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Coronavirus in Chile: Am schlimmsten trifft die Krise die Ärmsten

Coronavirus in Chile  

Aus der Reichengegend in die Armenviertel

Von Tim Blumenstein

12.07.2020, 18:27 Uhr
Coronavirus in Chile: Am schlimmsten trifft die Krise die Ärmsten . Krankenschwestern in Santiago trauen um einen an Covid-19 gestorbenen Kollegen: Die Unzufriedenheit mit der konservativen Regierung in Chile wächst. (Quelle: AP/dpa/Esteban Felix)

Krankenschwestern in Santiago trauen um einen an Covid-19 gestorbenen Kollegen: Die Unzufriedenheit mit der konservativen Regierung in Chile wächst. (Quelle: Esteban Felix/AP/dpa)

Noch vor Monaten galt Chile als Positivbeispiel für effektive Krisenpolitik. Doch mittlerweile sind die Fallzahlen stark gestiegen. Besonders die Armen leiden. Zudem verstärkt die Krise ein viel tiefer sitzendes Problem. 

Lange Zeit sah es danach aus, als hätte Chile die Corona-Krise weitgehend im Griff. Anders als in anderen Ländern Lateinamerikas schien das Vorgehen der chilenischen Regierung die Ausbreitung des Virus im Zaum zu halten. Schnell wurden Ausgangssperren verhängt, besonders betroffene Regionen abgeriegelt und mehr Tests durchgeführt als in anderen Ländern der Region. Präsident Sebastián Piñera erklärte Mitte März in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNN sogar, das Land sei viel besser auf die Pandemie vorbereitet als Italien. 

Drei Monate später sollte sich diese Einschätzung als falsch herausstellen. Inzwischen meldet das Land rund 60.000 Infizierte mehr als Italien. Mit über 300.000 nachgewiesenen Corona-Fällen ist Chile gemessen an der Einwohnerzahl von rund 19 Millionen Einwohnern weltweit eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder. Mehr als 6.400 Menschen sind an den Folgen von Covid-19 gestorben. Viele Krankenhäuser haben ihre Belastungsgrenze längst erreicht. Wie konnte es soweit kommen?

Die Reichen schleppen das Virus ein, die Ärmsten leiden 

Das Coronavirus erreichte Chile Anfang März. Wohlhabende Bürger hatten den Erreger nach Europa- und Asienreisen mit in den Andenstaat gebracht. So verbreitete sich das Virus zuerst in den Reichenvierteln der Hauptstadt Santiago. Die Regierung regierte schnell, rief den Katastrophenfall aus und verhängte scharfe Maßnahmen.

Das Land schien die Pandemie im Griff zu haben. Doch die Angst vor einem Übersprung auf die Armenviertel war groß. "Ich mache mir wirklich Sorgen. Wenn unter den ärmeren Menschen das Virus ausbrechen sollte, wer hilft ihnen dann?", sagte Hannah Wiesehöfer, eine in Chile lebende Deutsche, bereits Ende März t-online.de. 

Arbeiter in Schutzanzügen stapeln in Santiago de Chile Särge, in denen zuvor noch Covid-19-Tote zu einem Krematorium gebracht wurden.  (Quelle: AP/dpa/ Esteban Felix)Arbeiter in Schutzanzügen stapeln in Santiago de Chile Särge, in denen zuvor noch Covid-19-Tote zu einem Krematorium gebracht wurden. (Quelle: Esteban Felix/AP/dpa)

Keine drei Monate später sollte aus der Befürchtung Realität werden. Ein Grund dafür war die Entscheidung der Regierung, die strikten Maßnahmen Ende April teilweise zu lockern. Das Virus konnte sich wieder schneller ausbreiten und fand in den armen Vororten von Santiago, in denen die Menschen meist dicht zusammengedrängt in kleinen Sozialbauwohnungen leben, den idealen Nährboden. Schnell geriet die Situation außer Kontrolle. Ende Mai schossen die Infektionszahlen dann schlagartig in die Höhe. 

Doch nicht nur in der Hauptstadt breitete sich der Erreger aus. Auch in den weniger dicht besiedelten Regionen werden immer mehr Fälle gemeldet. "Selbst hier auf dem Land – rund 250 Kilometer südlich von Santiago – ist Corona stark angekommen. Es gibt mehrere Städte hier in der Gegend, die bereits seit mehreren Wochen komplett abgeriegelt sind", sagt Hannah Wiesehöfer drei Monate nach ihrem ersten Gespräch mit t-online.de. Das Leben habe sich nach dem Anstieg der Fallzahlen verändert, erzählt die 42-Jährige, man sehe kaum noch jemanden ohne Maske. Die Menschen seien besser informiert, nehmen die Situation ernst. Im März sei das noch anders gewesen.

Die Wut auf die Regierung wächst 

Aufgrund der steigenden Infektionszahlen entschloss sich die Regierung Mitte Mai dazu, die Ausgangssperren wieder zu verschärfen. Die Hauptstadt Santiago ist seit knapp zwei Monaten komplett abgeriegelt. Besonders die Menschen in den ärmeren Vierteln leiden darunter. Viele können nicht mehr arbeiten gehen, können auf keine Ersparnisse zurückgreifen und haben daher kaum Geld für Essen, geschweige denn für die nötige Gesundheitsversorgung. "Die Haushälterin einer Bekannten würde gern arbeiten gehen, einfach nur um etwas zu essen zu haben. Doch sie darf nicht", berichtet Wiesehöfer. Die Ärmsten fürchten den Hungertod mehr als die Folgen einer Corona-Infektion.

Zwar sind auch die Wohlhabenderen von dem Lockdown betroffen. "Man braucht für alles eine Erlaubnis, egal ob man Verwandte besuchen möchte oder einkaufen will", erzählt Wiesenhöfer. Vor allem Familien mit Kindern machten sich Sorgen, wie es weitergeht. Doch haben die "Menschen aus der Mittel- und Oberschicht im Vergleich zu den Ärmeren nicht wirklich Probleme“.

In dem Viertel La Pintana der Hauptstadt Santiago kam es Ende Mai wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Protestierenden. (Quelle: imago images/Agencia EFE)In dem Viertel La Pintana der Hauptstadt Santiago kam es Ende Mai wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Protestierenden. (Quelle: Agencia EFE/imago images)

Hinzu kommt, dass die Regierung drakonische Strafen für die Missachtung der Quarantänemaßnahmen verhängt. Bei einem Verstoß gegen die Ausgangsbeschränkungen oder das Versammlungsverbot drohen bis zu fünf Jahre Haft. Als Polizei und Militär Mitte Mai begannen, die verschärften Maßnahmen durchzusetzen, widersetzten sich die Menschen. Seitdem kommt es in Santiago immer wieder zu Unruhen und Protesten. Vergangenes Wochenende entlud sich die Wut erneut: Im Viertel Villa Francia errichteten Demonstranten Barrikaden und schleuderten Brandsätze. Die Polizei ging mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Protestierenden vor.

Corona als Verstärker eines tiefsitzenden Problems

Die sozialen Unruhen in Chile sind nicht neu – sie wurden durch die Corona-Krise nur unterbrochen und haben durch die Wut über die Krisenpolitik der Regierung eine neue Fahrtrichtung bekommen. Angefangen hatte es vergangenen Hebst: Eine Preiserhöhung für Tickets des öffentlichen Nahverkehrs in Santiago löste eine Welle von Massenprotesten aus, die das ganze Land erfasste. Vor allem Schüler, Studenten und die Mittelklasse gingen wochenlang gegen die gravierende Ungleichheit auf die Straße. Die Regierung reagierte drastisch und ließ die Proteste von staatlichen Sicherheitskräften blutig niedergeschlagen. Über 20 Menschen kamen ums Leben, Tausende wurden verletzt.

Befeuert wurde die Wut durch die Unzufriedenheit mit dem Wirtschaftssystem. Die Chilenen fordern eine grundlegende Änderung der neoliberalen Politik, deren Ursprünge in der Pinochet-Diktatur liegen. Denn trotz des starken Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahrzehnte ist das Land von großer Armut und Ungleichheit geprägt. Viele Sektoren des öffentlichen Lebens wie Gesundheit und Bildung sind privatisiert und für einen Großteil der Bevölkerung schlichtweg zu teuer. Auch die Lebenshaltungskosten sind stark gestiegen.

Die Pandemie verstärkt nun die ohnehin prekäre wirtschaftliche Situation vieler Chilenen. So sind es bei den neuerlichen Protesten besonders die Arbeiter, Arbeitslosen oder Obdachlosen, die gegen die Regierung auf die Straße gehen. Der Protest gegen die Missstände im Wirtschaftssystem ist zu einem Protest gegen die Vernachlässigung durch die Piñera-Regierung geworden. 

Eine Regierung, die ihre eigene Bevölkerung nicht kennt 

Denn die Regierung hat aus Sicht vieler Chilenen die Lebensrealität der ärmeren Bevölkerung ohnehin aus dem Blick verloren. Als sich beispielsweise vergangenes Jahr Widerstand gegen die Erhöhung der Metro-Preise zur Hauptverkehrszeit am Morgen regte, schlug der Verkehrsminister vor, die Menschen sollten doch einfach früher aufstehen. Bei der Bevölkerung stieß er damit auf Fassungslosigkeit – wenig später entlud sich die Wut auf den Straßen Santiagos.

Dieser Eindruck der Ahnungslosigkeit verstärkte sich während der Corona-Krise. Als Ende Mai die Infektionszahlen rapide anstiegen und sich der damalige Gesundheitsminister Jaime Mañalich öffentlich dafür entschuldigte, sagte er, dass er einfach nicht gewusst habe, wie die Lebensverhältnisse in einigen Teilen Santiagos seien. Im Juni musste Mañalich wegen Kontroversen über die Meldung von Todesfällen schließlich seinen Posten räumen. 

Der chilenische Präsident Sebastián Piñera (l.) ist spätestens seit der Corona-Krise bei einem Großteil der chilenischen Bevölkerung in Ungnade gefallen.  (Quelle: imago images/Aton Chile)Der chilenische Präsident Sebastián Piñera (l.) ist spätestens seit der Corona-Krise bei einem Großteil der chilenischen Bevölkerung in Ungnade gefallen. (Quelle: Aton Chile/imago images)

Auch Präsident Piñera verhält sich während der Krise ungeschickt. Vor einigen Wochen ließ er eine pompöse Beerdigung für einen ihm nahestehenden kirchlichen Würdenträger mit zahlreichen Gästen abhalten. "Das regt die Menschen natürlich auf. Viele haben Sterbefälle in der Familie und können nicht richtig Abschied nehmen, weil kein Mensch auf Beerdigungen gehen darf", sagt Wiesehöfer. 

Für viele Chilenen verkörpert dieses unglückliche Auftreten ihrer Entscheidungsträger das, was seit Jahrzehnten im Land schief läuft. "In Chile ist eine Elite an der Regierung, die komplett entfernt ist vom Volk – eine Regierung, die in einer Parallelwelt lebt und nicht weiß, was die wirklichen Probleme der Menschen sind", sagt auch Daniel Labarca Pinto. Der Wirtschaftsstudent lebt seit neun Jahren in Deutschland und blickt mit Unverständnis auf die Situation in seinem Heimatland. 

Aufgeschobenes Verfassungsreferendum 

"Die Corona-Krise verstärkt das eigentliche Problem. Chile geht es wirtschaftlich gut. Und trotzdem will die Regierung selbst in der Krise kein Geld für die Menschen ausgeben, die es wirklich brauchen und Hunger haben", sagt der 33-Jährige. Die Regierung habe spätestens seit der Krise jede Glaubwürdigkeit verloren. So sei es auch kein Wunder, dass sich die Menschen über die strikten Corona-Maßnahmen hinwegsetzen. "Ihnen bleibt ja keine andere Wahl. Sie haben keine Arbeitsverträge und keine Rentenversicherung. Sie müssen arbeiten, um zu überleben", sagt Labarca Pinto. 

Eine Lösung für die Missstände im Land liegt für viele Menschen in einer grundlegenden Veränderung des Systems. Eigentlich sollten die Chilenen im April in einem Referendum darüber abstimmen, ob sie eine neue Verfassung wollen. Wegen der Pandemie ist die Abstimmung auf Ende Oktober verschoben worden. Die Verfassung stammt noch aus der Zeit von Diktator Pinochet und trat 1980 in Kraft. Sie räumt der Wirtschaft viel Freiraum gegenüber dem Staat ein. Für viele Chilenen liegt darin die Wurzel des Problems: "Erst wenn die Verfassung geändert wird, kann die Ungleichheit in Chile wirklich bekämpft werden", glaubt auch Labarca Pinto. 

Ungerechtes Gesundheitssystem 

Die soziale Ungleichheit im Land wird in der Corona-Krise auch im Gesundheitssystem deutlich. Knapp ein Fünftel der Bevölkerung kann es sich leisten, in privaten Krankenhäusern mit geschultem Personal und ausreichend medizinischer Ausrüstung behandelt zu werden. Der Rest der Bevölkerung ist auf das überlastete öffentliche Gesundheitssystem angewiesen. Laut einer Studie der Universität Chile seien bereits im Mai fast 90 Prozent der Corona-Intensivbetten in den öffentlichen Krankenhäusern Santiagos belegt gewesen. Vor allem an Beatmungsgeräten soll es mangeln. 

Mittlerweile hat sich die chilenische Regierung zu milliardenschweren Hilfsmaßnahmen durchgerungen. Soforthilfen von umgerechnet rund 110 Euro sollen an Menschen gezahlt werden, die unter einer bestimmten Einkommensgrenze liegen. Auch wurden Lebensmittelkisten an arme Familien verteilt. Doch weil diese oft nicht ausreichen, haben viele Chilenen in ihrer Not begonnen, sich selbst zu organisieren. Sie sammeln Spenden und Lebensmittel und versorgen Bedürftige in Suppenküchen.

Wie es in dem Land weitergeht, scheint ungewiss. Zumal die Corona-Krise laut Experten ihren Höhepunkt noch nicht erreicht haben könnte. Sollte sich nicht etwas grundlegend verändern, drohen die Proteste gegen die Krisenpoltik der Regierung erneut aufzuflammen.

Das glaubt auch Hannah Wieshöfer: "Die soziale Bewegung ist jetzt natürlich zum Stillstand gekommen. Aber das heißt nicht, dass all die Motivation, die dazu geführt hat, verschwunden wäre. Im Gegenteil: Man merkt, dass die Proteststimmung immer noch da ist."

Verwendete Quellen:

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