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Sammer, Ballack, Kroos & nichts mehr: Ost-Fußball verblĂŒht

Von dpa
Aktualisiert am 06.11.2019Lesedauer: 5 Min.
Spielte als erster DDR-Spieler fĂŒr das DFB-Team: Matthias Sammer.
Spielte als erster DDR-Spieler fĂŒr das DFB-Team: Matthias Sammer. (Quelle: Oliver Berg/dpa./dpa)
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Berlin (dpa) - Als die Mauer in der historischen Nacht zum 9. November 1989 plötzlich aufging, war auch fĂŒr den Fußball im Osten nichts mehr so wie zuvor. Profivereine statt DDR-Fußballclubs oder Betriebssportgemeinschaften.

Freier Spielermarkt statt Delegierungen durch die ParteifĂŒhrung. Bundesadler statt Hammer-Zirkel-Ährenkranz auf dem Nationaltrikot. "Das war fĂŒr alle ein GlĂŒcksfall, die dann den Sprung in die Bundesliga geschafft haben", sagte Ulf Kirsten 30 Jahre danach der Deutschen Presse-Agentur.

Der "Schwatte", wie der bullige StĂŒrmer aus Dresden genannt wurde, gehört zur ersten GrenzgĂ€nger-Generation. Zusammen mit Andreas Thom, Matthias Sammer und Thomas Doll, die im Eiltempo aus der DDR-Oberliga in die Bundesliga-Welt wechselten und dann auch schnell ins Trikot der wiedervereinten Nationalmannschaft schlĂŒpften.

"Wir hatten frĂŒher in der DDR auch gute Fußballer wie Dixie Dörner oder Reinhard HĂ€fner, unzĂ€hlige Nationalspieler und Olympiasieger. Die hatten aber nicht das GlĂŒck, das wir dann hatten, als wir 1990 so eine Gelegenheit bekamen", bemerkt der heute 53 Jahre alte Kirsten.

Im sĂ€chsischen Riesa im Schatten des VEB Rohrkombinats Stahl- und Walzwerkes geboren, bei Dynamo Dresden zum Nationalspieler geworden, brachte es der spĂ€tere Leverkusener Kirsten auf 100 LĂ€nderspiele - 49 fĂŒr Ost und 51 fĂŒr West. Nur sein einstiger Dresdner Vereinskollege Sammer (23/51) kam auf eine Ă€hnliche Verteilungs-Quote.

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"Die eine Nationalmannschaft hat immer um Titel gespielt, die andere hat das ganz große Turnier nicht geschafft", verwies Kirsten jetzt vor dem 30. Jahrestag des Mauerfalls auf den Hauptunterschied der beiden Auswahlteams. Nur 1974 war die DDR bei einer WM dabei. Das Tor von JĂŒrgen Sparwasser zum 1:0-Vorrundensieg gegen die spĂ€tere Weltmeisterelf um Franz Beckenbauer wurde zur bekanntesten Szene des DDR-Fußballs.

Beckenbauers falsche Prognose

Mit den hochtalentierten KrĂ€ften Sammer, Kirsten, Thom und Doll sei die wiedervereinte Nationalmannschaft auf Jahre unschlagbar - das gab der damalige DFB-Teamchef Beckenbauer nach dem WM-Triumph von 1990 seinem Nachfolger Berti Vogts als BĂŒrde mit auf den Weg. "Mit den Spielern ist alles sehr positiv verlaufen. Mit den FunktionĂ€ren gab es Theater. Wir waren ja amtierender Weltmeister, man wollte mich zwingen, vier, fĂŒnf DDR-Spieler einzubauen. Aber das war nicht möglich", erinnert sich Ex-Bundestrainer Vogts im Herbst 2019 an den Neustart 29 Jahre zuvor.

Dass sich damals auch ein junger Fußballer wie Sammer in vielen Dingen neu orientieren musste, "wenn du dazu noch im Tal der Ahnungslosen (ohne Westfernseh-Empfang) groß geworden bist und 22 Jahre deines Lebens innerhalb eines völlig anderen Systems verbracht hast, und dann alles zusammenbricht", ist nachzuvollziehen.

Am 19. Dezember 1990 durfte Sammer in seiner schwĂ€bischen Wahlheimat Stuttgart im Spiel gegen die Schweiz (4:0) als erster "Ossi" das Adler-Trikot ĂŒberstreifen. "Dass ich diesen Weg gehen konnte, auch privat, sehe ich mit Demut und voller Dankbarkeit. Es ist fast
ein Gottesgeschenk", sagte er spÀter einmal.

Doch an der EM-Endspielniederlage 1992 (mit Sammer, Thom und Doll) und an der verpatzten WM 1994 (mit Sammer und Kirsten) konnte die Fraktion der Ex-DDR-Kicker auch nichts Ă€ndern. Erst 1996 gelang bei der EM in England mit Sammer, dem gebĂŒrtigen Brandenburger Steffen Freund und dem Schweriner RenĂ© Schneider (ohne Einsatz) der nĂ€chste Titel-Triumph. Zugleich der grĂ¶ĂŸte Erfolg fĂŒr Bundestrainer Vogts.

Ballack und Kroos als AnfĂŒhrer

Insgesamt 38 Spieler, die aus der DDR oder dann den neuen BundeslĂ€ndern stammen, spielten bisher fĂŒr das wiedervereinigte Deutschland. Von jenen entwickelten sich der in Görlitz geborene Michael Ballack und der Greifswalder Toni Kroos zu AnfĂŒhrern und Weltstars. "Nach dem Mauerfall habe ich mir sofort sĂ€mtliche Fußball-Zeitschriften gekauft", verriet Ballack. Damals war er 13. Karl-Marx-Stadt, Kaiserslautern, Leverkusen, MĂŒnchen, London, 98 LĂ€nderspiele, Vizeweltmeister, EM-Zweiter. Die Krönung mit dem Nationalteam blieb dem ehrgeizigen Sachsen, heute 43 Jahre alt, versagt.

Die gelang Kroos, der genau 56 Tage nach der Maueröffnung in Mecklenburg-Vorpommern zur Welt kam, 2014 in Rio de Janeiro: Weltmeister. Der einzige aus dem Osten. "Ob ich wirklich der einzige bin?", fragte der ehemalige Rostocker damals verdutzt: "Wahrscheinlich bin ich dann auch der letzte."

Der Anteil der Ost-Akteure in der DFB-Auswahl schrumpft seit 2002 immer mehr. Bei der WM 2002 in Japan und SĂŒdkorea gehörten
noch sieben Ost-Spieler zum Team von Rudi Völler, zum Beispiel der ehemalige Jenaer Bernd Schneider, der Erfurter Thomas Linke und der einstige Dresdner Jens Jeremies sowie der Rostocker Carsten Jancker. Beim SommermĂ€rchen 2006 unter JĂŒrgen Klinsmann waren es noch vier: Ballack, Schneider, Tim Borowski und der Ostberliner Robert Huth. Schon in SĂŒdafrika 2010 blieb Kroos als einziger ĂŒbrig.

Star-Flaute im Osten

Geradezu ein PhĂ€nomen: In dem ehemaligen Dresdner Maximilian Arnold (jetzt VfL Wolfsburg) kam ĂŒberhaupt nur einer, der nach der
Vereinigung in den neuen BundeslÀndern geboren wurde, noch zu einem LÀnderspieleinsatz. "Die meisten schaffen es im Osten gar nicht bis zu den Junioren. Die werden doch schon mit 12 oder 14 Jahren von finanzstÀrkeren Clubs aus dem Westen abgeworben", meinte dazu Eduard Geyer. Mit dem Dresdner als letzten Nationalcoach hatte die DDR im September 1990 mit einem 2:0-Sieg in Belgien im 293. und letzten LÀnderspiel die Auswahl-Geschichte geschlossen.

"Dabei wĂŒrde es vielen Spielern in ihrer Entwicklung gut tun, erst einmal in der Heimat zu bleiben. In den Nachwuchszentren von Dresden, Rostock oder Magdeburg wird ja keine schlechte Arbeit gemacht", bemerkte Geyer (75) drei Jahrzehnte spĂ€ter zur Star-Flaute im Osten. Eine umfassende ErklĂ€rung vermag auch der Experte nicht zu liefern. Kroos ging als 16-jĂ€hriges Ausnahme-Talent vom FC Hansa sofort zum FC Bayern, ist mit vier Champions-League-Siegen bei Real Madrid einer der Chefs und bei Bundestrainer Löw fĂŒr die EM 2020 gesetzt.

Seiner Ost-Abstammung misst Kroos inzwischen wenig Bedeutung bei: "Das Thema ist mir nicht so nah. Ich habe nicht so viel Kontakt zu der Zeit wie meine Eltern." An andere Ost-Spieler mit DFB-EinsĂ€tzen erinnern sich nur wenige Fans: Thomas Ritter, Jörg Böhme, Bernd Hobsch, Heiko Gerber oder Marco Engelhardt. Der im Dezember 1988, elf Monate vor dem Mauerfall, geborene Nils Petersen war als letztes DDR-Fußballkind von Bundestrainer Joachim Löw zum Nationalspieler befördert worden. Der in Wernigerode im Harz geborene Petersen (nun schon lange beim SC Freiburg) hatte seine Karriere bei Carl Zeiss Jena und Energie Cottbus gestartet.

Clubs mit neuen Erfolgen

Warum es keine neuen Sammers oder Ballacks mehr gibt, kann auch Europameister-Coach Vogts nicht beantworten. "Das ist eine schwierige Frage", bemerkte der 72-JĂ€hrige, einst als knallharter Verteidiger mit 419 Bundesliga-Spielen fĂŒr Borussia Mönchengladbach "Terrier" genannt. "Ich weiß nicht, wie das Training im Jugendbereich in der frĂŒheren DDR ist. Ich glaube, in Leipzig wird sehr gut gearbeitet, was ich so gesehen habe. Auch das Leistungszentrum bei Union in Berlin ist sehr gut. Warum, weshalb wir so wenige Spieler im Moment haben, das kann ich nicht sagen."

Auch aus Sicht von DFB-Direktor Oliver Bierhoff könnte die Bundesliga "mit Sicherheit noch einen weiteren Ost-Club vertragen". Zumindest einige wenige Vereine machen inzwischen mit neuen Erfolgen auf sich aufmerksam. Der 1. FC Union Berlin, zur Wendezeit in der DDR nur Zweitligist, mischt erstmals in der Bundesliga mit. Dazu ist in RB Leipzig ein Club gewachsen, der zwar von vielen Ost-Traditionalisten aufgrund seiner anderen Strukturen und Verbindungen zum österreichischen Brausehersteller Red Bull abgelehnt wird, aber erfolgreich ist. Doch bei RB liegt der Anteil von Profis aus den "neuen" BundeslÀndern, die sich im Bundesliga-Kader etabliert haben bei null.

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