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Russland sichert offenbar Gebiete – "Dritte Phase des Kriegs"

Von dpa
Aktualisiert am 14.05.2022Lesedauer: 5 Min.
Russische Soldaten fahren in einem Panzer durch Popasna (Archivbild): Die Ukraine sieht eine neue Kriegsphase.
Russische Soldaten fahren in einem Panzer durch Popasna (Archivbild): Die Ukraine sieht eine neue Kriegsphase. (Quelle: Alexander Galperin/imago-images-bilder)
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Der ukrainische Staatschef fordert noch mehr Druck des Westens auf Russland. Das russische MilitĂ€r hat indessen nach Meinung Kiews in einer neuen Phase des Kriegs begonnen, GelĂ€ndegewinne zu sichern. Eine Übersicht.

Knapp zweieinhalb Monate nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine hat der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj noch mehr Druck der internationalen Gemeinschaft auf Moskau gefordert. "Mit jedem Tag des Kriegs nehmen die globalen Bedrohungen zu, gibt es eine neue Gelegenheit fĂŒr Russland, InstabilitĂ€t in anderen Teilen der Welt zu provozieren, nicht nur hier in Europa", sagte Selenskyj am Freitagabend in seiner tĂ€glichen Videoansprache. Derweil aber stĂŒrben in der Ukraine MĂ€nner und Frauen, "die ihr Bestes geben, damit alle Menschen frei leben können", sagte Selenskyj. "Daher ist viel mehr Druck auf Russland erforderlich."

Selenskyj kritisiert verweigerte Hilfe

Trotz der klare Lage gebe es LĂ€nder, in denen Sanktionen gegen Moskau zurĂŒckgehalten wĂŒrden oder Hilfe fĂŒr die Ukraine blockiert werde, kritisierte Selenskyj. Konkret nannte er jedoch kein Land beim Namen. Dabei sei inzwischen bekannt, dass Russlands Blockade ukrainischer HĂ€fen sowie der Krieg insgesamt eine große Nahrungsmittelkrise provozierten. "Und russische Beamte drohen der Welt auch offen, dass es in Dutzenden von LĂ€ndern Hungersnöte geben wird."

"TatsÀchlich kann heute niemand vorhersagen, wie lange dieser Krieg dauern wird", sagte Selenskyj. "Aber wir tun alles, um unser Land schnell zu befreien. Dazu brauche die Ukraine Hilfe ihrer Partner, "aus europÀischen LÀndern, aus den LÀndern der ganzen freien Welt".

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Der Chef des ukrainischen MilitĂ€rgeheimdienstes dagegen sagte in einer ĂŒberaus optimistisch klingenden Prognose ein Ende des Kriegs mit einer russischen Niederlage bis Jahresende voraus. SpĂ€testens Mitte August komme es zu einer Wende an den Fronten, sagte Generalmajor Kyrylo Budanow dem britischen Sender Sky News. "Der Wendepunkt kommt in der zweiten AugusthĂ€lfte." Bis zum Jahresende werde die Ukraine wieder die Kontrolle ĂŒber alle ihre Gebiete zurĂŒckerlangen, auch ĂŒber die Halbinsel Krim. Budanow erwartete zudem große Änderungen im Kreml. Seiner Ansicht nach sei ein Putsch gegen den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin bereits im Gang. Beweise fĂŒr seine Behauptungen legte er nicht vor.

Kiews PrÀsidentenberater: Russlands Armee und Wirtschaft wackeln

Russlands Armee und Wirtschaft stehen nach Meinung des ukrainischen PrĂ€sidentenberaters Olexij Arestowytsch auf tönernen FĂŒĂŸen. Das Bild des russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin von der "unbesiegbaren zweitgrĂ¶ĂŸten Armee der Welt" habe sich bereits "als Fake" entpuppt, sagte Arestowytsch nach Angaben der Agentur Unian. Die RealitĂ€t der vergangenen Wochen habe ein reales Bild von der KampffĂ€higkeit der russischen Armee gezeigt: "Sie hat gedroht, die Nato zu zerlegen, ist aber schon an zwei Dörfern in der Region Sumy (in der Nordostukraine) gescheitert."

Der Berater Selenskyjs sagte zugleich den aus seiner Sicht bevorstehenden Zusammenbruch der russischen Wirtschaft im Sommer voraus. "Jeder Versuch zu Verhandlungen mit dem Westen wird scheitern", sagte Arestowytsch. Das werde sich spÀtestens im Juli oder August bei einer möglichen Mobilmachung bemerkbar machen. Er sah es als fraglich an, dass die russische Wirtschaft diesem Druck standhalten könne. "Es kann keine gesunde Wirtschaft in einem Land geben, in dem alles andere verrottet ist."

Kiew sieht "dritte Phase" des Kriegs

Die ukrainische FĂŒhrung sieht den Beginn der "dritten Phase" des russischen Angriffskriegs und eines damit verbundenen langwierigen Kampfes. "Phase eins" sei der Versuch gewesen, die Ukraine "in wenigen Tagen" zu ĂŒberrollen, sagte Viktor Andrusyw, Berater im ukrainischen Innenministerium, in der Nacht zum Samstag im Fernsehen. In der zweiten Phase sollten die ukrainischen StreitkrĂ€fte in mehreren Kesseln eingekreist und zerschlagen werden. "Und auch das haben sie nicht geschafft."

In der neuen "dritten Phase" bereiteten die russischen MilitÀrs die Verteidigung der bisher erreichten GelÀndegewinne vor. "Das zeigt, dass sie einen langen Krieg daraus machen wollen", sagte Andrusyw. Offenbar denke die russische Regierung, dass sie so den Westen an den Verhandlungstisch und damit die Ukraine zum Einlenken zwingen könne.

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Verhandlungen um Asowstal-Verteidiger schwierig

Die Verhandlungen um einen möglichen freien Abzug oder Teilabzug der im Werk Asowstal in Mariupol eingekesselten ukrainischen Soldaten gestalten sich nach Darstellung Kiews "Ă€ußerst schwierig". Das sagte die fĂŒr die GesprĂ€che zustĂ€ndige ukrainische Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk, wie die Agentur Unian berichtete. "Ich teile die Angst und Sorge der Menschen, die den Verteidigern der Festung nahestehen", sagte sie. Doch es herrsche Krieg. "Und im Krieg geschehen keine Wunder, es gibt nur bittere RealitĂ€ten." Daher helfe in diesem Fall nur ein "nĂŒchternes und pragmatisches Herangehen".

Wereschtschuk bemĂŒht sich seit Tagen mit Hilfe der UN und des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, mit der russischen Seite ĂŒber einen möglichen Ausweg fĂŒr die im Stahlwerk der Hafenstadt Mariupol verschanzten ukrainischen Truppen zu sprechen. "Aber die Verhandlungen mit dem Feind sind Ă€ußerst schwierig", sagte sie. "Möglicherweise wird der Ausgang nicht alle zufriedenstellen."

In die Verhandlungen um die Verteidiger von Asowstal hat sich auch die TĂŒrkei eingeschaltet. Das russische MilitĂ€r lehnt bisher jedes ZugestĂ€ndnis ab, fordert die Kapitulation der verschanzten Ukrainer. Nach ungenauen SchĂ€tzungen halten sich in dem weitlĂ€ufigen Werk noch rund 1.000 ukrainische Soldaten auf, viele von ihnen verwundet. Ein Großteil von ihnen gehört dem Regiment "Asow" an, das von Russen als nationalistisch und rechtsextremistisch eingestuft wird.

In einer Videokonferenz mit Kiew berichtete der stellvertretende Kommandeur des Asow-Regiments, dass seine Einheit bisher rund 6000 russische Soldaten "vernichtet" habe. "Dazu noch 78 Panzer und etwa 100 gepanzerte Fahrzeuge", sagte Swjatoslaw Palamar." Die Angaben ließen sich nicht unabhĂ€ngig ĂŒberprĂŒfen.

Ein weiterer Angehöriger des Regiments, David Chimik, berichtete von schwere KĂ€mpfen um das Stahlwerk. Dennoch gab er sich optimistisch. "Wir denken nicht daran, zu MĂ€rtyrern zu werden, wir kĂ€mpfen um unser Leben und warten auf UnterstĂŒtzung", wurde Chimik von der "Ukrajinska Prawda" zitiert.

Odessas BĂŒrgermeister wĂŒrdigt Asowstal-KĂ€mpfer als Helden

FĂŒr den BĂŒrgermeister von Odessa sind die Asowstal-KĂ€mpfer wahre Helden. "Mariupol rettet meiner Ansicht nach nicht nur Odessa, sondern die gesamte Ukraine", sagte Hennadij Truchanow nach Angaben der Agentur Unian. "Denn diese Selbstlosigkeit, die unsere MilitĂ€rs in Mariupol zeigen, das ist ein wahres Beispiel von Heldentum."

Was bringt der Tag?

Wenige Stunden nach dem Ende der G7-Beratungen an der Ostsee beginnt in Berlin ein Treffen der Nato-Außenminister. Im Mittelpunkt dĂŒrfte dabei erneut der russische Krieg in der Ukraine sowie die Frage einer raschen Nato-Mitgliedschaft von Finnland und Schweden stehen.

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Annalena Baerbock spricht mit ihren Außenminister-Kollegen beim G7-Treffen: Die GrĂŒnen-Politikerin fordert Druck auf Putin auf allen KanĂ€len.


In Finnland will am Samstag die sozialdemokratische Regierungspartei verkĂŒnden, wie sie zu einem möglichen Nato-Beitritt steht. Nach der Positionierung von MinisterprĂ€sidentin Sanna Marin und PrĂ€sident Sauli Niinistö fĂŒr eine Nato-Mitgliedschaft dĂŒrften die Sozialdemokraten vermutlich ebenfalls fĂŒr einen Beitritt sein. Dann gĂ€be es im Parlament eine deutliche Mehrheit fĂŒr den Weg in die Nato.

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