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Experte fordert: "Wir brauchen einen Weihnachtslockdown"

Von Christiane Braunsdorf

Aktualisiert am 17.12.2021Lesedauer: 3 Min.
Fußgängerzone in Oberhausen: Bereits im vergangenen Jahr wurde an Weihnachten ein Lockdown verhängt.
Fußgängerzone in Oberhausen: Bereits im vergangenen Jahr wurde an Weihnachten ein Lockdown verhängt. (Quelle: picture alliance / Rupert Oberhäuser/dpa-bilder)
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Omikron überschattet das diesjährige Weihnachtsfest. Die Infektionszahlen können schnell explodieren. Ein Experte fordert drastische Maßnahmen.

Die neue Omikron-Variante des Coronavirus gilt als höchst ansteckend und verbreitet sich rasant. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geht deshalb von einer bevorstehenden "massiven fünften Welle" aus. Seine britischen Kollegen hätten ihm berichtet, dass in Großbritannien Omikron gerade alles übertreffe, was in der gesamten Pandemie bisher beobachtet wurde, sagte er am Freitag vor Journalisten in Hannover. "Das heißt, wir müssen uns hier tatsächlich auf eine Herausforderung einstellen, die wir in dieser Form noch nicht gehabt haben." t-online fragte den Modellierer Thorsten Lehr nach den Perspektiven für das Weihnachtsfest und die Zukunft unter Omikron.


Coronavirus: An diesen Orten lauert das größte Risiko

In der Bahn, im Restaurant und auch zu Hause – wo sich Menschen auf engem Raum befinden, kann sich das Coronavirus leicht ausbreiten. Unsere Fotoshow zeigt, welche Situationen besonders riskant sind.
Bahn: Öffentliche Verkehrsmittel wie Busse oder Bahnen sind ebenfalls mögliche Infektionsquellen. Hier treffen viele Menschen auf engem Raum aufeinander. Schutzmaßnahmen wie Abstand halten und das Tragen einer Gesichtsmaske können das Ansteckungsrisiko minimieren – sofern sich alle daran halten.
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t-online: Herr Lehr, was kommt unter Omikron an Weihnachten auf uns zu?

Thorsten Lehr: Meine Forderung wäre: Wir brauchen einen Weihnachtslockdown. Wir werden unter Omikron Infektionszahlen sehen, die wir noch nie gesehen haben. Und da wir noch nicht wissen, wie sich diese Variante verhält, wäre das das dringendste Mittel. Die Verbreitung wird sehr rasant sein. Die Verdoppelungsrate liegt bei zwei bis vier Tagen. Wir sehen demnächst bis zu 200.000 Infektionsfälle am Tag, das geht dann ganz schnell.

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Nun gibt es ja die These: Diese Variante ist eventuell harmloser und wir durchseuchen uns alle, haben aber keine schweren Verläufe. Dann würden alle irgendwann mal mit zwei Wochen Husten auf dem Sofa oder im Bett liegen und dann ist es wieder gut…

Selbst das würde uns gesamtgesellschaftlich an ein Limit führen. Sie müssen sich vorstellen: Busfahrer, Supermarktkassiererinnen, Pflegepersonal – all diese Menschen fallen aus. Wir könnten bestimmte, vor allem systemrelevante Bereiche, nicht mehr aufrechterhalten. Wir sind jetzt im Grunde wieder bei "Flatten the curve". Also: Tut alles, um die Infektionswelle flach zu halten.

Thorsten Lehr
Thorsten Lehr (Quelle: IMAGO / teutopress)


Dr. Thorsten Lehr ist Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes und hat den Covid-Simulator mitgestaltet, der die weitere Entwicklung der Pandemie modelliert.

Was bedeutet das für unser Weihnachten?

Bitte treffen Sie sich mit so wenig Menschen wie möglich.

Das gilt für Geimpfte, Geboosterte und Ungeimpfte?

Ja, leider für alle. Auch die große Mehrheit, die sich an alles gehalten hat, kann sich unter Omikron schneller infizieren und das Virus weitertragen. Omikron entgeht weitgehend unserem Impfschutz.

Wäre es dann sinnvoll, einen Test zu machen, bevor man die Verwandten und Freunde trifft?

Ja, das kann sinnvoll sein. Aber wir wissen ja: So zuverlässig sind die Tests auch nicht.

Sehen wir dann nach Weihnachten, was das Resultat ist? Über die Feiertage wird ja in den wichtigen Stellen nicht gearbeitet.

Ja, die Gesundheitsämter zum Beispiel arbeiten da nicht. Auch die Labore für die Auswertungen der Tests sind nur eingeschränkt aktiv. Nun kann man sagen: Die haben ja auch sehr viel geleistet. Aber der Kapitän der Titanic sollte ja auch nicht genau in dem Moment von Bord gehen, da der den Eisberg sieht.

So gefährlich ist Omikron für uns?

Wir haben es im Grunde mit einem neuen Virus zu tun. Ich habe mich schon gefragt, ob man die Variante nicht SARS-CoV-3 nennen sollte.

Der Reproduktionswert, also die Anzahl von Menschen, die ein Infizierter ansteckt, ist höher als alles, was wir bislang kannten?

Ja, bei Delta gehen wir etwa von einem Faktor sechs aus. Bei Omikron sieht es eher so aus, als wäre er zwischen sechs und zwölf.

Wenn Omikron so viel ansteckender ist, was prognostizieren Sie: Wie dominant wird der Anteil der Variante in Deutschland Anfang des Jahres sein?

Ich rechne mit etwa 50 Prozent. Also: Jeder zweite positive PCR-Test wird diese Variante zeigen. Das geht jetzt sehr schnell. Und Sie müssen sich immer im Klaren sein: Das RKI ist immer ein paar Tage zurück in seinen Berichten. Dazu kommt: Wir sequenzieren hier nicht mit der gleichen Quote wie in anderen Ländern. In Großbritannien werden zehn Prozent aller positiven PCR-Tests auf Varianten untersucht, in Dänemark sogar bis zu 50. Wir liegen hier bei etwa drei Prozent. Das zusammen ergibt kein klares Bild über die Verbreitung der Variante.

Also Weihnachten kann wieder ein Superspreading-Event werden?

Das liegt und bleibt in unserer Hand. Die AHA+L-Regeln einzuhalten, bleibt wichtig. Und sich vorher zu isolieren von Kontakten, ist sicher auch immer richtig. Aber ich glaube, etwas anderes als ein Lockdown an oder nach Weihnachten ist unausweichlich. Andere Mittel haben wir schlicht nicht.

Wann wird dieses Virus endemisch? Das heißt, wir leben irgendwie mit ihm? Kann Omikron ein Anfang sein?

Zunächst mal: Endemisch heißt nicht, dass dann alles gut ist. Wir sind nicht am Ende mit diesem Virus, und so lange keine Grundimmunität in der Weltbevölkerung erreicht ist, werden wir immer wieder die Gefahr von neuen Mutanten haben. Wir brauchen eine globale Strategie, um das in den Griff zu bekommen. Der Impfstoff muss die ganze Welt erreichen.

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Herr Lehr, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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Von Christiane Braunsdorf
  • Sandra Simonsen
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