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Warum die Eroberung Mariupols fĂŒr Putin so wichtig ist

Von Patrick Diekmann, Liesa Wölm

Aktualisiert am 29.03.2022Lesedauer: 7 Min.
Mariupol: Die Hafenstadt wird seit Wochen heftig von russischen Truppen bombardiert – Bewohner melden sich zu Wort. (Quelle: Reuters)
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Die russische Armee hat weite Teile von Mariupol erobert. Es tobt ein Kampf um jede Straße und jedes Haus. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Stadt fĂ€llt. Aber auch Russland zahlt dafĂŒr einen hohen Preis.

GrĂŒne Parks, bunte, majestĂ€tische GebĂ€ude, Menschenmengen, die einem Konzert lauschen: In Mariupol herrschte vor wenigen Monaten noch ganz normaler Alltag. Ein bewegendes Video zeigt, wie die Stadt vor dem Beginn der russischen Invasion aussah.


Mariupol: Das verheerende Ausmaß des Krieges

Mariupol wird seit Beginn des Angriffskriegs in der Ukraine am 24. Februar mitunter am meisten beschossen. Die Konsequenz: Der Großteil der Hafenstadt ist massiv zerstört, Tausende Menschen sollen ukrainischen Angaben zufolge bereits ums Leben gekommen sein. Das Ausmaß in Bildern.
Verbrannte Autos in Mariupol: Zehntausende Menschen haben ihr Zuhause verloren und sind aus der Stadt geflohen. Die Flucht ist jedoch nicht ungefĂ€hrlich – immer wieder kommt es zu Angriffen auf Zivilisten. Die russische Armee bestreitet, Zivilisten gezielt anzugreifen.
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Heute ist von all dem nichts mehr ĂŒbrig: Die Stadt ist nach dem Angriff durch Russland ein TrĂŒmmerfeld. Zerstörte GebĂ€ude, ausgebrannte Autos, geplĂŒnderte GeschĂ€fte. Noch immer harren zahlreiche Zivilisten in der Stadt aus, in Kellern suchen sie Schutz vor russischen Bomben. In den Straßen von Mariupol sollen viele Leichen liegen, die nicht begraben werden könnten, berichtete der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj. Besonders in der Hafenstadt zeigt sich das Grauen dieses Krieges.

Eingekesselt und vom Nachschub abgeschnitten

Mariupol ist bislang die Stadt im Ukraine-Krieg, die seit vier Wochen am hĂ€rtesten umkĂ€mpft ist. Es gibt keinen Strom, keine Heizung, kaum noch Nahrung und Wasser – und auch keinen Nachschub an Waffen und Munition fĂŒr die ukrainischen KrĂ€fte, die in der wichtigen Hafenstadt die Stellung halten.

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Nach Angaben der ukrainischen Regierung sind in Mariupol innerhalb von vier Wochen mehr als 5.000 Menschen getötet worden. Die tatsĂ€chliche Zahl könnte noch deutlich höher liegen, bei "ungefĂ€hr 10.000", wie eine Regierungsvertreterin am Montag der Nachrichtenagentur AFP sagte. Berichte gab es auch von MassengrĂ€bern mit bis zu 200 Leichen. Die Angaben ließen sich nicht von unabhĂ€ngiger Seite bestĂ€tigen. Journalistinnen und Journalisten haben die Stadt verlassen.

In Mariupol halten sich nach SchĂ€tzungen des BĂŒrgermeisters Wadym Bojtschenko noch etwa 160.000 Bewohner auf. Vor dem Krieg lebten rund 440.000 Menschen in der Industrie- und Hafenstadt am Asowschen Meer. Es sei unmöglich, in der zerstörten Stadt noch zu wohnen, sagte Bojtschenko.

Zivilisten in Mariupol: Immer noch harren Zehntausende Menschen in der Hafenstadt aus.
Zivilisten in Mariupol: Immer noch harren Zehntausende Menschen in der Hafenstadt aus. (Quelle: Itar-Tass/imago-images-bilder)

HumanitÀre Katastrophe

Ukrainischen Angaben zufolge sind 90 Prozent der WohngebĂ€ude der Stadt aufgrund russischer Angriffe beschĂ€digt, ebenso sieben KrankenhĂ€user, drei davon seien komplett zerstört worden. 57 Schulen und 70 KindergĂ€rten seien getroffen worden, davon mindestens 23 komplett zerstört. Sehen Sie in unserer Fotoshow das Ausmaß der Zerstörungen.

FĂŒr weltweites Aufsehen sorgte besonders der Angriff auf das Theater in Mariupol: Mehr als 1.000 Menschen sollen sich dort in einem Schutzraum aufgehalten haben, als das GebĂ€ude von einer Bombe getroffen wurde. Ukrainische Behörden werfen der russischen Armee vor, das Theater gezielt angegriffen zu haben. Russland macht ukrainische Nationalisten verantwortlich.

Mindestens 300 Zivilisten sollen bei der Explosion ums Leben gekommen sein. Besonders makaber: Auf Satellitenaufnahmen war zu sehen, dass das Wort "Kinder" in großen russischen Buchstaben vor das Theater gemalt worden war, um das GebĂ€ude vor Angriffen zu schĂŒtzen. Vergebens. Immer noch suchen EinsatzkrĂ€fte in den TrĂŒmmern nach Menschen. Einige konnten bereits gerettet werden.

Das zerstörte Theater in Mariupol: Mindestens 300 Menschen sollen bei einem Bombenangriff gestorben sein.
Das zerstörte Theater in Mariupol: Mindestens 300 Menschen sollen bei einem Bombenangriff gestorben sein.

Die Aufnahmen von Zerstörungen einer Geburtsklinik in Mariupol gingen ebenso um die Welt: Mehrere Menschen starben, zahlreiche wurden verletzt. Auch hier machte die Ukraine die russische Armee fĂŒr den Angriff verantwortlich, Russland wies die Anschuldigungen erneut von sich, gezielt Zivilisten anzugreifen.

Moskau behauptete, die Geburtsklinik sei keine solche gewesen, sondern zuletzt von ukrainischen KĂ€mpfern genutzt worden. Von ukrainischer wie auch von UN-Seite jedoch hieß es, dass es sich um eine zu dem Zeitpunkt noch funktionierende Geburtsklinik gehandelt habe.

Noch ist Mariupol nicht gefallen

Aber wie steht es nun wirklich um Mariupol? Ist die Hafenstadt bald in russischem Besitz – oder setzen sich die ukrainischen Truppen durch?

Stand heute hat Russland Mariupol noch nicht erobert. Das britische Verteidigungsministerium geht aufgrund von Geheimdienstinformationen davon aus, dass das Zentrum noch unter der Kontrolle der ukrainischen Armee ist.

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Die russische Seite betonte zuletzt, dass die Eroberung Mariupols kurz bevor stehen wĂŒrde. Viele Stadtteile seien bereits eingenommen worden, hieß es im russischen Staatsfernsehen. "Leider sind wir hier jetzt in der Hand der Besatzer", sagte BĂŒrgermeister Bojtschenko am Montag. Allerdings wurde nicht klar, inwieweit sich dies auf die Kontrolle des Stadtgebiets bezog. Möglicherweise zielte er vor allem auf die Situation in den Fluchtkorridoren. Diese wĂŒrden praktisch komplett von den russischen Invasoren kontrolliert, sagte er.

Ukrainer kÀmpfen mit erbeuteten Waffen

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Stadt fĂ€llt. DarĂŒber sind sich MilitĂ€rexperten einig. Mariupol wird weiterhin von der russischen Armee beschossen, belagert und ausgehungert und ist von der Versorgung abgeschnitten. Die Verteidiger sind auf Waffen und Munition angewiesen, die man von den russischen Angreifern erbeutet. "Das kann noch dauern", meint Russland- und MilitĂ€rexperte Gustav Gressel zu t-online. Aber die nĂ€chsten ukrainischen KrĂ€fte, die den Belagerungsring um Mariupol attackieren könnten, seien ĂŒber 100 Kilometer entfernt und könnten nicht eingreifen.

Es gilt als relativ gesichert, dass das Stahlwerk der Stadt noch in der Hand der Ukraine ist, es wird auch weiterhin durch russische Artillerie beschossen. Russland braucht in dem Krieg dringend militĂ€rische Erfolge, deshalb sind die Eroberungsmeldungen durch die russische Propaganda vorschnell und eher als Angriff auf die Moral der ukrainischen Verteidiger zu verstehen – auch der Einsatz der tschetschenischen KrĂ€fte, die als besonders brutal gelten, ist vor allem psychologische KriegsfĂŒhrung.

Schutt und Asche in Mariupol: Der Großteil der Stadt soll zerstört worden sein.
Schutt und Asche in Mariupol: Der Großteil der Stadt soll zerstört worden sein. (Quelle: Itar-Tass/imago-images-bilder)
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In jedem Fall droht in Mariupol ein Blutbad, weil die ukrainischen KrĂ€fte die Stadt bis zum letzten Mann verteidigen wollen. Der ukrainische PrĂ€sident hatte vergangene Woche in einem Interview mit unabhĂ€ngigen russischen Medien erklĂ€rt, dass die Verteidiger nicht aufgeben wĂŒrden, auch wenn er es anordnen wĂŒrde.

Der Widerstand der Ukrainer zeigt: Der Kampf um die Stadt ist auch fĂŒr Russland teuer. Jede Straße und jeder HĂ€userblock muss von den russischen Soldaten erobert werden. Es gibt Hinterhalte sowie VerteidigungsgrĂ€ben und mehrere Angriffswellen auf die Stadt wurden in den vergangenen Wochen abgewehrt. Russische Panzer wurden zerstört, es starben wahrscheinlich auch viele russischen Soldaten bei den KĂ€mpfen – auch wenn genaue Zahlen nicht bekannt sind.

Putin will ein Exempel statuieren

Mariupol wird auch vom "Regiment Asow" verteidigt, das sich nach Beginn des Ukraine-Konfliktes 2014 grĂŒndete und als besonders nationalistisch gilt. Sollten diese KĂ€mpfer in die HĂ€nde Putins geraten, fĂŒrchten sie das Schlimmste: Schließlich ist der russische PrĂ€sident mit dem Vorwand der "Entnazifizierung" in diesen Krieg gezogen – und es ist wahrscheinlich, dass er an diesem Regiment ein Exempel statuieren möchte.

Nachdem Moskau angekĂŒndigt hat, sich kĂŒnftig auf die "Befreiung des Donbass" zu konzentrieren, befĂŒrchtet Kiew eine weitere Zuspitzung der Lage in Mariupol.

Die Evakuierung der Hafenstadt wurde am Montag vorerst ausgesetzt. Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk erklĂ€rte, aufgrund von Warnungen des Geheimdienstes vor russischen "Provokationen" entlang der festgelegten Fluchtrouten wĂŒrden "keine humanitĂ€ren Korridore geöffnet".

Über in der Vergangenheit eingerichtete Fluchtkorridore aus Mariupol waren verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenig Menschen geflohen. Russland warf der Ukraine mangelnde Zusammenarbeit vor. Die ukrainische Seite prangerte hingegen russischen Beschuss der Fluchtrouten an.

"Stadt von der ErdoberflÀche ausradieren"

Die Lage in Mariupol ist höchst dynamisch: Noch vor wenigen Tagen hatte BĂŒrgermeister Bojtschenko gesagt, ĂŒber Mariupol wehe weiterhin die ukrainische Flagge und es bleibe weiterhin eine ukrainische Stadt. "Und unsere Soldaten tun alles, damit dies auch in Zukunft so bleibt", so Bojtschenko. Nun scheint sich das Blatt aus seiner Sicht gewendet zu haben.

Den russischen MilitĂ€rs warf der BĂŒrgermeister vor, rĂŒcksichtslos gegen alle Bewohner der inzwischen schwer zerstörten Stadt vorzugehen, auch gegen die ethnischen Russen. "Sie hatten nicht den Auftrag, irgendjemanden zu schĂŒtzen", sagte Bojtschenko. "Ihre Aufgabe ist einfach, die Stadt von der ErdoberflĂ€che auszuradieren, samt Bewohnern." Dies sei schlicht Völkermord, "eine andere Bezeichnung kann es dafĂŒr nicht geben".

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PrĂ€sident Selenskyj kritisierte in einer Videoansprache, dass Russland fĂŒr eine katastrophale humanitĂ€re Lage im stark zerbombten Mariupol verantwortlich sei. "Der Hafen ist vermint", sagte er. Es sei unmöglich, Lebensmittel, Medikamente und Wasser dorthin zu bringen. Selbst die Zerstörungen durch die russische Armee in Tschetschenien seien mit der Situation in Mariupol nicht vergleichbar. Russland bestreitet derweil weiter Angriffe auf Zivilisten.

Derweil bemĂŒhen sich Frankreich, Griechenland und die TĂŒrkei um die Evakuierung der Zivilisten, die sich noch in dem umkĂ€mpften Gebiet aufhalten. Als Voraussetzung nannte Frankreich, dass Russland die Belagerung der Stadt aufhebt. Sollte die Eroberung erfolgen, ist eine Evakuierungsmission wohl hinfĂ€llig.

Wichtige LandbrĂŒcke fĂŒr Russland

Mariupol hat eine große strategische Bedeutung. Es ist die wichtigste ukrainische Hafenstadt am Asowschen Meer und der letzte Zugang der Ukraine zu dem GewĂ€sser. Mariupol ist von entscheidender Bedeutung fĂŒr den Export von Getreide und Stahl aus der Ostukraine. Die beiden Stahlwerke in der Stadt decken einen großen Teil des ukrainischen Stahlbedarfs.

Gelingt es der russischen Armee, Mariupol zu erobern, wĂ€re die komplette LandbrĂŒcke von der Krim zu den sogenannten Volksrepubliken in russischem Besitz, was die Versorgung der 2014 annektierten Halbinsel erheblich vereinfachen wĂŒrde.

Schon bevor Russland die Invasion gegen die Ukraine am 24. Februar begann, war Mariupol ein Ort, an dem die latente Bedrohung des Landes durch Russland zur tĂ€glichen RealitĂ€t gehörte. Mariupol liegt im sĂŒdöstlichen Donbass und ist nur 20 Kilometer von der Grenze der selbsternannten Volksrepublik Donezk entfernt. Seit 2014 kamen hier viele GeflĂŒchtete an, die aus den "Volksrepubliken" Luhansk und Donezk vertrieben wurden oder vor den prorussischen Separatisten geflohen waren.

Was, wenn Mariupol erobert wird?

Letztere erhebt Anspruch auf Mariupol: Es ist wahrscheinlich, dass Donezk nach der Eroberung die Verwaltung ĂŒbernimmt – auch, wenn nicht mehr viel von der Stadt ĂŒbrig sein wird. "NatĂŒrlich hĂ€tte man lieber eine intakte Stadt ĂŒbernommen, aber die LandbrĂŒcke ist so wichtig fĂŒr die Russen, dass sie auch eine Stadt nehmen, die dem Erdboden gleichgemacht wurde", sagte der Politikwissenschaftler Gerhard Mangott von der UniversitĂ€t Innsbruck "ZDFheute".

Und wie geht es weiter, wenn Mariupol erobert werden sollte? Es sei nicht davon auszugehen, dass die russische Offensive in Mariupol endet, sagte Politologe Mangott dem Bericht zufolge. Als nĂ€chstes wĂŒrden die Angriffe auf Odessa – den zweiten wichtigen Hafen der Ukraine – verstĂ€rkt. Und auch das Hauptziel Kiew verliere durch die Einnahme von Mariupol nicht an Bedeutung.

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