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"Das ist wie eine Art Schweigegeld"

  • Sandra Simonsen
Von Sandra Simonsen

Aktualisiert am 31.07.2020Lesedauer: 9 Min.
Protest von PflegekrÀften: Bereits vor der Corona-Pandemie gab es in der Pflege Kritik an zu geringer Bezahlung bei hoher Arbeitsbelastung.
Protest von PflegekrÀften: Bereits vor der Corona-Pandemie gab es in der Pflege Kritik an zu geringer Bezahlung bei hoher Arbeitsbelastung. (Quelle: Snapshot/imago-images-bilder)
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Bis zu 1.500 Euro Bonus bekommen PflegekrĂ€fte fĂŒr ihre Arbeit in der Corona-Pandemie. Allerdings nicht alle: Nur die BeschĂ€ftigten in der Altenpflege erhalten das Geld. Was sagen Betroffene und Politik dazu?

Das Wichtigste im Überblick


  • Was ist der Pflegebonus und wer hat ihn bekommen?
  • Warum erhalten nur AltenpflegekrĂ€fte den Bonus?
  • Was sagt die Altenpflege zum Pflegebonus?
  • Wie reagieren Krankenpflege und Intensivpflege?
  • Was sagen Politik und Gewerkschaften?

Anfang Juli gab es fĂŒr alle Einrichtungen der Altenpflege eine SonderprĂ€mie fĂŒr die BeschĂ€ftigten: Der sogenannte Pflegebonus oder auch die "Corona-PrĂ€mie" ist nach Arbeitszeit und TĂ€tigkeit gestaffelt und soll die Belastungen wĂ€hrend der Hoch-Zeit der Corona-Pandemie honorieren. Bis zu 1.500 Euro haben die AltenpflegekrĂ€fte erhalten – andere PflegekrĂ€fte in KrankenhĂ€usern, auf Intensivstationen und speziell eingerichteten Covid-19-Stationen bekommen allerdings keinen Bonus. Warum ist das so und was sagen die Betroffenen zu dieser Situation?


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Was ist der Pflegebonus und wer hat ihn bekommen?

Um die "besondere Herausforderung und Belastung" fĂŒr die Altenpflegeheime und die ambulante Pflege wĂ€hrend der Corona-Pandemie zu honorieren, haben Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil einen Bonus fĂŒr die PflegekrĂ€fte in diesen Bereichen beschlossen.

Je nach Art und Umfang ihrer Arbeit haben die Einrichtungen bis Mitte Juli einen Pflegebonus erhalten, der an die Arbeitnehmer weitergegeben wurde. Auch Auszubildende, Freiwilligendienstleistende, Helfer im freiwilligen sozialen Jahr und Leiharbeiter sowie Mitarbeiter in Servicegesellschaften sollten laut Bundesgesundheitsministerium einen Bonus erhalten.

1.000 Euro vom Bund und bis zu 500 Euro vom Land

Die sogenannte Corona-PrĂ€mie wird bis zu 1.000 Euro ĂŒber den Bund von der Pflegeversicherung finanziert, hinzu kommen LĂ€nderzuschĂŒsse, sodass insgesamt fĂŒr jeden BeschĂ€ftigen in der Altenpflege bis zu 1.500 Euro Pflegebonus möglich sind – steuerfrei. Die Höhe des Bonus berechnet sich nach der TĂ€tigkeit, der Arbeitszeit und dem jeweiligen Bundesland, in dem sie leben und arbeiten. Um ihn zu erhalten, mĂŒssen die AltenpflegekrĂ€fte mindestens 25 Prozent der Arbeitszeit mit der Pflege oder Betreuung von PflegebedĂŒrftigen verbringen. Sind es weniger als 25 Prozent, sinkt der Pflegebonus auf maximal 500 Euro. Auszubildende erhalten bis zu 900 Euro, Freiwilligendienstleistende bis zu 100 Euro.

Laut Verdi gibt es aktuell rund 764.000 BeschĂ€ftigte in der stationĂ€ren Altenpflege, hinzu kommen rund 355.600 PflegekrĂ€fte in der ambulanten Pflege. Insgesamt soll die Corona-PrĂ€mie rund eine Milliarde Euro kosten. 2019 gab es laut der Bundesagentur fĂŒr Arbeit rund 1,7 Millionen PflegekrĂ€fte in Deutschland – ein flĂ€chendeckender Pflegebonus hĂ€tte demnach 2,55 Milliarden Euro gekostet, 1,7 Milliarden davon wĂ€ren Kosten fĂŒr den Bund gewesen.

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Warum erhalten nur AltenpflegekrÀfte den Bonus?

In der Mitteilung des Bundesgesundheitsministeriums heißt es, die Mitarbeiter in den Pflegeheimen und der ambulanten Pflege seien durch die Corona-AusbrĂŒche in den Heimen und den "notwendigen Schutz Ă€lterer und pflegebedĂŒrftiger Menschen" besonders belastet worden. Ebenfalls berĂŒcksichtigt worden sei bei der Entscheidung, dass AltenpflegekrĂ€fte generell geringer bezahlt wĂŒrden als beispielsweise PflegekrĂ€fte in KrankenhĂ€usern.

ZusĂ€tzlich heißt es: "Auch fĂŒr andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen können die jeweiligen Arbeitgeber und ihre VerbĂ€nde Boni vereinbaren. Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Bereich der Intensivmedizin verhandeln zum Beispiel bereits darĂŒber."

Was sagt die Altenpflege zum Pflegebonus?

Viele AltenpflegekrĂ€fte haben ihren Pflegebonus bereits erhalten, andere warten noch auf die Auszahlung mit der nĂ€chsten Gehaltsabrechnung. Wieland Rose arbeitet als Altenpfleger in der ambulanten Pflege in ThĂŒringen. Weil er nur Teilzeit beschĂ€ftigt ist, hat er auch nur einen anteiligen Pflegebonus erhalten.

Trotzdem freue er sich natĂŒrlich ĂŒber das Geld, berichtet er im GesprĂ€ch mit t-online.de, allerdings habe ihn die ganze öffentliche Diskussion sehr geĂ€rgert, sie zeige den "Stellenwert der Pflege in Deutschland". "Am liebsten hĂ€tte ich den Bonus dann gar nicht bekommen", sagt Rose, er finde auch die Verteilung sehr unfair. "Intensivpersonal oder Personal in der Notaufnahme bekommt keinen Bonus, obwohl die Kollegen hĂ€ufig direkten Kontakt zu Covid-19-Patienten hatten", vergleicht er, "und ich in der ambulanten Altenpflege hatte eigentlich gar keinen Kontakt damit und bekomme jetzt einen Bonus."

Muss der Pflegebonus zurĂŒckgezahlt werden?

Statt einen einmaligen Pflegebonus zu zahlen, hĂ€tte man laut Rose zudem die allgemeinen Bedingungen in der Pflege schon lange verĂ€ndern mĂŒssen. "Jens Spahn tut seit Jahren so, als wĂŒrde er wahnsinnig viel fĂŒr die Pflege tun und als hĂ€tte sich ganz viel verĂ€ndert. Es hat sich aber nichts verĂ€ndert", Ă€rgert sich der Altenpfleger, "Weder das Mehrpersonal ist gekommen, noch wird mehr gezahlt."

ZusĂ€tzlich könnte es auch bei der Zahlung des Pflegebonus Überraschungen geben, wie der Tweet eines Betroffenen zeigt, der mit Erhalt der PrĂ€mie auch einen Brief seines Arbeitgebers erhalten hat, in dem eine mögliche RĂŒckforderung des Geldes angekĂŒndigt wird.

Ein solches Schreiben hat Wieland Rose nicht bekommen. "Bei uns kam das Geld relativ unkompliziert, wir hatten die AnkĂŒndigung, dass es mit dem Augustlohn kommt und das ist nun auch so gekommen." 630 Euro gab es fĂŒr ihn. Da seine Ehefrau Hauptverdienerin ist, sei er nicht wirklich darauf angewiesen, aber bei der generell niedrigen Bezahlung in ThĂŒringen sei das fĂŒr viele viel Geld.

Wie reagieren Krankenpflege und Intensivpflege?

Alexander Jorde wurde 2017 durch seinen Auftritt in der "ARD"-Wahlarena bekannt, als er im GesprĂ€ch mit Bundeskanzlerin Merkel auf die MissstĂ€nde in der Pflege aufmerksam machte. Auch jetzt kritisiert der Gesundheits- und Krankenpfleger die ZustĂ€nde in seinem Beruf scharf – erklĂ€rt aber auch, warum er den Pflegebonus ohnehin fĂŒr das falsche Instrument hĂ€lt.

"Ich war von Anfang an eigentlich gar nicht fĂŒr diesen einmaligen Pflegebonus – weil ich den Sinn dahinter nicht so wirklich erkenne. Klar: Anerkennung. Aber ich habe auch die Vermutung, dass es etwas ist, wo die Politik dann sagen kann 'Ihr habt doch etwas bekommen, jetzt ist aber auch erst einmal gut, wir sind in einer schlechten wirtschaftlichen Lage' – wie so eine Art Schweigegeld", gibt der 24-JĂ€hrige zu bedenken.

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Staatlich finanzierte Stundenzulagen statt Pflegebonus

Die viel bessere Alternative wĂ€re in seinen Augen eine staatlich finanzierte Stundenzulage gewesen, die nach der Corona-Krise auch in die TarifvertrĂ€ge hĂ€tte ĂŒbernommen werden können. Das hĂ€tte seiner Meinung nach einen Anreiz geschaffen, freiwillig mehr zu arbeiten – und nicht, weil man dazu gedrĂ€ngt wĂŒrde. "Aber dieses Einmalige, das auch noch auf einen Teil der Berufsgruppe beschrĂ€nkt ist, setzt keinen Anreiz und ist keine dauerhaft bessere VergĂŒtung. Das ist eben fĂŒr einige ein einmaliger Bonus, aber nichts, was zu einer substanziellen Verbesserung gefĂŒhrt hat."

Alexander Jorde: Der Gesundheits- und Krankenpfleger arbeitet auf einer internistischen Intensivstation und hatte direkten Kontakt zu Covid-19-Patienten – einen Pflegebonus hat er nicht bekommen.
Alexander Jorde: Der Gesundheits- und Krankenpfleger arbeitet auf einer internistischen Intensivstation und hatte direkten Kontakt zu Covid-19-Patienten – einen Pflegebonus hat er nicht bekommen. (Quelle: Reiner Zensen/imago-images-bilder)

Dass der Pflegebonus letztlich nur an eine Berufsgruppe gezahlt wurde, sei Jorde zufolge ein Instrument, um Geld zu sparen. Eines, dass er nicht nachvollziehen kann: "Wenn man den Bonus an alle gezahlt hĂ€tte, wĂ€ren es nicht einmal zwei Milliarden Euro mehr gewesen – und das ist weniger als ein Viertel von dem, was man fĂŒr die Lufthansa-Rettung gezahlt hat. Und da sieht man, wo die PrioritĂ€ten liegen." Das sei jedoch etwas, was er vor allem vor dem Hintergrund der Klimadebatte nicht verstehen könne: "Im Zweifel hat das Fliegen eine niedrigere PrioritĂ€t als eine gute Gesundheitsversorgung. Da muss man einfach sagen: Das ist ein politisches Versagen auf ganzer Linie."

Krankenschwester fordert mehr Geld fĂŒr bessere Arbeitsbedingungen

Auch Kathrin HĂŒster arbeitet als Krankenschwester auf einer Intensivstation. Sie glaubt nicht daran, dass es noch einen Pflegebonus fĂŒr ihren Berufsstand geben könnte, sagt aber auch: "Ich möchte gar keinen Bonus haben, wenn das bedeutet, dass die Tarifverhandlungen, die jetzt anstehen, dann einfach im Sande verlaufen. Das ist nicht zielfĂŒhrend." Wie auch Alexander Jorde betont sie, 1.500 Euro steuerfrei seien zwar "nett", aber nichts Nachhaltiges.

"Das wĂ€re eine Anerkennung gewesen, um zu zeigen: 'Wir haben was verstanden' – aber man hat so gar nichts verstanden." Das Handeln der Politik in der Corona-Krise habe bisher nur den Pflegenotstand befeuert, kritisiert sie. "Denn die Menschen sehen, was angekĂŒndigt wurde und was nicht passiert ist. Und ich glaube, die Kollegen, die ohnehin an ihrem Job gezweifelt haben, die werden letzten Endes gehen."

IT- oder Handwerksbranche zahlt eher einen Bonus

Auf ihrem Twitter-Kanal hat Kathrin HĂŒster eine Art Umfrage gestartet, welchen "Bonus" andere von ihrem Arbeitgeber fĂŒr ihre Leistungen in der Corona-Pandemie erhalten haben. Die Antworten waren teilweise wenig ĂŒberraschend, teilweise aber auch erschreckend. WĂ€hrend viele schildern, dass sie nichts bekommen haben, zĂ€hlen andere vor allem auf, was sie von Firmen – nicht etwa vom eigenen Arbeitgeber – bekommen haben. Darunter sind Laufschuhe, Kaffee, Schokolade, Kosmetik und sogar Leihwagen. Diejenigen, die hingegen einen Bonus vom Arbeitgeber erhalten haben, arbeiten zumeist nicht in der Pflege oder im Gesundheitswesen, sondern beispielsweise im IT- oder Handwerksbereich.

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Damit der Pflegenotstand behoben werden könnte, brĂ€uchte es ihrer Meinung nach vor allem bessere Arbeitsbedingungen. Doch sie sagt auch: "Arbeitsbedingungen verbessern sich nur, wenn ich mehr Personal habe. Ich kann Arbeitszeitmodelle nur anpassen, wenn ich mehr Personal habe. Das bekomme ich aber nur, wenn ich zum Beispiel diejenigen zurĂŒckhole, die aus dem Beruf ausgestiegen sind – und das funktioniert nur ĂŒber mehr Lohn. Aber KrankenhĂ€user existieren nur, wenn sie an der Pflege sparen. Also je kosteneffizienter sie sind, desto eher bleiben sie auf dem Markt. Und ein Kostenfaktor, der nichts erwirtschaftet, ist die Pflege. Und das ist das Paradoxe daran."

Zwölf-Stunden-Dienste, Vollschutz und Angst vor Ansteckung

Dass die Altenpflege einen Bonus erhalten hat, finden sowohl Kathrin HĂŒster als auch Alexander Jorde vollkommen in Ordnung. Sie betonen aber auch, welche Leistungen die Krankenpflege in der Pandemie vollbracht hat – und auch ohne Pflegebonus noch immer leistet.

"Ich kenne Kollegen, die haben Zwölf-Stunden-Dienste in Vollschutz gearbeitet. Zwölf Stunden mit einer FFP-3-Maske: Das ist die Hölle. Die Gesichter waren teilweise voll mit Wunden. Man kann sich auch nicht einfach ausschleusen, um zur Toilette zu gehen. Es wurde wenig getrunken, die Arbeitsbelastung war einfach hoch. Und das nicht zu honorieren und der Altenpflege aber einen Bonus zu zahlen: Das ist schon eine Aussage", Ă€rgert sich Kathrin HĂŒster.

Auch Alexander Jorde berichtet von schweren Momenten in der Corona-Krise. In seiner Klinik sei jeder Covid-19-Patient isoliert und die Pflegekraft mĂŒsse sich immer wieder neu einkleiden. "Das ist extrem zeitaufwendig und auch extrem stressig. Es kann immer etwas passieren und wir tragen die Verantwortung", sagt er. "Auf der anderen Seite steht man auch stundenlang in der SchutzausrĂŒstung in dem Zimmer, weil man am Patienten arbeitet. Dann steht man da, einem lĂ€uft der Schweiß in die Augen und man kann nicht dahinfassen, weil man ja auch an den HĂ€nden möglicherweise Viren hat."

Hohe körperliche und geistige Belastung fĂŒr PflegekrĂ€fte

Aus Jordes Sicht kommen zwei Extreme zusammen: "Es ist körperlich anstrengend und auf der anderen Seite auch geistig belastend: Denn wir sind diejenigen, die die laufenden Medikamente, die Beatmung und alles drumherum ĂŒberwachen – da kann jede Sekunde etwas passieren und wir mĂŒssen das alles im Blick behalten. Und das ist sehr belastend."

Krankenschwester mit Druckstellen: Wer stundenlang mit FFP-3-Maske und SchutzausrĂŒstung arbeitet, leidet hĂ€ufig unter wunden Stellen an Nase, Kinn und Stirn.
Krankenschwester mit Druckstellen: Wer stundenlang mit FFP-3-Maske und SchutzausrĂŒstung arbeitet, leidet hĂ€ufig unter wunden Stellen an Nase, Kinn und Stirn. (Quelle: ITAR-TASS/imago-images-bilder)

Zu der körperlichen und psychischen Belastung kĂ€me die Verantwortung hinzu, die PflegekrĂ€fte tragen und die Gefahr, der sie sich aussetzen, betonen sowohl Jorde als auch HĂŒster. Zum einen kann ein Mensch sterben, wenn sie einen Fehler machen. Zum anderen können sie sich nicht nur bei Covid-19-Patienten infizieren – auch HIV-Patienten, Tuberkulose-Patienten oder Grippe-Erkrankte mĂŒssen behandelt werden und bergen ein hohes Infektionsrisiko.

"Es ist eine reale Gefahr, dass wir uns infizieren und auch daran sterben. Diese Gefahr wird jedoch nicht einmal wahrgenommen. Bei der Bundeswehr beispielsweise gibt es tĂ€gliche ZuschlĂ€ge bei erhöhten Belastungen und Gefahren. So etwas wĂŒrde ich mir auch fĂŒr BeschĂ€ftigte im Gesundheitswesen wĂŒnschen, die unter hohen Belastungen ihr Leben aufs Spiel setzen", Ă€rgert sich Alexander Jorde.

Was sagen Politik und Gewerkschaften?

Zum Tag der Pflege am 12. Mai 2020 haben mehrere Pflegende gemeinsam den Bochumer Bund als neue Gewerkschaft gegrĂŒndet. Vorsitzender der Gewerkschaft, die bereits 2017 zunĂ€chst als Verein gegrĂŒndet wurde, ist Benjamin JĂ€ger. Der Gesundheits- und Krankenpfleger erklĂ€rt im GesprĂ€ch mit t-online.de, dass sich jeder, der einen Bonus bekommen hat, wahrscheinlich "zunĂ€chst einmal freut".

"Es ist aber ein Problem der SolidaritĂ€t", sagt er, weil viele nicht verstehen können, warum das Krankenhauspersonal keinen Bonus bekommen hat. "So entsteht Konkurrenzdenken zwischen Krankenpflege und Altenpflege." Es mache den Eindruck, dass die Sparte begĂŒnstigt werde, die bisher immer vernachlĂ€ssigt wurde. Es sei eigentlich völlig in Ordnung, dass PflegekrĂ€fte einen Bonus bekommen. "Das darf aber nicht dazu fĂŒhren, dass bei kommenden Tarifverhandlungen der Bonus gegengerechnet wird." TatsĂ€chlich brauche die Pflege vor allem eine Entlastung bei der Arbeit bei besserer Bezahlung.

Die Gewerkschaft Verdi hatte bereits am 27. MĂ€rz öffentlich Bonuszahlungen fĂŒr BeschĂ€ftigte in systemrelevanten Bereichen fĂŒr die Dauer der Krise gefordert. "Die BeschĂ€ftigten im Gesundheits- und Sozialwesen halten dieses Land fĂŒr uns alle am Laufen. Sie stehen unter extremen Belastungen und gefĂ€hrden zum Teil in besonderer Weise ihre eigene Gesundheit", heißt es in einer Mitteilung der Gewerkschaft. "Wir fordern einen Bonus auch fĂŒr alle BeschĂ€ftigte in KrankenhĂ€usern, Rehakliniken, der Behindertenhilfe und allen anderen Bereichen, die in der derzeitigen Krise gefordert sind und das Gesundheits- und Sozialwesen am Laufen halten." Die Gewerkschaft sieht die Verantwortung bei den Arbeitgebern.

Karl Lauterbach: "Der Bonus sollte an alle Pfleger gezahlt werden"

WĂ€hrend sich das Bundesgesundheitsministerium auf eine Anfrage von t-online.de bis Redaktionsschluss nicht geĂ€ußert hat, gibt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu bedenken: "Wir hĂ€tten beim Pflegebonus großzĂŒgiger sein mĂŒssen. Die Krankenpfleger wurden in der Corona-Krise zurecht beklatscht und bekommen nun keinen Bonus. Das ist falsch." Lauterbach betont im GesprĂ€ch mit t-online.de auch: "Gerade das Personal in den KrankenhĂ€usern leistet in der Krise Außerordentliches. Der Bonus sollte an alle Pfleger gezahlt werden."

Der Politiker gibt allerdings auch zu bedenken: "Noch wichtiger ist aber: Wir mĂŒssen die Löhne in der Pflege endlich erhöhen, so wie jetzt in Großbritannien. Die Löhne in der Pflege mĂŒssen im Vergleich mit denen in anderen Berufen steigen. Unsere bisherigen Anstrengungen etwa mit der Reform der Pflegeausbildung werden nicht ausreichen. Wir haben in der großen Koalition 13.000 Pflegestellen geschaffen, von denen nur 20 Prozent besetzt werden konnten. Ohne deutliche Lohnerhöhung wird sich die Lage in der Pflege nicht verbessern.“

Karl Lauterbach: Der SPD-Gesundheitsexperte sagt, man hĂ€tte beim Pflegebonus großzĂŒgiger sein mĂŒssen.
Karl Lauterbach: Der SPD-Gesundheitsexperte sagt, man hĂ€tte beim Pflegebonus großzĂŒgiger sein mĂŒssen. (Quelle: Reiner Zensen/imago-images-bilder)

Ähnlich reagieren auch die GrĂŒnen. "Damit sendet die Bundesregierung ein fatales Signal an die Menschen, die in den Kliniken ihre eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, um Corona-Patienten zu helfen", wird die GrĂŒnen-Sprecherin fĂŒr Pflegepolitik Kordula Schulz-Asche Anfang Juli von "Zeit Online" zitiert.

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"Mit dem Pflegebonus allein fĂŒr die in der Langzeitpflege TĂ€tigen spielt Jens Spahn die unterschiedlichen Gruppen von Pflegenden gegeneinander aus”, sagte auch die pflegepolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Nicole Westig, Anfang Juli dem "Redaktions Netzwerk Deutschland" (RND). Im gleichen Bericht wird der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Georg NĂŒĂŸlein allerdings zitiert: "Ich wĂŒrde mich freuen, wenn die BeschĂ€ftigten der KrankenhĂ€user, die durch Covid-19 besonders belastet waren oder sind, von ihren Arbeitgebern auch eine monetĂ€re Anerkennung erhielten." Demnach sei die Belastung in den Kliniken sehr unterschiedlich gewesen, die Arbeitgeber könnten das am besten beurteilen.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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