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Wie die Zuckerkrankheit die Psyche belastet

Ann-Kathrin Landzettel

Aktualisiert am 03.11.2021Lesedauer: 4 Min.
Ein nachdenklich wirkender Mann lehnt den Kopf an eine Fensterscheibe. Menschen mit Diabetes mellitus haben ein erhöhtes Risiko fĂŒr psychische Erkrankungen, darunter auch Depressionen.
Ein nachdenklich wirkender Mann lehnt den Kopf an eine Fensterscheibe. Menschen mit Diabetes mellitus haben ein erhöhtes Risiko fĂŒr psychische Erkrankungen, darunter auch Depressionen. (Quelle: Juanmonino/getty-images-bilder)
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Traurigkeit, Antrieblosigkeit und Angststörungen: Die langfristigen Folgen eines schlecht eingestellten Diabetes mellitus sind vielfÀltig und betreffen auch das Gehirn und die Psyche. Wie sehr die Krankheit mit der psychischen Gesundheit der Patienten verbunden ist, wird oft unterschÀtzt.

Depressionen und Angststörungen treten hĂ€ufig zusammen mit Diabetes mellitus auf. SchĂ€tzungsweise bis zu 15 Prozent zuckerkranke Menschen leiden unter einer Depression, etwa 25 Prozent unter depressiven Verstimmungen und 18 Prozent unter einer Angststörung. Im GesprĂ€ch mit t-online klĂ€rt Professor Bernhard Kulzer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft "Diabetes und Psychologie" der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), ĂŒber die ZusammenhĂ€nge auf und gibt Tipps, wie Diabetiker einer psychischen Erkrankung vorbeugen können.


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t-online.de: Herr Professor Kulzer, wie kommt es, dass auf die Diagnose Diabetes hÀufig auch die Diagnose Depression oder Angststörung folgt?

Professor Dr. Bernhard Kulzer: Die Diagnose Diabetes mellitus bedeutet fĂŒr die Betroffenen einen erheblichen Einschnitt in ihr Leben und stellt damit fĂŒr nicht wenige Menschen mit Diabetes eine enorme Belastung dar. Plötzlich Ă€ndert sich der Alltag komplett: Alles muss geplant werden – vom Essen ĂŒber die Bewegung bis hin zur Medikamenteneinnahme oder der Insulinverabreichung. Auf einmal drehen sich die Gedanken stĂ€ndig um die Erkrankung, um Zuckerwerte und die Diabetes-Einstellung. Dadurch geht viel Leichtigkeit und SpontaneitĂ€t verloren.

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Nicht alle Patienten können sich mit den Einschnitten in ihrem Leben gut arrangieren. Junge Menschen mit Diabetes entwickeln fast gleichhĂ€ufig eine Depression oder Angststörung wie Ă€ltere – sowohl bei Diabetes Typ 1 als auch bei Diabetes Typ 2.

Welche Rolle spielt Überforderung bei Diabetes?

Viele Patienten sind mit der Krankheit ĂŒberfordert. Sie haben das GefĂŒhl, die Kontrolle ĂŒber ihr Leben zu verlieren. Oftmals kommen noch Ängste vor einer plötzlichen und potenziell tödlichen Unter- oder Überzuckerung hinzu, ebenso Angst vor Folgeerkrankungen, etwa GefĂ€ĂŸ-, Augen- und NierenschĂ€den, Erkrankungen von Herz und Kreislauf sowie sexuelle Funktionsstörungen. Die Lebenserwartung von Personen mit Diabetes ist geringer als die von Menschen ohne Diabetes. Möglicherweise können Betroffene wegen Unterzuckerungen kein Auto mehr fahren. Oder sie werden wegen Folgeerkrankungen abhĂ€ngig von der Hilfe anderer.

Ängste und Sorgen sowie GefĂŒhle von Überforderung, Unsicherheit und Kontrollverlust schlagen auf die Stimmung und lösen Stress aus. Viele Menschen mit Diabetes haben das GefĂŒhl, dass die Krankheit ihnen die Selbstbestimmung nimmt. Diese emotionale Dauerbelastung kann schließlich zu einer Depression fĂŒhren und/ oder eine Angststörung verursachen. Das Depressionsrisiko steigt zudem, wenn weitere belastende Probleme hinzukommen, etwa im Beruf oder der Familie.

Professor Dr. Dipl.- Psych. Bernhard Kulzer ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und des Vereins Diabetes und Psychologie e. V. am Diabetes Zentrum Mergentheim und erforscht seit vielen Jahren die ZusammenhÀnge zwischen Diabetes und der Psyche.

Ist fĂŒr Diabetes-Patienten eine psychologische Begleitung ratsam?

Psychologische Konzepte sind fĂŒr die BewĂ€ltigung und einen guten Umgang mit Diabetes sehr bedeutsam. FĂŒr Menschen mit Diabetes, die Schwierigkeiten mit dem Diabetes haben, kann eine psychologische Begleitung den Umgang mit der Erkrankung stĂ€rken.

Es ist wichtig, dass sich die Betroffenen bewusst machen, dass sie der Krankheit nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern dass sie aktiv mitwirken können und sehr wohl Kontrollmöglichkeiten haben. Ein gut eingestellter Diabetes senkt das Risiko fĂŒr gefĂ€hrliche Folgeerkrankungen. Und dazu können die Betroffenen viel beitragen. Bei einer Psychotherapie ist es ideal, wenn der Therapeut Kenntnisse ĂŒber den Diabetes hat: Psychologen und Psychotherapeuten mit einer entsprechenden Weiterbildung zum "Fachpsychologen Diabetes" oder "Psychodiabetologen". Entsprechende Adressen finden Sie beispielsweise ĂŒber die Webseite der Arbeitsgemeinschaft „Diabetes und Psychologie“ der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und dem Verein Diabetes und Psychologie e. V..

Wann ist psychologische Hilfe angebracht?

Eine Psychotherapie ist hilfreich, um einer psychischen Erkrankung vorzubeugen oder eine solche zu behandeln. Betroffene sollten nicht warten, bis sie Symptome einer Depression, Angst- oder Essstörung zeigen, sondern einem solchen Verlauf von Beginn an entgegenwirken. Denn: Psychische Störungen erschweren eine erfolgreiche Diabetes-Therapie stark und es kann sich ein Teufelskreis entwickeln, dass sich diese beide Erkrankungen gegenseitig immer weiter verstÀrken.

Was bedeutet dies konkret in Hinblick auf Depressionen?

Menschen mit Diabetes und Depressionen können den Anforderungen einer Diabetesbehandlung weniger gut gerecht werden. Ein schlecht eingestellter Diabetes wiederum erhöht das Risiko fĂŒr Folgeerkrankungen und Depressionen. LĂ€nger andauernde Depressionen erschweren aufgrund der AntriebsschwĂ€che, des Interessensverlusts und negativer Gedanken zum einen die Umsetzung der Therapie, was oft zu erhöhten Blutzuckerwerten fĂŒhrt. Zum anderen darf psychischer Stress, der bei Depressionen andauerend besteht, nicht unterschĂ€tzt werden.Fluten anhaltend zu viele Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol den Körper, fördert das EntzĂŒndungsreaktionen in den BlutgefĂ€ĂŸen und beschleunigt das Auftreten von Folgeerkrankungen. Daher sollten Betroffene nicht zögern, eine psychologische UnterstĂŒtzung anzustreben, damit nicht aufgrund der Depression die Psyche zu lange leidet und mögliche Folgeerkrankungen das Leben negativ beeinflussen.

Kann andersherum eine Depression einen Typ-2-Diabetes begĂŒnstigen?

Leider ja! Andauernder psychischer Stress, der unter anderem durch Depressionen – aber auch durch andere Ereignisse verursacht werden kann – kann eine Insulinresistenz begĂŒnstigen, also die Empfindlichkeit der Körperzellen gegenĂŒber Insulin herabsetzen. FĂŒr Menschen mit einer gewissen Anlage fĂŒr einen Typ-2-Diabetes ist das ein Risikofaktor, der die Entstehung des Typ-2-Diabetes begĂŒnstigt.

Was ist bei einer medikamentösen Behandlung der Depression bei Diabetes zu beachten?

Bestimmte Medikamente zur Behandlung von Depressionen (Antidepressiva) können den Blutzucker erhöhen und zu einer deutlichen Gewichtszunahme fĂŒhren. Aufgrund dieses Aspekts sollte bei Menschen, die etwa anlagebedingt ein höheres Risiko fĂŒr Diabetes haben oder bei Personen mit Diabetes und einer Depression, keine trizyklischen Antidepressiva, kurz TZA, verschrieben werden, sondern Antidepressiva aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI.

Wie wichtig sind Diabetes-Schulungen?

Schulungen sind meiner Meinung nach unverzichtbar: Hier wird Menschen mit Diabetes unter anderem gezeigt, wie sie die MessgerĂ€te richtig bedienen, Glukosewerte auswerten, mit Medikamenten und Spritzen umgehen und sich im Ernstfall einer Unter- oder Überzuckerung richtig verhalten. Vor allem lernen die Teilnehmer aber, wie sie gut mit der Erkrankung und den damit verbundenen Belastungen, Problemen umgehen können.

Dies gibt sowohl Sicherheit als auch das GefĂŒhl von Kontrolle und Selbstbestimmung zurĂŒck. Das ist nicht nur im Umgang mit der Krankheit selbst sehr wichtig, sondern auch in Hinblick auf die psychologische Situation.

Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch, Herr Professor Kulzer.

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Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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