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EM 2021 und DFB-Elf: Deutschland fällt ein jahrelanger Fehler auf die Füße

Problemzone Mittelsturm  

Deutschland fällt ein jahrelanger Fehler auf die Füße

19.06.2021, 16:24 Uhr
EM 2021 und DFB-Elf: Deutschland fällt ein jahrelanger Fehler auf die Füße. Serge Gnabry: Momentan muss der eigentliche Flügelspieler im Sturmzentrum aushelfen. (Quelle: imago images/PanoramiC)

Serge Gnabry: Momentan muss der eigentliche Flügelspieler im Sturmzentrum aushelfen. (Quelle: PanoramiC/imago images)

Das letzte Tor eines deutschen Stürmers bei einem großen Turnier fiel im Achtelfinale der EM 2016. Seitdem ist tote Hose im DFB-Angriff. Und diese Situation macht Bundestrainer Löw auch in diesem Jahr Probleme.

Belgien, England, Frankreich, Italien, Spanien, Niederlande. Sechs EM-Titelkandidaten, die Deutschland alle etwas voraus haben: Sie spielen mit einem echten Mittelstürmer. Ob Romelu Lukaku, Harry Kane oder Ciro Immobile. Bei jeder dieser Mannschaften steht ein "Neuner" auf dem Platz, auf den das Spiel in besonderer Art und Weise ausgerichtet ist. 

Der eine ist der Fixpunkt jedes Konters und macht Bälle fest und schafft Räume für die Hintermänner (Lukaku), der andere ist klassisch im Strafraum unterwegs und sucht immer den Abschluss (Kane). Und der Dritte lässt sich auch mal etwas fallen und gestaltet das Spiel mit oder reißt mit seinen cleveren Laufwegen Lücken auf (Immobile). 

Was alle verbindet, sind ihre Grundqualitäten vor dem Tor und ihre Denkweise. Sie sind Mittelstürmer, lieben das Zentrum und fühlen sich mittig im gegnerischen Strafraum wohl. Sie sind es gewohnt, lange Bälle oder Flanken mit dem Kopf oder dem Fuß zu verarbeiten und im Idealfall das Tor zu treffen.

Flanken sind für den Gegner kein Problem

Und genau so ein Typ fehlt dem deutschen Spiel unter Joachim Löw. Der Bundestrainer sucht die Dominanz, will Ballbesitz und Spielkontrolle. Mit Spielern wie Toni Kroos oder Ilkay Gündogan, die sich im Passspiel wenig Fehler erlauben und auch unter Druck gute Entscheidungen treffen, funktioniert das auch bis zum letzten Drittel sehr gut. Das war beim ersten EM-Spiel gegen Frankreich zu sehen.

Das Problem ist aber, dass die Gegner sich daran anpassen und sehr tief verteidigen. So agierten nicht nur die drei WM-Gruppengegner der DFB-Auswahl, sondern eben auch die Franzosen am Dienstag. Kurz vor dem Strafraum läuft Deutschland gegen eine Wand. Durchs Zentrum führt nahezu kein Weg. Die Räume sind eng, die Anspielstationen rar. Was die Gegner aber zulassen, sind Pässe auf die Flügel, vor Flanken haben sie keine Angst. Denn was soll beispielsweise ein Serge Gnabry (1,76m) in der Luft gegen Raphaël Varane (1,91m) anrichten?

Gegen Raphaël Varane (2.v.l.) hatten die deutschen Spieler kaum Chancen in der Luft. (Quelle: imago images/Moritz Müller)Gegen Raphaël Varane (2.v.l.) hatten die deutschen Spieler kaum Chancen in der Luft. (Quelle: Moritz Müller/imago images)

Am Ende waren es 23 Hereingaben im ganzen Spiel, fünf davon Ecken. Angekommen sind nur die wenigsten von ihnen, da Frankreich meist souverän klärte. Lediglich drei Abschlüsse per Kopf hatte Deutschland im gegnerischen Strafraum, zwei davon kamen durch Verteidiger (Hummels, Rüdiger) zustande. Zum Vergleich: Frankreich hatte genau sechs Flanken, drei davon waren Ecken. 

Und da liegt das Problem: Deutschland spielt ein System, das mit einem klassischen Mittelstürmer gut funktionieren könnte. Mit einem Miroslav Klose, Sandro Wagner oder Mario Gomez wäre die Erfolgsquote der Hereingaben eine andere und die Gegner müssten sich anders auf das Flügelspiel einstellen. Doch diesen Stürmertyp gibt es auf hohem Niveau in Deutschland kaum. Kevin Volland ist zwar als Mittelstürmer im EM-Kader, doch ein klassischer Strafraumtyp ist er nicht. Dazu ist auch er "nur" 1,79m groß, für Timo Werner (1,81m) gilt das ebenso.

Fehler in der Ausbildung

Der Mangel an "echten" Mittelstürmern ist das Ergebnis eines falschen Fokus' in den vergangenen Jahren bei der Ausbildung. U21-Bundestrainer Stefan Kuntz, selbst Mittelstürmer der DFB-Auswahl zu seiner aktiven Zeit, wies erst im Herbst 2020 bei der "Bild" auf das Problem hin: "Die Ausbildung des klassischen Mittelstürmertyps ist in den letzten Jahren ein wenig vernachlässigt worden. Man wollte, dass die Stürmer flexibel sind, verschiedene Positionen spielen können oder sich auch in anderen Räumen bewegen. Deshalb hatten sich, national wie international, neue Stürmertypen in den Vordergrund gespielt und auch bewährt. Trotz allem ist der typische Mittelstürmer: groß, körperlich robust. Auch Kopfballstärke ist immer noch wichtig, siehe Robert Lewandowski und bringt, je nach taktischer Ausrichtung, einige wichtige Komponenten mit ins Spiel."

Für Kuntz' Aussagen gibt es viele Beispiele. Deutschland entwickelte in den vergangenen Jahren viele hochtalentierte Halb- oder Flügelstürmer wie Gnabry, Havertz, Sané, Wirtz, Waldschmidt oder Musiala. Spieler, die besondere Qualitäten haben. Im Sturmzentrum zu lauern ist aber keine davon.

Hoffnung gibt es zwar in Lukas Nmecha, der bei der U21-EM im System Kuntz als robuster und gleichzeitig spielstarker "Neuner" agierte. Für die A-Nationalmannschaft reicht es aber noch nicht. 

Von Stefan Kuntz (l.) konnte Lukas Nmecha in der U21 viel lernen. (Quelle: imago images/Sven Simon)Von Stefan Kuntz (l.) konnte Lukas Nmecha in der U21 viel lernen. (Quelle: Sven Simon/imago images)

Fehler in der Taktik?

Gleichzeitig muss sich aber auch Bundestrainer Joachim Löw die Frage stellen, inwiefern er aus der WM 2018 gelernt hat, wo es ähnliche Probleme gab. Taktische Unterschiede zum Debakel von Russland sind bei der EM in der Formation zu erkennen, doch die etwas ziellose Dominanz im Spiel war auch gegen Frankreich ein Problem.

Deutschlands Offensive hat viel Tempo und technische Qualität. Deshalb strahlt sie gerade in Umschaltsituationen viel Gefahr aus. Gut zu sehen war das beispielsweise gegen die Schweiz im Oktober 2020, als zwei Tore nach Ballgewinn fielen und die gegnerische Defensive sich nicht in Ruhe formieren konnte. 

Mit der richtigen Taktik kann man das Fehlen eines klassischen Mittelstürmers auch gut umgehen. Das bewiesen die beiden Champions-League-Finalisten Manchester City und FC Chelsea, die beide ohne kantigen Strafraumtypen im Endspiel standen. Pep Guardiola setzte meist Phil Foden als "falsche Neun", also eher als hängende Spitze ein. Durch seine Spielweise mit Kombinationen über die Halbräume und Läufen bis an die Grundlinie mit flachen Hereingaben war Foden auch ein idealer Stürmer dafür.

Pep Guardiola (l.) brachte Phil Foden auf eine neue Stufe. (Quelle: imago images/Shutterstock)Pep Guardiola (l.) brachte Phil Foden auf eine neue Stufe. (Quelle: Shutterstock/imago images)

Thomas Tuchel vom FC Chelsea setzte gerade gegen offensivstarke Gegner auf schnelle Akteure wie Werner, Havertz, Mount und Pulisic, die überfallartig auf das gegnerische Tor zustürmten. So fiel auch das Siegtor im Finale gegen City durch Havertz. Er hatte mit Giroud oder Abraham zwar zwei echte Mittelstürmer auf der Bank, doch selbst wenn sie nicht auf dem Patz standen, war ihr Fehlen dem Spiel kaum anzumerken.

Und so sollte auch Joachim Löw überlegen, ob er seinen Kurs weiterfahren will. Denn das französische Erfolgsrezept werden sich auch andere Mannschaften abgucken. Und mögliche Achtelfinalgegner wie Belgien oder England stehen den Franzosen in gutem Umschaltspiel in fast nichts nach.

Verwendete Quellen:

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