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Leon Bailey über Rassismus: "Vielleicht sollte man Fanblöcke schließen"

INTERVIEWLeon Bailey  

"Rassismus? Vielleicht sollte man Fanblöcke schließen"

20.01.2020, 10:31 Uhr
Leon Bailey über Rassismus: "Vielleicht sollte man Fanblöcke schließen". Leon Bailey: Der Bayer-Star spielt seit Januar 2017 für die Werkself. (Quelle: imago images/Laci Perenyi)

Leon Bailey: Der Bayer-Star spielt seit Januar 2017 für die Werkself. (Quelle: Laci Perenyi/imago images)

Affenlaute, Beleidigungen, obszöne Gesten. Fußballprofis mit schwarzer Hautfarbe werden selbst im Jahr 2020 immer noch angefeindet. Ein belastender Umstand, über den nur wenige Profis sprechen. Leverkusens Leon Bailey tut es ausführlich.

Die öffentliche Meinung von Fußball-Stars kann durch einen einzigen Fehltritt über Jahre ruiniert sein. Bei Leon Bailey ist es ähnlich. Seine Auseinandersetzung mit einem Boxer in Belgien kurz nach seinem Wechsel nach Leverkusen 2017 handelte ihm schnell ein schlechtes Image ein. Schnell war bei dem Jamaikaner die Rede von einem möglichen "Problem-Profi".

Dass sich Bailey dazu auf den sozialen Netzwerken gerne in schicken und teuren Klamotten zeigt, ist für so manchen Kritiker Wasser auf die Mühlen. Doch wenn man sich mit dem 22-Jährigen unterhält, ändert sich das Bild schnell. Bailey spricht ruhig, denkt über seine Antworten nach und hat immer einen Spruch auf den Lippen. Und so hat er mit t-online.de ausführlich über seine Kindheit in Österreich, seinen "Bruder" Raheem Sterling und Rassismus in Deutschland gesprochen.

t-online.de: Herr Bailey, können Sie sich an Ihr erstes Trikot erinnern?

Leon Bailey (22): Das ist schwer (überlegt). Ich kann mich nicht genau daran erinnern. Ich weiß aber noch, dass ich als Kind ein großes Arjen-Robben-Poster von der WM 2006 in meinem Zimmer hatte. Und dann habe ich Jahre später plötzlich gegen ihn gespielt. Das war völlig verrückt für mich.

War er Ihr Idol in der Kindheit?

Nein. So kann man das nicht sagen. Ich weiß nicht einmal mehr, wie dieses Poster in mein Zimmer kam (lacht). Ich weiß nur, dass ich es da hängen hatte.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit?

Seitdem ich klein war, war Fußball immer meine große Liebe. Ich wollte immer mit den anderen Kindern Fußball spielen. Als ich zwölf Jahre alt war, sind wir nach Österreich gezogen. Ein völlig neues Land, weit weg von der Heimat, nur wenige Menschen aus meiner Familie um mich herum. Das war sehr hart für mich. Dazu war es auch noch sehr kalt, das kannte ich gar nicht. Nach einer gewissen Zeit habe ich mich daran gewöhnt.

Haben Sie in dieser Zeit viel geweint?

Ich wurde tough erzogen, habe deshalb wenig geweint. Nur dann, wenn es wieder richtig kalt wurde (lacht). Ich hatte zwar Heimweh, aber habe so oft wie möglich mit der Familie in Jamaika telefoniert. Das gehört zu den Opfern, die ich bringen musste, um Fußballprofi zu werden.

Was waren Ihre ersten Gedanken an Österreich?

Kälte, Skifahren und Bier. Österreicher trinken viel Bier. Ach, und Schnitzel natürlich(lacht).

Mögen Sie Schnitzel?

Schnitzel waren das Erste an Europa, was mir gefiel. Das Essen in Österreich ist komplett anders als das in Jamaika. Schnitzel haben mir damals sofort geschmeckt.

In jungen Jahren sind Sie weitergezogen, haben in der Slowakei und Belgien gespielt, ehe Sie 2017 mit 19 Jahren nach Deutschland kamen.

Ich habe viele Länder und Vereine kennengelernt. Das hat mir sehr geholfen, um zu reifen und erwachsen zu werden. Von jeder Station habe ich etwas mitgenommen und habe mich so weiterentwickelt.

Leon Bailey (l.) im Trikot des belgischen Erstligisten KRC Genk. (Quelle: imago images/Belga)Leon Bailey (l.) im Trikot des belgischen Erstligisten KRC Genk. (Quelle: Belga/imago images)

Fühlen Sie sich wie 22?

Nein, das können Sie mir glauben. Ich fühle mich viel älter (lacht).

Welche Unterschiede haben Sie im Umgang der Menschen miteinander in Europa im Vergleich zu Jamaika wahrgenommen?

Die Kulturen sind sehr unterschiedlich. Jamaikaner sind sehr locker und entspannt. Deutsche zum Beispiel sind sehr direkt und ernst. Ihnen sind Ordnung und Struktur wichtig. Wenn du in Jamaika eine Minute zu spät kommst, ist das kein Problem. In Deutschland bist du eigentlich zu spät, wenn du pünktlich bist. Ich musste mich daran anpassen, aber das fiel mir als Kind auch leicht. Ich habe die Kultur sehr schnell kennengelernt.

Deutschland wird nachgesagt, eine ausgeprägte Neidkultur zu haben. Wenn jemand sein neues Auto oder seine neue Uhr präsentiert, wird er, anders als beispielsweise in den USA, dafür gerne kritisch beäugt.

Das stimmt. Kulturen sind eben unterschiedlich, so wird es immer sein. Kulturen sind wichtig, sie lehren dich viel. Man kann aus mir keinen Deutschen machen und aus einem Deutschen keinen Jamaikaner. Das heißt nicht, dass man sich nicht anpassen kann. Wenn ich hier lebe, sollte ich mich an die Vorgaben halten.

Wie erleben Sie die Kritik an teuren Klamotten oder so auf Social Media?

Ich bin den mittel- und nordamerikanischen Lifestyle gewohnt, wo das kein großes Problem ist. Hier eben etwas mehr. Aber das wird sich nicht ändern und das ist auch okay. Wenn ich mich nur daran orientieren würde, was in Deutschland besser ankommt, würde man mir in Jamaika vorwerfen, mich verändert zu haben. Man sollte immer authentisch bleiben.

Leon Bailey im Trikot der jamaikanischen Nationalmannschaft. (Quelle: imago images/Icon SMI)Leon Bailey im Trikot der jamaikanischen Nationalmannschaft. (Quelle: Icon SMI/imago images)

Konnten Sie mit der Kritik schon immer so entspannt umgehen?

Die Menschen sehen nicht, was du alles erlebt hast. Sie sehen dich nur, wenn du an der Spitze bist, und dann gibt es natürlich auch Menschen, die dir das neiden. Es ist schwer, nach oben zu kommen, aber umso leichter, nach unten zu fallen. Gerade im Fußball. Wenn du die Fans enttäuschst und deine Leistung nicht bringst, wirst du kritisiert. Wenn du aber gute Leistungen bringst, lieben dich alle. Was kann man also daraus schließen?

Es geht nicht um dich als Mensch, sondern um dich als Sportler.

Exakt. Genau deshalb sollte man sich nicht so sehr nach anderen richten, sondern vielmehr das tun, wovon man überzeugt bist. Kritik ist gut, aber man darf sie sich nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Ansonsten kannst du das Leben nicht genießen. Wie gesagt: Ich bin Jamaikaner, ich lache viel, mache gerne Witze. Das bin einfach ich. Das macht mich glücklich. Und genau dieses Gefühl brauche ich, um guten Fußball zu spielen. Ein deutscher Spieler braucht das vielleicht nicht. Er spielt am besten, wenn es ruhig ist und er klare Anweisungen und Strukturen hat. Bei Wendell, Lucas (Alario, Anm. d. Red.), Charly (Charles Aránguiz, Anm. d. Red.) oder mir ist es eben anders.

Sie sind der berühmteste aktive Fußballer aus Jamaika. Aber auch Raheem Sterling von Manchester City hat seine Wurzeln in Jamaika. Sie beide sind gut befreundet. Seit wann kennen Sie sich?

Ich kenne ihn seit über sechs Jahren, bevor ich Profi war. Wir haben uns in Jamaika über Freunde kennengelernt.

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Wo genau?

Jamaika ist sehr klein. Wenn Raheem dort ist, ist er auf den selben Events wie ich. Von dem Moment an, an dem wir uns kennengelernt haben, waren wir befreundet. Und ich weiß noch, wie ich damals zu ihm gesagt habe: "Mach dir keine Sorgen, ich werde auch bald ein Fußballprofi sein." Und jetzt sind wir womöglich die beiden besten Spieler, die ihre Wurzeln in Jamaika haben.

Haben Sie oft Kontakt?

Er ist für mich wie ein Bruder, wirklich. Durch uns fließt zwar nicht das gleiche Blut, aber er ist Familie. Ab und zu schlafe ich mal bei ihm oder wir gehen etwas essen. Ich kenne seine Mutter, seine Schwestern. Ich war sogar erst vor kurzer Zeit mit seinen Schwestern in Jamaika.

Raheem Sterling ist in den letzten Monaten und Jahren nicht nur durch gute Leistungen, sondern auch durch seinen Kampf gegen Rassismus positiv aufgefallen. 

Er spricht es aus und dafür bewundere ich ihn. Natürlich spielt auch die Leistung eine Rolle. Raheem spielt aktuell tollen Fußball, deshalb hören ihm alle zu. Wenn er schlecht spielen würde und er auf Rassismus aufmerksam machen würde, würde das nicht den Effekt haben. So ist der Fußball, so ist diese Welt. Dass Raheem all das auf sich nimmt, bedeutet mir viel.

Raheem Sterling im T-Shirt der Organisation "Kick it out", die sich gegen Rassismus im Fußball einsetzt. (Quelle: imago images/Sportimage)Raheem Sterling im T-Shirt der Organisation "Kick it out", die sich gegen Rassismus im Fußball einsetzt. (Quelle: Sportimage/imago images)

Dürfen wir fragen, ob Sie Rassismus in Deutschland Ihnen gegenüber schon erlebt haben?

Das habe ich schon, aber das blende ich aus. Ich hasse es, mich zu streiten oder mit Leuten zu diskutieren. Es zerstört meine Energie, meine Fröhlichkeit. Das will ich nicht. Das darf mir niemand nehmen.

Waren diese Erlebnisse außerhalb des Stadions oder auch innerhalb?

Beides, aber größtenteils außerhalb.

Wird auf diese Vorfälle von Seiten der Medien, der Ligen, der Vereine noch zu wenig Aufmerksamkeit gelegt? In England gab es aktuell mehrere Fälle, bei denen die Vereine durchgriffen.

So sollte es auch sein, man darf das nicht ungeachtet lassen. Diese Zeiten sind vorbei. Wir haben doch eine gemeinsame Liebe, den Fußball. Warum bezahlst du Geld für ein Ticket, um dann einfach nur jemand anderen verbal zu verletzen? Feuer doch dein Team an, sei gegen das andere Team, aber Rassismus darf keinen Platz im Stadion haben. Das kann dem Fußball massiv schaden.
   

   
Sollte es härtere Strafen geben?

Ja, vielleicht muss man die Spiele abbrechen, oder Fanblöcke schließen. Diese Strafen würden den Menschen zeigen, wie wichtig es ist, klar dagegen vorzugehen. Ich glaube, dass das helfen kann.

Sie und Raheem Sterling kämpfen nicht nur gemeinsam gegen Rassismus und sind beide in Jamaika aufgewachsen, Sie sind beide unheimlich schnell.

In Jamaika war ich früher einer der Langsamsten (lacht).

Wirklich?

Ja, in diesem Land gibt es viele schnelle Menschen.
   

   
Woran liegt das?

Ich glaube, es liegt an der Genetik und am Essen.

Der jamaikanische Sprinter Yohan Blake sagte mal, er würde über 15 Bananen am Tag essen.

Bananen, Teigtaschen. Unser Essen hat bestimmt einen Anteil daran. Sie müssten mal die Schulwettbewerbe sehen, wenn die Kinder gegeneinander antreten. Es ist verrückt, wie schnell sie sind. Deshalb hatte ich als Kind auch keine Chance. Ich wollte aber auch kein Sprinter werden. Ich wollte Fußballer werden.

Dominanz beim Sprint: Yohan Blake (l.), Usain Bolt (m.) und Warren Weir) gewannen bei den Olympischen Spielen in London 2012 Gold, Silber und Bronze. (Quelle: imago images/Kyodo News)Dominanz beim Sprint: Yohan Blake (l.), Usain Bolt (m.) und Warren Weir (r.) gewannen bei den Olympischen Spielen in London 2012 Gold, Silber und Bronze. (Quelle: Kyodo News/imago images)

Und das wurden Sie auch. Arbeiten Sie eigentlich heute noch an Ihrer Geschwindigkeit, um noch schneller zu werden?

Nein, ich glaube, dass das natürlich kommt. Ich habe nie daran gearbeitet, ich kenne meine Geschwindigkeit und weiß, wie ich sie ideal einsetze. Was ich aber trainiere, ist, mit dem Ball möglichst schnell an vielen Spielern vorbeizukommen, um dann ein Tor zu schießen. Wenn mir das gelingt, mach mich das glücklich. Das ist mein Spiel.

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