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Dresden – Bombardierung vor 75 Jahren: "Opfer-Mythos ist Goebbels’ letzter Erfolg"

INTERVIEWBombardierung vor 75 Jahren  

"Selbst die DDR kolportierte Goebbels‘ Lügen weiter"

13.02.2020, 09:41 Uhr
Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945

Vom 13. bis 15. Februar 1945 griffen britische und amerikanische Bomber Dresden an. Durch die Luftangriffe starben etwa 18.000 bis 25 000 Menschen. Mehr als ein Dutzend Quadratkilometer der Innenstadt Dresdens wurden schwer zerstört. (Quelle: t-online.de)

Luftangriffe auf Dresden: Historische Aufnahmen zeigen das Ausmaß der Zerstörung durch amerikanische und britische Bomben, die im Februar 1945 auf Dresden niedergingen. (Quelle: t-online.de)


Hunderte alliierte Bomber griffen Dresden im Februar 1945 an, Tausende Menschen starben. Warum die Erinnerung an das Inferno weiter mit den Lügen der Nazis verbunden ist, erklärt Historiker Dietmar Süß.

Dresden, 13. Februar 1945: Hunderte Bomber der Royal Air Force erreichten die Elbmetropole am späten Abend, warfen ihre Bombenlast über der Stadt ab. Später folgte eine weitere, noch größere Angriffswelle, mehr als 2.500 Tonnen Bomben gingen insgesamt nieder. Am Boden herrschte Chaos, ein Feuersturm wütete in der historischen Altstadt. Bis zum 15. Februar erfolgten noch weitere alliierte Angriffe auf das sogenannte Elbflorenz.

Tausende Menschen starben während des Infernos, aber wie viele genau? Über diese Frage herrscht bis heute Streit. "Rund 100.000", behauptete etwa jüngst AfD-Chef Tino Chrupalla. Der Historiker und Experte Dietmar Süß widerspricht.

t-online.de: Professor Süß, die alliierten Bombenangriffe auf Dresden im Februar 1945 gehören bis heute zu den umstrittensten Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. Rechtsextreme fantasieren von einem "Bomben-Holocaust" an Deutschen, bis zu 250.000 Menschen sollen angeblich damals in der Stadt umgekommen sein.

Dietmar Süß: Der Opfer-Mythos von Dresden ist in gewisser Weise Joseph Goebbels’ letzter großer Erfolg. Vor allem, was die Zahl der Toten von mehreren Hunderttausend Menschen betrifft.

Die laut einer hochkarätig besetzten Expertenkommission von 2010 höchstens 25.000 betrug?

Richtig. 18.000 bis 25.000 Tote an sich ist schon eine furchtbare Zahl, aber das NS-Propagandaministerium setzte unmittelbar nach den Angriffen vom Februar 1945 die Zahl von 250.000 in die Welt. Die von der Presse neutraler Staaten dann weiterverbreitet wurde. Und selbst die DDR kolportierte Goebbels’ Lügen später weiter.

Als Propaganda gegen den "kapitalistischen Westen"?

Natürlich. Es gab eine lange Phase während der Fünfziger- und Sechzigerjahre, in der das SED-Regime den alliierten Luftkrieg gegen das Deutsche Reich etwa als "anglo-amerikanischen Luftterror" bezeichnete. Ein Vokabular, das der NS-Propaganda entstammt. Vor allem verbreitete das kommunistische Regime aber auch die Mär, dass die westlichen Alliierten Dresden bombardiert hätten, um es nicht der Roten Armee in die Hände fallen zu lassen.

Warum aber wurde Dresden tatsächlich im Februar 1945 angegriffen?

Dresden spielte lange Zeit keine große Rolle in den Überlegungen der alliierten Luftkriegsstrategen. Die Stadt lag relativ weit im Reich, bei einem Angriff hätten die Bomberflotten mit massiven Verlusten rechnen müssen. Orte im Norden und Westen Deutschlands waren für britische und amerikanische Piloten viel leichter zu erreichen. Anfang 1945 hatte sich die Situation allerdings grundlegend geändert: Die Rote Armee rückte vor, ein Großteil der Kriegshandlungen hatte sich auf Reichsgebiet verlagert.

Dietmar Süß, geboren 1973, lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg. Der Historiker ist Experte für die Geschichte des Bombenkriegs, sein Buch "Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England" von 2011 gilt als Standardwerk.

Und Dresden war strategisch wichtig.

Genau. In dieser letzten Phase des Krieges war Dresden ein zentraler Verkehrsknotenpunkt für die Deutschen, etwa für die Verschiebung von Truppen in den Süden. Zudem war Dresden eine der letzten intakten Verwaltungshauptstädte, die noch nicht in der Weise wie andere Städte, etwa Hamburg, bombardiert worden war. Mit den großen Luftangriffen vom 13. bis 15. Februar 1945 wollten Briten und Amerikaner dann den Vormarsch ihrer sowjetischen Verbündeten unterstützen.

Der thüringische AfD-Politiker Björn Höcke hat 2017 in einer Rede behauptet, die Alliierten hätten mit ihren Luftangriffen auf Städte wie Dresden den Deutschen die "kollektive Identität rauben" wollen.

Natürlich war Dresden auch eine kunsthistorisch bedeutsame Stadt. Aber die Vorstellung, dass die Alliierten eine Art kulturellen Krieg gegen Deutschland geführt hätten, ist völliger Unsinn. Und spielte auch bei der Entscheidung, Dresden zu bombardieren, keine Rolle. Das ist eben auch ein Teil der NS-Propaganda, die sich bis heute fortzieht: Goebbels wollte die Alliierten als eine Art "Kulturschänder" diffamieren. Und diese Propaganda wirkt bis in die Gegenwart. Die extreme Rechte versucht immer noch, die Toten des Luftkrieges für ihre Propaganda zu instrumentalisieren. Das ist genauso skandalös wie durchsichtig.

Nicht zuletzt kehren Rechtsextreme die Schuld an der Eskalation der Gewalt im Zweiten Weltkrieg um.

Das ist ein wichtiger Punkt, den man bei den ganzen Debatten um den Luftkrieg nicht außer Acht lassen darf: Der Zweite Weltkrieg war ein Konflikt, den Deutschland und die Nationalsozialisten begonnen haben. Und der von deutscher Seite mit immenser Brutalität geführt worden ist. Der Luftkrieg gegen das Deutsche Reich war damit auch eine Antwort auf den nationalsozialistischen Eroberungskrieg.

Tatsächlich konnten die Briten lange Zeit auch kaum mehr gegen die Deutschen ausrichten.

Großbritannien wurde von 1940 bis 1941 massiv von der deutschen Luftwaffe bombardiert – und fühlte sich entsprechend wehrlos. Außer dem Versuch, den Luftkrieg gegen das Deutsche Reich zu führen, hatten die Briten in der Tat zunächst keine größeren strategischen Möglichkeiten.

Eine Folge waren großangelegte Flächenbombardements, mit denen die Royal Air Force deutsche Städte angriff. Im Wissen, dass diesen Angriffen auch viele Zivilisten zum Opfer fallen würden.

Man muss die Situation bedenken, in der sich Großbritannien damals befand: Die Wehrmacht hatte Frankreich überrannt, das Vereinigte Königreich war die letzte Macht in Europa, die den Nationalsozialisten Widerstand leistete. Zudem war die Furcht vor einer deutschen Invasion auf der Insel groß.

Was war das genaue Ziel des britischen "Bomber Command"?

Dem Deutschen Reich die Fähigkeit zu nehmen, den Krieg weiterführen zu können. Dazu bombardierten die Piloten der Royal Air Force die industriellen Zentren des Deutschen Reichs großflächig. Und auch die Siedlungen der Arbeiter, die dort tätig waren, waren Angriffsziele. So sollte die Rüstungsindustrie entscheidend getroffen werden.

Nicht zuletzt verfolgten sie die Strategie des "Moral Bombing".

Das war eine weitere Komponente: Die Briten wollten, vereinfacht gesagt, den Widerstand der deutschen Bevölkerung herbeibomben.

Die massiven Zerstörungen und die Verluste an Menschenleben in Deutschland waren in Großbritannien bekannt. Gab es keine Kritik an den Flächenbombardements?

Größere Kritik gab es nicht. Die bekannteste Stimme gegen den Bombenkrieg war der anglikanische Bischof George Bell. Es gab keine gesellschaftliche Debatte über den Bombenkrieg. Über die zerstörerischen Folgen informierte die britische Führung nicht, sodass viele Briten selbst am Ende des Krieges überrascht und erschüttert waren über die Folgen der Angriffe.

Letztlich erreichte der Luftkrieg die ihm gesetzten Ziele nicht. Weder streikten die deutschen Rüstungsarbeiter, noch ging die Rüstungsproduktion im Reich zurück. Im Gegenteil.

Allerdings band der Luftkrieg erhebliche Ressourcen der deutschen Kriegsindustrie und schränkte die Möglichkeiten des NS-Regimes ein, den Vernichtungskrieg im Osten weiter fortzusetzen. Dennoch blieb den Briten nicht verborgen, dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften. Aber nicht zuletzt der Oberbefehlshaber des britischen Bomber Commands …

… Arthur Harris …

… hielt an dieser Strategie fest. Sein bis heute bekannter Spitzname "Bomber-Harris" oder "Butcher" (Deutsch: "Schlächter") war nicht nur ein Spitzname seiner Kollegen innerhalb der Royal Air Force, sondern auch Teil der nationalsozialistischen Propaganda. Vom "Massenmörder" Harris sprach deshalb auch das Goebbels-Ministerium gerne – das muss jedem klar sein, der diese Bezeichnungen verwendet.

Wenn weder moralische Bedenken noch die faktische Erfolglosigkeit dem Luftkrieg Grenzen setzten: Warum tat es nicht das Völkerrecht?

Ein modernes Völkerrecht, wie wir es aus der Gegenwart kennen, gab es zum damaligen Zeitpunkt nicht. Wohl gab es bereits während der Haager Friedenskonferenzen am Beginn des 20. Jahrhunderts Vorstöße, neue Regelungen für den Krieg der Zukunft zu erstellen. 1922, also kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, hatte es einen von mehreren Versuchen gegeben, eine allgemeine Regelung für den Luftkrieg zu kodifizieren. Und zwar mit dem Ziel, die Zivilbevölkerung besser zu schützen. Eine bloße Terrorisierung der Bevölkerung sollte ausgeschlossen sein. Allerdings sind bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs alle völkerrechtlichen Bestrebungen in vielerlei Hinsicht gescheitert. Letztlich wollten sich die Nationen alle Optionen offenhalten. Und mit den deutschen Angriffen zu Beginn des Krieges war für alle offensichtlich, dass wichtige Regeln des Gewohnheitsrechtes für diesen Krieg nicht gelten würden. Es gab also eine Expansion an technischen Möglichkeiten der Kriegführung, mit der das internationale Recht nicht Schritt gehalten hat.

Womit wir wieder bei Dresden wären, das im Februar 1945 von einem von Bomben verursachten Feuersturm schwer zerstört wurde.

Und es sind genau diese Bilder der brennenden Innenstadt, die in den Köpfen der Menschen eingeschrieben sind. Der Feuersturm symbolisiert in der Vorstellungskraft der Leute das Bild einer Stadt, die vollkommen ausgelöscht wird. Das macht Dresden unter anderem so erinnerungsmächtig: der massive Verlust an Menschenleben und architektonisch bedeutsamen Gebäuden – und die propagandistische Schlacht noch während und dann nach Ende des Krieges.

Neben der umstrittenen Zahl an Toten der Dresdner Bombardierungen gibt es eine weitere Legende: Und zwar sollen alliierte Piloten etwa auf den Elbwiesen im Tiefflug Jagd auf Zivilisten gemacht haben.

Tatsächlich gibt es Zeitzeugenberichte über alliierte Piloten, die im Nachgang zum Feuersturm feuernd über die Elbwiesen geflogen wären. Solche Angriffe – als Teil einer systematischen Strategie – lassen sich empirisch nicht nachweisen. Möglicherweise entstammt diese Legende ebenfalls der nationalsozialistischen Propaganda: Und zwar in inszenierten Bildern sogenannter "anglo-amerikanischer Terrorpiloten", wie es in der Sprache damals hieß. Natürlich müssen wir Berichte von Zeitzeugen ernst nehmen. Aber in Nachkriegserzählungen überlagern sich oft Kindheitserinnerungen von unterschiedlichen Orten.

Wie aber lässt sich heute der Toten von Dresden fernab aller Mythen und rechter Geschichtsverzerrungen gedenken?

Zunächst einmal: Es gibt viele Familien, die damals Angehörige verloren haben. Und sie haben das Recht zu trauern.

Das öffentliche Gedenken ist aber schwierig, wenn es die Rechten für sich vereinnahmen wollen.

Dem kann man begegnen: Dresden war schon immer symbolisch aufgeladen, aber zum Mobilisierungsort der rechten Szene ist es ja erst in jüngerer Zeit geworden. Entsprechend müssen wir gegensteuern mit historischer Aufklärung. Die damaligen Ereignisse des Luftkrieges müssen kontextualisiert werden; ebenso muss erklärt werden, wie solche Phasen der massiven Gewalt möglich waren. Vor allem müssen wir uns aber mit den Rechtsextremen und Geschichtsrevisionisten offensiv auseinandersetzen.

Worin sehen Sie die größte Herausforderung?

Es ist ein gewisser Spagat: Wir müssen der rechten Ideologie entgegentreten, dass die Deutschen letzten Endes die Opfer des Zweiten Weltkriegs gewesen wären. Und gleichzeitig das Schicksal der Menschen ernst nehmen, die während des Luftkriegs gelitten haben. Ebenso sollten wir auch nicht vergessen, dass der Luftkrieg gegen deutsche Städte für ausländische Zwangsarbeiter und Juden eine Hoffnung auf Rettung bedeuten konnte. Manche mögen das nicht hören. Aber für einfache Antworten eignet sich diese Geschichte eben nicht.

Professor Süß, vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen:
  • Telefonisches Interview mit Dietmar Süß

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