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"Macht keine Helden aus Deserteuren"

Von dpa
Aktualisiert am 21.05.2022Lesedauer: 4 Min.
Mariupol: Erschöpft sehen die letzten KÀmpfer aus dem Asowstahlwerk aus, als russische Soldaten sie durchsuchen. (Quelle: t-online)
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Mit Mariupol ist die grĂ¶ĂŸte Bastion des ukrainischen Widerstands im Osten des Landes gefallen. Auch die letzten KĂ€mpfer haben sich ergeben. In der Ukraine werden sie gefeiert – in Russland als angebliche Nazis vorgefĂŒhrt.

Wie SiegestrophĂ€en fĂŒhrt das russische Verteidigungsministerium in einem Video die gefangenen letzten ukrainischen Verteidiger von Mariupol vor. Vor der Kulisse des Stahlwerks Asowstal stehen die MĂ€nner mit BĂ€rten in Reih und Glied. Ihre Gesichter sind ausgebleicht nach Wochen ohne Sonne in den Bunkeranlagen der Industriezone. Das Staatsfernsehen in Moskau schwĂ€rmt von einer "beispiellosen Operation" – zur "Befreiung" des Stahlwerks und der kompletten Übernahme der strategisch wichtigen Hafenstadt.


Die letzten KĂ€mpfer im Asow-Stahlwerk

Mariupol ist von russischen Truppen besetzt. Die letzte Bastion des Widerstands: das Asow-Stahlwerk. WĂ€hrend Zivilisten bereits evakuiert werden konnten, harren in dem unterirdischen Labyrinth aus Kellern, GĂ€ngen und WerkstĂ€tten noch immer ukrainische KĂ€mpfer aus – teils schwer verwundet. Seit Anfang der Woche verließen immer mehr KĂ€mpfer das Werk.
Immer wieder beschießt die russische Armee das Stahlwerk. Seit mehr als zwei Monaten sitzen dort KĂ€mpfer des ukrainischen Azow-Battalions fest.
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Auch im ukrainischen Internet kursieren die russischen Aufnahmen von den MĂ€nnern und Frauen. Die Freude ĂŒber ihre Rettung ĂŒberwiegt bei der Trauer ĂŒber die Niederlage. Der Verlust der weitgehend zerstörten Stadt ist der schwerste Verlust bisher fĂŒr die Ukraine in dem Krieg, den Kremlchef Wladimir Putin am 24. Februar begonnen hat.

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Angehörige flehten um die Rettung ihrer Liebsten

Die Stadt mit einst fast 500.000 Einwohnern gilt seit Wochen weltweit als Symbol des ukrainischen Widerstandes gegen Russland. Das ist nun vorbei – auch, weil aus Sicht des ukrainischen PrĂ€sidenten Wolodymyr Selenskyj der Westen nicht frĂŒher schwere Waffen geliefert hat.

Eltern und Ehepartner haben seit Tagen um die Rettung der letzten Verteidiger von Mariupol gebeten. Das Flehen der Ehefrauen und MĂŒtter bei Pressekonferenzen, die Demonstrationen in vielen LĂ€ndern sind im Internet allgegenwĂ€rtig. Am Freitagabend dann teilt Moskau mit, alle hĂ€tten sich ergeben, wĂŒrden versorgt. Fast 2.500 Verteidiger von Mariupol sollen in Gefangenschaft sein. Ihr Schicksal bleibt ungewiss.

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KĂ€mpfer aus dem Stahlwerk in Russland als "Nazis" gebrandmarkt

Putin hat zugesichert, sie blieben am Leben, wenn sie sich ergeben. Selenskyj setzt deshalb nun fest auf einen Gefangenenaustausch, wie es ihn in der Vergangenheit immer wieder einmal gegeben hat. Aber viele russische Politiker sind dagegen, fordern Prozesse zur Verurteilung der "Nazi-Verbrecher".

Die russischen Medien nutzen den Moment, als die letzten MĂ€nner und Frauen das Werk verlassen, um sie erneut als "Neonazis" zu brandmarken. Sie mĂŒssen sich vor Kameras ausziehen, TĂ€towierungen sind zu sehen, Totenköpfe, Keltenkreuze und ein Hakenkreuz sowie immer wieder eine "schwarze Sonne", angeblich das Erkennungssymbol der Nationalisten. Im Falle einer Anklage wegen Kriegsverbrechen droht den Gefangenen in dem von prorussischen Separatisten kontrollierten Donezker Gebiet, wo Mariupol liegt, die Todesstrafe.

Ein APC der Miliz der sogenannten Volksrepublik Donezk begleitet Busse mit ukrainischen Soldaten zur Strafkolonie in Oljoniwka, nachdem sie das belagerte Stahlwerk Azovstal in Mariupol verlassen haben.
Ein APC der Miliz der sogenannten Volksrepublik Donezk begleitet Busse mit ukrainischen Soldaten zur Strafkolonie in Oljoniwka, nachdem sie das belagerte Stahlwerk Azovstal in Mariupol verlassen haben. (Quelle: Uncredited/AP/dpa./dpa)

Mariupol hat fĂŒr das von Neonazis und Nationalisten gegrĂŒndete und bis heute von ihnen dominierte Nationalgarde-Regiment "Asow" eine große symbolische Bedeutung. Dem GrĂŒndungsmythos der Einheit nach befreite die Anfang Mai 2014 von Freiwilligen gegrĂŒndete Einheit knapp einen Monat spĂ€ter die damals von Separatisten kontrollierte Hafenstadt. "Asow" hatte zuvor bereits seine Basis bei der benachbarten Hafenstadt Berdjansk verloren.

Zugang zu den Weltmeeren fĂŒr die Separatisten

Die Großstadt ist aber auch der letzte Punkt an der KĂŒste des Asowschen Meeres, der nun komplett von den russischen KrĂ€ften kontrolliert wird. Damit können die von Russland anerkannten Separatisten-Republiken Luhansk und Donzek eigenstĂ€ndig bleiben. Sie haben den Zugang zu den Weltmeeren – und können ĂŒber den gut ausgebauten grĂ¶ĂŸten Hafen der Region ihre Produktion unabhĂ€ngig von russischen Landrouten auf dem kostengĂŒnstigen Wasserweg exportieren.

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs hat der "Feind" bereits mit der RĂ€umung von Minen begonnen, um den Hafen wieder funktionstĂŒchtig zu machen. Die MilitĂ€rfĂŒhrung in Kiew geht davon aus, dass die prorussischen KrĂ€fte mit Hilfe Moskaus nun ihren Vormarsch in den Gebieten Luhansk und Donezk verstĂ€rken, um den gesamten Donbass komplett der ukrainischen Kontrolle zu entreißen. Es geht ihnen dort auch um eine feste Landverbindung zu der von Russland 2014 annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim.

Der beharrliche Widerstand in Mariupol gegen Moskaus Invasion hat lange dafĂŒr gesorgt, dass nach ukrainischen Angaben eine russische Gruppierung von bis zu 20.000 Soldaten mit schwerer Technik gebunden wurde. Diese russischen Soldaten könnten fĂŒr die stockende Offensive in Richtung Slowjansk oder auch den sich abzeichnenden Kessel bei Sjewjerodonezk nun das entscheidende Übergewicht bringen.

"Macht keine Helden aus Deserteuren"

In Kiew will indes niemand von einer Niederlage sprechen. "Die ukrainischen Verteidiger von Azovstal, Helden, nicht zu brechen. Danke!", meint etwa Vizeaußenministerin Emine Dschaparowa am Kapitulationstag. Dabei hat sich der Asow-Kommandeur Denys Prokopenko lange gewehrt gegen das Aufgeben. "Macht keine Helden aus Deserteuren und KĂ€mpfern, die sich freiwillig in Gefangenschaft begeben haben", sagt der 30-JĂ€hrige kĂŒrzlich in einem seiner Videos.

Immer wieder haben die Offiziere öffentlich kritisiert, die ukrainische FĂŒhrung tue zu wenig, um Mariupol zu befreien. Staatsoberhaupt Selenskyj hingegen beteuert am Samstag in einem Fernsehinterview zum dritten Jahrestag seiner AmtseinfĂŒhrung im Beisein seiner Frau Olena, alles getan zu haben. Er habe mit der TĂŒrkei, der Schweiz, Israel, Frankreich gesprochen, die einen Draht zur russischen FĂŒhrung hĂ€tten, "unseren MilitĂ€rs entsprechende Waffen zu geben, damit wir auf militĂ€rischem Wege bis Mariupol gelangen, um diese Leute freizukĂ€mpfen". Gebracht hat es wenig.

Das weitere Geschehen hÀnge nun von Vereinten Nationen, vom Roten Kreuz und von Russland ab, betont Selenskyj. Einen Gefangenaustausch solle es geben. "Wir werden sie nach Hause holen."

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