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"Boulevard Bio" - Deutschlands versöhnlichste Talkshow

Von dpa
Aktualisiert am 07.08.2021Lesedauer: 3 Min.
Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in der Sendung "Boulevard Bio".
Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) in der Sendung "Boulevard Bio". (Quelle: picture alliance / dpa./dpa)
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Köln (dpa) - Schon der Name der Sendung zergehe "wie Mousse au Chocolat" auf der Zunge, schwÀrmte Feinschmecker Alfred Biolek vor 30 Jahren, als seine ARD-Talkshow "Boulevard Bio" (7.8.) startete.

Nach Formaten wie "Bio's Bahnhof" oder "Mensch Meier" wollte Biolek, der vor kurzem (23. Juli) mit 87 Jahren starb, eine angenehme wöchentliche GesprĂ€chssendung etablieren. FĂŒr ein Millionenpublikum als schwul geoutet wurde er erst ein paar Monate spĂ€ter in einer RTL-Talkshow vom Filmemacher und Aktivisten Rosa von Praunheim.

In der ersten "Boulevard Bio"-Ausgabe vom 7. August 1991 war der damalige Bundesinnenminister und heutige BundestagsprĂ€sident Wolfgang SchĂ€uble zu Gast. Zehn Monate nach dem folgenreichen Attentat sprach der CDU-Politiker ĂŒber sein neues Leben im Rollstuhl.

Bioleks Talkshow, die vielen Ă€lteren TV-Zuschauern bis heute als die versöhnlichste Sendung dieser Art in der deutschen Fernsehgeschichte gilt, brachte es bis Juni 2003 auf 485 Ausgaben. Erst kam sie mittwochs, ab 1992 dienstags gegen 23 Uhr. Das Publikum liebte Bio mit all seinen Schrulligkeiten. Der steif durchgedrĂŒckte Oberkörper, die StichwortkĂ€rtchen, das RĂ€uspern, die "Ähs" - all das war Kult.

Breite Themenpalette

Die Themenpalette reichte von "Aids - der einsame Tod" bis etwa "Mythos Primadonna" mit Jessye Norman im Studio. Die GĂ€steschar war ebenso breit gefĂ€chert. Prominente wie Fußball-"Kaiser" Franz Beckenbauer, Schriftsteller GĂŒnter Grass, Modeschöpfer Karl Lagerfeld, Stargeiger und Dirigent Yehudi Menuhin oder der Dalai Lama nahmen bei Bio Platz. Auch Filmstars wie Gina Lollobrigida und Sir Peter Ustinov, der damalige BundesprĂ€sident Roman Herzog, der Politiker Theo Waigel oder die PopsĂ€ngerin Britney Spears kamen zu ihm. 1994 sendete Biolek aus Warschau und war beim damaligen polnischen PrĂ€sidenten Lech Walesa zu Gast im Palast.

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Viele Fans fanden, dass Bio die interessantesten GesprĂ€che mit eher unbekannten Menschen fĂŒhrte. Am 6. September 1994 stand er anlĂ€sslich seines 60. Geburtstags in seiner eigenen Sendung Rede und Antwort, Moderator an diesem Abend war der Entertainer Harald Schmidt.

Die Sendung wurde meist ein paar Stunden vor der spĂ€tabendlichen Ausstrahlung aufgezeichnet. "Der Vorteil ist, dass alle Beteiligten frischer sind als zum Sendetermin nachts um elf", sagte Biolek dazu. Es werde aber quasi "live versetzt" gesendet. "Nichts wird geschnitten, jeder Patzer bleibt drin." So kam es zum Beispiel, dass Biolek den Rennfahrer Michael Schumacher als "Harald Schumacher" ankĂŒndigte. Dieser nahm Platz und sagte: "Sie dĂŒrfen mich Michael nennen." Worauf Biolek entgegnete: "Ach, das ist aber nett."

Hannelore Kohl fĂŒhlte sich gut aufgehoben

Im Februar 1996 war Hannelore Kohl zum Thema "Szenen meiner Kindheit" zu Gast. Sie fĂŒhlte sich offenbar so gut aufgehoben, dass sie ihrem Mann die Scheu vorm Unterhaltungsfernsehen nahm. 14 Jahre nach seinem Amtsantritt fand Bundeskanzler Helmut Kohl am 11. September 1996 erstmals den Weg in eine TV-Talkshow. Harte politische Fragen stellte Biolek natĂŒrlich nicht. Mit munteren ErzĂ€hlungen ĂŒber SchlĂ€gereien mit SPD-AnhĂ€ngern in seiner Jugendzeit und sein persönliches Puddingrezept - 18 Eier fĂŒr sechs Portionen - hatte Kohl die Lacher im Publikum auf seiner Seite. Er witzelte auch: "Ich könnte hier gut schlafen, vielleicht wĂŒrde die Sendung dadurch gewinnen."

Acht Monate nach dem Tod von Hannelore Kohl kam dann im MĂ€rz 2002 auch Peter Kohl zu Biolek - Thema der Sendung: "Schicksal Sohn".

Kritik erntete die Sendung vom 9. April 2002 aus Weimar, in der der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder und der russische PrÀsident Wladimir Putin ohne kritische Fragen ihre MÀnnerfreundschaft prÀsentierten. Putin verriet, in seiner Zeit als KGB-Agent in Dresden gern "Radeberger" getrunken zu haben. Schröder sagte, ebenfalls Bier zu mögen - aber nur wenig zu trinken mit Blick aufs Gewicht.

Auch Edmund Stoiber war zu Gast

Zwei Monate danach begrĂŒĂŸte Biolek - politisch ausgewogen - auch den Schröder-Herausforderer des damaligen Wahljahres, Edmund Stoiber. Bei ihm ging er fĂŒr seine VerhĂ€ltnisse geradezu auf Konfrontation, monierte schwulenfeindliche Aussagen auf der CSU-Website. "Die Homosexuellen sind ĂŒber manche Signale sehr irritiert", sagte Biolek. Er, Stoiber, sei ja auch gegen eingetragene Lebenspartnerschaften. Warum eigentlich? "Es geht um ein geistiges Klima." Stoiber wurde kleinlaut: "Jeder muss in seiner Fasson glĂŒcklich werden."

In der Abschiedssendung vom 10. Juni 2003 betrat am Ende Fritz Pleitgen, damals Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), das Studio und stellte dem Talkmaster ganz in dessen Stil mit KarteikÀrtchen in der Hand Fragen wie "War's schwer heute Abend?".

Im Blitzlichtgewitter und mit den GĂ€sten Barbara Becker und Verona Feldbusch im Arm ließ sich der Talkmaster dann vom Studiopublikum feiern. Er strahlte ĂŒber das ganze Gesicht. Hinter seiner runden, getönten Brille schimmerten die Augen jedoch ein wenig feucht.

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