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Israel | Experte zum Angriff der Hamas: Deshalb hat der "Iron Dome" versagt


Experte über Hamas-Angriff
Deshalb hat der "Iron Dome" versagt

InterviewVon Philipp Michaelis

Aktualisiert am 08.10.2023Lesedauer: 3 Min.
Interview
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Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

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ISRAEL-PALESTINIANS/Vergrößern des Bildes
Das Raketenabwehrsystem "Iron Dome" im Einsatz über Aschkelon. (Quelle: AMIR COHEN)

Mit Luftangriffen auf den Gazastreifen hat Israel auf den brutalen Angriff der Hamas mit Hunderten Todesopfern reagiert. Wohl nur ein erster Schritt – alle Optionen liegen auf dem Tisch.

Es sind eindringliche Worte, mit denen sich Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu an die Zivilbevölkerung im Gazastreifen gewandt hat – und mit denen er zugleich die Antwort auf den Angriff der islamistischen Terrororganisation Hamas ankündigte:

"Ich sage den Bewohnern von Gaza: Gehen Sie von dort jetzt weg, denn wir werden überall mit all unserer Kraft tätig sein." Welche Taten auf diese zwei Sätze folgen dürften, wie es weitergehen könnte, erklärt im t-online-Interview der Militärexperte Guido Schmidtke.

t-online: Herr Schmidtke, in der Nacht hat Israel eine erste militärische Antwort auf den massiven Terrorakt der Hamas gegeben. Wie läuft sie bislang aus Ihrer Sicht ab?

Guido Schmidtke: Die israelische Luftwaffe ist gerade dabei, wichtige Kommandozentralen und Regierungseinrichtungen der Hamas mit präzisen Angriffen aus der Luft zu zerstören. Zur gleichen Zeit werden Spezialeinheiten der Armee in Israel selbst versuchen, Geiseln zu befreien, die sich dort noch in den Händen der Hamas-Terroristen befinden. Die Stromversorgung wurde sofort gekappt – der nächste Schritt der Armee, die alle Reservisten mobilisiert hat: Den Gazastreifen und das Westjordanland komplett abzuriegeln und von jeder Versorgung abzuschneiden, von der mit Treibstoff beispielsweise.

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Welche Rolle spielt der "Iron Dome", nach dessen Vorbild ja auch Deutschland in Zukunft seine Luftabwehr aufbauen will?

Der "Iron Dome", die "Eisenkuppel" oder auch "David's Sling", also Davids Schleuder, ist ein System sehr effektiver Flugabwehrsysteme, die aus kurzer bis mittlerer Entfernung anfliegende Artillerieraketen, Mörsergranaten und Mittelstreckenraketen schnell aufklären und abfangen können. Das ist ein sehr mächtiges System.

Aber?

Auch seine Kapazität ist endlich. Und bei der Anzahl von Geschossen, die die Hamas zeitgleich auf Israel abgefeuert hat, kann er nicht jedes Geschoss zerstören. Eine Flugabwehr-Batterie des Iron Dome kann bis zu sechs Raketen gleichzeitig bekämpfen. Um den Gazastreifen sind vermutlich nicht mehr als vier bis sechs solcher Batterien stationiert, die jeweils ein Gebiet von 150 Quadratkilometern schützen sollen.

Welche Waffensysteme setzt Israel nun offensiv ein und warum?

Im Moment vor allem Kampfflugzeuge, Kampfhubschrauber und bewaffnete Drohnen, die aus der Luft mit sogenannten Smartbombs, also GPS- oder lasergelenkten Präzisionsbomben, aber auch Lenkflugkörpern vom Typ "Hellfire" militärische Ziele im Gazastreifen zerstören. Parallel bereiten sich vermutlich auch schon israelische Spezialeinheiten auf Kommandoaktionen im Gazastreifen und Westjordanland vor oder führen diese vielleicht schon durch.

Und dann?

Zuerst wird das israelische Militär wohl mit Angriffen aus der Luft den Einsatz gegen die Terrororganisation fortsetzen. Das verringert die Gefahr für die israelischen Soldatinnen und Soldaten. Rund um den Gazastreifen und das Westjordanland wird Israel zudem alles aufbieten, was man aktuell an schweren Waffen wie Panzereinheiten und schlagkräftigen Bodentruppen zur Verfügung hat.

Guido Schmidtke, Militärexperte
Guido Schmidtke, Militärexperte (Quelle: privat-bilder)

Guido Schmidtke

Der Militärexperte, Jahrgang 1966, liefert seit Jahren Einschätzungen zu Entwicklungen in Kriegs- und Krisengebieten und produziert Militärdokumentationen für viele Fernsehsender. Er war als TV-Reporter in fast allen Konfliktregionen der Welt unterwegs, unter anderem als "Embedded Journalist" mit der US-Armee im Irakkrieg.

Die immense Brutalität des Hamas-Angriffs und die Tatsache, dass Israels Armee und der Geheimdienst offensichtlich auf dem falschen Fuß erwischt wurden, setzt Netanjahu stark unter Druck, sodass diese Luftschläge möglicherweise nur ein erster Schritt sind. Welche Optionen hat er noch?

Auch im Norden zum Libanon gibt es bereits Meldungen über Angriffe der radikalen Hisbollah-Milizen auf Israel. Dort antwortet die israelische Armee mit Artilleriebeschuss auf vermutete Hisbollah-Stellungen. Wir dürfen zudem nicht außer Acht lassen, wie die israelische Regierung die offenkundige Unterstützung der Hamas durch den Iran einstuft. Bei militärischen Auseinandersetzungen ist der Blick in die Glaskugel schwer, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass Israel auch Ziele im Iran ins Visier nimmt. Das könnte im schlimmsten Fall zu einem militärischen Flächenbrand im gesamten Nahen Osten führen. Ich denke, die USA, die Israel ja ihre komplette Unterstützung in allen Bereichen zugesagt haben, werden alles unternehmen, um ein solches Szenario zu verhindern oder zumindest einzudämmen.

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An der Grenze zum Gazastreifen werden offenbar Panzer zusammengezogen. Die Bewegungen deuten auf eine mögliche Bodenoffensive hin: Wie würde die aussehen?

Wenn sich die israelische Armee zu einer Bodenoffensive entschließt, wird sie diese vermutlich nicht überstürzt durchführen. Die Hamas wird den Gazastreifen für dieses Szenario vorbereitet haben, mit Tunnelsystemen, ausgebauten Kellern, Hinterhalten und so weiter. MOUT-Einsätze, Military Operations in Urban Terrain, also der Häuserkampf in dicht besiedelten Wohngebieten gelten militärisch als größte Herausforderung für jede Armee – auch die kampferprobten israelischen Streitkräfte. Solche Einsätze sind immer extrem blutig und verlustreich, weil man von allen Seiten aus unter Feuer genommen werden kann und überall Sprengfallen lauern. Außerdem kämpft man inmitten der Zivilbevölkerung, und das Mann gegen Mann.

Herr Schmidtke, vielen Dank für dieses Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Guido Schmidtke (08.10.2023)
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