem Gel├Ąnde umher: "Lass uns den Wagen nehmen und in den Westen", ruft er Windolph zu.

Offene Grenze im Eichsfeld: Tausende Ostb├╝rger wollen am Tag nach dem Mauerfall in Richtung Bundesrepublik.
Offene Grenze im Eichsfeld: Tausende Ostb├╝rger wollen am Tag nach dem Mauerfall in Richtung Bundesrepublik. (Quelle: /imago-images-bilder)
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Am Vormittag sind sie in der langen Autoschlange am Grenz├╝bergang. W├Ąhrend der Fahrt merkt Windolph, wie der ganze Ballast der letzten Jahre von ihm abf├Ąllt: "Der Diebstahl an Selbstbestimmung hatte endlich ein Ende". Er erreicht Duderstadt, sie brauchen lange, bis sie einen Parkplatz finden. In der ganzen Stadt sind die Ostdeutschen los. Dann geht es ab in den Supermarkt.

Und die Entt├Ąuschung ist gro├č. L├Ąngst sind die Regale leergekauft. "So gro├č ist der Unterschied zum Osten dann doch nicht, habe ich da gewitzelt", erinnert sich Windolph. Sein Weg f├╝hrt ihn stattdessen in eine Buchhandlung. Er kauft zwei B├╝cher, ein westdeutsches Werk ├╝ber die Geschichte der Technik ÔÇô einfach, weil er es, anders als in der DDR, ohne Angst zu haben tun kann.

Es sind Momente der vollkommenen Gl├╝ckseligkeit, nach Jahren der Gefangenschaft. Die neue Freiheit bedeutete f├╝r Windolph nun erst einmal Reisen, das nachholen, was ihm verwehrt geblieben war. Kaum ist die Grenze weg, f├Ąhrt er nach Hamburg, nach Paris, und ist endlich bei der Verwandtschaft in Hannover zu Besuch.


Auch nach Mexiko verschl├Ągt es Windolph, er hat seine "Digedags" und ihr Abenteuer bei den Mayas im Gep├Ąck. Er geht zu den Pyramiden. Windolph steht vor dem gro├čen Steinpalast und vergleicht sie mit den Abbildungen auf den Comic-Seiten. Was er nur auf Papier kannte, erlebt er nun in der Wirklichkeit. "Da war mir endg├╝ltig klar: Niemand kann uns diese Freiheit noch einmal wegnehmen."

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