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Impfpflicht: Heime sind in Sorge wegen möglichem Pflegermangel


Pflegeheime in Sorge
"Ich hoffe sehr, dass die Impfpflicht zurückgenommen wird"


Aktualisiert am 07.02.2022Lesedauer: 5 Min.
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Ungewissheit vor dem Start der Impfpflicht im GesundheitswesenVergrößern des Bildes
Im März startet im Gesundheitswesen die Impfpflicht. In einigen Heimen bedeutet das für Bewohner, Mitarbeitende und Führungskräfte Ungewissheit: Wer steht noch zur Verfügung? (Quelle: Bodo Marks, dpa)

Bald soll die Impfpflicht im Gesundheitswesen starten – Pflegekräfte müssen dann geimpft sein. Kann das klappen? Was ist mit den Impfverweigerern? Die Sorge vor einem Scheitern in den Heimen ist groß. Aber nicht überall.

Mitte März soll es so weit sein: Am 16. März gilt in den meisten deutschen Pflegeheimen und Kliniken die Impfpflicht in der Pflege. Dort arbeiten darf dann nur noch, wer gegen das Coronavirus geimpft ist. Die Sorge in den Kliniken ist groß: Was tun mit dem Pflegepersonal, das sich partout nicht impfen lassen will? Wer übernimmt den Nachtdienst, wenn der ungeimpfte Kollege nicht mehr darf?

In Bayern ist die Sorge nun so groß, dass Ministerpräsident Markus Söder angekündigt hat, die Impfpflicht im Gesundheitswesen vorerst auszusetzen. Er sei dafür, hier "großzügigst" vorzugehen, "was de facto auf ein Aussetzen des Vollzugs hinausläuft", sagte er am Montag in einer Pressekonferenz.

Impfpflicht im Gesundheitswesen: Bayern geht Sonderweg

Denn in den Gesundheitsämtern rumort es ebenfalls: Schließlich stehen auch sie in der Pflicht, müssen ab Mitte März im Einzelfall entscheiden, wie mit den Impfverweigerern in der Pflege umzugehen ist. Dabei sind die Ämter derzeit schon mit der Kontaktverfolgung überfordert.

Wie denkt man in den Pflegeheimen und Kliniken über die bevorstehende Impfpflicht? Eine t-online-Umfrage in mehreren Einrichtungen zeigt: Auf dem Land graut es manchen schon vor dem Stichtag. Dafür ist man in den Städten zuversichtlicher, auch ohne ungeimpfte Kolleginnen und Kollegen gut weitermachen zu können.

Was die Stationen in Stadt und Land gemein haben: Alle sehen bereits gut sechs Wochen vor dem 16. März die Probleme mit der Impfpflicht. Eines davon: Das Gefühl, nicht genau Bescheid zu wissen, was da kommt.

Beim Uniklinikum Essen halte man die Impfpflicht selbst in Einrichtungen des Gesundheitswesens zwar für "erforderlich und medizinisch sinnvoll", so der Ärztliche Direktor Professor Jochen A. Werner. Er befürchte aber auch, dass die Gesundheitsämter bei der Prüfung der Impfpflicht nicht hinterherkommen werden. Geht es um offene Fragen, fängt nicht nur Werner an dieser Stelle an, sich zu beklagen.

Nach aktuellem Stand wird es nicht so sein, dass ungeimpftes Personal ab dem einstigen Stichtag einfach nicht mehr zur Arbeit kommen kann. Legen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bis zum 16. März weder Impfnachweis noch Attest vor, geht erst eine Meldung ans Gesundheitsamt. Das entscheide dann im Einzelfall, wie es weitergeht, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums "Business Insider".

Ungeimpfte Pflegende könnten trotz Impfpflicht bleiben

Doch das dauert. Und: "Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, ob in einer Übergangszeit Personalengpässe vermieden werden können", heißt es weiter. Ist man auf sie angewiesen, könnten die Ungeimpften bleiben. Die Gesundheitsämter kritisieren indes, dass ihnen für die Prüfung fachliche und personelle Ressourcen fehlen.

Der Essener Klinikchef sagt: "Wir müssen alle Möglichkeiten nutzen, vor vermeidbaren Infektionen zu schützen." Man habe alle Mitarbeitenden "umfangreich aufgeklärt" und sehe sich gut aufgestellt, dank eines "überdurchschnittlichen Personalschlüssels" und einer ohnehin hohen Impfquote von 98 Prozent der Beschäftigten, sagt Werner.

So ist es im dicht besiedelten Ruhrgebiet, wo es viele Arbeitskräfte gibt. Anders denkt man da schon in den Wendelstein-Werkstätten. In Raubling, eine Stunde mit dem Zug von München entfernt, nahe der österreichischen Grenze, befürchtet Leiter Martin Zoßeder massive Personallücken. In der Caritas-Einrichtung arbeiten Menschen mit Behinderungen und werden dort betreut. "Es müssen nicht einmal viele Mitarbeiter sein, die wegfallen", sagt er. "Schon fünf oder zehn Personen können wir nicht einfach ersetzen."

Personalengpässe: Große Unterschiede an verschiedenen Standorten

Einen allzu großen Druck, sich impfen zu lassen, verspürten die Mitarbeitenden durch die Impfpflicht nicht. "Viele davon sind etwa ausgebildete Handwerker mit einer pädagogischen Zusatzausbildung. Die finden schnell eine neue Stelle außerhalb der Pflege", erklärt Zoßeder. Er kann aktuell nicht einmal das Personal umplanen – da er nicht weiß, wer ihm im März noch zur Verfügung steht.

Was auffällt: Zoßeders Einrichtung befindet sich im Landkreis Rosenheim. Dort beträgt die Impfquote zusammengerechnet mit der kreisfreien Stadt Rosenheim im Zentrum nur etwas über 60 Prozent und liegt damit deutlich niedriger als im Bundesschnitt. Auch wenn in den Werkstätten rund neun von zehn Menschen geimpft sind – in vielen Einrichtungen andernorts liegt die Rate bei annähernd 100 Prozent.

Der Caritas-Dachverband in Bayern könne einen möglichen Zusammenhang zwischen Impfquote in der Region und möglichen Personalproblemen wegen der Impfpflicht zwar nicht zwingend bestätigen, sagt Pressesprecher Tobias Utters. Doch er stelle fest, dass das Problem tatsächlich sehr unterschiedlich an verschiedenen Standorten auftrete.

Sein Eindruck deckt sich mit den Erfahrungen andernorts, etwa bei der Leipziger Diakonie. Dort variiert die Impfquote in den verschiedenen Einrichtungen des Trägerverbandes stark, nach Angaben von Pressesprecherin Susanne Straßberger zwischen 63 und 100 Prozent.

Hoffnung auf Rücknahme der Impfpflicht zugunsten der Patienten

Reinhild Weichet leitet das Pflegeheim Paul Gerhardt im Landkreis Leipzig, eine der Einrichtungen der Diakonie. Sie spricht von einer Impfquote von 85 Prozent und fürchtet massive Engpässe, sollte die Impfpflicht jetzt bald hart durchgesetzt werden. Man habe das Personal zu den Impfungen ermutigt, Gespräche geführt – und damit auch erfreulicherweise noch manche erreichen können, sagt sie.

Einige aber eben nicht. Man brauche jedoch jeden Mitarbeiter. Alle seien mit den Hygienemaßnahmen vertraut, alle würden täglich getestet. "Ich hoffe sehr, dass die Impfpflicht erst mal zurückgenommen wird oder sehr behutsam umgesetzt wird", so Weichet. Letztlich gehe die Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner vor.

Aus Stuttgart kommen Stimmen, die den Nutzen einer Impfpflicht in der Pflege bereits erkannt haben. "Es haben sich in den vergangenen Wochen noch sehr viele Mitarbeitende bewegt und sich impfen lassen", teilt etwa Uta Metzdorf mit, die bei der Caritas in Stuttgart Bereichsleiterin der Altenhilfe ist. Und Jan Steffen Jürgensen spricht von den "Pragmatikern" unter den Angestellten, die sich trotz anfänglicher Skepsis haben impfen lassen – um nicht ihre Stelle zu verlieren.

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Klinikchef: Hohe Impfquote unter den Pflegenden zu erwarten

Jürgensen leitet das Universitätsklinikum in der baden-württembergischen Hauptstadt. Ob Personallücken auftreten werden, wenn die Impfpflicht in Kraft tritt, könne er zwar heute noch nicht wissen, sagt er. "Aber wir gehen davon aus, dass dann die riesige Mehrheit geimpft ist."

Spricht man ihn auf die Personalplanung an, macht er sich mehr Sorgen um die Infektionszahlen und daraus resultierende Quarantäne-Maßnahmen. In der Belegschaft sei es vorherrschende Meinung, dass Öffentlichkeit und Patienten erwarten, dass die Pflegenden ihrer Verantwortung gerecht werden und sich impfen lassen. Jürgensen unterstützt diese Haltung und deshalb auch eine Impfpflicht.

Corona: Impfung und Vertrauen als Anspruch an Pflegepersonal

Für den Großteil des Personals sei es stets ein Privileg gewesen, sich frühzeitig impfen lassen zu können, so der Klinikleiter. Wer Sorgen habe und mit einer Impfung hadere, werde von ihm auch ernst genommen. Doch es gelte vermeidbare Risiken zu minimieren, auch durch Impfungen. Das sei der Anspruch. "Das Letzte, was wir wollen, ist vulnerable Menschen im Krankenhaus infizieren."

In den fünf Caritas-Pflegeeinrichtungen Stuttgarts betrage die Impfquote rund 92 Prozent, sagt die dortige Leiterin Metzdorf. Genau könne sie nicht vorhersagen, ob es wegen der möglichen Ausfälle von ungeimpften Mitarbeitenden zu Personalproblemen kommen könnte. Das liege aber auch daran, dass Quarantäne-Fälle die Lage kurzfristig zuspitzen könnten – ein weiterer Punkt, um den sich die Pflegeeinrichtungen sorgen.

Bis die Impfpflicht in Kraft tritt, werde sie weiter auf die ungeimpften Angestellten zugehen und weitere Angebote machen. Auch kurz vor Schluss könnte sich noch etwas tun: Teile des Teams hätten bislang auf einen Totimpfstoff gewartet, der bald zur Verfügung stehen könnte. Dann wollen auch sie sich impfen lassen.

Der Essener Klinikdirektor Werner berichtet Ähnliches – und hofft deshalb bald auf eine Klarstellung zu einer möglichen Verlängerung für "die dann die Frist knapp überschreitende zweite Impfung: Wir möchten keine impfbereiten Mitarbeiter verlieren", sagt der Mediziner.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche mit Gesprächspartnern im Gesundheitswesen
  • Mit Material der Nachrichtenagentur dpa
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